35 Bonn Hochzeit

Wenn das Feuer der Hormone heftig brennt, wird daraus Liebe?
Das geht mir wie ein Dauerton, wie ein Tinnitus, wie das Grundrauschen im Gehirn, durch den Kopf und verdrängt alle anderen Gedanken.
Vor mir steht hinter seinem Schreibtisch der Standesbeamte. Er ist ein sehr kleiner Mann. In seinen Händen hält er eine Ledermappe mit Kordel und liest daraus vor. Ich schaue auf seine im Sonnenlicht glänzenden, frisch geputzten Schuhe. Er wippt auf ihnen im Rhythmus seiner Worte auf und ab. Was er sagt, ich verstehe es nicht. Er redet und wippt mal vor, mal zurück. In meinem Kopf ist nur das Dröhnen. Plötzlich ist er still, schaut mich an und wartet auf eine Antwort. Ich verstehe, das ist jetzt der Augenblick, bei dem ich mich mit Isa fürs Leben zusammentue. Ich weiß um die Steuerung durch meine Gene, Hormone, Umgebung, Erziehung und dem ganzen Blablabla. Ich weiß, meine freie Entscheidung ist nur eine Illusion. Meine Freiheit besteht doch nur darin, zu erkennen: Ich bin nicht frei. Aus diesem Quentchen Wissen kann ich etwas machen!
Wie zum Trotz, wider aller Gene, Hormone und Determinationen in meinem Sein: Das genau jetzt ist das Quentchen, das ist mein freier Wille, verdammt noch mal! meine Entscheidung und ich will es gut machen, ein Leben lang:
„Ja, ich will!“, antworte ich und drücke dabei Isa neben mir die Hand.
„Ja, ich will!“, antwortet auch Isa dem Standesbeamten, und wir blicken uns dabei in die Augen.
Vor dem Standesamt machen alle Photos von uns. Isa hat von ihrer Mutter ein Kleid genäht bekommen, in dem schon ganz dezent ihr kleiner Bauch zu sehen ist. Friedolin hat mir aus seinem Fundus einen seidenen, cremefarbenen Anzug mitgebracht. Er ist etwas zu groß, ich sehe darin vielleicht deshalb besonders elegant aus. So stehen wir zusammen in der Sonne vor dem Standesamt in Bonn-Röttgen. Heute ist der 15. März 1985. Für ein Brautpaarphoto sollen wir uns küssen. Sieht schon komisch aus: der Lulatsch und seine zierliche Braut.
So gehen wir alle zusammen in die vorbestellte Gastwirtschaft. Ich hatte einen extra Raum reserviert. Eine große Runde. Isas Eltern, frühmorgens mit dem Auto angereist, mein kleiner Bruder mit Freundin, mein großer Bruder in Begleitung unserer Mutter. Meine Eltern kann man nicht gleichzeitig einladen. Dann ist noch Isas Tante, eine Schwester ihrer Mutter. Sie ist Krankenschwester am Krankenhaus auf dem Venusberg in Bonn. Eine resolute, untersetzte Frau, allein geblieben. Die Männer ihrer Generation sind gefallen. Heute ist sie voller Tränen. Sie betreut in der Abteilung der Bluter die Kinderabteilung. Gerade hatte sie die Nachricht bekommen, durch verunreinigte Blutkonserven hätten sich fast alle ihre kleinen Patienten mit AIDS infiziert. Bei ihr hatte Isa die letzten zwei Wochen gewohnt.
So sitzen wir um den großen Tisch.
Der schönste Tag im Leben? Mir ist nicht gut, Unruhe und keine festliche Verbindung zu Isa. Wir sitzen an der Stirnseite, steif nebeneinander, als ob wir Gäste einer Trauerfeier wären, dabei sollten wir doch vor Freude glühen. Aber wir fühlen uns fremd und fehl am Platz. Für das Brautpaar sollte es am Tisch keine Stühle, sondern eine kleine zweisitzige Bank geben. Das täte ihnen gut, sie könnten sich enger zusammen setzen und spüren. Isa neben mir ist in sich versunken. Sie lächelt leicht, als ich ihre Hand drücke. Vielleicht träumt sie von einer Hochzeit, bei der sie mit ihrem Bräutigam durch ein Spalier von Familie und Freunden zu den kräftigen Akkorden der Toccata und Fuge d-moll von Bach oder etwas traditioneller zu Mendelssohns Hochzeitsmarsch schreitet.
Beim Stichwort Mendelssohn sinniere ich: Wird unsere Ehe starten, fröhlich und kraftvoll, wie seine Italienische Sinfonie, oder müssen wir durch eine wehmütige Zeit und uns das Fröhliche erobern, wie in seiner Schottischen Sinfonie, bei der erst zum Schluß das Fröhliche obsiegt und nicht ganz klar ist, ob das Frohe nicht eigentlich Chaos und Wahnsinn ist? Wir müssen auf eine neue Art aufeinander zugehen. Bisher sind wir zu oft bei Nähe und vor allem bei Vertrauen gescheitert. Wenn wir wieder brutto und netto Zeiten haben, was tun? Soll ich mir ein Lager, ein Depot anlegen, in dem ich mir einen Vorrat ihrer Liebe speichere? Ein Lager? Das klingt so merkantil! Liebe ist existentiell, ich sollte es Zisterne nennen. Das Wort trifft es besser, es steht für eine lebensnotwendige Substanz. Ich bin hier Gastgeber, sollte meine Augen offen haben, Konversation pflegen und immer lächeln. Ich möchte dichter, näher bei Isa sein, rutsche mit meinem Stuhl leicht zu ihr heran. Um unsere Teller wurde Blumenschmuck dekoriert. Isa nimmt eine Blume aus der Dekoration und steckt sie mir ans Revers. Weil wir uns dabei küssen, applaudieren alle und lachen. Ihr besonders um den Bauch weit geschnittenes Brautkleid schlottert noch, ist auf Zuwachs geschneidert.
Das war ein Moment, als Uli, ihr Schulfreund aus dem Gymnasium, mich informierte, ich würde Vater. Phänomenal, einmalig, gravierend, alles verändernd. Ich legte den Telephonhörer auf und es war Ruhe, totale Ruhe um mich. Auch so komisch in mir, surreal, als ob die Zeit stehen bliebe. Ich werde Vater, irre! Wunderbar! Als mein Gehirn wieder reagierte, überlegte ich, ob Isa mich überhaupt lieben würde, und mir fielen ihre Liebesbriefe ein, die sie mir schrieb, wenn wir getrennt, wie bei meiner Kur, oder sie allein in Schwabing war. Sie liebt mich aus der Ferne. Vielleicht liebt sie nur ein Bild von mir. Sie hat erzählt, sie hätte sich in mich verliebt, als sie bei Friedolin ein Photo von mir sah. Sie sucht einen Helden, und der war ich auf dem Photo. Ein junger Mann, der für seine Freiheit sogar Stasi-Haft in Kauf nimmt; und – leider - im täglichen Leben bin ich nur ein Taxifahrer mit nebulösen Ambitionen. Bricht sie deshalb immer aus?
Unsere Realität: kein großes Fest, kein Bach, kein Mendelssohn, kein großes Tamtam, wir sind hier, nur ein Nebenraum in einer einfachen Gaststätte, ein paar Blumen auf dem Tisch.
Nein, es ist gut so. Ich denke daran, weil ich denke, Isa denkt daran. Mich drücken Sorgen, sie werfen ihre Schatten. Ich sitze, schaue in die Runde und kann keinen Bissen schlucken. Ich möchte hier nicht fremd sein, es soll unser Fest sein! Mir wird plötzlich klar, was mir auf den Magen drückt. Das Geld.
Gestern hatte Isa gebeichtet, sie hätte zwei weitere Girokonten, die jeweils fast 20.000 DM Minus hätten. Die Bank hatte es freizügig gegeben, weil sie den Vater dahinter sahen. Ich wollte nicht darüber nachdenken, wie sie das überhaupt anhäufen konnte, wo sie doch ein gutes Stipendium von ihrem Vater bekam und zusätzlich Unterricht gab. Sie beichtet, sie hätte ihrem Vater nur von einem Konto erzählt, sie schäme sich so sehr. Ihr Vater hatte vor ein paar Tagen das Konto ausgeglichen, wir sollten nicht mit Schulden in die Ehe gehen, und wir bekamen als Hochzeitsgeschenk noch ein teures Villeroy & Boch Service. Dieses verbliebene tiefrote Konto war nicht Ursache meines Unwohlseins. Das werde ich für uns, ganz meine neue Rolle als Ernährer, ausgleichen, peu à peu. Es ist die Feier insgesamt. Ich möchte nicht der arme Flüchtling sein, auf das Geld des Schwiegervaters angewiesen. Natürlich ist es Tradition, der Brautvater richtet die Hochzeit aus, aber ich will nicht! Das Gönnerhafte, auch damals mit dem Flugticket. Ich will es nicht!
Geld habe ich genug in der Tasche.
Wieder gehen meine Gedanken zurück zu dem alles ändernden Moment, zu Ulis Anruf:
Von der Berlinale kamen Ingo und ich voller Euphorie und Elan zurück, am Briefkasten hing ein Zettel: ‚bitte in der Zentrale melden‘. Dort lag eine Nachricht an mich, eine Telephonnummer anzurufen. Ich erreichte Uli, den ich bei Rissen Walter kennengelernt hatte und an den ich mich als ihren Freund vom Gymnasium erinnerte. Er studiere mittlerweile in Bonn Medizin. Er teilte mir mit, Isa sei bei ihm in seinem Studentenwohnheim untergekommen und sie sei schwanger. Das wollte er mir unbedingt sagen. Ich sei der Vater und Isa wollte mir das nicht mitteilen, sondern das Kind allein aufziehen. Dann habe ich mich bei ihm für die Information bedankt und gesagt: „Ich melde mich!“ Erst durchfluteten mich Glück und Freude, dann aber fühlte ich mich total böse vor den Kopf gestoßen. Als Vater hat man nicht das Recht, darüber informiert zu werden, wenn man Vater wird! Isa?!! Wie konnte sie nur mit diesem Wissen einfach verschwinden, abtauchen? Ich schluckte, rief zurück und kündigte mein sofortiges Kommen an.
Schneetreiben im Siebengebirge, in Bonn mitten auf der Kennedybrücke blieb der Citroën stehen, ein Keilriemen. Uli kam mich abschleppen. Dann das Wiedersehen. Ich spürte, ich muß stark sein, habe sie ohne zu fragen, fest in den Arm genommen und nicht losgelassen. Irgendwie entstand plötzlich Nähe, wir mitten auf dem Flur des Studentenwohnheims, Uli hatte sich verzogen. Isa erzählte tatsächlich ganz vertraut und leise etwas von sich. Sie hätte Krach gehabt mit dem Ensemble und gleichzeitig erfahren, sie sei schwanger, und ihr Magister liege in der Uni, sie könne ihn abholen. Da habe sie spontan den Entschluß gefaßt, zu ihrer Tante nach Bonn zu gehen, dort nach einem neuen Anfang zu suchen. Sie sei in die Uni, habe die Urkunde mitgenommen, alles in den Golf gepackt und losgefahren. Weil ihre Tante nicht da war, habe sie Uli angerufen und der hätte ihr das Zimmer eines Kommilitonen, der gerade auf Auslandssemester ist, vermittelt. Diese Offenheit machte mich ganz weich. So kannte ich sie nicht. Ich war durchgefroren, hatte im Schneeregen bei meiner Panne gewartet und bin zur totalen Erschöpfung müde. Ich fragte, ob ich hier übernachten könne, und ich möchte heiß duschen.
Alles kein Problem, das heiße Wasser tat gut und plötzlich kam Isa zu mir unter die Dusche. Diese Nähe flutete unsere Hormone, das Vertrautsein entwickelte eine eigene Dynamik. Ich sagte eindringlich, ich sehne mich danach, mir dir zu leben und erklärte, das könne ich nur, wenn sie das genauso intensiv auch mit mir möchte. Erinnerte sie an unser Gespräch auf dem Piazzale Michelangelo, an die Harmonie wie bei unserer Andorrainszenierung.
Wir, ein gemeinsames Künstlerleben!
Dann schob ich alle mir in der letzten Zeit durch den Kopf gegangenen Argumente beiseite und dachte, nein besser, ich fühlte: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Also halt sie fest.
Wir waren noch sehr lange unter der Dusche und als wir müde zusammen schlafen gingen, waren wir verlobt.
Ich fuhr am nächsten Morgen zurück, schickte alle notwendigen Papiere per Einschreiben an die Adresse ihrer Tante, Isa bestellte das Aufgebot. Wir wollten nicht warten, bis sie hochschwanger war. Beim Juwelier, genau gegenüber dem kleinen Laden, indem ich den weißen Nadelstreifanzug gekauft hatte, kaufte ich die Ringe. Es gab zwei goldene Ringe zu Auswahl. Ich wußte auch, ich würde es mir ein Leben lang nicht verzeihen, der Druck der ungewissen Zukunft. Ich kaufte die einfacheren goldenen Eheringe. Die nächsten Tage arbeitete ich beim Möbelrestaurieren, fuhr zusätzlich abends und nachts noch Bauernmöbel holen. Isa zog zur Tante und suchte von da aus eine Wohnung für uns. In Bonn zu wohnen schien eine gute Idee zu sein, die Tante wollte uns unterstützen.
Isa fand eine Wohnung in Bonn-Ippendorf, nahe bei der Tante. Sie hatte zwei riesige, herrliche Rundbogenfenster, leider genau zur Röttgener Straße, und da donnerten die LKWs vorbei. In dieser Wohnung mit Küche und Bad hatten wir gestern alle auf einem Matratzenlager geschlafen. Mira, wohl falsch gefüttert, hatte nachts ins Bett meines Bruders gekotzt. Und dann war heute unser Tag der Hochzeit.
Ich fasse mir an meine Brusttasche. Hier habe ich einen dicken Umschlag mit meinem gerade gut verdienten Geld. Den nehme ich in die Hand, gebe meinem kleinen Bruder ein Zeichen, sich mit mir draußen zu treffen.
Ich übergebe ihm das Geld und bitte ihn:
„Mach es einfach. Geh zum Kellner und zahle das ganze Essen jetzt hier im Voraus, ich bekomme sonst keinen Bissen herunter!“
Er schaut mich verwundert an und nickt.
Ich setze mich wieder neben Isa und sehe ihn in die Küche verschwinden. Nach kurzer Zeit kommt er zurück, drückt mir unauffällig den Umschlag wieder in die Hand:
„Alles erledigt!“
Das tut unendlich gut. Ich beuge mich zu Isa, gebe ihr einen Kuß und flüstere ihr ins Ohr:
„Ich liebe Dich! Wir werden das Leben gut meistern.“
Dabei strahlen wir uns an.