8 Tante Ina
Dank des VW-Käfers und unseres Krankengeldes sind wir mobil und liquide.
Nach unserem Besuch bei Großmutter Elsa habe ich unsere Mutter in Eisenach angerufen und genau berichtet, wie es war.
„Ich habe nun die Nummer von Deiner Schwester Ina, dort auch schon angerufen und wir werden am Wochenende zum Kennenlernen hinfahren.“
Ich richtete die Grüße von Ina aus. Sie hat erzählt, wir hätten sie mal in Cuxhaven besucht.
„Ja, stimmt, aber Du warst noch sehr klein.“
Sie hatte gefragt, ob ich mich an sie erinnern könne.
„Und kannst Du?“
„Nein, an Tante Ina kann ich mich nicht erinnern.“
Auf dem Rückweg zur Wohnung kommt mir nebulös eine Erinnerung an eine solche Zugfahrt. Ich stand am halb geöffneten Fenster und meine Mutter hielt mich von hinten fest. Der Fahrtwind blies mir ins Gesicht und ich war traurig, als sie das Fenster wieder geschlossen hatte. Das könnte das gewesen sein.
Erinnerungen aus der Kindheit sind kleine Inseln aus Gerüchen, Farben und Zuständen. Sie bestehen weniger aus Ereignissen.
Ich weiß wenig, eigentlich fast nichts, über das Leben meiner Mutter. Mal hier eine Andeutung, mal da eine Anekdote. Ich kann mir meine Mutter auch nicht als kleines Mädchen oder junge Frau vorstellen. Auf ihrem Sekretär stand neben dem Bild ihres gefallenen Bruders ein weiteres Bild, auf dem sie als kleines Mädchen in einem weißen Kleid an der Hand ihres Großvaters stand. Es war postkartengroß und hatte einen roten Rahmen aus Leder. Das waren mir sichtbare Hinweise darauf: Meine Mutter war nicht immer diese Frau, die sie jetzt ist. Mir ist meine Mutter fremd und ich rufe auch nur an, weil ich muß, ein Gefühl, verpflichtet zu sein.
Samstag, wir fahren los, die schon bekannte Strecke nach München, dort über den Mittleren Ring zur Autobahn Richtung Garmisch-Partenkirchen, und ab an der Ausfahrt Murnau. In Murnau müssen wir suchen, bis wir die Adresse, ein Reihenhäuschen am Stadtrand, finden. Tante Inas Begrüßung ist distanziert, kein herzliches „in den Arm nehmen“:
„Na, kommt mal herein.“
Tante Ina ist eine kleine, zierliche Frau mit leicht grauen, kurzen Haaren. Sie sieht unserer Mutter überhaupt nicht ähnlich. Sie trägt eine schwarze Hose, einen grauen Pulli und darüber eine Wolljacke mit Hirschhornknöpfen.
Ich hatte keinen herzlichen Empfang erwartet, denn als ich vor ein paar Tagen anrief, war sie schon sehr zurückhaltend.
„Ja, dann kommt uns doch mal besuchen.“
Das hörte sich nicht nach Freude an.
Wir gehen in das Wohnzimmer. Helles Parkett, ein großes breites Fenster mit Blick über ein schmales Rasenstück bis zu einer halbhohen Hecke. An der einen Wand eine, voll mit Geschirr und Gläsern, verschnörkelte Vitrine. Sehr komisch, denke ich mir, warum läßt sie das nicht in der Küche im Regal? An der Wand gegenüber liegen auf einem kleinen Schreibtisch ein paar Hefte und ein Aktenordner. Photos von Kindern oder Eltern sehe ich keine, aber an der Wand eine historische Stadtansicht und in der Mitte einen runden antiken Eßtisch mit dazu passenden Stühlen. Der Tisch ist bereits für vier Personen gedeckt.
„Erinnerst Du Dich noch an mich?“
Fragt sie mich erneut.
„Du hast mich mal in Cuxhaven zusammen mit Deiner Mutter besucht. Du warst, glaube ich, gerade fünf Jahre alt geworden.“
„An die Eisenbahnfahrt kann ich mich etwas erinnern, aber an Dich leider nicht.“
„Ihr kamt aus Kassel, wo Du bei Deinem Großvater warst.“
Und zu Maximilian gewandt sagte sie:
„Das war Euer letzter Besuch im Westen, Du warst noch in den Windeln. Dein Vater blieb mit Dir und Deinen Geschwistern in Kassel. Ihr seid bis zum Mauerbau jeden Sommer im Urlaub in Kassel gewesen und sogar mal nach Borkum gefahren. Euer Großvater war sehr spendabel. Aber dann kam der Mauerbau und Euer Vater wollte unbedingt zurück, seine Gemeinde nicht im Stich lassen.“
Ich überlege, ich kann mich an eine besondere Nacht erinnern. Ich wurde geweckt und Mutter zog mich an und ich weinte heftig, weil sie mir die Strümpfe verkehrt herum anzog, was man doch am großen Zeh sehen konnte. Daran kann ich mich sogar deutlich erinnern, das wollte ich ihr immer erklären. Aber sie hielt nicht inne, sondern zog mir dann auch noch gegen meinen Willen die Schuhe an. Nicht nur ich habe heftig geweint, alle haben geweint, und zwischendurch haben die Erwachsenen laut geschimpft und sich angeschrien. Dann, weiß ich noch, die Eisenbahn, sie roch nach Rauch. Das wird wohl die Nacht gewesen sein, im August 1961.
„Nein, ich kann mich nicht an Dich erinnern. Ich war zu klein. Wir wissen sehr wenig über Dich. Du warst mit unserer Mutter in Halberstadt ausgebombt und dann aufs Land und später nach Jena. Wir hatten außer zu Großmutter Elsa keinen Kontakt zu diesem Teil der Familie.
„Wie bist Du von Jena nach Cuxhaven und nach Murnau gekommen?“ Wir setzen uns an den runden Wohnzimmertisch. Tante Ina geht zur Küche und kommt mit einem Tablett, darauf Kaffee und eine Platte mit Sahnetorte, zurück.
„Dann laßt uns mal Kaffee trinken, bedient Euch am Kuchen, dann erzähle ich mehr.“
„Wie gesagt, nachdem wir in Halberstadt ausgebombt und aufs Land zu einem Bauern verschickt worden waren, zogen wir später nach Jena und wohnten, Eure Großmutter, Eure Mutter und ich, im Dachzimmer einer alten Villa. Eure Großmutter hatte eine Arbeit in einer Bibliothek gefunden. Wir gingen zur Schule und wenn keine Schule war, mußten wir raus auf die Dörfer, zum Beispiel mit der Straßenbahn bis Lobeda und dort Hamstern gehen. Wir hatten damals immerzu Hunger und kalt war es. Oft blieben wir den ganzen Tag im Bett, die Füße unter der Decke, und haben gelesen. Eure Großmutter brachte abends immer Bücher mit, welche zum Lesen und welche nur zum Heizen. Eure Mutter ging 1951 auf eine Schwesternschule und zog ins Schwesternwohnheim.“ Sie schenkt uns Kaffee nach und erzählt weiter:
„Die Kommunisten regierten immer brutaler. Die Bauern wurden enteignet und mußten in die LPG. Sogar in Jena Schott und Genossen, gehörte doch eigentlich der Belegschaft, wurde trotzdem enteignet und dann überall die Russen. Im Juni 1953, als dann der Aufstand in Ostberlin losging und die russischen Panzer kamen, wurde es noch schlimmer. Wer nur schief hustete, kam nach Sibirien. Wir wollten nur noch weg. Als 1953 meine große Schwester Carola in Velbert mit ihrem Mann eine Arztpraxis eröffnete, sind wir auch in den Westen. Damals konnte man das noch in Ostberlin mit der S-Bahn nach Westberlin. Wir mußten alles zurücklassen und sind mit einem kleinen Koffer los. In Velbert lernte ich meinen Mann Rüdiger kennen, der kam aus Cuxhaven, und so zogen wir nach Cuxhaven, wo Du mich besucht hast.“
Eure Mutter blieb, weil sie Euren Vater kennengelernt hatte, in Jena. Sie haben bald darauf geheiratet und im Philosophenweg eine kleine Wohnung gefunden.“
„Ich soll Dir von ihr aus Eisenach herzliche Grüße ausrichten!“
„Oh, danke, ich muß mich auch mal bei ihr melden.“
Sie macht einen nachdenklichen Eindruck.
„Diese verfluchte Grenze hat vieles erschwert und zerrissen. Man verliert sich aus den Augen.“
Von der Tür höre ich kurzes Bellen, es stürmt ein kleiner Rauhaardackel herein, begrüßt Tante Ina und schnüffelt uns ab.
„Das ist unser Ferdi.“
Vom Flur hören wir, wie jemand seine Schuhe auszieht. Herein kommt ein mittelgroßer Mann, auch er trägt die gleiche Wolljacke mit den Hirschhornknöpfen.
„Hallo, schön, Euch mal kennenzulernen.“
„Das ist Stibale, mein Mann.“
„Ich war noch mit Ferdi Gassi und wir dachten, wir laden Euch zu einer schönen Rundfahrt in die Berge ein. Habt Ihr Lust?“
Na klar, haben wir. Stibale hat einen bequemen Audi. Wir sitzen hinten, zwischen uns sitzt Ferdi und will ständig aus dem Fenster schauen. Wir fahren Landstraße und ich muß lachen, als wir erst durch Unterammergau und dann durch Oberammergau kommen. Ich dachte, die Orte gäbe es nur in dem Lied. Aber die sind ja echt. Wir kommen auch durch Garmisch-Partenkirchen. Wie in den Dörfern zuvor sind auch hier die Häuser mit Bergmotiven bemalt, alles wie auf einer Postkarte. Stibale erklärt: „Lüftlmalerei“ und fährt noch ein paar Kilometer in die Berge hinein. Dort machen wir Rast an einem idyllisch, etwas auf einer Anhöhe gelegenen Gasthof.
Ein überwältigender Rundblick. Eine Wiese zieht sich den Hang hinauf bis zum Wald. Dahinter übermächtig die Berge, grauer riesiger Fels, weiter hinten sind die Riesen mit ihren weißen Spitzen. Diese Ausstrahlung macht mich ganz klein, das ist überirdisch majestätisch. Ich bin überwältigt von dieser Schönheit.
Ich stoße meinen Bruder von der Seite an:
„Allein dieser Anblick, für den hat es sich gelohnt, durch den Knast zu gehen.“
Stibale sieht unser andächtiges Staunen.
„Das hat Afrika hochgeschoben. Plattentektonik. Ich bin Erdkundelehrer am Gymnasium.“
Wir setzen uns unter einen Sonnenschirm an einen Tisch.
„Der Schweinekrustenbraten ist hier berühmt. Ihr seid herzlich eingeladen.“
Es ist richtig lecker. Auch die Klöße, hier heißen sie Knödel, sind auch etwas kleiner und schmecken trotzdem sehr gut.
Ina erzählt uns von Jena, wie unsere Eltern gewohnt hatten in dem einen Zimmer unterm Dach. Unser Vater war schon fertig mit seinem Theologiestudium und Studentenpfarrer an der Uni. Da hätten sie sich auf einem Studentenball kennengelernt. Eigentlich durch sie, denn sie habe ihre Schwester zum Ball mitgenommen. Und weil sie sieht, wie Ferdi mich ständig unter dem Tisch anstößt und gekrault werden will, erzählt Ina:
„Ihr hattet in Jena auch einen Dackel. Eine Etage unter Deinen Eltern wohnte der Schriftsteller Albert Sixtus. Der war krank und konnte sich nicht mehr um ihn kümmern. Dann hat ihn Eure Mutter übernommen.“
Ich gehe zur Toilette und kaufe mir am Tresen eine Ansichtskarte von der Gaststätte mit den Bergen im Hintergrund.
Dabei erinnere ich mich, es gibt ein Bild von mir, wie ich im Ställchen spiele und ein Dackel an meiner Seite sitzt. Das könnte er gewesen sein. Ich kenne eine Erzählung meiner Mutter: Sie hatte einen Dackel, der immer bei dem Mann unter uns auf den Flur gepinkelt hat, und sie mußte dann, den Dackel und mich gleichzeitig auf dem Arm, die Pfütze beseitigen.
Ich vermute, Tante Ina redet so viel über uns, weil da etwas ist, was sie bedrückt oder was sie wissen möchte.
Ich kenne Großmutter Elsas Erziehungsanweisungen:
Eine davon war: „Es ist unhöflich, andere Menschen auszufragen, das gehört sich nicht, das tut man nicht!“
Als ich zurück zum Tisch komme, faßt sich Tante Ina ein Herz und fragt:
„Wir mußten damals alles zurücklassen. Auch ein großes Ölgemälde, gibt es das noch?“
„Ja“, sage ich, „mit einem verzierten Goldrahmen. Das hängt im Wohnzimmer. Das ist unser Großvater.“
„Nein, das ist Euer Urgroßvater, mein Großvater, und das Bild, es gehört mir.“
Sie muß sich darüber die Nase putzen,
„und es ist sehr wertvoll.“
Auf der Rückfahrt sind alle satt und schweigsam. Ferdi sitzt, um besser herausschauen zu können, bereits auf meinem Schoß.
Stibale dreht sich zu mir nach hinten um:
„Offensichtlich lieben Dich Dackel.“
Und Tante Ina ergänzte:
„Du kennst Dich mit Hunden aus. Hattet Ihr in Eisenach nicht auch einen Hund?“
„Nein“, lacht Maximilian.
„Es war nicht einer, es waren teilweise fünf, alles irische Setter.“
Wir verabschieden uns gleich vor der Haustür, bekommen jeder noch 20 Mark zugesteckt, als Benzingeld, und fahren zurück nach Erlangen.
„Die wollte uns nicht kennenlernen, sonst hätte sie uns irgendwann mal besucht. Die wollte nur ihr Bild und wissen, was los ist.“
„Ja, da schlummert ein dicker Konflikt.“
„Vor Jahren war mal ein Mann aus Dresden da“, sagt Friedolin, „der hat das Bild geschätzt und gesagt, es sei 7000 Mark wert. Dann ist es hier im Westen bestimmt viel mehr wert. Das müssen die Schwestern unter sich ausmachen.“
„Die Berge sind aus der Nähe gesehen noch viel unbeschreiblich schöner, mächtiger, beeindruckender. Kein Photo kann die Wirkung der echten Berge wiedergeben.“
Trotzdem, ich schicke die Postkarte, dann können sie an unserer Freude teilhaben.
Vor Ingolstadt fängt es an, zu regnen. Auf einer langen, geraden Steigung sehe ich die vorausfahrenden Autos mit ihren roten Rücklichtern und die uns entgegenkommenden Autos mit ihren weißen Scheinwerfern, als durchgehend rotes und weißes Band. Das sieht sehr schön aus und es glitzert im Regen.
Zum Kapitel 9 Isa