34 Berlinale

Ingo ist unterwegs, sein neuer Filmjob ist in Berlin. Er kommt erst Anfang Januar wieder.
Ich kümmere mich um eine saubere Abschrift des Drehbuchs und mache im Kopierladen 12 Kopien. Man muß jeweils 6 Kopien dem Antrag beilegen. Ein Antrag bei der ‚Filmförderungsanstalt FFA‘ und ein weiterer beim ‚Kuratorium junger deutscher Film‘. Was für ein großartiges Gefühl, fast Euphorie, eine stille, ruhige Freude. Sogar die Landschaft sieht fröhlich und optimistisch aus.
Bei dem Händler für Bauernmöbel in Tennenlohe kann ich arbeiten. Oft bin ich für ihn unterwegs, um Ware abzuholen oder Möbel abzuschleifen. Zwischen Isa und mir ist es gut. Eine Vertrautheit, wenn wir uns nachts im Arm halten, und tagsüber ist herzlicher, unverbindlicher Alltag.
Isas Theaterproben sind kein Thema. Die Premiere: geplant Ende Januar. Miras Welpen sind alle in gute Hände untergebracht. Was bleibt? Unsicherheit und Nachdenken. Weihnachten verbringen wir gemeinsam. Ich koche uns, nach einem Rezept meiner Mutter, das Weihnachtsessen unserer Familie: ‚Polnische Würste‘ mit Kartoffeln und Kraut am Heiligen Abend und am ersten Weihnachtstag für Isa ihre Leibspeise: ‚Schlesisches Himmelreich‘. Die ganzen verkapselten Tretminen, mir liegen sie auf der Seele. Bei Isa habe ich den Eindruck, sie verdrängt sie nicht, sondern hat sie einfach vergessen. Wir haben eine warme, gute gemeinsame Woche zwischen den Jahren. Silvester stoßen wir, oben am Wasserturm in Marloffstein, auf ein gesundes neues Jahr mit viel Erfolg für Film und Theater und auf uns an. Wir stehen Arm in Arm unten in Erlangen, steigen die Raketen auf.
Ingo ist zurück, ich kann den Citroën haben. Fahre bis Heilige Drei Könige nach Stuttgart zu meiner Mutter. Im Gepäck habe ich ein Exemplar von „Babeurreville“. Sie bekocht mich wunderbar. Mal Roulade, mal Hühnerfrikassee und für mich extra mit Kartoffelbrei. Wir machen Ausflüge zum Fernsehturm und ins Umland. Ich erfahre, meine Mutter fühlt sich mit den westdeutschen Medikamenten deutlich besser. Kann normal arbeiten. Sie fragt nach Renate. Ich informiere über Renates neuen Freund in Ostberlin. Meine Mutter kann sich die Bemerkung nicht verkneifen, Renate und ich wären ein gutes Paar. Renate sei im Gegensatz zu Isa eine warme Frau. Sie wünsche mir von ganzem Herzen, eine warme Frau zu finden. Ich habe nichts aus dem Nähkästchen geplaudert, nichts von den Problemen mit Isa erwähnt. Eine Mutter erkennt das wohl dennoch.
Auf der Rückfahrt geht mir die Klassifizierung in kalt und warm nicht aus dem Kopf. Wie ist das mit der Einbahnstraße der Berührungen?
Das Begehren ist schön. Wird es auf Dauer nicht erwidert, verliert es die Ebene der Liebe, des Metaphysischen und wird reduziert auf den Trieb und damit wird es zur Beleidigung desjenigen, der begehrt.
In Erlangen, bei Isa, alles dunkel, auch der Golf ist nicht da. Ich fahre zu Ingo in meine Kammer. Er freut sich, hat schon auf den Citroën gewartet und möchte auch seine Mutter in Ansbach besuchen.
Am nächsten und auch übernächsten Tag. Bei Isa bleibt es dunkel. Ich klingel bei der Burschenschaft und frage, ob sie etwas wissen.
„Ja, Isa ist vor vier Tagen mit Sack und Pack abgereist, hat das Zimmer gekündigt. Nein, keine Nachricht hinterlassen, nur zwei alte Kisten hat sie stehen lassen.“
Isa ist also verschwunden, aber die Premiere ist doch in ein paar Tagen. Ich besuche einen der Schauspieler und höre:
„Es gab großen Krach zwischen Isa und dem Ensemble. Keine Ahnung, wir konnten mit ihr nicht normal reden. Sie hat wütend hingeschmissen und gesagt, sie macht nicht mehr weiter, hat ihre große Tasche gepackt, den Dackel genommen und ist, die Tür knallend, gegangen. Wir haben uns zusammengesetzt. Was nun? Dann hat Bernd vorgeschlagen, er würde die Regie übernehmen, wir können den Premierentermin halten.“
Es ist nicht das erste Mal, an dem Isa weggeht, grußlos verschwindet. Ich sollte das achten. Würde sie eine Verbindung wünschen, hätte sie eine Nachricht hinterlegt oder würde sich melden. Bei ihren Eltern möchte ich nicht anrufen. Sie käme ihren Eltern gegenüber in eine Bredouille und müßte Antworten geben. Da liegt der Hase im Pfeffer, das ist ihr nicht möglich. Außerdem habe ich meinen Stolz und will diesmal nicht hinterherlaufen.
Als Ingo zurückkommt, lacht er nur.
„Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!“
Wir arbeiten weiter am Drehbuch, erarbeiten Skizzen für Einstellungen und machen mit einer Schauspielerin sogar Photos. Unsere reale Christiane von gegenüber laden wir zum Essen ein, erzählen aber nichts vom Drehbuch. Was sich entwickelt, ist weniger dramatisch als das Drehbuch. Es entstehen lockere Treffs und ab und zu übernachtet einer von uns bei ihr, mehr ist nicht.
Wir warten auf Antworten zu den Förderungsanträgen. Sehen aber nicht schwarz, sollten die abgelehnt werden. Es gibt noch viele Möglichkeiten, unser Babeurreville voranzutreiben.
Die Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 15. Februar bis zum 26. Februar 1985 statt. Wir kümmern uns um eine Unterkunft und fahren hin. Manche Tage sind wir zweimal im Kino. Nachmittags und dann eine Abendvorstellung. Was für ein Leben. Ich habe das Gefühl, jeder Tag ist doppelt. Diesmal nehme ich keinen Kontakt nach Ostberlin zum Prenzlauer Berg auf. Auf Mauerbesuch und ähnliche typische Berliner Sehenswürdigkeiten verzichten wir. Berlinale ist für uns das alleinige Thema. Typisches Februarwetter mit Schnee, mal Schneematsch, immer kalt, zugig und ungemütlich. Die Kinos immer voll besetzt. Schlange stehen um Karten. Eine gute Atmosphäre, alles Enthusiasten. Das eint. Dann die Premiere ist wunderschön. Fast das ganze Set ist gekommen. Danach zur Feier! Leider bekommt der Film gemischte Kritiken.
Auf der Heimfahrt nehmen wir in Dreilinden Tramper mit. Ein junges Paar Richtung Nürnberg. Als wir ins Gespräch kommen und das Thema auf Film kommt, wir von der Berlinale berichten, fühlen wir uns schon wie Filmprofis.
Ein gutes, starkes, euphorisches Gefühl. Ich spüre große Zuversicht, eine Perspektive für mein Leben. Es hat sich konkretisiert. Ich werde alle meine Energie in diese Richtung lenken.
Schreiben und Film – es leuchtet hell am Horizont!

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