32 Paris

Es war heute Mittag, ein wunderschöner Sommertag. Wir lagen zusammen am Möhrendorfer Weiher in der Sonne.
Ich sagte zu Isa:
„Ich spüre bei Dir eine tiefe Traurigkeit, sogar wenn Du fröhlich bist. Ich vermisse bei uns das tiefe Gefühl, in die Seele des anderen zu versinken, wenn man sich lange intensiv in die Augen schaut.“, und habe sogar weiter gefragt:
„Warum stellt sich das nicht ein?“
Keine Antwort, sie verschloß ihr Gesicht, drehte sich weg und war länger nicht ansprechbar.
Es kam später wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Eigentlich war die Verstimmung zwischen uns wieder vorbei und vergessen. Wir sitzen harmonisch im Biergarten, als Isa mich informiert:
„Ich werde ausziehen und habe auch schon eine neue Wohnung gefunden. Ich ziehe an der Ecke Schillerstraße mit in eine WG. Das sind alles Burschenschafter, aber ich bekomme das Zimmer mit dem wunderschönen Wintergarten und dem kleinen Vorgarten.“
Ich bin erschrocken, vermute erst einen Zusammenhang mit meiner Frage nach der Innigkeit, aber das konnte nicht sein, eine Wohnungssuche ist eine längere Entscheidung. Trotzdem, es hatte keinerlei Anzeichen dahingehend gegeben. Kein Gespräch. Nichts.
Ich erstarre, es ist kein Lächeln mehr möglich. Wortlos fahren wir heim. Ich füttere Mira und gehe viel zu früh ins Brazil, um die Zwo-sieben zu übernehmen. Noch nie habe ich Adele dort gesehen. Sie sitzt auf dem Sofa, einen großen Kaffee vor sich. Ich gehe auf sie zu:
„Darf ich mich zu Dir setzen?“, frage ich und bestelle mir am Tresen einen Kaffee.
„Bitte, klar, setz Dich.“
Ihr Lächeln hat die Wärme verloren. Es hat eine fremde Strenge um Mund und Nase, auch die Augen sind anders. Ich kann nicht sagen wie, aber sie sitzt hinter einer Wand. Unsere sonstige Vertrautheit, eine Verbundenheit, seit sie mir so nah war, als sie am ersten Abend in Erlangen meine Hand nahm und verstand, wie mich mein großer Bruder verraten hatte, war alles erloschen. Ich würde mich jetzt nicht trauen, ihre Hand zu nehmen. Wir reden Belangloses. Dann, weil mir das Herz überläuft, rede ich über den Nachmittag am Weiher:
„Isa zieht aus. Sie hat schon eine neue Unterkunft gefunden. Es gab keine Vorzeichen, keine Andeutungen, keine Gespräche.“
„Manchmal kommen Umwälzungen ohne Voranmeldung, beginnt ein neuer Abschnitt und erst viel später versteht man den Zusammenhang“, antwortet Adele und ihre Stimme ist manieriert, als ob sie sich Mühe gibt, ordentlich zu sprechen. Es ist nicht mehr ihre mir vertraute Stimme. Jetzt hat sie eine gekünstelte, nasale Oberstimme. Sie trinkt ihren Kaffee aus, legt das Geld dafür neben die Tasse und geht, ohne sich umzudrehen, grußlos zur Tür.
Sind es immer Zufälle, wenn mir Ereignisse, Gefühle oder Gedanken genau wie eine Nachricht, wie ein Hinweis aus einer anderen Welt erscheinen? Fange ich an, zu überlegen. Einerseits ja, aber andererseits nein, da ich diesen Zusammenhang erst herstelle!
Meine Gedanken drehen sich weiter. Hat der Hinweis etwas mit mir zu tun oder bezog sich Adele auf ihr Leben, auf ihre Abtreibung, die bei ihr alles umwälzte? Die Kellnerin bringt meinen Kaffee, nimmt Adeles Geld und die leere Tasse mit.
Ich versuche, meine Gedanken zu ordnen, denke zurück an den Nachmittag, an meine direkte Frage, und sehe auf einmal die ganzen letzten Monate in einem andern Licht vor mir:
Einen Anschluß an Andorra gab es nicht. Dann waren Semesterferien, unsere Truppe zerstreut, unterwegs oder auf Ferienjobs. Ich wollte zur Festigung unseres Erfolges und um ein Finanzpolster für die Truppe anzulegen ein weiteres populäres Stück inszenieren. Isa ließ nicht mit sich reden. Sie bestand auf „Operetka“, einem Bühnenstück von Witold Gombrowicz, einem in Frankreich lebenden polnischen Autor. Ihre Magisterarbeit sei über polnisches Theater und über ihn. Es war auch nicht möglich, eine Diskussion zu führen. Sie hielt es nicht für notwendig, ihre Entscheidung zu erläutern. Meine Mitarbeit an der neuen Inszenierung, einfach nicht gewollt, nichts dahingehendes möglich. Es war alles auf einmal ganz ihr Eigentum. Ich verstand es nicht! Wieso diese Wand? Wie alles plötzlich an ihr versteinerte und warum? Ich wußte schon, in einem normalen Gespräch mit ihr war Kritik nicht möglich, nur eingepackt in sehr viel Lob. So gingen unsere Gespräche oft nur um Belangloses, Nebensächlichkeiten, Dinge des täglichen Lebens. Nie um Dinge der Seele, des Fühlens oder der Wahrhaftigkeit.
So etwas wie: Mira sollte einmal werfen und Welpen haben dürfen. Dazu fragen wir die Wirtin vom ‚Kaiser Wilhelm‘ am Lorlebergplatz. Sie hatte, wie wir in ihrem Biergarten sahen, einen passenden Dackelrüden. Sie war einverstanden, wir vereinbarten, Miras nächste Hitze abzuwarten. Das wurde eine tolle Hundehochzeit. Erst ein Versuch im Biergarten, aber die beiden tobten zu stürmisch zwischen den Biertischen herum. Ich nahm beide mit auf einen Spaziergang zum Atzelsberg. Dort konnten sie sich austoben und hatten eine gute Zeit miteinander. Als dann die Welpen kamen, Isa in der Zentrale anrief und Bescheid gab:
„Die Geburt geht los!“, es über Funk Gratulationen regnete, bis ich klären konnte: Der Dackel war gemeint. Als nach ein paar Wochen ein junger Mann im Vorbeigehen sich durch den Zaun aus dem Vorgarten einen spielenden Welpen griff, Isa den jungen Mann noch verschwinden sah, wieder in der Zentrale anrief und damit eine riesige konzertierte Suchaktion bei allen Taxifahrern auslöste. Jemand sah den Typen in einen Bus einsteigen, meldete Nummer und Ziel, ein anderes Taxi konnte folgen, meldete, wo er ausstieg, ich es schaffte dem Bus bis in ein umliegendes Dorf zu folgen und konnte dort gerade noch den jungen Mann in ein Haus gehen sehen. Ich klingelte, seine Mutter öffnete, stellte ihren Sohn zur Rede und gab mir den Welpen wieder zurück.
Was waren wir uns nah!
Ja, in solchen Momenten war alles gut.
Später, als die Welpen groß genug waren, alle ein neues Zuhause fanden, wollte Isa unbedingt diesen einen behalten.

Anfang der Sommerferien fuhren wir, weil ihre Eltern und Geschwister wieder nach Kanada geflogen waren, nach Allagen, um nach dem Haus zu schauen und die Dackel zu betreuen.
Ich wollte nicht einfach nur nichts tun. Der goldfarbene Golf, den Isa von ihrem Großvater bekommen hatte, war an den Türen unten, am Kotflügel und den Radläufen rostig. Es gab bereits blühende Rostnester. Ich fuhr nach Soest in den Baumarkt und kaufte Grundierung, einige bunte Spraydosen, viel Schmirgelpapier für den Schleifaufsatz der Bohrmaschine und zwei Rollen Abklebeband. Ich band mir als Mundschutz ein altes Geschirrtuch um und machte mich ans Entrosten. Schmirgeln bis aufs Blech, es dürfen keine braunen Flecken mehr zu sehen sein. Dann die Grundierung. Als das fertig war, hatte ich eine sehr ungleichmäßige untere Fläche an der Tür und den Kotflügeln. Da kam mir die Idee, verschiedenfarbige steile Dreiecke aufzusprühen. Ich klebte also ein großes Zickzackmuster auf und sprühte, schön vorsichtig, damit sich keine Farbnasen bilden, die Farbe auf. Zum Schluß sah es fast wie eine bunte Berglandschaft um den Golf herum aus. Drei Tage Arbeit. Ich fühlte mich großartig. Habe den Golf vor dem Verrosten bewahrt. Ich konnte es einfach nicht mit ansehen, wie das schöne Auto vergammelte.
Abends waren wir unten im Dorf bei „Rissen Walter“, saßen am Tresen und trafen Isas alten Klassenkameraden. Uli, er wohnt eine Querstraße über ihnen, ist jetzt beim Bund Sanitäter und will Medizin studieren, war wohl mal verliebt in Isa und wie sie erzählten, ist er mit seinem Auto neben ihr hergefahren und hat sie heimgebracht. Warum sie nicht eingestiegen ist, bleibt unerwähnt.
Tage später tauchten nacheinander zwei Andreas auf. Die Erste, eine kleine blonde nette Lustige, die uns herzlich in den Arm nahm und ganz aufgekratzt war. Sie redeten viel über Schule und andere Klassenkameraden und wo diese studieren. Dann erzählte sie, sie hätte vor einem Jahr ihren Vater gefunden, im Wald an einem Baum. Warum er das tat? Sie weiß es nicht genau.
Die andere Andrea, schlank, elegant gekleidet, sehr dominant, brauchte Aufmerksamkeit, ist ganz wichtig. Sie hatten, lange ist es her, beide den gleichen jungen Mann gut gefunden, hörte ich aus ihrem Gekicher heraus.
Es passierte ein riesiges Unglück. Mira und der Welpe gingen gemeinsam gerne stromern. Isa bat mich dringend, darauf zu achten: Sie müssen immer an die Leine. Dann geschah es: Als ich beiden die Leine anlegen wollte, unvorsichtiger Weise die Haustür zu früh öffnete, sausten unsere beiden zwischen meinen Beinen hindurch und verschwanden im Wald. Stundenlang liefen wir suchend, rufend durch den Wald bis hinunter zur vielbefahrenen Möhnestraße. Viele Stunden später kam Mira allein zurück. Von einem Nachbarn erfuhren wir, auf der Möhnestraße liegt ein überfahrener Hund. Es war der Welpe. Er war völlig platt, nur am Fell noch zu erkennen. Mira hatte wohl lange an seiner Seite gesessen und ist dann erst heimgekommen. Wir beerdigten den Welpen im Garten.
Ein paar Tage später übernahm Isas Bruder, der aus Westberlin angereist kam, die Haus- und Hundebetreuung. Wir fuhren zurück nach Erlangen.
Es ist ein sehr warmer Sommer. Wir fuhren oft zum Baden raus, hatten einen ganz abgelegenen Weiher in der Nähe von Mechelwind gefunden. Dort waren wir glücklich, lasen viel und schmusten heftig in der Sonne.
Trotz dieser Nähe, trotz dieses Glücks ist mir die Frage nach der fehlenden tiefen seelischen Verbundenheit, warum wir sie nicht haben, einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich habe mich aber nicht getraut, zu fragen. Immer wieder dachte ich darüber nach, ob es etwas mit meinen Genen oder Hormonen zu tun hat. Isa behauptete stur, unsere Probleme hätten nur etwas mit mir, mit meinem Knast und NVA zu tun. Das glaube ich nicht. Vielleicht hat es etwas mit Isa zu tun? Ob sie kein Vertrauen und keine Nähe aufbauen kann? Vielleicht ein schweres Ereignis in ihrer Kindheit? Mir warf sie mehrfach vor, ich hätte, als wir vor sehr langer Zeit, ganz am Anfang, Isa wohnte noch in ihrer WG, auf einer Fete, zu der wir getrennt und ohne es voneinander zu wissen gegangen waren, mit einer anderen Frau geflirtet. Sie hätte mich im Nachbarzimmer hören können. Wie sollte sie dann Vertrauen haben? Diese und ähnliche Vorwürfe wiederholte sie oft. Ein Archiv der Sünden! Meine Einwände zu damals, wir seien lustig gewesen, hätten aber nicht geflirtet, hört sie nicht, nimmt sie nicht auf, geht nie darauf ein. Auch bei anderen Sachen: Meine Argumente dringen nicht in ihr Bewußtsein vor, werden nicht wahrgenommen. Diese Gespräche endeten im Nichts.
Warum werden meine Antworten nicht zur Kenntnis genommen und wurden vollständig verweigert? Es hat mich verunsichert. Ich habe überlegt: Habe ich damals doch geflirtet? Ich weiß, es ist ein starker Zwang, wenn eine Frau mich anflirtet, ob ich will oder nicht. Ich gehe darauf ein, um zu beweisen? Ja, was eigentlich? Es ist mir sehr oft passiert und oft habe ich mich über mich geärgert.
Mir fällt auf, früher bei Renate oder Gudrun war das nicht so. Da hatte ich einfach kein Bedürfnis, mit jemandem zu flirten. Mit beiden hatte ich eine innige Verbundenheit, die bekomme ich mit Isa nicht zustande. Bleibt bei mir das Suchen aktiv, weil ich keine tiefe Verbindung finde?

Es hupt, die Zwo-sieben steht vor der Tür und reißt mich aus meiner Grübelei. Ich zahle am Tresen und gehe hinaus, um sie für die Nachtschicht zu übernehmen. Heute ist ein ruhiges Abendgeschäft, wenig Laufkundschaft.
Es ist gegen Mitternacht, da ist es unklug, auf einem Außenstandplatz stehen zu bleiben. Alle Fahrten gehen von der Innenstadt aus. Ich bleibe aber am Standplatz Europakanal stehen, einfach um stehen bleiben zu können. Im Radio senden sie Brahms’ 4. Sinfonie e-moll. Ich liebe sie. Dieser wunderbar wiegende Auftakt nimmt mich auf und als ob sich eine Verkrampfung im Gehirn lösen muß und einen Ausgang sucht, verzieht sich dabei mein Gesicht. Die Zentrale funkt und ruft:
„Standplatz Europakanal, ist jemand Raum Europakanal?“ Ich melde mich nicht. Geht nicht, will nicht! Dann schickt die Zentrale einen Wagen vom Lutherplatz los.
Wenig später funkt jemand:
„Die Zwo-sieben steht am Europakanal.“
Das geht alles an mir vorbei. Brahms steigert sich. Das weiche Wiegen der Melodie geht über in hartes Streichertutti, um dann wieder leise wiegend zu einer neuen Runde anzusetzen. Es steigert sich von Runde zu Runde. Jetzt unterstützen im Tutti sogar die Pauken. Vielleicht war nach Andorra, Isas Weigerung einer konstruktiven Zusammenarbeit, ihrem harten Bestehen auf Operetka, dem nicht mal anzuhören meiner Argumente der Wendepunkt und ich habe es nicht bemerkt? Vielleicht hatte ich mir schon in Florenz, als sie auf meine Träumerei von Molière nicht antwortete, etwas vorgemacht?
Eine Erkenntnis:
„Ich bin leichtgläubig, vor allem in Dingen, die so sind, wie ich es mir wünsche.“
In Brahms' dramatischen Steigerungen sind die Blechbläser als Unterstützung mit eingestiegen.
Tiefes Brummen der Baßgeigen eröffnet eine neue Runde, die von den Flöten erst leicht und deutlich dissonant übernommen wird. Warum diese Dissonanz? Bei Beethoven hat Wucht etwas Klares, Befreiendes, hier ist Wucht dumpf, erdrückend, beängstigend.
„Wenn man nicht mehr selbst denken kann, ratlos ist, dann sollte man der Musik die Führung im Gehirn übergeben!“
Ich habe es nicht bemerkt, die Eins-neun steht neben mir. Ingo ist zu mir ins Taxi gestiegen, greift mir ans Armaturenbrett und schaltet das Taxilicht aus. Schweigend hören wir den letzten Aufstieg zu einer wuchtigen Endrunde, bei der die Melodie aus den Violinen an die Bläser übergeben wird, um dann in einem tobenden Finale, einem Pauken-Trompeten-Posaunen-Höhepunkt, zu enden.
Dann beendet er seinen Satz:
„Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann höre ich Mahlers Fünfte.“ Und fragt nach einer langen Pause.
„Was ist los?“
„Isa will ausziehen und hat schon eine neue Bleibe. Sie hat nicht mal Andeutungen gemacht. Einfach bums: „Ich ziehe aus“, und eisernes Schweigen.“, antworte ich.
„Das ist hart. Nach den vielen Streitereien ist es auch gut. Ihr paßt wirklich nicht zusammen. Das habe ich Dir öfter gesagt. Eventuell habe ich eine gute Nachricht, aber das kann ich erst morgen sagen. Vielleicht wird dann vieles anders. Laß dich überraschen. Und jetzt laß uns noch ein bißchen Umsatz machen. Auf geht’s“, und er schaltete mein Taxilicht wieder ein und geht zurück zur Eins-neun.
„Recht hat er!“, sage ich laut vor mich hin und starte Richtung Lutherplatz. Dort ist jetzt der Umsatz!
Mir ist nicht nach Heimgehen. Ich bleibe, bis auch der Morgenflieger nach Berlin durch ist. Dann stelle ich die Zwo-sieben vors Brazil und gehe die paar Schritte in die Luitpoldstraße. Es fällt mir jeder Schritt schwer. Wenn ich die Treppe hochkomme, höre ich normalerweise bereits Mira, die durch ihren Freudentanz zu hören ist. Heute ist es still. Als ich die Tür öffne: keine Mira, Isas Sachen alle weg. Sie war gestern Abend schon ausgezogen und hat sogar Mira mitgenommen.
Wir waren schon öfter getrennt, wenn ich in Italien oder England und sie in Schwabing oder bei ihren Eltern, auch als ich eine eigene Wohnung hatte. Wir hatten einen Spaß daraus gemacht und gesagt, wir sind solange zusammen brutto und solange netto. Aber noch nie so abrupt, ohne Kontakt. Ich lege mich ins leere Bett und es zerreißt mich:
„Hier kann ich nicht bleiben. Hier tut mir alles weh!“, brülle ich laut heraus und es ist eine kleine Erleichterung. Dann muß ich über Isas Gefühlssperre nachdenken. Sie hat etwas Unnatürliches, mehr als Trotz oder Dickkopf. Da ist etwas tief drinnen blockiert.
Gegen Mittag werde ich wach, gehe an Isas neuer Wohnung vorbei. Höre Mira jaulen, aber es ist niemand zu sehen. Am liebsten würde ich die Tür aufbrechen und mit Mira spazieren gehen. Ich rede Mira von außen gut zu und gehe weiter ins Brazil. Aber ich kann nicht ruhig sitzen und laufe zu Ingo in die Cedernstraße. Beim Bäcker hole ich Croissants und steige durch das alte, schäbige Treppenhaus hoch zu seiner 2-Zimmer-Wohnung mit Klo und Dusche auf dem Flur. Ich klopfe zweimal und dann öffnet er verschlafen, in einem alten Frottee-Bademantel, die Tür.
„Koch mal Kaffee“, und er deutet auf eine Kaffeekanne, auf der noch der Filter von gestern steckt. Ich finde Kaffee, Filter und einen Wassertopf. Ingo verschwindet über den Flur zur Dusche. Die Wohnung ist hell, hat große Fenster nach Westen mit Blick über die Dächer. In der Ecke steht ein riesiger Filmscheinwerfer. 2 KW bestimmt. Eine Sitzecke aus einzelnen Segmenten, davor bunte Würfel zum Sitzen und ein niedriger Tisch. Längs unter dem Fenster eine durchgehende Tischplatte voller Notizen, Bücher, Prospekte und überall Aschenbecher, Bierflaschen und mehrere Bücher, zu Türmen aufgestapelt. An der Wand, direkt auf dem Boden, eine Matratze und das Bettzeug.
Gleichzeitig mit dem fertigen Kaffee kommt Ingo aus der Dusche. Ich spüle uns zwei Tassen und stelle alles auf den niedrigen Tisch.
„Was ist los?“, fragt mich Ingo.
„Du hattest gesagt, ich könnte bei Dir wohnen. Ich habe es zuhause nicht ausgehalten. Isa ist bereits gestern Nacht ausgezogen und hat auch Mira mitgenommen.“
„Na klar, da hinten in der Kammer ist Platz für ein Bett.“ Ich schaue es mir an. Es ist ein Schlauch mit Fenster zum Hof. Die eine Seite: ein Regal voller Kartons und Bücher. Ich sage zu mir: „Das ist eine Übergangslösung.“ Und dann sieht es nicht mehr trostlos aus, sondern wieder hoffnungsvoll.
„Ich würde es nehmen, ein Bett habe ich noch aus der Elisabethstraße im Keller und sonst habe ich wirklich nur zwei Taschen mit Sachen. Die Miete teilen wir uns.“
„Abgemacht!“, sagt Ingo, und wir schütteln uns zur Bestätigung die Hand.
Mit seiner Morgenzigarette im Mund deutet er auf ein Filmprospekt und sagt:
„Mit denen habe ich Kontakt aufgenommen, eine Berliner Filmproduktion, die drehen hier demnächst einen großen Film, 90 Minuten, 35mm, und soll auf der Berlinale gezeigt werden. Morgen sagen sie mir, ob sie uns als Fahrer nehmen. Ich wollte Dich überraschen. Das Taxifahren muß aufhören, sonst enden wir wie Ahmed als Unternehmer. Um Dich auf andere Gedanken zu bringen, gehen wir heute Abend ins Kino. Im ‚Manhatten‘ läuft ‚Die Amerikanische Nacht‘ von François Truffaut.“
Mit einer weiteren Zigarette redet er weiter:
„Es geht ums Filmemachen und der Titel bezieht sich auf einen Filmeffekt, bei dem mit einem Blaulichtfilter Tagaufnahmen zu Nachtaufnahmen gemacht werden.
Ich gehe heim, hole meine Sachen, bringe mein Bettgestell, die Matratze, das Bettzeug, meine zwei Taschen, meine Schreibmaschine mit dem Käfer zu Ingo und mache jedes Mal den Umweg, um nach Isa und Mira zu schauen. Die Wohnung bleibt dunkel, auch Isas Golf ist nicht zu sehen. Dann bringe ich einen Zettel zur Zentrale: ‚Kleine Wohnung möbliert, frei ab sofort‘. Die Zentrale nimmt ihn und hat auf der Stelle einen Nachmieter.
Der Truffaut-Film, die ganze damit verbundene Filmwelt bringt mich tatsächlich auf andere Gedanken. Ich habe doch Träume und Ziele jenseits des Zwischenspieltheaters?!
Manchmal weiß man vorher nicht, wenn sich etwas ändert, man etwas nie wieder tut. Aber heute: Ich spüre es, sind nur noch Tage, dann ist Taxifahren ade und es macht mich auf einmal in all der Traurigkeit fröhlich.
Meine Nacht ist voller Grübeln, der Boden unter meinen Füßen wackelt, ich fühle mich einsam. Es war mein Zuhause, mich zu Isa und Mira ins Bett zu legen. Jetzt ist es verloren, total anders, als es bei meinen Reisen war. Warum? Habe ich Liebe mit „ein Heim haben“ verwechselt?
Am Morgen stelle ich die Zwo-sieben vors Brazil, kaufe beim Bäcker zwei Tüten frische Croissants, lege eine bei Isa vor die Tür und gehe mit der anderen in den Xaver, wo Ingo auf einen Absacker sitzt. Ingo ist in seinem Element, erklärt wieder dem Schankkellner Rudi mit großen Gesten Kameraeinstellungen, hält dabei in unterschiedlicher Entfernung seine Hände, die mit Zeigefinger und Daumen zu einem Fenster geformt einen Bildausschnitt andeuten:
„Die Einstellung ist die Einstellung!“
Ich muß es nicht bestellen, Rudi stellt mir ein Helles hin. Er weiß es einfach: Ingo trinkt immer Pils, ich immer ein Helles.
Ingo läßt sich nicht unterbrechen und deutet mir nur an:
„Den Job haben wir, ich habe es gerade erfahren.“

Aber bis dahin fahren wir noch 6 Wochen Taxi. Meinem Unternehmer habe ich das angekündigt, er hat mir herzlich viel Glück gewünscht. Bei Ingo habe ich mir die Küche vorgenommen, Generalputz gemacht: nicht immer nur die Tasse abspülen, die man braucht. Ingo sah sich daraufhin genötigt, zu kochen, und das konnte er sehr gut. Seine Lendenbraten mit Bandnudeln oder Reis waren zart, die Soße cremig – lecker, lecker, lecker. Da habe ich gerne Abwasch gemacht. Ingo wollte mir Mentor sein, mir große Filme näherbringen, und wir fahren extra nach Nürnberg um „2001: Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick zu sehen. Ingo erklärt, es beginne mit der weitesten je in einem Film gemachten Überblendung. Am Anfang würden mehrere Millionen Jahre zusammengefaßt in einer Sequenz. Der Wurf eines Knochens, unterlegt mit der bombastischen Musik aus „Also sprach Zarathustra“, blendet über in ein sich langsam im Dreivierteltakt der ‚Blauen Donau‘ drehendes Raumschiff. Will Kubrick uns sagen: „Das tragen wir alles in uns.“ oder will er uns nur sagen: „Toll, wie wir uns entwickelt haben?“ Das kann ich nicht beantworten.

Einmal funkt mich die Zentrale an, es sei ein Brief für mich abgegeben worden. Es war der Nachmieter aus der Luitpoldstraße, der ihn abgegeben hatte. Der Brief kam von Renate. Sie möchte ihre Pakete zurück. Sie hätte jemanden kennengelernt, sie würden heiraten. Er sei auch im Knast gewesen, auch Republikflucht, sei aber zurück entlassen worden. Als ich das las, ist mir regelrecht schlecht geworden. Nicht wegen der Pakete, sondern weil ich wußte, was das „zurück entlassen worden sein!“ bedeutet. Es ist schlimmer als der Tod. Es zerbricht die Seele. Im Stasi-Knast muß man stark sein. Wie ein echter tiefer Schmerz durchfuhr es mich. Für einen Moment wünschte ich: Ach, wäre ich mit in seiner Zelle gewesen, ich hätte ihm die fehlende Kraft geben können. Ich holte die im Keller in der Luitpoldstraße eingelagerten Pakete und brachte sie zur Post, als Zieladresse: Dimitroffstraße, Prenzlauer Berg, Ostberlin.
Nach Tagen: Endlich sehe ich Licht in Isas Wohnung und klingele – nichts – dann klopfe ich mehrfach an die Tür, höre Mira bellen, endlich öffnet Isa. Sie lächelt mich an, als ob es das Normalste auf der Welt ist.
„Ich möchte Mira zum Spaziergang abholen.“ Etwas anderes fällt mir nicht ein.
„Klar, gerne, warte, ich hole die Leine“, und Mira huscht an Isa vorbei und begrüßt mich mit einem jaulenden Freudentanz. Als ich Mira an die Leine nehmen möchte, kann ich kaum den Karabiner öffnen, so zittern mir die Hände. Ich verschwinde so schnell es geht. Erst im Wald kann ich nachdenken. Alles hatte ich erwartet: ein böses Gesicht, angeschrien zu werden, die Tür nicht zu öffnen, aber Lächeln und mir meine Mira zu geben, nein, so etwas hatte ich nicht erwartet. Im Laufen, wieder ruhig geworden, erinnere ich mich an meine schon mehrfach erfolgreiche Strategie: loben und nochmals loben und Komplimente. Und wie ich es mir vorgenommen hatte, mache ich es. Als ich Mira zurückbringe: keine wirklichen Fragen, lobe das schöne Zimmer und den wunderbaren Wintergarten mit den bunten Glasfenstern und mache Komplimente:
„Du siehst heute ganz besonders bezaubernd aus!“
Als Antwort fragt sie mich:
„Möchtest Du mit Mira morgen wieder spazieren gehen?“
„Ja, gerne, die gleiche Zeit?“
„Ja, die gleiche Zeit, dann bis morgen. Ach, danke für die Croissants.“

Unsere Beziehung normalisierte sich im Laufe der nächsten Tage. Nur nicht erwähnen oder daran denken, es gäbe da etwas zu besprechen. Das sage ich mir immer, wenn mir Fragen nach dem Warum auf der Zunge liegen. Ab und zu schlafen wir zusammen, mal nachmittags, mal sogar über Nacht. Der Hund und die körperliche Nähe. Mehr gibt es nicht, kein Zwischenspieltheater, kein auch irgendwie sonstiges Thema. Sie freut sich für mich, demnächst einen tollen Job beim Film bekommen zu haben, und bestätigt, es sei gut, das Taxifahren zu beenden. Von sich erzählte sie nichts, Nachfragen zwecklos, gefährlich und unhöflich. Im Brazil erfahre ich von einem Schauspieler, die Proben zu „Operetka“ hätten angefangen und es gäbe ständig Streit.
Ingo hat eines Nachmittags seinen Videorekorder aufgebaut, ein Laken an der Wand aufgehängt und aus der Uni einen kleinen Beamer ausgeliehen. Er will mir einen seiner absoluten Lieblingsfilme zeigen: in Schwarz-Weiß „Stille Tage in Clichy“ nach dem gleichnamigen Roman von Henry Miller.
Der Film ist toll. Das flirrende Leben in Paris. Ein Sehnsuchtsort! Ich habe noch Gudruns Worte im Ohr:
„Wenn Du im Westen bist, lies Henry Millers Roman ‚Sexus‘“, und wie sie von seiner Sprache schwärmte:
„Das ist kein nur erotischer Roman, das ist explodierende Sprache.“
Natürlich hatte ich „Sexus“ und danach „Nexus“ schon lange gelesen. Das brachte mich auf den Gedanken, man könne Schriftsteller unterteilen in solche, die schreiben, und solche, die schreiben und malen. Und sogar in solche, die schreiben und musizieren. Man erkennt es am Text. Thomas Mann zum Beispiel ist Schreiber, Henry Miller auf jeden Fall eine Besonderheit, er ist Schreiber, Maler und Musiker! Seine Texte übertragen alles: Klänge, Aussehen, Farben, Gerüche, Stimmungen und Handlung, fast als Nebensache. Die Reihung von Eigenschaftswörtern, sich zu einem Crescendo steigern zu lassen, das kann nur Henry Miller. Wir sind in einer euphorischen Stimmung, der Film, der neue Job. So beschließen wir, ein langes Wochenende nach Paris zu fahren. Auf zum Montmartre, nach Clichy und zum Centre Pompidou. Wir verabreden das nächste Wochenende und fahren mit meinem Käfer.
Bin aufgeladen mit Energie, ich sehe mehr, sehe beschwingter. Eigentlich genau gegenüber dem Eingang zu den Glockenlichtspielen und Xaver ist eine Boutique. Im Schaufenster ein weißer Damen-Nadelstreifenanzug. Mir bleibt die Spucke weg, so elegant ist der. Ich sehe sofort Isa darin. Den will ich ihr schenken. Ich frage nach dem Preis, bin erschrocken, den kann ich mir nicht leisten, und gehe wieder. Als ich ein paar Schritte gegangen bin, sage ich mir, ich würde es mir nie verzeihen, den nicht Isa geschenkt zu haben, und gehe zurück und lasse den Anzug reservieren und zahle ihn an. Auf der Bank bekomme ich Kredit, weil ich den gut bezahlten Job beim Film habe. Auf geht’s, zurück zur Boutique und sofort weiter zu Isa. Ich möchte ihre leuchtenden Augen sehen. Sie ist reserviert:
„Das ist nichts für mich, zu extravagant, zu elegant“, zieht ihn aber an. Er paßt, die Hose etwas kürzen. Es ist umwerfend: Ein ganz anderer Mensch, mit einer ganz anderen Körperhaltung, steht da vor mir, und auf einmal leuchten ihre Augen. Sie ist gerührt vor Freude. Wir nehmen uns in den Arm und es ist warm!

Wir fahren schon am Donnerstagvormittag los. Haben das Taxi früher abgestellt und ein paar Stunden geschlafen. Beim Metzger eine doppelte Brotzeit eingekauft. Es sind fast 800 Kilometer nach Paris. Natürlich Landstraße, wegen der teuren Maut. Einer fährt und der andere hat den Shell-Atlas auf dem Schoß. In den vielen kleinen Orten ständig in der Mitte ein Kreisverkehr mit Richtungsangaben, wenn etwas abzweigt, ansonsten der lapidare Hinweis: „toutes directions“. Ingo, stolz auf sein hervorragendes Schulfranzösisch, übersetzt es mir mit:
„Alle Richtungen“, und ich muß es natürlich verballhornen, es völlig falsch aussprechen und sage:
„Tuuutdireciong“, das muß ja ein riesiger Ort sein. Schau, alle Straßen führen hin. Ich dachte, das gilt nur für Rom. Wir kommen unterwegs gut ins Gespräch, landen nach einiger Zeit beim Thema Mitläufer. Ich erkläre meine Idee: Mitläufer hätten an einem bestimmten Punkt in der Kindheit beim Übergang zur Jugend die ethische Impfung von Eltern oder vielleicht ja auch Großeltern nicht bekommen. Ingo findet das komisch. Ich erkläre:
„Ich suche nach dem Moment, wenn einzelne Menschen und auch ganze Gesellschaften von passiv auf aktiv umschalten. Du hast es in Andorra gesehen.“

„Für mich hat es mit schlechten Manieren zu tun. Mitläufer, auch Opportunisten, haben einfach schlechte Manieren“, sagt Ingo.

„Mir fällt da eine Liste meiner Mutter ein, in der sie die Ausreden der Opportunisten und Mitläufer zusammengestellt hat“, sage ich und füge an:
„Sie nannte das die Proletenliste. Und Proleten nicht verwechseln mit Proletariern. Proletarier sind Arbeiter, Proleten sind Menschen ohne Manieren:
Ausrede Nummer eins und zwei
– Wenn ich es nicht mache, dann macht es ein anderer.
– Ich allein kann nichts ausrichten.
Ich habe sie alle sieben irgendwo aufgeschrieben und werde das heraussuchen“, sage ich zu Ingo.
Es wird schon dunkel, als wir, den Shell-Atlas auf dem Schoß, der hinten von einigen wichtigen europäischen Städten die Stadtpläne enthält, in Paris ankommen und uns immer Richtung „Centre“ halten.
Der Berufsverkehr ist abgeflaut, wir kommen gut durch und fahren einfach immer weiter. Ingo fährt und ich lese vom Stadtplan und dann die Straßennamen im Vorbeifahren an den Häusern ab:
„Rü Ravioli“, lese ich vor. Ingo lacht:
„Das ist bestimmt die ‚Rue de Rivoli‘. Dann sind wir mitten im Zentrum. Und finden einen Parkplatz direkt vor einer Kirche:
„Saint Gervais“, liest Ingo auf einem Schild, „das müssen wir uns merken, damit wir das Auto wiederfinden.“
Ich assoziiere mit Gervais den Joghurt Gervais und taufe die Kirche um in:
„Das ist die Joghurt-Kirche!, so läßt es sich leichter merken.“ Ingo lacht:
„Dich wird hier noch der Racheblitz der Franzosen treffen.“, nimmt seine Reisetasche aus dem Auto und dreht sich suchend im Kreis.
„Laß uns mal nach einem günstigen Hotel suchen.“
Wir finden in einer Seitenstraße das ‚Hotel Andrea Rivoli‘. Eine günstige Drei-Sterne-Touristenunterkunft und bekommen: ein Zimmer mit 2 separaten Betten fürs Wochenende.
Dann gehen wir spazieren. Kommen an einem wunderbaren großen Ensemble vorbei mit Vorplatz und riesigem Springbrunnen:
„Stadt Hotel“ lese und übersetze ich die Inschrift am Portal:
„Hôtel de Ville heißt Rathaus“, korrigiert mich Ingo. Wir finden ein Straßencafé gönnen uns ‚Sitzen und Schauen‘. Nach weiteren zwei Schoppen Côtes du Rhône macht sich die lange Reise im Käfer bemerkbar. Wir gehen zurück zum Hotel und legen uns schlafen. Ich bin sofort am Schlafen, Ingo liest noch.
Früh bin ich wach, Bad auf dem Flur. Ingo dreht sich wieder um, will länger schlafen. Mich hält es nicht im Hotel:
„Dann sag mir doch bitte, was heißt Baguette mit Leberwurst und Kaffee“, frage ich ihn:
„Baguette au saucisson de foie“, nuschelt er müde. Auf seinem Nachtschränkchen liegt Ernest Hemingway: „Paris – ein Fest fürs Leben“. Ich stecke es ein und gehe nach unten ins Viertel hinter dem Hotel, finde in einer sonnigen Ecke ein Tischchen, einen Sessel und einen aufmerksamen Kellner, der umgehend zu mir herauskommt. Ich bestelle das Baguette, tue mich schwer mit der Aussprache von:
‚Au saucisson de foie‘ dazu Kaffee. Der Kellner nickt, bringt mir nach kurzer Zeit den Kaffee und dazu ein Baguette mit Käse. Der Kaffee ist wunderbar, das Baguette auch. Ist so das Leben eines Bohemiens?
Im Straßencafé frühstücken und dabei Hemingway lesen?
„Das SED-Regime in Ostberlin erklärt die eigene Meinung zur einzigen erlaubten Wahrheit und bestraft alle anderen! Zum Stacheldraht um das Gebiet bauten sie einen weiteren Stacheldraht um die Gehirne.“ Wieso schießt mir dieser Gedanke jetzt durch den Kopf? Ein Gefühl, merke ich, hat ihn in mir ausgelöst. Ich bin heftig erbost: diese elende Diktatoren-Sippe. Ich erkenne meinen oft, mehr gefühlt als gedachten, Gedanken wieder:
„Was wäre, wäre ich nicht geflohen?, ich hätte dies hier nie zu sehen bekommen und nie dieses so andere Leben erfahren? Was steht hier auf dem Buch? ‚Paris – ein Fest fürs Leben‘!“
„Stop!“, befehle ich mir, „nicht wieder in diese Gedankenspirale verzweigen. Atme, noch einmal tief: atme!, vergiß endlich den Stacheldraht, genieße, freue dich und schaue! Ach ja, und lies!“ Dazu vertiefe ich mich wieder in den Hemingway und bestelle beim Kellner:
„Un autre café!“
Als ich mir gerade noch einen weiteren Kaffee bestellen will, kommt Ingo:
„Komm, laß uns zum ‚Centre Pompidou‘ gehen, dort ist eine Picasso-Ausstellung.“ Ich zahle im Café, dann laufen wir die Rue du Renard entlang und erreichen nach 15 Minuten den Vorplatz des Centre Pompidou. Auf dem Platz sind viele dicke, runde, bunte Frauenskulpturen aufgestellt. Einige mitten in einem Brunnen.
„Die sind von Niki de Saint Phalle“, sagt Ingo, „sie heißen Nanas.“
Der Eingang zum Centre Pompidou ist eine lange Treppe an der Seite des Gebäudes. Wir laufen hoch zum Eingang, Ingo kauft die Eintrittskarten, wir setzen uns erst mal am Eingang in der kleinen Cafeteria auf einen Kaffee und blättern in den Prospekten.
Dann entscheiden wir: den Saal mit den Picassos. Die sind beeindruckend. Oft, als ob sie mir folgen, mir nachschauen. Ich kann nichts dazu sagen, bin kein intellektueller Bilderinterpret. Es ist eine bestimmte Aufmerksamkeit, die ich auf einmal habe. Ich schaue und sehe Bilder, gehe vorbei und plötzlich fasziniert ein Gemälde, nimmt mich gefangen. Ich muß verweilen und schauen – einfach schauen! Wir sind über zwei Stunden von Saal zu Saal.
„Ich muß hier raus!“, sage ich zu Ingo, „es ist zuviel!“ An den Bildern, die mich erreichten, hätte ich gerne einen bequemen Sessel, dazu einen Kaffee gehabt, um entspannt zu sitzen, ohne zu denken, schauen zu können, und finde es schade, weil das nicht möglich ist.
Ingo hatte aus dem Shell-Atlas die Seite mit dem Paris-Stadtplan herausgerissen und holt sie aus seiner Jackettasche.
„Laß uns eine Brotzeit kaufen und die fünf Kilometer zum Eiffelturm laufen. Vielleicht finden wir an der Seine eine gute Stelle zum Picknick.“
Wir finden einen kleinen Laden mit belegten Baguettes und spazieren an der Raviolistraße (Rue de Rivoli) vorbei (Ingo schaut mich böse an, als ich den Straßennamen erneut so verdreht erwähne), sehen aus der Ferne Notre Dame, gehen am Louvre, dann am Jardin des Tuileries vorbei, überqueren die Seine. Irgendwann sitzen wir einfach auf einer Bank, essen das Baguette und ruhen aus. Die Stimmung ist überwältigend. Genau! Wir wollen nicht Sehenswürdigkeiten abhaken, wir wollen doch Stimmung erleben. Wir sind uns einig. Den ollen Bohrturm, den schauen wir noch an, fahren aber nicht hoch und machen uns dann auf nach Clichy, auf nach Montmartre, auf zu Ernest Hemingway und Henry Miller.
„Und heute Abend will ich französisch essen gehen mit einem Zehn-Gänge-Menü und wenn das ganze Geld dabei draufgeht“, sagt Ingo und schmunzelt.
Am Bohrturm die üblichen Verdächtigen: Überall wird geknipst. Weiter geht’s, aber fußmüde. Deshalb die Metro mit einmal Umsteigen, zum Arc de Triomphe, laufen die Champs-Élysées entlang und dann endgültig mit der Metro nach Montmartre zu fahren.
Es ist ein Eckcafé mit quer über das ganze Trottoir reichender Marquise, in dem wir an einem kleinen Marmortischchen einen windgeschützten Platz finden. Es ist wirklich zugig, der Wind läßt die Marquise flattern. Vielleicht hat hier auch Hemingway gesessen? Er benutzte das windige Wetter fast in jeder seiner Geschichten als beschreibendes Element. Ich würde, wenn ich das beschreiben müßte, mehr Augenmerk auf die Bäume legen. Hier sind die Alleen und die Straßenbäume Platanen. Daran erkenne ich den Süden, denn bei uns in Allemagne sind es Kastanien, Eichen, Linden und Zierkirschen. Auch schrieb Hemingway über Lärm, Dreck und den Gestank. Aber jetzt: zur Straße hin ist ein gußeisernes Geländer, daran eine zusätzliche Plexiglasabdeckung als Schutz vor der Straße. Um uns herum ist alles sauber und es stinkt auch nicht nach Abfällen oder Fäkalien. Im Gegenteil, der Duft der Apfelsinen vom Obsthändler nebenan ist deutlich zu riechen. Ingo lehnt sich in seinem Sessel zurück, genießt seinen Schoppen Chardonnay und eine Gauloises.
„Hemingway war hier vor 60 Jahren, Henry Miller“, sagt er weiter nach einem Schluck, „vor 50 Jahren, und der sah hier überall hübsche Frauen.“ Dabei macht er eine große, weit ausholende Armbewegung in Richtung des Trottoirs.
Mir fällt auf, es ist eine ganz andere Atmosphäre als in einer deutschen Innenstadt. Die Fußgänger laufen kreuz und quer zwischen den Fahrzeugen über die Straße, ohne Angst. Es wirkt harmonisch, nie gefährlich.
„Ja, die Frauen“, sage ich, „sind hier modisch gekleidet, aber anders als in Florenz. Ein anderer, ein mehr selbstverständlicherer Chic. Nicht so italienisch betont und deutlich weniger Schminke.“ Weil mir gerade Florenz eingefallen ist. Meine Idee von der stetigen Wanderung der Revolutionsenergie: Ich erkenne einen Ortswechsel. War es Florenz mit der Renaissance, so war der nächste Ausbruch hier in Paris der Sturm auf die Bastille. Und dabei fällt mir auch ein, ich habe Frédéric Chopin falsch zugeordnet. Seine Musik war nicht inspiriert durch die Weichsel, sondern durch die Seine. Er lebte hier in Paris! Paris war dann lange Zeit Motor der Veränderungen. Ganz Europa sprach Französisch. Ob Hemingway und Henry Miller jemals Émile Zola gelesen haben? Oder Honoré de Balzac? Das erinnert mich an meine Anfänge mit französischer Literatur, was es eben in der Eisenacher Karlstraße, in der Wartburgbuchhandlung, gab: Alexandre Dumas der Ältere, ‚Die drei Musketiere‘, die Abenteuer des D’Artagnan. Das erste Mal, als mir als 12-Jährigem beim Lesen so richtig bewußt wurde: Ich lebe hinter Stacheldraht und würde nie Paris sehen.
„Wo bist Du gerade?“, stupst mich Ingo an, „träumst vor Dich hin? Laß uns aufbrechen, laufen wir hoch zur Basilika Sacré-Cœur.“
„Ich habe überlegt, wie es vor 60 Jahren hier war. Die Straßenlampen sind wohl noch so, auch die Häuser, mit den Verzierungen an Fenstersims und Balkonen. Vielleicht waren die Fassaden nicht so hell, damals mehr grau. Hemingway schreibt, es hätte sehr gestunken. Was hier stinkt, sind Autos.“
Ingo lacht:
„Komm, auf geht’s!“
Der Garçon, mit seiner bodenlangen weißen Schürze und einem Hemd mit Fliege, steht am Eingang. Wir machen ihm ein Zeichen, er kommt und wir zahlen.
Den Aufstieg zur Basilika gehen wir langsam an. Viele Stufen, sehr viele Stufen, viele Touristen und viele Studenten. Oben haben wir einen herrlichen Rundblick über die Stadt. Im Eingang der Kirche sitzt Jeanne d'Arc hoch zu Roß, sehr männliches Gesicht, in Rüstung mit erhobenem Schwert, und schaut in die Ferne. Ganz anders als das mir bekannte Bild von Eugène Delacroix, auf dem sie mit entblößtem Busen, die Trikolore in der Hand, in Frauenkleidern die Soldaten anführt.
„Ja, der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt, oder ein Katalysator, der alles in Gang setzt, oder eben die besondere Energie eines charismatischen Anführers. So beginnen Revolutionen und große Veränderungen“, sage ich zu Ingo, als wir vor dem Reiterdenkmal stehen, und deute auf Jeanne d'Arc.
„Naja, nicht immer“, antwortet er, „die Renaissance hat sich langsam, durch Veränderung des ethischen Denkens, entwickelt. Das war ein Wachsen von innen heraus“, und nach einer kleinen Denkpause ergänzt er: „Der Westfälische Friede, Grundlage des neuen Staatensystems, auch eine große Veränderung, wurde wegen totaler Erschöpfung geschlossen.“

„Ach ja, totale Erschöpfung. Laß uns nach einem Kaffee Ausschau halten. Laufen wir auf der anderen Seite wieder herab ins Viertel“, schlage ich vor. Ingo nickt und wir bummeln ein paar Straßen entlang, schauen uns Buchläden, Läden mit Krimskrams und die Plakate auf der Fassade eines Kinos an. Ingo bleibt stehen, hält mich am Ärmel, ist plötzlich ganz aufgeregt und zeigt auf das Plakat:
„Wenn der bei uns in Deutschland kommt, den müssen wir sehen! Unbedingt!!“
Das Plakat zeigt Nastassja Kinski in einem roten Pullover, den Filmtitel „Paris, Texas“ und etwas kleiner darunter Wim Wenders.

„Wir sind heute viel gelaufen. Zuviel für Taxifahrer“, sage ich und zeige auf meinen Bauch. „Wie wäre es, wenn wir nach einem Lokal Ausschau halten, wo Du Dein französisches Menü bekommst?“
Wir schauen auf den Stadtplan. Das Arrondissement Clichy liegt direkt neben Montmartre. Richtung Clichy, das ist eine gute Idee, aber wir müssen nicht unbedingt bis Clichy, wir nehmen es als grobe Richtung und laufen los.
An den Restaurants studieren wir die Speisekarten, schauen in die Fenster und finden keines. Zuvornehm, zu teuer, zu touristisch – nichts, in dem wir uns richtig wohlfühlen können. Mir tun die Füße weh, der Magen knurrt. Ich will Ingo mit einem richtigen Satz auf Französisch erfreuen, nichts verdreht und verballhornt:
„Rien ne va plus!“, sage ich in Erinnerung an Édith Piafs berühmtes Chanson und bleibe stehen. „Das, was wir suchen, finden wir nicht an der Hauptstraße, wir müssen in die Seitenstraßen und Gassen.“
Nach einigem Suchen sehen wir aus der Ferne in einer Seitenstraße eine Leuchtreklame, die nur einen einfachen Tisch mit einem Teller zeigt. Der Teller blinkt in einem auffälligen, fast stolpernden, unregelmäßigen Rhythmus. Das muß sofort auffallen. Wir schauen uns das Lokal näher an. Es sind einfache Tische, aber blankes Holz und auch aus Holz die Stühle. In den anderen einfachen Lokalen waren es immer Plastiktische. Wir gehen hinein. Es ist fast leer. Zwei junge Paare sitzen vor einem Teller Suppe und einem Brotkorb. An den Wänden hängen viele Bilder. Teils schwarz-weiß mit Motiven aus Paris und dazwischen signierte Photos von Schauspielern. In zentraler Position ein Photo von Romy Schneider. Ingo zeigt auf das Photo:
„Hier muß es gut sein, wenn es sogar der Kaiserin geschmeckt hat.“ Wir setzen uns an einen Tisch am Fenster und haben so das Lokal und auch draußen das Leben gut im Blick. Der Garçon kommt und bleibt mit fragendem Blick neben unserem Tisch stehen. Ingo sagt zu mir: „Laß Dich überraschen, das mache ich jetzt alles“, und zum Garçon gewandt bestellt er:
„Deux pastis, s'il vous plaît“, wieder zu mir gewandt:
„Pastis muß man zelebrieren, das ist zum Öffnen des Magens.“
Wir bekommen umgehend zwei zierliche, vasenartige Gläser, zu einem Drittel gefüllt mit Pastis, und dazu einen kleinen Tonkrug mit Wasser.
„Der riecht nach Kümmel“, sage ich, „ist das Ouzo?“
„Nein, Du Banause, das duftet nach Anis.
„Den mischt man mit Wasser, je nach Belieben.“ Und er gießt aus dem Tonkrug Wasser zu seinem Pastis, der sich daraufhin weißgrau färbt.
Ich mache das auch und wir stoßen an:
„Santé!“
„Santé!“
Der wirkt wirklich auf angenehme Weise beruhigend.
„Ach, wir haben gut gewählt, das ist Atmosphäre!“, sagt Ingo.
„Das ist das Sein spüren!“, geht es mir durch den Kopf.
Behalte es für mich, spreche es nicht aus, denn große Worte sind leicht auch großer Kitsch.
In der Entspannung höre ich ein Chanson und frage Ingo:
„Kennst Du das Chanson? Könnte Adamo oder Gilbert Bécaud sein.“
„Nein kein Adamo, der sang mehr Schlager. Das ist Gilbert Bécaud.“ Und um das zu bestätigen, kommt im Anschluß sein berühmtes melancholisches Chanson: ‚Nathalie‘.
Mein Gehirn ist ein dunkler Sumpf. Ab und zu steigen unkontrolliert bittere Blasen auf, besonders in schönen Momenten.
Natalie, den hatte sich Renate selbst als Kosenamen gegeben und ihre Briefe damit unterschrieben. Jetzt ist sie in Ostberlin, will dort bleiben und ich schreibe ihr besser keine Ansichtskarten mehr. Natalie wird nie die Champs-Élysées herunterlaufen, wird, ach, was weiß ich denn, nur Schokolade im Café Puschkin trinken! Ist das Schöne besonders schön, weil es auch Wehmut enthält und sich dadurch der Unterschied verstärkt? Gibt es reine Freude ohne einen Tropfen Bitterkeit?
„Du träumst schon wieder!“, prostet mir Ingo zu. Steht auf und geht zur Stirnseite. Dort steht eine innen beleuchtete gläserne Theke, voller kleiner Schalen mit unterschiedlichen Gerichten. Dahinter in weißer Schürze eine Matrone mit einem wahrhaftig riesigen, wogenden Busen. Ingo vertieft sich in die Auslage und redet mit der Matrone. Es ist, als ob sich zwei gefunden haben. Ingo bekommt auf einer Untertasse mehrfach von den Speisen zum Kosten etwas angeboten – er genießt und die Matrone ist entzückt über seine Freude. Die Matrone läßt es sich nicht nehmen und bedient uns persönlich. Sie kommt mit einem Kuchenteller darauf eine große runde Scheibe Pastete, die sie mit ein paar dunklen Weintrauben garniert hat. Dazu stellt sie uns einen Brotkorb mit wenigen dünnen getoasteten Weißbrotscheiben hin und legt uns zwei Gabeln daneben.
„Bon appétit!“, wünscht sie und geht wieder zur Theke.
Ingo schaut mich an, nimmt seinen Pastis, wir prosten uns zu:
„Heute kein Bier, ich habe uns passend einen Sauvignon blanc bestellt.“ Wir trinken aus und stellen die leeren Gläser neben den Tonkrug. Dann probiert er von der Pastete und fordert mich auf, es auch zu kosten. Sie schmeckt auf besondere Art weich, lecker, duftig, schwer. Ein betörender Geschmack. Ich nehme sofort einen weiteren Bissen, lasse ihn mir auf der Zunge zergehen.
Ingo sieht, wie es mir schmeckt, und erklärt:
„Die Pastete ist mit einem Hauch Trüffeln veredelt.“
Als der Wein kommt, schmeckt die Kombination von diesem frischen, leichten Sauvignon Blanc mit der Pastete ganz besonders intensiv nach Wald, nach Pilzen, nach warmer Erde.
Wir hatten noch von der Pastete etwas liegen, da bekamen wir je ein Stück einer saftigen Quiche serviert.
Ingos Augen leuchten. Jetzt sehe ich einen Unterschied zu Essen: Wenn es gut ist, schmeckt, man satt wird zu einem Essen, wenn es bombastisch ist, man es mit jedem Bissen auskostet und es dem feinen Genuß dient.
Wir sind ganz allein im Lokal. Die jungen Leute sind bereits gegangen. Machen sie die Musik für uns Touristen oder lieben sie sie selbst und hören sie immer und immer wieder? Es läuft ein besonders intensiv rhythmisches Chanson. Ich wende mich zur Matrone, mache mit der Hand eine fragende Bewegung um mein Ohr und zeige auf den Lautsprecher. Sie versteht und ruft zu uns herüber:
„Jacques Brel – Amsterdam!“
Ich verstehe vom Text fast nichts, nur den Refrain „Port Amsterdam“. Es muß ein trauriger Text sein, so wie Jacques Brels Stimme vibriert, und wenn es im Hafen spielt, sind es bestimmt Matrosen, deren Gefühle er besingt.
Ingo hat phantastisch ausgewählt. Nach den Quiches gibt es kleine Kotelette mit Gemüse und eine extra Schüssel Reis. Danach nochmal Fleisch, dazu eine cremige Soße. In den langen Pausen zwischen den Gängen zündet sich Ingo eine Gauloises an.
Ich habe die Gänge nicht mitgezählt, aber es kam noch eine Suppe, dann Käse, dann Pudding und zum Schluß Café crème dazu, ein Plätzchen. Als wir nach dem Kaffee zahlen und aufstehen, sehen wir: Das Lokal hat sich gefüllt. Wir, wohl typisch Touristen, waren einfach viel zu früh hungrig.
An Laufen ist nicht mehr zu denken. Wir sind satt und müde. Wir wollen uns ein Taxi leisten, aber ein bestimmtes. Es soll ein Citroën DS, eine Göttin, eine ‚déesse‘ sein, eventuell ein Citroën CX. Wir haben kein Glück. Es ist nur eine Göttin zu sehen, aber sie ist besetzt und es kommen nur Peugeot oder Mercedes. Wir nehmen dann irgendwann das nächste Taxi, es ist ein Peugeot 504. Im Auto beschließen wir: Ich verkaufe den Käfer und wir kaufen uns zusammen einen Citroën CX.

So kraftvoll schreiben, wie Jacques Brel singt, oder zum Nachdenken anregen, warum es Innen und Außen gibt, wie in „Narziß und Goldmund“, oder einfach Ekstase zeigen wie in der Koloraturarie der Königin der Nacht, das zu können – puuuh.
Die Menschen haben verschiedene Betriebstemperaturen. Manche brennen heller, klarer, kräftiger, wissender. Wie brenne ich? Kann ich auch so kräftig wie Jacques Brel Gefühle erklären? Wenn ich nur wüßte, was es mit den Gefühlen auf sich hat! Warum hat die Evolution sie entwickelt? Warum weiß ich manchmal nicht, was ich fühle? Warum muß ich erst darüber nachdenken? Ist es Liebe, ist es Sehnsucht oder bin ich einfach nur traurig und einsam? Vielleicht ist es auch nur Bedauern und Mitleid, wie bei Natalie, oder schlimmer: Ist es Selbstmitleid? Wissen andere Menschen ohne nachzudenken, was sie fühlen, oder machen sie sich einfach nicht die Mühe, Gefühle zu reflektieren, zu sezieren und sie genau zu betrachten?
Zentrale und stärkste Energie des Lebens ist die Fortpflanzung. Die will ich genauer verstehen lernen. Ich habe gelesen, im Bois de Boulogne gibt es Ecken, da gibt es freien Sex, da suchen und finden sich Menschen auf eine schnelle Begegnung. Das ist Energie der Hormone im Zeitraffer. Das will ich mir unbedingt anschauen und verstehen lernen. Alles ist schwierig. Vielleicht finde ich auf meinem Weg durchs Leben auch die Antwort, was das namenlose Pferd in der Nachspeise fühlt. Der Gedanke gibt mir Ruhe für die Nacht.
Ingo legt das Buch weg, schaltet sein Licht aus.
„Morgen Abend“, sage ich zu Ingo, „gehen wir in den Bois de Boulogne. Gute Nacht!“
Er lacht:
„Wenn Du das so aussprichst, werden wir das nie finden. Gute Nacht!“
Wieder bin ich lange vor Ingo wach. Schleiche leise zur Dusche und als ich zurückkomme und Ingo noch immer schläft, stibitze ich erneut den Hemingway von seinem Nachtschränkchen – und dann: auf zum Morgenkaffee!
Das Leberwurstbaguette kommt wieder mit Käse – alles ist gut. Die Sonne scheint, der Kaffee duftet, ich öffne den Hemingway. Er schrieb in Cafés. Suchte er dabei Geselligkeit oder wollte er allein sein, für sich sein und trotzdem unter Menschen? Was ist der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit? Es ist in beiden Fällen beides möglich. Ich kann unter Menschen sein und Einsamkeit empfinden und auch allein sein und mich mit anderen verbunden fühlen.
Ambivalent – beides gleichzeitig?
„Hallo Gedanke“, frage ich mich, „wo kommst Du auf einmal her, was willst Du?“
„Willst Du mich wieder darauf aufmerksam machen: Im Schönen gibt es immer einen bitteren Tropfen?“, und überlege neu: „Was ist der bittere Tropfen?“
„Hemingway schrieb im Café und ging dann heim zu seiner Frau. Ahhh! Das ist des Pudels Kern! Das ist der bittere Tropfen: Isa müßte hier sein!“ Ich lege den Hemingway weg, schaue den Passanten zu und seziere mein Gefühl:
„Nein, nein, es ist kein Selbstmitleid! Aber ist es Trauer? Auch nicht. Es ist Einsamkeit und es ist auch große Sehnsucht!“
Als Ingo kommt und ich mit dem Grübeln aufhören kann, gehen wir zur Seine. Dort schlendern wir an Portraitmalern vorbei. Ich kaufe bei einem Musikstand eine Kassette Mendelssohn. Vorderseite die Italienische – Rückseite die Schottische Sinfonie. Weiter gibt es viele Bücherstände. An einem finde ich Henry Miller: eine deutsche Ausgabe von ‚Stille Tage in Clichy‘, und sie enthält Photos des Films. Ich kaufe sie und schenke sie Ingo. Ingo findet gebundene Notizbücher, die man so hochklappen kann, wie es die Detektive in den amerikanischen Filmen haben, aber doppelt so groß und breit.
„Damit kann ich mir auch Kameraeinstellungen und Bildaufteilung notieren“, sagt Ingo, „wir werden zusammen ein Drehbuch schreiben. Eine lockere Komödie über Liebe, Verlieben, alles, was wir dazu wissen, und nehmen unser Leben als taxifahrende Studenten als Basis.“ Er kauft zwei Exemplare und drückt mir eins in die Hand.
Ich finde das eine sehr gute Idee. Alle Fragen und Ansichten zu dem Thema in eine humorvolle Geschichte zu packen. Und richtig gut finde ich, es nicht allein anzugehen. Zu schnell verrennt man sich, wenn man im eigenen Saft schmort.
„Einen Titel habe ich auch schon: ‚Babeurre ville‘, das klingt gut, prägt sich ein, bedeutet nichts Halbes, nichts Ganzes. Einfach komisch. Eine Buttermilchstadt.“
Er schlägt das neue Skizzenbuch auf, schreibt fett auf die erste Seite „Babeurreville“ und unterstreicht es mit einer geschwungenen Linie.
„Da sind zwei Taxifahrer und verlieben sich beide in das Mädchen von gegenüber. Sie kennen sie nicht, haben sie nur ab und zu an ihrem Fenster stehen sehen. Unsere erste Einstellung: „Sie öffnet am Morgen ihre Jalousien und die Sonne scheint in ihr Zimmer und macht dieses besonders strukturierte Licht, wenn es durch eine Jalousie scheint.“
Ingo sieht eine Geschichte in Bildern, er ist Kameramann durch und durch. Ich werde alle meine Zweifel an Verliebtsein und Liebe einbringen in Handlung und Dialoge.
„Abgemacht, aber wir machen das nicht nebenbei, wir werden das gezielt, strukturiert und in einem Rutsch schreiben.“
„Abgemacht!“, antwortet Ingo. Wir fühlen uns toll, als ob wir es schon fertig geschrieben und vollendet auf der Leinwand sähen.
Den Tag verbringen wir mit: durch die Seitenstraßen zu schlendern, in Cafés zu sitzen, Kaffee und später Chardonnay zu trinken. Den Passanten zuzuschauen, das neue Notiz- und Skizzenbuch bereit zu haben, um ein Stichwort aufzuschreiben. Gegen Abend gehen wir in eine der vielen Touristengaststätten, eine der billigen, die mit den Plastiktischen, darauf Papiertischdecken mit aufgedrucktem Menü. Richtig satt essen und dazu den Brotkorb leeren. Dann machen wir uns auf, das berühmt-berüchtigte Leben im Bois de Boulogne zu erkunden. Keine Ahnung, wie und wo und vor allem wann. Wir finden auf unserem winzigen Stadtplan eine günstige Möglichkeit, mit der Metro zum Porte Dauphine zu kommen und von da aus den Park zu durchwandern. Es ist dunkel, als wir im Park ankommen. Aber wir finden nichts, was uns irgendwie an das, was es hier alles geben soll, erinnert. Wir laufen lange. Sehen auch mal eine Gestalt im Gebüsch stehen und uns zuwinken, wir gehen lieber erschrocken weiter. An einem Waldweg steht ein Auto, die Türen weit offen und einige Leute drumherum. Auch hier treten wir nicht näher heran, als ob wir stören könnten, gehen wir diskret vorbei. Weit davon entfernt, irgendwo mitzumachen, ist es fade, Voyeur zu sein. Wir laufen noch eine Zeitlang ziellos die Wege entlang, es ist klar, hier finden wir nicht die Atmosphäre, die wir vermuteten. An einer kleinen Gaststätte, mehr ein Imbiß, mit einigen Tischen außen, setzen wir uns. Ingo bestellt:
„Deux grandes bières, s'il vous plaît.“
Von weit her wehen die Klänge eines Rockkonzerts zu uns heran.
„Das könnte Metallica & Ozzy Osbourne sein, habe da ein Plakat gesehen“, sagt Ingo.
„Ich finde, es klingt mehr nach Supertramp“, entgegne ich.
Es ist zu weit entfernt, um es genauer zu erkennen.
Mir ist schon seit einiger Zeit ein Mann aufgefallen, der uns in großem Abstand gefolgt ist und nun an einem Nachbartisch Platz genommen hat. Er schaut immer wieder zu uns herüber und kommt dann auf Ingo zu und fragt, ob er eine Gauloises haben könnte, und läßt sich von Ingo auch Feuer geben. Die beiden kommen ins Gespräch. Ich sehe, wie Ingo sein Skizzenbuch aufschlägt, eine leere Seite öffnet, eine Skizze eines Autos von oben, mit offenen Türen und ein paar Menschen drumherum, zeichnet. Darüber zieht er mit einem fetten Strich und Pfeilen eine Bahn. Ich vermute, er hat für die von uns beobachtete Situation vorhin im Wald eine Szene mit Kamerafahrt entwickelt und sie dem Typen vorgestellt, weil er auch seine typischen Andeutungen, mit den Händen einen Bildausschnitt zu formen, dazu macht. Ich bin überrascht, wie gut Ingo Französisch spricht. Sie unterhalten sich angeregt. Es geht offensichtlich um Film. Mal verstehe ich lange nichts, dann verschiedene Namen: „Catherine Deneuve“, „Belle de Jour“, „Luis Buñuel“, „Un Chien Andalou“. Hier unterbricht Ingo seine Unterhaltung, wendet sich mir zu und sagt:
„Luis Buñuel: ‚Ein andalusischer Hund‘, den zeige ich Dir auch, sehr wichtig auch wegen Salvador Dalí.“ Nach einer weiteren Runde grandes bières lädt der Mann uns ein, doch mit zu ihm zu kommen. Er führt uns zu seinem Auto, wir fahren etwa 20 Minuten und sein Appartement ist im vierten Stock eines alten Mietshauses. Ein breites Treppenhaus, in der Mitte ein Fahrstuhl mit doppelter Gittertür. Wir fahren hoch. Die Wohnung sehr düster, viele schwere Vorhänge und Plüsch. Zu einem Glas Wein holt er eine Glasplatte, legt sie vor sich auf den Couchtisch und zelebriert langsam, sorgsam darauf die Zubereitung von drei Linien Kokain. Da nimmt er ein 10cm langes, weißes Porzellanröhrchen und schnieft eine Linie in seine Nase. Atmet lang und tief durch und reicht die Glasplatte an Ingo weiter. Nach einem unsicheren Blick zu mir und wieder zu dem Mann, der Ingo aufmunternd zunickt, zieht Ingo auch eine Linie und dann ich.
Die Stimmung verändert sich. Nein, der Mann hat nur das Licht gedimmt und setzt sich neben Ingo aufs Sofa. Mit dieser Wendung hatten wir nicht gerechnet und uns auch keine Gedanken gemacht, wieso wir eingeladen würden. Ich sah es im Zusammenhang mit den Gesprächen über Kino und Film zwischen Ingo und dem Mann. Offensichtlich war das nur das Vorspiel und jetzt soll es zur Tat gehen. Der Mann hält uns für zwei Schwule und will sich Ingo nähern. Ich bin mir nicht sicher, ob Ingo nicht bleiben will und nach einer weiteren Linie … Aber darüber will ich nicht nachdenken. Ich will gehen, stehe auf, schaue auf Ingo, aber er bleibt ruhig sitzen. Ich verabschiede mich mit „au revoir“ und verschwinde schnell zur Tür. Nur raus hier, schließe hinter mir die Wohnungstür, hole den Fahrstuhl und bin erleichtert, als er losfährt. Als ich unten im Parterre die Gittertüren des Fahrstuhls öffne, höre ich oben Ingo lautstark die Treppe herunterrennen. Als wir auf dem Trottoir stehen und überlegen, wie jetzt heimkommen, sind wir erleichtert und müssen laut lachen. Ingo verbessert mich:
„Du hättest statt ‚au revoir‘, das heißt wörtlich ‚auf Wiedersehen‘, besser ‚salut‘ sagen sollen, das heißt Tschüß!“, und muß immer noch lachen.
Wir schauen uns um, laufen aus der Seitenstraße zu einer Hauptstraße und finden eine Metrostation. Ich laufe die Treppe hinab, die Gitter sind schon geschlossen. Ich stehe davor und rüttele daran. In meinem Kopf, angeregt von den vielen Eindrücken der letzten Tage, entwickelt sich ein Feuerwerk der Weisheit. Ich kann plötzlich in vollständiger Klarheit die Welt und alle Probleme erklären! Nur darüber sprechen kann ich nicht, aber es ist in meinem Gehirn glasklar vorhanden. Meine Gedanken lassen sich nicht in einzelne Gesichtspunkte differenzieren. Es ist eine wunderbare, eine berauschende Gesamtweisheit. Endlich sind alle Zweifel ausgeräumt, ich habe die finale Antwort. Aber irgendwie muß ich das Gitter aufbekommen, damit wir heimfahren können. Ingo zieht mich weg vom Gitter, winkt ein Taxi, es ist wunderbar, ein Citroën CX, wir fahren zum Hotel. Noch im Einschlafen fühle ich eine ultimative Begeisterung.
Beim Abschiedsfrühstück in unserem gewohnten Café an der Ecke bestellt Ingo das Baguette mit Leberwurst. Es kommt auch richtig mit Leberwurst. Dann machen wir uns auf den Heimweg. Der Käfer steht genau wie wir ihn abgestellt hatten direkt an der Joghurtkirche. Wir fahren los, bei den Kassetten beginnen wir mit der Italienischen Sinfonie. Unser Geld reicht sogar für die Autobahnmaut, besser so, wir müssen abends ankommen, Taxi fahren.
Ich habe keine Erinnerung mehr an den Inhalt meiner nächtlichen Gedanken. Nur das tolle Gefühl von dieser berauschenden Klarheit, daran erinnere ich mich. Es war wunderbar! Wenn ich das noch mal versuche, geht mir durch den Kopf: Bin ich süchtig?
Dieser Stoff gestern, der ist für mich zu gefährlich.

Zum Kapitel 33: Sontra