9 Isa
Es gibt den besonderen Tag, da weiß man lange im Voraus, es wird etwas Wichtiges, ein das Leben für immer verändernder Aspekt passieren. Eine Prüfung, wenn man sie besteht, ein Geburtstag oder ein lang gehegter Wunsch, der endlich in Erfüllung geht, wie auch immer. Es gibt auch diesen besonderen Tag, von dem man nicht im Voraus weiß: Es wird sich alles verändern. An dem man ganz normal am Morgen seinen Kaffee trinkt.
Nach meinem Kaffee bin ich mit viel Kleingeld in der Tasche zur Telefonzelle, um meine Mutter anzurufen, sie zu fragen, was mit dem Ölbild vom Urgroßvater sei. Ans Telefon kommt mein Vater. Ja, das Bild sei da, es gehöre Ina, aber sie hätte sich 25 Jahre lang nicht gekümmert oder danach gefragt und es jetzt über die Grenze zu bringen, sei unmöglich. Er fragt, ob Ina sich zu der Angelegenheit mit ihrer Schwester geäußert hätte.
„Keine Ahnung, sie hat nichts über Mutter gesagt, nur erzählt von Eurem Dackel in Jena, und als sie nach dem Westen ging, hätte sie alles zurücklassen müssen.“
„Dann ist gut. Ich erzähle es mal, wenn wir uns sehen. Da Ihr nicht nach Eisenach kommen könnt: Wie wäre es, wenn wir uns wieder in Karlsbad treffen?“
„Das machen wir. Dann viele Grüße!“
Männer reden nicht viel am Telefon …
Karlsbad! Und diesmal bin ich der Westbesuch.
Ich fühle mich erschöpft. Es ist jeden Tag etwas zu tun, aber es ist nicht das, von dem ich geträumt habe, es würde beginnen. Meine Träume waren bzw. sind nebulös. Ich weiß, was ich nicht will, und das Haupthindernis auf dem Weg zu meinen Träumen ist überwunden, aber was nun?
Wann habe ich denn angefangen, mein Leben selbst zu lenken? Mir fallen nur die Beispiele ein, bei denen ich mich habe lenken lassen. Die Entscheidung, auf den Bruder zu warten und in den Knast zu gehen, das waren meine selbst getroffenen Entscheidungen. Wie mir das gerade noch einmal bewußt wird, freue ich mich sehr darüber. Ich überlege: Was wollte ich, als ich ein kleiner Junge war?
Ich sehe mich in meinem Zimmer im Pfarrhaus am Ehrensteig, hatte mir am Fenster ein breites Podest gebaut, darauf meinen Schreibtisch gestellt, sodaß ich am Schreibtisch sitzend hinaus auf die Michelskuppe schauen konnte. Ich hatte die Schreibmaschine, die Großvater zurücklassen mußte, als er nach dem Westen ging, geerbt. Auf sie war ich sehr stolz, sie war mein riesiger Schatz, auf ihr wollte ich schreiben … Hatte auch oft daran gesessen, ein Blatt eingespannt und - und auf die Michelskuppe gestarrt.
Mein großer Traum – ein großes Ziel. Das will ich wieder versuchen!
Die Literatur ist unter den Künsten das, was die Orgel unter den Musikinstrumenten. Wie der Organist durch Veränderung seiner Register Instrumente und Klang auswählen kann, so kann der Autor dem Leser nicht nur Informationen übermitteln, sondern Bilder malen, Musik erklingen, Gerüche verbreiten und ganz andere Welten entstehen lassen. Er hat sogar Einfluß auf dessen Denken, weil er durch Auswahl seiner Wörter und den Rhythmus seiner Sätze, beim Leser gezielt Assoziationsketten auslösen kann.
Daheim liegen an uns Briefe von der Krankenkasse. Die Kuren wurden genehmigt, jeder für drei Wochen in einem Kurheim in Füssen. Meine Kur ist im Dezember, Maximilians ist im Januar.
„Und noch eine gute Nachricht …“
sagt Maximilian.
„… die Wohnung unter uns wird frei, ich kann sie haben.“
Nachmittags gehe ich Lebensmittel einkaufen, das hat sich in der letzten Zeit so eingespielt. Ich stelle alles in die Küche und Maximilian kocht. Als ich zu oft Kotelett beim Metzger an der Ecke und eine Packung Kartoffelpüree plus eine Dose Erbsen gekauft hatte (Kartoffelpüree aus der Tüte, aus dem Westen, war für mich eine kulinarische Leckerei), hat er geschimpft. Jetzt kaufe ich statt Püree aus der Tüte echte Kartoffeln.
Später gehe ich in Richtung Innenstadt, um in Ruhe eine neue Levi's zu kaufen. Es gibt einen Laden, da gibt es nur Jeans. Ich suche nicht lange und nehme die klassische – ich muß eigentlich nicht anprobieren, immer habe ich als Größe eine 34/34. Ein irre gutes Gefühl. Meine erste selbst gekaufte Jeans. Es gibt für einen kleinen Aufpreis noch ein weißes T-Shirt dazu. Beides ziehe ich gleich an, das ist wie eine neue Haut, wirkt bärenstark. Es ist zwar schon Herbst, doch hier in Franken ist es nicht wie in Thüringen: deutlich milder, viel wärmer und angenehmer. Ich möchte ausgehen, noch nicht heim. Abends gehe ich gern in die Freiburg, aber es ist zu früh, so früh ist da noch niemand, deshalb gehe ich schräg gegenüber ins „Weiße Rößl“. Hier war ich noch nicht. Drei Stufen, eine dunkle, fast schwarze Holztür. Innen ein schmaler langer Tisch, darauf viele unterschiedliche Flugblätter. Werbezettel für Theater, Kino, Veranstaltungen. Die Wände weiß, daran ein paar Plakate, der Sockel holzverkleidet, Holzfußboden, auch Holztische, darauf je eine Kerze, einfache Stühle, ein langgezogener Tresen, der in einem Bogen bis zur Wand reicht. Dort stehen ein paar Barhocker. Eine angenehme Atmosphäre. Ich höre Beatles-Songs. Ist das hier die Kneipe für Beatles-Fans und gegenüber sind die Stones? Ich hatte noch in Erinnerung, man war entweder für die Beatles oder für die Rolling Stones. Ich war immer für die Beatles. Auch in Eisenach zu meiner Schulzeit war es wichtig: Wollte man (außerhalb der Schule) mitreden, mußte man im Westfernsehen den Beat-Club gesehen haben. Es sind wenig Gäste da. Auf einem der Barhocker sitzt, leicht an ihrem lockigen Wuschelkopf zu erkennen, ganz allein Adele. Sie hat ein Glas Rotwein vor sich und liest in einer Zeitung. Ich habe sie noch nie in einem Rock gesehen. Auch jetzt trägt sie Jeans, einen leichten Pullover und einfache braune Schuhe ohne Absatz. Ich gehe auf sie zu.
„Darf ich mich zu Dir setzen?“
„Na klar, komm her. Du trägst kein Hemd mehr. Bist Du jetzt auch auf T-Shirts umgestiegen?“
„Das habe ich mir heute zusammen mit der Jeans gekauft.“
„Friedolin hat gesagt, Ihr seid gestern bei Eurer Tante in Murnau gewesen. Wie war es denn?“
Ich bestelle mir ein Helles und erzähle, wie es in dem Reihenhaus aussah, wie wir in die Berge gefahren sind, von Garmisch und den bemalten Häusern, der faszinierenden Bergidylle.
Dann bekomme ich mein Helles.
Der erste Schluck ist immer der beste.
Das Bier ist einfach köstlich.
Die Tür steht offen – eine kühle Abendluft kommt herein. Adele ist mir ganz zugewandt. Ich erzähle weiter, wie kalt die Stimmung in Murnau war, obwohl wir doch Familie sind, und auch:
„Meine Tante hat sich eigentlich nur nach einem teuren Ölgemälde erkundigt. Sie haben uns beim Abschied zwanzig Mark als Benzingeld zugesteckt.“
„Nein, die sind nicht kalt. Mein Vater ist Arzt, er kennt das. Er hat gesagt, die, die aus dem Krieg zurückgekommen sind, haben alle einen Knacks abbekommen und die, die ausgebombt wurden, auch. Die Kriegsgeneration hat keine Wärme, die ist kalt geworden, sonst hätten sie nicht überlebt. Das, was man sieht, ist kein Geiz, sondern Angst vor dem erneuten ‚Nichts haben‘.“
„Ja, stimmt, ich kann mich daran erinnern, meine Großmutter in Kassel hat jeden Bindfaden wieder aufgeknotet, aufgerollt und jedes Einweckgummi gesammelt. Ich kann mich nicht daran erinnern, meine Eltern hätten mich warm in den Arm genommen. Es war immer eine große Distanz. Sogar als ich mich verabschiedet habe, um zu fliehen, wo doch feststand, ich muß wahrscheinlich lange ins Gefängnis, gab es nur eine hilflose Umarmung, die eher ein Schulterklopfen war. Meine Mutter, früher ja, als ich noch kleiner war, dann war es zu doll und tat weh.“

Weiter hinten im Raum, an einem der Seitentische, sitzt in Gedanken versunken eine zierliche, schlanke junge Frau. Sie hat vor sich einen Notizblock liegen und daneben ein Glas Wein. Ihr dunkelblondes, leicht gelocktes, halblanges Haar, fällt seitlich ein wenig über ihr Gesicht. Zu ihrer Jeans trägt sie ein weißes, ihr viel zu großes Herrenhemd.
Mit Adele spreche ich nun übers Flirten. Ich bin doch erst sehr kurz in Freiheit, war trotzdem schon auf vielen Feten, mal mitgenommen oder mal eingeladen, hatte viele Erfolge und kam oft erst morgens heim. Ich weiß nicht, warum mich der Hafer sticht, warum ich jetzt ausgerechnet vor Adele so daher prahlen muß. Wohl um mir selber Mut zu machen, behaupte ich: „Ich habe diese gewisse Siegessicherheit. Mit dieser Ausstrahlung könnte ich jede Frau verführen.“
Adele lacht.
Vielleicht bemerkt sie: Ich kann diese junge Frau, da hinten am Tisch, nicht mehr aus den Augen lassen, muß sie ständig im Augenwinkel behalten.
Ich habe mir schon öfter Gedanken gemacht, wie die Anziehung zwischen Mann und Frau funktioniert. Wie und weshalb fühle ich mich zu jemandem hingezogen, wann ist es mehr als Begehren, wann bin ich verliebt und wann ist es Liebe? Ich denke, es gibt unheimlich viele Aspekte. Möchte ich wissen, warum es jetzt so funktioniert, muß ich überlegen: Wo kommt es her, was hatte es für eine Funktion? Vielleicht ist es übertrieben, bis zur Amöbe zurückzuschauen, aber es ist wichtig, zu verstehen, was es bei unseren Vorfahren in der Savanne für einen Sinn ergeben hat. Suchen Frauen erst den möglichen Beschützer, sehen Männer erst die körperliche Schönheit?

Mein Spruch von eben kommt mir auf einmal sehr mutig vor.
Adele gegenüber tue ich so, als ob es völliger Zufall ist, weshalb meine Wahl jetzt auf die junge Frau fällt. Ich fühle, diese Strategie wähle ich nur, um mir selber Mut zu machen und um mich unter Zugzwang zu setzen.
Sie ist Adeles Freundin, das hatte sie damals gesagt, als sie kurz zur Tür hereingeschaut hatte. Damals hatte ich auch nur sehr kurz das Gesicht wahrgenommen.
Ich bin mir meiner unverschämten Plumpheit bewußt. Etwas in mir drängt mich, es doch zu tun.
Ich fordere Adele auf, damit ich meine Prahlerei beweisen kann, zu ihr hinzugehen und sie zu bitten, diese Nacht mit mir zu verbringen.
Adele lächelt amüsiert, steht auf, geht zu ihrem Tisch hinüber; sie reden miteinander und schauen dabei nur kurz zu mir her.
Dann kommt sie zurück und bringt mir die Antwort:
„Sie sagte nicht nein!!!!“
Damit hätte ich nie gerechnet, so einfach, ohne vorher irgendeine Begegnung, ein Reden, nur dieses verschämte Anschauen?
Mir wird ob meiner Prahlerei und meines Mutes mulmig.
Aber neben dem Mulmigen macht sich eine tiefe Freude breit und ich traue mich, offen und direkt, zu ihr hinzusehen.
Sie steht auf, legt etwas Geld neben ihr Glas, geht auf uns zu, blickt mich direkt an und sagt:
„Na dann, bis gleich“, und geht.
Adele grinst und gibt mir die Adresse und den Namen. Sie heißt Isa.

Ich nehme noch einen Schluck, dann lasse ich mein Bier stehen, lege auch Geld auf den Tresen und mache mich auf, will heim, um dann zu ihr zu gehen.
So beginnt unsere erste, eine entscheidende und überaus zärtliche Nacht.
Eine Stunde später klingele ich an ihrer Wohnungstür. Viele Namen stehen auf dem kleinen Klingelschild – typisch Wohngemeinschaft.
Erst auf mein zweites Klingeln hin höre ich, wie jemand barfuß einen Gang entlangkommt. Sie öffnet, hat ein weißes, bodenlanges Nachthemd an und wirkt darin sehr zerbrechlich.
Schweigend gehen wir hintereinander den langen Gang entlang. An den Wänden pinnen Theaterplakate, zwei Holzregale sind mit Büchern vollgestopft.

Betreten stehen wir uns gegenüber. Es ist halbdunkel, nur zwei Kerzen brennen. Ich sehe ihre Augen blitzen. Langsam streife ich ihr, erstaunt über meine eigene Courage, das Nachthemd über den Kopf.
Nackt steht sie vor mir.
Nie hatte ich etwas Schöneres gesehen. Zarte Gestalt, braune, mittellange Haare. Die Gesichtszüge fest. Feine Hände, ein vollendet schlanker Körper und diese wahnsinnigen Brüste: zart, fest und diese kleinen hellen Brustwarzen lächeln mir direkt zu.
Ich ziehe mich aus, wir legen uns nebeneinander auf ihr Bett. Noch reglos und still schauen wir uns lange in die Augen – Nase an Nase.
Ich nehme sie vorsichtig in meine Arme. Wieder liegen wir nur still aneinander.
Kein Wort ist gefallen. Sie schmiegt sich an mich. Ihre Haare liegen an meinem Gesicht, der aufsteigende Duft macht mich hilflos.
Ich bin gefangen.
Fast berührungslos streichele ich sie. Sie bewegt sich nicht, liegt halb auf dem Bauch. Ich fahre ihren Rücken entlang abwärts über den Po. Ihre Augen sind geschlossen. Keine Erregung ist an ihrem Atem zu spüren.
Ich knie mich neben sie, um auch ihre Beine und Füße zu erreichen.
Wieder und wieder gleiten meine Hände über ihren Rücken, Beine und Waden zu den Füßen, bis sie sich unter meinen Händen entspannt.
Langsam dreht sie sich halb auf den Rücken. Um sie ganz zu riechen und zu schmecken, küsse ich sie über und über von Kopf bis zu den Füßen.
Unsere Gerüche versetzen uns in einen Taumel, in den Urtaumel unserer Instinkte. Im animalischen Rausch vergraben wir uns ineinander.
Wegen unseres deutlichen Größenunterschieds können wir in der Löffelstellung umso inniger aneinanderliegen.
Sie nimmt meinen Arm als Kopfkissen und drückt ihren Rücken an meinen Bauch. Ich umfasse sie mit meinem anderen Arm und meine Hand findet Halt auf ihrer Brust.

Am Morgen, möchte ich mich auf den Heimweg machen, stehe in der Küche.
„Warte, geh’ noch nicht, ich muß Dich noch einmal in die Arme nehmen.“ Barfuß steht sie vor mir, ich lege meine Arme um sie und sie ihre um mich. Barfuß reicht sie mir gerade bis unter die Achseln.
Wir haben kein neues Treffen verabredet, weil wir, ohne reden zu müssen, wissen: Wir gehören zusammen, wir haben uns gefunden. Nein! Es gibt keinen Zweifel, es ist sicher, wir haben uns gefunden.
Auf dem Heimweg bin ich voller Musik. Meine Freude steigert sich, wie in der Egmont-Ouvertüre, wenn erst die Violinen und Flöten das Thema vorantreiben und dann das ganze Orchester das Thema in einem Jubelrausch übernimmt. Am Zollhausplatz setze ich mich in der Bushaltestelle auf die Bank. Ich muß mich sammeln, die Gefühle sind viel mächtiger als all meine bisher erlebten Verliebtheiten und Schwärmereien.
Ich hole noch frische Semmeln und freue mich aufs Frühstück.
Zurück in der Luitpoldstraße erwartet mich ein Donnerwetter.
Zu oft bin ich erst morgens heimgekommen. Meine Brüder erwarten mich und werfen mir vor, ich hätte in ihrem Freundeskreis keine ausgelassen! Das sei schon schrecklich, wie ich mich durchvögeln würde. Das heute Nacht sei jetzt aber einen Schritt zu weit. Ich hätte jetzt auch Isa verführt. Alle ja, aber Isa, das hätte ich nicht machen dürfen. Friedolin erklärt, er kenne Isa schon lange, sie sei ihm eine schwesterliche Freundin, sie stünde unter seinem Schutz.
Meine Erklärung, mit Isa, das sei etwas ganz, ganz Besonderes, mit ihr sei alles anders und ich sei kein Don Giovanni, kein Casanova und kein Hallodri …
Mein: „… ich habe auch Semmeln mitgebracht, ich mache mal Spiegeleier.“
Konnte den Frieden noch nicht ganz wiederherstellen.

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