10 Urtaumel
Dieser nächtliche Rausch, dieser Urtaumel der Hormone, diese unbegreifliche Faszination. Was ist in dieser Nacht mit mir passiert? Wie entsteht das, wie entsteht Verlieben? Wenn ich es hinterfragen möchte, weil ich unsicher bin, worauf kann ich mich verlassen? Sind Entscheidungen, die meine Hormone für mich treffen, Entscheidungen, denen ich vertrauen kann? Damals in der Stasi-Zelle habe ich verstanden: Meine Freiheit existiert in mir und ich, wenn ich das begriffen habe, bin freier als der Wächter vor meiner Zellentür. Wenn ich nun mich erkennen möchte, indem ich zu verstehen versuche, was meine Hormone mit mir tun und welchen Einfluß sie auf mich ausüben, dann behalte ich, da ich es weiß, meine Freiheit und habe so Macht über meine Hormone? Bleiben meine Entscheidungen frei? In meinem Kopf drehen sich die Gedanken – dunkle Grübelei: Meine Hormone haben Macht über mich, haben mich ausgerichtet, als ob man einen Magneten über einen Haufen Eisenspäne hält. Ich bin gefangen. Meine Freiheit besteht nur noch darin, mir bewußt zu sein: Ich bin gefangen. Vielleicht, so vermute ich, muß eine große Liebe auch durch ein großes Hormonfeuer entfacht werden! Sonst brennt und wärmt es nicht durchs ganze Leben. Denn wohin ich schaue, ich sehe fast nur gescheiterte Paare. Sie leben kalt, deren Liebe ist erloschen.
Wenn mich Hormone steuern und ich mir dessen nicht bewußt bin, dann verstehe ich bestimmte Mechanismen nicht oder interpretiere sie falsch. Das kann zu großen Mißverständnissen bei den Erwartungen und dies zu großen Konflikten führen. Ich muß herausfinden, wie sie mich steuern. Also muß ich suchen, woher sie kommen und warum sich diese Steuerung gebildet hat. Wo finde ich das? Es müßte im Archaischen zu finden sein. Dort irgendwo am Anfang muß sich daraus ein Vorteil entwickelt haben. Wir Menschen sind zu arrogant. Wir halten uns für etwas Besseres. Wir ziehen eine Grenze zwischen uns und den Tieren, dabei sind wir nur eine andere Spezies innerhalb der Tiere. Ich bin kein Forscher, der Verhaltensweisen sezieren und einordnen kann. Ich kann nur wachsam sein und skeptisch bleiben gegen mich selbst – das ist meine verbleibende Freiheit, mehr gibt es nicht.
Wir sehen uns nun täglich und verstehen uns ohne Worte, sagen auch nicht zueinander: „Ich liebe dich.“ Weil das so klar ist, müssen wir es nicht mehr aussprechen? Viel intimer, als miteinander im Bett zu sein, ist es, miteinander Hand in Hand zu laufen. Und wir laufen Hand in Hand. Das ist ein Gefühl, als ob es immer so gewesen ist, verbunden mit der Gewißheit, es wird immer so sein.
In dieser neuen Situation kommen mir Gedanken um meine Zukunft. Friedolins Professor, den alle nur mit seinem Vornamen Holger ansprechen, gab mir, als wir zusammen an der Bar saßen, bei seinem Besuch vor Jahren in Leipzig, das Versprechen, ich dürfe bei ihm studieren, auch ohne Abi, dürfe alles mitmachen, würde nur keinen Schein bekommen. Dieser Gedanke gefällt mir sehr gut.
Ein anderer Gedanke, noch mal auf die Abendschule zu gehen und hier im Westen das Abitur nachzuholen: Da sträubt sich alles in mir. Bitte keine Schulbank mehr. Ich will leben, erleben und nicht büffeln. Ich fühle mich um meine Jugend betrogen. Das schmerzt immer noch, wie eine offene Wunde. Als meine Altersgenossen mit Freundinnen im Park spazieren gingen, Feten feierten und sich ausprobieren konnten, war ich erst bei der Armee und dann im Knast. Voll Bitterkeit gegen mein Schicksal denke ich: „Ich wurde um vier Jahre meiner Jugend betrogen.“ Nein, ich will keine Schulbank mehr drücken. Eine dritte Idee, recherchiert durch meinen Vater: Ich könne in Kassel das Begabtenabitur ablegen. Er sah mich dazu in der Lage, mit ein wenig Vorbereitung, wie er sagte. Nein, das will ich auch nicht. Das ist etwas für Überflieger und ein solcher bin ich nicht. Mein Entschluß: Ich gehe in die Uni zu Holger und werde sein Angebot annehmen. Theaterwissenschaft ist nah an meinem Wunsch, zu schreiben, und vom Thema her voll auf meinen Interessen. Das paßt zu mir.
Entscheidungen bilden sich plötzlich aus dem Nichts. Ich bin überrascht, wie das auf einmal in mir entstanden ist. Mir ist dumpf bewußt: Ich habe mir bisher keine ernsthaften Gedanken um meine Zukunft gemacht! Alles ist gut, ohne Sorgen, ohne Planung, so einfach in den Tag hinein zu leben. Jetzt freue ich mich. Meine Entscheidung, mein Entschluß erzeugt ein hohes Gefühl von Glück in mir. Ich werde zur Uni gehen, als Gasthörer studieren.
Im Sekretariat der Theaterwissenschaft treffe ich auf Adele, sie jobbt hier. Ich wußte das nicht, aber ich freue mich, brauche deshalb nichts lange zu erklären, sie wußte von Friedolin, ich würde Holgers Angebot annehmen.
„Komm, ich zeige dir alles.“ Damit nimmt sie mich am Arm und zeigt mir die Seminarräume, den Hörsaal, die Cafeteria und gibt mir die Seminarpläne mit. Ich solle mir ein paar Seminare aussuchen, einfach kommen und mich dazusetzen.
In der Vorlesung und bei zwei Seminaren sitze ich neben Isa. Sie hat mir erzählt, sie sei schon lange in mich verliebt, seit sie bei Friedolin ein Bild von mir gesehen hatte, und Adele hat das gewußt, deshalb gelächelt, als ich mit meinem Vorschlag kam. Damals, als sie nur kurz zur Tür hereingeschaut hatte, war sie so perplex, als sie mich sitzen sah:
„Da bin ich lieber umgehend abgehauen.“
Alles zusammen erzeugt in mir ein Gefühl wie Schweben, so lebe ich von Tag zu Tag. Ich erinnere mich an eine Aussage meiner Mutter, die sie mir, als ich noch klein war, immer gesagt hatte: Ich sei in einer Glückshaube geboren worden. Da muß wohl, trotz der verlorenen Jugendjahre, etwas dran sein. Die Sicht auf die Dinge ändert sich. Vielleicht sage ich irgendwann, es war wichtig, so eine schwere Zeit erlebt zu haben.
Im Dezember fahre ich zur Kur nach Buching bei Füssen. Wandern, Essen, Gymnastik, Wandern, Essen, Gymnastik. Im Allgäu ist es wunderschön. Nur schlafen geht nicht. Ich laufe nachts am Gang auf und nieder. Unten die Haustür ist verschlossen, das bedrückt mich, mein Puls schlägt bis in den Hals – ich kann es schwer ertragen. In Erlangen ist mir das nicht aufgefallen, dort steckte immer der Schlüssel von außen, da war nie etwas verschlossen. Hier in der Kurklinik bin ich der einzige junge Mensch. Ich versuche, bei der Kurleitung Gehör zu finden, bitte darum, die Türen nicht zu verschließen. Gegen die Hausordnung komme ich nicht an. Sie haben kein Verständnis und halten mich für plemplem. Es ist eine Tortur und die Kur belastet mich mehr, als sie mich aufbaut. In der Mitte der Kur kommt mich Isa besuchen. Wir gehen ins Schloß Neuschwanstein und essen dort in dem sehr eleganten Lokal. Sie bringt mir viele Bücher mit. Ich solle, wenn nachts die Unruhe über mich kommt, lesen oder schreiben.
Zurück in Erlangen hat Maximilian die Wohnung im 1. Stock neu gestrichen und ist eingezogen. Es ist der dritte Advent, wir packen zusammen große Weihnachtspakete nach Eisenach. Die Uni macht mir großen Spaß. Ich lerne, griechische Tragödien zu zerlegen, was ein aristotelisches Drama ist, dramaturgische Bögen zu erkennen, mache eine eigene Seminararbeit über Commedia dell’arte und lasse mich vom Prof. Holger zur Mitarbeit an einem Stück an der Studiobühne der Uni drängen. Ich spiele einen Pfarrer, Holger führt Regie und meint, da ich Pfarrersohn sei, sei ich schon deshalb für die Rolle, einen Pfarrer zu spielen, gut geeignet. Wir bekommen im Erlanger Tageblatt eine vernichtende Kritik, die ausdrückt, es war schrecklich, aber das Allerschrecklichste war der Pfarrer, der wie ein Stock auf der Bühne stand. Es war eine Qual, auf der Bühne zu stehen.
Isa schläft fast immer bei mir. Wir erzählen uns von unseren Eltern, Geschwistern (sie ist die Älteste, hat zwei Brüder und eine Schwester), vom Denken, Fühlen und vom Schreiben. Mitte Januar fahren wir mit Friedolins VW-Käfer nach Buching, um Maximilian bei seiner Kur zu besuchen. Wir machen zusammen einen Ausflug und fahren mit dem Lift hoch auf eine Alm. Tiefer knirschender Schnee, unfaßbar bombastisch die wunderschöne Rundsicht, echt ein besonderes Erlebnis. Maximilian ist guter Dinge, freut sich über die vielen Wanderungen und das gute Essen. Ein Problem mit der verschlossenen Haustür hat er nicht.
Ein paar Tage später fahren wir mit Isas VW-Käfer, der etwas moderner, ein 1500er ist, zu ihren Eltern nach Westendorf. Ich bin der erste Freund, den sie so mit nach Hause bringt und ihren Eltern vorstellt. Auf der Fahrt erzählt sie mir von ihren Großeltern. Beide Familien waren seit Generationen Förster und hätten kurioserweise sogar vor dem Krieg die Reviere nebeneinander gehabt. Das eine auf schlesischer Seite in der Nähe von Breslau und das andere im Altvatergebirge in Böhmen. Sie erzählt weiter, die Linie ihres Vaters stammt vor ein paar Generationen irgendwo aus dem Osten, vielleicht vom Don, vielleicht aus der Ukraine. Sie sind mit jeder Generation etwas gen Westen gezogen. Der Familienname würde übersetzt Hauptmann bedeuten. Die Familie ihrer Mutter stammte direkt aus Schlesien. Trotz der unmittelbaren Nähe der beiden Forstreviere haben sich ihre Eltern erst nach der Flucht vor den Russen, in Magdeburg, kennengelernt. Von dort sind sie schnell weiter, über die noch offene grüne Grenze, raus aus der Ostzone, rüber nach Westdeutschland, nach Menden gezogen. „In Menden kam ich auf die Welt. Meine Eltern wohnten in einem kleinen Zimmer und mein Vater war in Rosenheim und studierte Holzwirtschaft.“ Isa lachte kurz auf: „Wie gesagt, der innere Drang, gen Westen zu ziehen.“ Kurz darauf zogen sie wieder weiter gen Westen, nach Westfalen in die Nähe von Soest. Dort hat mein Vater seine Firma für Möbelvertrieb aufgebaut.
Wir erreichen ihr Elternhaus. Es liegt oben am Berg, am Ende einer Sackgasse, direkt am Wald, in einem kleinen Dorf, das vor Jahren von einem größeren Dorf und dieses wiederum von der Stadt Warstein eingemeindet wurde. Es ist ein geräumiges Haus, in den Hang hineingebaut. Viel Holz, große Fenster, eine riesige Tanne vor dem Haus. Für die breite Doppelgarage war nicht genügend Platz, so hat man eine lange Garage gebaut. Die Autos stehen hintereinander.
Isas Mutter Ursula begrüßt uns. Sie ist eine schlanke, sportliche, mittelgroße, blonde Frau. Sehr herzlich werde ich gleich in den Arm genommen, als ob wir uns schon lange kennen und ich zur Familie gehören würde.
„Groß bist Du!“, begrüßt sie mich und öffnet die Türe vollständig. „Isa hat schon viel von Dir erzählt.“ Wir können fast nicht durch die Tür hinein, weil zwei Dackel wie die Wilden uns um die Füße wuseln und Isa begrüßen wollen. Dann zeigt mir Isa das geräumige Haus. Unten, direkt neben der Tür, mehr eine winzige Kammer, das Büro, dann eine schmale Küche, ein Eßzimmer, ein Kamin- und ein großes Wohnzimmer. Oben hat jedes Kind ein eigenes Zimmer und das große Elternschlafzimmer. Vom Eß- und vom Wohnzimmer führt jeweils eine Tür über eine schmale Terrasse in den Garten. Im Garten, mitten in der Wiese, ist ein Schwimmbecken. Ein kleiner Trampelpfad führt zu einer Gartenpforte und weiter direkt in den Wald. Einen solchen Wohlstand habe ich nicht erwartet.
Dann kommt auch Isas Vater heim. Es gibt Abendessen. Alle sitzen zusammen am großen Familientisch. Alles sehr laut, turbulent und herzlich. Ich bin aufgenommen, kein Fremder.
Abends sitzen wir im Wohnzimmer. Es gibt zwei große, mit dunkelbraunem Kordstoff bezogene, sehr bequeme Sofas und dazu zwei passende große Ohrensessel. Oskar ist, wie er voll Stolz sagt, passionierter Jäger und deshalb gibt es natürlich, welch Frage, die zwei Dackel. Die ältere, Biene, sei ursprünglich für die Jagd vorgesehen gewesen. Nur entwickelte sie sich von einem Rauhaardackel-Welpen zu einem schwarz-grauen Wischmopp, der wegen seiner langen wuscheligen Haare fürs Unterholz nicht geeignet war. Dazu kam der jüngere Dackel Zenzi (ich habe es nicht ganz verstanden, angeblich die Tochter). Sie war ein roter Langhaardackel. Beide sind sehr zutraulich. Auf dem Sofa sitzt man nie lange allein, schnell kommt einer der Dackel, springt mit hoch und will gekrault werden.
Über meinen Aufenthalt im Knast und das Drumherum wird nicht geredet. Ich studiere zusammen mit Isa. Das ist ausreichend und okay. Trotzdem nennt mich Isas Vater ständig „Flüchtling“. Das macht mich betroffen, denn von den hier Anwesenden, wenn man das überhaupt so sehen darf, war ich am wenigsten ein Flüchtling. Vielleicht war er auch nur überfordert, wenn da so ein langer Lulatsch kommt und seine Tochter vereinnahmt. Wir wechseln zum Kamin und Oskar holt eine Schnapsflasche. Ist das eine westfälische Begrüßung oder eine Aufnahmeprüfung? Ich muß einen Schnaps nach dem anderen trinken und ich vertrage nichts. Oskar sitzt redselig im Sessel. Er erzählt, seine Liebe zum Wald rühre von seinen Eltern und Großeltern her. Er wäre auch gerne Förster geworden. Jetzt versteh ich, warum er Lederbundhosen trägt, über dem Kamin ein großes Hirschgeweih aufgehängt ist und selbstverständlich ein Dackel zur Familie gehört.
Jetzt hat er den Vertrieb einer Bürener Möbelfirma und stattet Krankenhäuser, Schulen und vor allem Gaststätten aus. Er betont, durch sein burschikoses Äußeres, sein kameradschaftliches Auftreten, seine Lederhose und seinen einfachen, förstergrünen Golf würden die Kunden sich bei ihm wohlfühlen und ihm treu bleiben. Von den Provisionen hat er das Haus gebaut, in dem sie leben. Irgendwann kann ich nicht mehr zuhören, Isa ist schon vor einiger Zeit vorausgegangen, ich muß jetzt auch ins Bett, mir fallen die Augen zu, meine Zunge ist schwer. Dieser Abend war ein Härtetest, den ich nicht bestanden habe.
Wir schlafen in Isas Zimmer in ihrem schmalen Bett. Da wir sowieso immer sehr dicht beieinander schlafen, ist das Bett ausreichend breit.
Beim Einschlafen denke ich an meine Familie, meine Herkunft. Schaue ich auf meine Eltern und Großeltern zurück, dann sind wir dagegen sehr seßhaft. Wir stammen mütterlicherseits aus Sonneberg in Thüringen und väterlicherseits von einem über 400 Jahre in Familienbesitz befindlichen Erbhof an der Porta Westfalica. Wer ist wohl hier der Flüchtling?
Das Frühstück ist wieder turbulent und fröhlich. Ich versuche, einen Vergleich zu ziehen, wie es damals in Eisenach war, und kann mich nicht an solche entspannten Tag erinnern. Sowieso nicht an Sonntage, da war unser Vater schon früh unterwegs zur Kirche und wir mußten uns alle fertig machen für den Kirchgang.
Isa zeigt mir ein Photoalbum. Ich sehe Bilder von heiler Kindheit, Jugend, Tanzstunde und Abiturfeier. Dann zeigt sie mir die Urlaubsphotos aus Kanada. Dort haben sie ein großes Grundstück. Ihre Eltern träumten von einem Leben in einer Landschaft wie Skandinavien.
„Sie haben uns auch nordische Namen gegeben. Als mein Vater vor ein paar Jahren in einer Jägerzeitung eine Annonce von einem Stück Land in Kanada, Ontario, direkt am Ufer des Huronen-Sees, zu einem Preis von einem Viertel Cent pro Quadratmeter las, konnte er nicht widerstehen und hat ein Stück Land gekauft, so groß, da könnte man hier das halbe Dorf unterbringen. Darauf haben wir im Sommer erst im gemieteten Camper gewohnt und dann ein großes Blockhaus gebaut. Das hat mehrere Zimmer auf zwei Etagen und eine große Terrasse zum See hin.“
Da bin ich platt. Ein großes Haus mit Grundstück in unberührter Natur. Da hat er sich bestimmt aus Heimweh nach den Wäldern in Schlesien, im Altvatergebirge und nach dem Leben im Wald, in einem Forsthaus, zurückgesehnt.
Jetzt kommt Oskar dazu und erzählt noch mal von der Annonce in seiner Jägerzeitung und wie er sie zufällig entdeckte. „Später wollen wir ganz übersiedeln“, sagt er zum Abschluß und lächelt dabei.
Abends gehen wir mit Isas Brüdern hinunter in den Ort, in eine typische Dorfkneipe mit Kegelbahn. Die heißt nicht „bei Walter Risse“, sondern „bei Rissen Walter“. Das Verdrehen des Namens, indem man den Familiennamen zuerst nennt, kannte ich aber auch aus den Dörfern in Thüringen.
Am nächsten Morgen langes Ausschlafen, dann mittags sitzen alle am großen Tisch zum Sonntagsessen. Ach, einfach schön, so eine große Runde. Es tut so gut, ich habe das Gefühl, dazuzugehören, kann etwas nachholen, was mir bei meinen Eltern gefehlt hat. Familie! Isas Mutter steht an der Stirnseite des Tisches vor dem großen Panoramafenster und füllt der Reihe nach jedem das Essen auf den Teller. Es gibt Isa zu Ehren extra Isas Lieblingsessen: schlesisches Himmelreich. Das sind Hefeklöße mit einer Zwetschge drin und dazu Kraut und Kassler. Die tiefstehende Sonne leuchtet sie von hinten an. Ihre dünne weiße Bluse wird durchleuchtet, so ist überdeutlich zu sehen, sie trägt keinen BH und hat wunderschöne feste Brüste. Mir fällt der Spruch meiner Mutter ein: „Wenn du heiratest, schau dir die Schwiegermutter an, dann siehst du, was du bekommst.“ Darüber mußte ich plötzlich laut lachen, werde rot und weiß nicht mehr, wo ich hinschauen soll. Unterm Tisch nehme ich Isas Hand und drücke sie ganz fest. Zum Glück kann niemand meine Gedanken lesen. Nachmittags, Isas Mutter war schon unten im Ort am Tennisplatz, um Tennisstunden zu geben. Wir bringen Isas kleinen Bruder Jörg zu ihr. Er hat noch keinen Führerschein und möchte auch noch eine Runde spielen.
Auf dem Weg zum Tennisplatz stehen Werbeschilder:
„Stockcar-Rennen“, und auf einem Feld sind Strohballen aufgestellt.
„Was ist das? Stockcar-Rennen?“
„Da werden Autos zu Schrott gefahren. Wer heil am Ziel ankommt, hat gewonnen“, verrät mir Jörg.
Ein Auto mit Absicht zu Schrott fahren? Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe es noch nie gehört: ein Auto zu Schrott fahren – absurd. Es wurde immer repariert. Die Wartezeit auf einen Wartburg oder Trabant war länger als 10 Jahre. Autos wurden nie verschrottet.
Abends machen wir uns auf den Heimweg nach Erlangen. Vorher bat mich Oskar in sein Büro, ob ich die Tankquittung hätte. Der Käfer lief aufs Geschäft und dann gab er mir passend zum Betrag der Quittung das Benzingeld. Ich war überrascht, kann es nicht richtig einordnen und sage einfach:
„Danke!“
„S’ist schon gut!“, antwortet er und klopft mir auf die Schulter. Eigentlich hatte ich genügend Geld und Isa unterrichtete nebenher an einem Sprachinstitut Englisch. Aber ich freue mich und gebe das Geld an Isa weiter. Morgen muß sie wieder unterrichten, deshalb müssen wir auch jetzt aufbrechen. Vier Stunden Autobahn, kurz vor Kassel kommen wir an der Ausfahrt Zierenberg vorbei. Isa rutscht auf dem Fahrersitz hin und her und zieht am Sicherheitsgurt, als ob er klemmen würde:
„Hier in Zierenberg habe ich das erste Mal einen Jungen geküßt, meinen Cousin“, und gibt heftig Gas für die erste große Steigung am Anfang der Kasseler Berge. Das lange Sitzen nebeneinander macht gesprächig. Nachdem wir uns bei Fulda mit dem Fahren abgewechselt haben, erzählt Isa, wie schwer es für ihre Mutter ist, Schüler zu finden. Im Dorf gehören sie immer noch zu den Fremden. Sie wohnen schon Jahre da, haben ein Haus gebaut, aber bleiben die Fremden. Ich habe dieses Abweisende auch erfahren, es gibt eine Hierarchie: Fremde, Zugereiste, Flüchtlinge. Du kommst wohl von drüben, werde ich angesprochen, weil ich einen Thüringer Akzent habe. Es ist immer eine Ablehnung dabei zu spüren. Ebenbürtig zu den Westdeutschen gelten Franzosen, Skandinavier und Menschen aus den Beneluxländern. Kommt jemand aus Südeuropa, auf den schauen sie herab. Ganz unten sind Türken. Mit Italienern gibt man sich kameradschaftlich, wenn es sich um Gaststättenbetreiber handelt. Ostdeutsche rangieren knapp über den Südeuropäern, etwa so wie Jugoslawen. Zu Ostdeutschen verhalten sich nur Familien anders, die dort Angehörige haben und zu ihnen Kontakt unterhalten. Vielleicht ist das „nicht in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden“ auch ein Grund für Isas Familie, weiterzuziehen in ein Land, wo Fremde willkommen sind. Und hier gibt es zusätzlich noch diese unsinnige, aber weit verbreitete Unterstellung den Ostdeutschen gegenüber, sie seien Wohlstandsflüchtlinge und gekommen wegen der Bananen. Das meinen sie nicht mal böse, es entspricht ihrem Wertesystem und ist ihnen eine logische Entscheidung. Manchmal habe ich versucht zu erklären, ich bin nicht nach Westdeutschland gekommen, sondern von Ostdeutschland weggegangen. Diesen feinen Unterschied, den kapierten sie einfach nicht. Ich kann verstehen, wie sich diese dörfliche Ablehnung für ihre Mutter anfühlt.
Als wir in Erlangen West von der Autobahn abbiegen, erinnere ich mich: Eisenach West war mal meine Abfahrt, nun ist es Erlangen West, wie ein Stück neue Heimat.

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