31 Andorra
„Auf dem Schulhof: Ein Rüpel schart um sich ein paar Mitmacher und terrorisiert Schwächere. Es sind nie Kluge, die so etwas machen, und auch nie Intelligente, die dabei mitmachen. Tiere riechen Angst und erkennen Schwäche. Wir sind auch Tiere, warum sollten wir das nicht mehr können? Es ist einfach ein vorhandener Reflex.
Diese Aspekte sollen nicht in die Schwäche meines Andris einfließen. Sein Handeln, sein, das Schicksal eines adoptierten jüdischen Kindes in einer antisemitischen Umwelt anzunehmen, statt sich über diesen Konflikt zu stellen, der nicht seiner ist, sondern der der Antisemiten. Das alles will ich nicht darstellen!
Andri ist nicht stark, er steht nicht über dem Konflikt, kann es nicht, nimmt klagend zwar, aber nimmt sein Schicksal an. Deshalb ist er als Person für meine Dramaturgie nicht relevant. Ich will die Mitmacher, die Mitläufer, die ängstlichen Opportunisten und die, die schon im vorauseilenden Gehorsam, eine Schleimspur hinterlassend, ihren Kotau leisten, darstellen.“
Alle schauten mich an, als ich mit dieser Rede meine Dramaturgie „Andri ist nur als Puppe auf der Bühne“ erklärte.
Alle klatschten.
Das war meine Eröffnungsrede, als die Proben begannen.
„Tolle Idee, guter Ansatz. Es geht also nur um die Bürger und deren Handeln? Wir machen das sichtbar, indem wir Andri als Opfer herausnehmen?“, fragte Bernd zurück.
„Ja genau!“, bestätigte ich und erklärte weiter:
„Wir müssen erlebbar machen, wie eine äußere Bedrohung wirkt. Dazu möchte ich einen Trommler haben, der vor sich hin durch die Zuschauerreihen stromert und ab und zu einen Wirbel trommelt. Dann brauchen wir noch eine reale Bedrohung: Der Soldat kommt in einer Wehrmachts- oder NVA-Uniform durch den Zuschauerraum, indem er sich durch die Reihen drängelt, dabei Zuschauer zum Aufstehen nötigt, auf die Bühne. Er stört und pöbelt, bis er vorne ankommt. Wir werden im Fundus vom Theater fragen, ob wir eine Uniform bekommen können“, schlage ich vor.
„Die Kulissen“, informiert Isa, „dürfen wir in der Theaterwerkstatt bauen. Wir deuten aus einem Lattengestell und Laken mit Fensterattrappen ein Haus und einen Gasthof an.“
„Die Schlußszene“, erklärt Isa weiter, „mit der Judenschau und dem anschließenden Aufbau der Schuhreihe, machen wir auch mit dem Trommler, der pantomimisch versucht, einigen Zuschauern die Schuhe auszuziehen und diese auf der Bühne dazuzustellen. Zum Schluß zieht er seine aus und stellt sie auch in die Reihe.
„Was für Musik brauchen wir?“, fragt jemand.
„Die Musik, da haben wir lange überlegt und dann davon Abstand genommen. Es bleibt der Trommler und später aus dem Hintergrund ein paar Mal ein Trompeter mit einem Armeesignal“, beantwortete Isa.
„Die Schlußszene, da überlegen wir noch, welche Musik dazu geeignet ist. Das nur in Stille darzustellen, hat zu wenig Dynamik. Wir denken an die Einleitung der Matthäuspassion, wollen aber abwarten, wie das auf der Bühne wirkt und klingt.
Es lief, bald war auch mit der Stadt ein Termin vereinbart. Eine ganze Woche dürfen wir spielen. Ein Plakat entworfen, ganz in Schwarz und mit weißer Schrift „ANDORRA“. Die Plakate wurden gedruckt. Alle halfen mit beim Kleben. Ich hatte immer welche im Kofferraum der Zwo-sieben und ging in Schulen, fragte im Sekretariat, ob ich aufhängen dürfe, gab dem Deutschlehrer eines fürs Klassenzimmer. Hängte in unseren Kneipen und Gaststätten auf. Gab welche an die Stadt für die Litfaßsäulen. Die Kosten wurden von Isa und mir ausgelegt.
Die ersten Leseproben waren spannend, es bildete sich das Thema heraus. Die Stellprobe zeigte, wie stark das Bild der Schuhe wirkt. Der Trommler macht seine Sache gut. Obwohl noch keine Zuschauer da waren, war seine Pantomime gespenstisch überzeugend. Er zog imaginären Zuschauern die Schuhe aus und stellte sie mit zu den Schuhen auf die Bühne.
Bei den Proben ist immer Mira dabei. Wir legen ihren Pullover neben Isas große Handtasche und da bleibt sie artig liegen. Sie wird unser Maskottchen und alle sagen:
„Mira muß auf der Premiere auch da sein, sonst geht es schief.“
Nachmittags bin ich mit ihr auf dem täglichen Hundespaziergang hoch nach Atzelsberg. Auf dem Heimweg gehe ich gerne auf einen Quarkkuchen mit Sahne ins Brazil. Heute treffe ich Ingo und setze mich zu ihm. Mira darf neben mich aufs Sofa:
„Wie laufen die Proben?“, fragt er mich.
„Die laufen gut. Es wird, wie ich es mir vorgestellt habe. Ein Fokus auf die Täter, diese ewigen feigen Mitläufer.“
„Das ist wohl Dein besonderes Thema“, sagt er mit einem spöttischen Grinsen.
„Nun ja“, erwidere ich. Da kommt der Fahrer der Drei-fünf und setzt sich, um mich nicht zu unterbrechen, mit einem Begrüßungsklopfen auf die Tischplatte schweigend neben uns. Da, mitten in meinen Gedanken, fällt mir endlich sein Name ein: Martin.
„Das mit den Mitläufern ist wirklich ein wichtiges Thema. Sie verstärken das Schlechte und behindern das Gute. Es sind Menschen ohne Charakter.“ Mein Kaffee kommt und ich widme mich erst mal meinem leckeren, saftigen Quarkkuchen.
„Meinst Du nicht, es könnte Angst sein, weswegen sie immer in der Menge mit dem Strom schwimmen wollen, Angst, aufzufallen?“, wirft Martin ein.
„Da muß ich Dir sofort widersprechen“, antworte ich mit vollem Mund, „es ist halb richtig, es ist nicht Angst, sondern Feigheit!“
„Da ist ein feiner Unterschied, der ist wichtig“, sagt Ingo.
„Mir ist bei den Proben und Besprechungen etwas aufgefallen“, fange ich an und habe dabei wieder meine ‚Es ist wichtig‘-Stimmlage:
„Die Schauspieler wissen oft nicht, was ich meine. Denen ist das Problem „Mitläufer“ völlig unbekannt. Ich habe darüber nachgedacht. Es ist vielleicht der Stoff zu einem größeren Stück. Ihre Eltern waren die Generation der 68er, ganz besonders in Westberlin. Dort waren die besonders aktiven 68er. Die Schauspieler hier sind doch die Kinder dieser Generation? Warum haben die Eltern nicht das Wissen an ihre Kinder weitergegeben? Ich weiß noch genau, wie wir in Weimar im Café Resi gesessen und stundenlang vor einem Glas Tee vorsichtig und leise über die Studenten in Westberlin geredet haben. Uns war das Problem nicht nur klar, wir erlebten die Auswirkungen täglich. Wieso, hier, wo man laut und offen reden kann, geht das Wissen darüber verloren?“
„Weil die Studenten hier keinem Druck und Zwang ausgesetzt sind.“, sagt Martin.
„Stimmt nicht!“, unterbricht ihn Ingo: „Denk an den Radikalenerlaß“, und haut dabei auf den Tisch.
„Aber der betrifft nur die Aktiven. Mitläufer merken den nicht mal.“, sagt Martin.
Mir kommt ganz langsam ein ganz anderer Zusammenhang in den Sinn:
„Es ist die Wahrhaftigkeit, die den Mitläufern fehlt, von der sie wahrscheinlich nicht mal etwas wissen!“
„Wie meinst Du das?“, fragt Martin.
„Wahrhaftig zu leben ist der wahre Glanz des Lebens. Ein Mitläufer zu sein, ist doch langweilig, öde, hat keine Energie!“, erwidere ich, „da Mitläufer diese Erkenntnis nicht haben, leben sie halt lauwarm vor sich hin. Tiefe, Ernsthaftigkeit und die daraus entstehende Freude kennen sie nicht.“
„Und woher hast Du die Erkenntnis vom Glanz des Lebens?“, fragt Martin und hat einen leicht spöttischen Gesichtsausdruck.
„Ich war mal lange in einem halbdunklen Raum eingesperrt, ohne Kontakt nach außen. Da hatte ich plötzlich, aus dem Nichts, dieses Wissen in mir.“
Martin schaut fragend auf Ingo.
„Er war lange im Knast bei der Stasi“, antwortet Ingo und redet weiter:
„Was sind eigentlich Mitläufer? Zählen dazu auch schon die Trottel, die jeder Strömung nacheifern? „Werden die Schuhe spitz, brauchen sie spitze Schuhe, werden die Krawatten breit, ziehen sie breite Krawatten an?“
„Nein“, erkläre ich, „Mitläufer sind die, die einer Anordnung Folge leisten, ohne deren Sinn zu hinterfragen. Sich beugen, ohne Rückgrat leben. Denk an die Volkszählung, es sind nur wenige Volkszählungsgegner, die sich verweigern und zum Beispiel keinen Personalausweis abholen. In Ostdeutschland die SED, da ist es überdeutlich: Sie gibt die Sprachregelung vor, wie Ostdeutschland zu heißen hat, immer als „unsere Republik“, und davon gibt es noch viele weitere Sprachbeispiele. Wer sich nicht daran hält, wird benachteiligt. An der Sprache kann man erkennen, wer sich nicht systemkonform benimmt. Sprachregelungen, damit haben schon die Nazis Druck ausgeübt. Dieser Druck ist es, und die, die sich beugen, das sind die üblen Mitläufer, und die gibt es überall. Mal mehr, mal weniger, je nachdem, wie viel Druck in der Gesellschaft ausgeübt wird. Und Themen dazu gibt es immer und immer wieder. Nur nicht auffallen, immer in der Menge mitschwimmen.“
Martin schaut mich an und versucht, mich zu unterbrechen:
„Erkenntnis durch Leiden zu erreichen, das steht bei Fjodor Dostojewski: ‚Aufzeichnungen aus dem Kellerloch‘ heißt das Buch. Das solltest Du lesen und dann mußt Du mir erzählen, wie das bei Dir war.“
„Ja“, antworte ich ihm, muß meinen Gedanken zu Ende bringen:
„Wir lügen uns selbst an und tun so, als ob wir bestimmt auch wie die Geschwister Scholl gehandelt hätten. Dabei sind auch wir oft nur Mitläufer. Ich weiß, man kann nicht überall aktiv sein.“
Ingo zündet sich, nachdem er sie, um den Tabak besser zu stopfen, umständlich mit der Spitze auf den Tisch geklopft hatte, eine seiner blauen Gauloises an. Nach dem ersten Zug schaut er mich wissend an und sagt:
„Du sagst doch immer, unser Verhalten stammt aus der Tierwelt, dessen müssen wir uns immer bewußt sein. Mitläufer sind notwendig, damit im Rudel, in der Gruppe, der Horde nicht ständig Rangkämpfe stattfinden. Wenn alle Alphatiere wären, würde die Gruppe zerfallen. Vielleicht gibt es ein Mitläufergen?“
Ich schaue auf die Uhr, höchste Zeit. Ich muß Mira heimbringen und füttern und dann die Zwo-sieben übernehmen.
„Bis nachher!“, mit einem Klopfen auf den Tisch verabschiede ich mich, klemme mir Mira unter den Arm, zahle im Vorbeigehen am Tresen und laufe heim.
Drei Tage vor der Premiere trafen Isas Eltern ein. Sie nahmen sich ein Zimmer in der Nähe im Hotel. Isa rief in der Zentrale an und ließ mir ausrichten, doch bitte kurz mal daheim vorbeizukommen, Besuch wäre da. Als ich in der Nähe war, ging ich heim, um sie zu begrüßen.
Im Überschwang der Erregung, weil ich etwas besonders Erfreuliches berichten wollte, sagte ich:
„Heute war ich schon zweimal im Puff“, was erst Verwunderung, Erstaunen und dann, als ich es auflöste, es ist doch mein dickes Trinkgeld gemeint, Gelächter erzeugte.
Die Generalprobe lief fast fehlerfrei durch …
Heute, es ist der 26.4.1983, haben wir Premiere im Markgrafentheater Erlangen. Alle sind nervös. Die Zwo-sieben bleibt stehen, der Tagfahrer und sogar der Unternehmer sind mit im Theater. In letzter Minute kommt sogar Isas Bruder aus Westberlin an. Das Haus ist nicht ausverkauft, aber voll. In der Garderobe Nervosität und das gegenseitige „Toi, toi, toi“ über die linke Schulter. Dann: Es läuft gut, kein Patzer!!!! Am Schlußbild, als pantomimisch den Zuschauern die Schuhe ausgezogen und mit auf die Bühne gestellt werden, kommt es zu einem vielsagenden Ereignis: Wegen der bedrückenden Intensität, ausgelöst auch durch den düsteren Anfang der Matthäuspassion, gibt es Szenenapplaus.
„Applaudieren die Zuschauer ihrer eigenen Anklage?!“, geht es mir dabei durch den Kopf.
Am Schluß bekommen wir riesigen Applaus, drei Vorhänge. Isa wird mit auf die Bühne gebeten, bekommt große Blumensträuße, blüht unter dem Applaus regelrecht auf. Dabei entsteht auf ihrem Gesicht ein besonders helles Strahlen, wie ich es vorher bei ihr noch nie sah.
Natürlich haben alle ihre Familie und Freunde dabei. In der Garderobe gibt es viele Umarmungen, danach gehen wir zur Premierenfeier ins benachbarte Theatercafé. Wir laden ein zum Umtrunk und Anstoßen, das Weitere muß jeder allein zahlen. Die Abrechnung machen wir die nächsten Tage mit dem Theater.
So haben wir eine ganze Woche jeden Tag Vorstellung und immer ist es sehr gut besucht. Viele Schulklassen, nicht nur aus Erlangen, sondern aus dem ganzen Landkreis. Wir konnten sogar an die Schauspieler Abendgagen zahlen. Die Kritik im Erlanger Tageblatt ist zwiespältig. Nur Bernd als Soldat, der Trommler mit seiner Pantomime und der auf Tatterich gemachte Pfarrer bekommen Lob. Meine Dramaturgie wird als bemerkenswert bezeichnet. Was soll ich darunter verstehen? Gut oder schlecht? Isa als Regisseurin heißt es, sei gut, aber farblos. Na, was nun? Wir geben auf die Kritik nichts und freuen uns: Es ist ein Erfolg!
Wir, das Zwischenspieltheater, wir machen weiter!
Wissen wächst von Generation zu Generation.
Weisheit muß sich jede Generation erarbeiten.
Zum Kapitel 32: Reise nach Paris