30 Almeria

Zuhause ankommen. Zuhause sein! Erlangen ist übersichtlich, behaglich, strahlt Ruhe und Weltoffenheit aus. Ich fühle mich rundherum hier wohl. Ist das meine Heimat, mein Zuhause? Ist das nicht eine Frage der Entfernung? Ein Astronaut soll bei seiner Rückkehr zur Erde gesagt haben:
„Die Erde ist mein Zuhause.“ Ich liege auf dem Sofa, Mira neben mir. Sie schläft, dabei zucken ihre Tatzen. Offensichtlich träumt sie von einem Kaninchen. Isa ist unterwegs und gibt Englischunterricht. Auf dem Plattenspieler liegt Mozarts Klavierkonzert Nr. 20 d-moll KV 466. Ich bin ganz gefangen und habe es eben wieder von vorne aufgelegt. Die Kontrabässe und Celli, wenn sie den Rhythmus vorgeben, als ob tief aus dem Untergrund ein dumpfes Grollen kommt. Darauf folgen die melodischen Stimmen in Oboen, Querflöten, später in den Violinen und zeigen das Helle. Das Grollen der Streicher erinnert mich an das Erscheinen des Komtur. Auch wenn das Klavier später das Grollen der Bässe mit in sein Thema integriert, bleibt es doch ein ‚Hell gegen Dunkel‘. Mozart muß ein tieferes Wissen über die Dinge gehabt haben, geht es mir durch den Kopf. Er hat nicht nur gute Libretti ausgesucht, sondern sie tiefgründiger, als es auf den ersten Blick erscheint, umgesetzt. Ist es, ein Don Juan zu sein, nicht auch Last, und der Komtur zeigt den Weg in die Hölle? Ist Don Giovanni nicht auch ein bedauernswerter Mann? Er ist zwanghaft, muß ständig erobern, verführen. Ob es mit seinem Testosteronspiegel zusammenhängt? Die genetische Auslese, der stetige Motor der Entwicklung, bewirkt über die Zeugung der Nachkommen: Der sexuell Aktivere, der mit dem höheren Hormonspiegel, setzt sich öfter durch und die daraus resultierende Folge? Es werden derer immer mehr – die Auslese verstärkt – und dann: Wir Männer machen uns mit dem immer Flirten müssen zum Gespött.
Mitten in meinen Gedanken wacht Mira auf, springt vom Sofa und rennt zur Wohnungstür. Isa kommt herein und hinter ihr Adele. Beide werden von Mira stürmisch begrüßt. Adele setzt sich zu mir aufs Sofa. Isa dreht im Vorbeigehen den Plattenspieler auf leiser und fragt uns:
„Kaffee oder Tee?“
„Tee!“, sagt Adele, und ich schließe mich mit einem Kopfnicken an.
Wir hatten uns seit den Semesterferien, seit unserer Kanada-Tour, noch nicht wieder gesehen. Nach ein paar belanglosen Floskeln übers Wetter schweigen wir. Es ist deutlich zu spüren: Adele hat etwas auf dem Herzen. Vielleicht wollen die Freundinnen unter sich sein?
„Ich muß noch mit Mira Gassi gehen, ihren Spaziergang machen. Soll ich mich verdrücken?“, frage ich.
„Nein, bleib hier, es ist für Euch beide“, antwortet Adele. Sie holt tief Luft und spricht leise:
„Ich bin schwanger.“ Isa und ich schauen uns an. Wir wissen nicht, sollen wir uns freuen oder besser nicht? Mein erster erschrockener Gedanke:
„Ist es von Friedolin?“, frage ich.
„Nein“, antwortet Adele, immer noch sehr leise, „ich hatte eine Affaire, was ganz Kurzes.“ Isa steht auf und holt den Tee, ich hole uns Tassen und stelle das Schälchen mit Kandis dazu. Isa schenkt ein und fragt vorsichtig:
„Und … willst Du es behalten?“
„Ich habe noch eine Woche Zeit, darüber nachzudenken“, sagt Adele, „aber ich werde es wohl wegmachen lassen.“
„In der Wohnung unter uns“, sage ich zu ihr und schaue sie dabei direkt an, „wohnt Angela. Sie ist auch schwanger. Wir haben ihr versprochen, immer zu helfen, und sie hat sich entschieden, das Kind zu bekommen. Bei unserem Theaterstück ist sie ausgeschieden, macht aber ihren Magister fertig.“
Isa nimmt den Teebeutel aus der Kanne, legt jedem ein Stück Kandis in die Tasse und schenkt ein. Der Kandis knistert, betretenes Schweigen. Ich spüre, ich sollte besser gehen, nehme Mira und verabschiede mich zum Hundespaziergang.
Komisch, wie so ein kurzer Satz: „Ich bin schwanger“, mich zu grundlegenden Überlegungen führt, ob es einen Gott gibt? Im Laufen kann ich gut denken:
„Gäbe es einen Gott, dann hätte das Kind, egal in welchem Entwicklungsstadium, eine Seele“, geht es mir durch den Kopf.
„Nein, so einfach ist das nicht“, widerspreche ich mir: „Sind wir das Ergebnis einer gezielten, einer gerichteten Entwicklung, die ein höheres Wesen angestoßen hat, oder ist alles ohne dieses imaginäre Wesen entstanden?“ frage ich mich. Ich bin schon im Wald und atme tief durch:
„Die Unendlichkeit ist außerhalb jeder Vorstellung, einfach nicht zu fassen. Ebenso der Urknall. Aber da muß es ein Vorher gegeben haben.“, und dabei fuchtele ich mit meinen Armen, als ob ich das jemandem erklären möchte:
„Ein Vorher vor dem Urknall?“, überlege ich weiter. „Albert Einstein glaubte an einen Gott, dessen Wirken sich aus der Harmonie des Seins ergibt. Albert Schweizer dagegen glaubte an einen realen Gott. Und dieser aristokratische Trottel René Descartes glaubt, es müsse einen Gott geben, weil wir zu doof sind, uns so etwas selbst auszudenken. Gibt es also einen Gott, der schon vor dem Urknall existierte und diesen angestoßen hat, oder entstand der Gott erst mit dem Urknall, oder gibt es weder den einen noch den anderen, sondern gar keinen?“
Ich erinnere mich, Vater fragte mich vor einiger Zeit:
„Glaubst Du an Gott?“ Ich mußte einen Moment überlegen und habe geantwortet:
„Ich bin ausgetreten, weil die westdeutsche Kirche so gemauschelt hat mit Deiner Pfarrstelle und die ostdeutsche Kirche der SED in den Arsch gekrochen ist.“
Und als er dann insistiert hat:
“Nein, das meine ich nicht. Die Institution Kirche ist wie alle Institutionen vom falsch verstandenen Korpsgeist. Da unterscheidet sie sich nicht von Armee oder Polizei oder Feuerwehr oder was auch immer. Ich wollte wissen, ob Du an Gott glaubst?“
„Nein“, habe ich damals geantwortet, „ich habe dafür kein Gefühl.“
Das hier ist heute meine Antwort auf seine Frage. Das hätte ich ihm ausführlicher beantworten sollen:
„Es ist ein Gefühl! Ich habe es nicht und fühle mich wohl in dem Gedanken: Die Atome, aus denen ich bestehe, werden wieder in der Erde verschwinden und wenn mein Gehirn aufhört, zu arbeiten, wird sich auch meine Seele auflösen!“
Ich bin bereits über die Schwabach und laufe auf dem Weg durch den Meilwald. Mira schnüffelt durchs Unterholz, ab und zu schaut sie zu mir hoch, sich vergewissernd, ob ich ihr folge. Dabei gehen wir den ständig gleichen Weg. Natürlich folge ich ihr.
„Ach, wir sind alle nur Dackel und Mira ist auch nur ein Mensch!!“
Ein Gedankenblitz, darüber muß ich laut lachen, aber es ist im Kern eine große Wahrheit. Was kann ich Adele sagen, wie kann ich helfen? Ob mit oder ohne Religion, ob Seele oder nicht, ist völlig unwichtig. Ich habe mehrfach gehört, eine Abtreibung würde auch der Frau seelischen Schaden verursachen. Der Gedanke an das Kind bliebe, der sei wie ein Blitz, der einen unverhofft durchzuckt, ein lebenslanger seelischer Schluckauf. Das erscheint mir logisch, ist doch die Fortpflanzung und die Brutpflege als essentiell wichtig, wie der Überlebenswille, tief in unseren Genen verankert. Ergo ist es mit starken Gefühlen verbunden, egal ob man sich sagt, es sei nur ein Embryo und erst später ein Fötus.
„Ihr seid fünf Geschwister!“, betonte unsere Mutter immer wieder. Sie stürzte hochschwanger auf der Treppe und das fünfte Kind, ein Junge, kam tot zur Welt. Ab und zu überraschte sie uns mit Aussagen wie:
„Er wäre heute in die Schule gekommen“ oder „Heute hat er Geburtstag.“ Für sie war er immer präsent.
Könnte dieser Gedanke an ein nicht geborenes und doch anwesendes Kind Adele durchs Leben begleiten? Fragt sie sich auch irgendwann: „Und heute käme es zur Schule?“
Ich bringe Mira zurück. Isa ist allein, sitzt am Schreibtisch und hat um sich herum einige Drucke mit Villen und Palästen ausgebreitet. Sie studiert im Nebenfach Kunstgeschichte und arbeitet an einem Referat über Palladio, einen italienischen Architekten der Renaissance. Ich füttere Mira und verschwinde ganz leise, um die Zwo-sieben für die Nacht zu übernehmen.
Gegen 21:00 Uhr gehe ich in den Forsthof. Um die Ecke sehe ich: Auch die Eins-neun und die Drei-fünf stehen da. Ich setze mich zu ihnen. Der Fahrer der Drei-fünf, ich habe seinen Namen vergessen und es ist mir peinlich, nochmal danach zu fragen, sagt:
„Da hat jemand mehrfach in der Nacht die Verkaufsständer der ‚Blöd‘-Zeitung geleert und alles in die Papiertonne an der Philosophischen Fakultät geworfen“, und muß dabei grinsen. Er ist sowieso ein immer fröhlicher Mensch. Man sieht es seinen Gesichtszügen an. Sein Lachen steckt an und auch Ingo und ich grinsen mit. Ich weiß nicht, ob ich mich offen dazu bekennen soll. Mich haben die Lügen in dieser Zeitung so aufgeregt, da wollte ich etwas tun, im Sinne von Günter Wallraff. Die „Blöd“ ist noch schlimmer als das SED-Blatt „Neues Deutschland“. Bei dem wußte man ja, es verfälscht, es ist Propaganda, es liefert die Sprachnormen, an die sich alle zu halten haben. Aber damit kann man umgehen, das ist zu durchschauen. Aber die „Blöd“, das ist Hetze, Lügen, Stimmungsmache im üblen Sinn. Da wollte ich nicht tatenlos zuschauen. Ingo schaut mich von der Seite an, mein süffisantes Grinsen hat mich wohl verraten.
„Warst Du das? Zuzutrauen wäre es Dir ja!“, fragt mich Ingo.
Ich mache mit meinem Zeigefinger vor den Lippen eine Geste zum Schweigen und nicke mit dem Kopf.
Als wir zahlen, bringt uns die Wirtin je eine kleine Schale Vanillepudding mit Kirschen:
„Für meine liebsten Stammgäste. Guten Umsatz!“
Und damit machen wir uns wieder auf. Im Funk höre ich auch die beiden, wie sie sich zurückmelden.
Die Nacht verläuft ruhig, durchschnittlicher Umsatz, gegen Morgen stelle ich die Zwo-sieben vors Brazil und gehe heim. An der Tür erwartet mich schon Mira, sie will unbedingt raus. Kaum auf der Wiese, pieselt sie auch schon. Ob Isa die Abendrunde mit Mira ausfallen ließ? Wir gehen wieder hoch und legen uns zu Isa ins Bett.
Mira dreht sich noch zweimal in meiner Kniekehle, dann spüre ich, wie sie tief durchatmet und wieder einschläft. Ich fühle:
„Was bin ich für ein Glückspilz!“, und schlafe darüber ein.
Sich gegenseitig etwas aus dem inneren Kreis der Seele zu erzählen, fällt uns beiden gleichermaßen schwer. Isa sagte mal, wir seien zwei wunde Seelen, die sich zusammengetan haben. Wir sind verschlossen, spüren es und können es trotzdem nicht zugeben. Als ob wir nur auf unterster hormoneller Ebene verbunden wären, kein ‚Wir‘ empfänden und kein Lebensteam bilden würden. Oft, von mir ausgehend, haben wir gestritten: Unser gegenseitiges Begehren sei völlig verschieden. Ich hielt ihr vor, ich würde sie umfassend begehren, als Person und auch körperlich. Dies zeige sich daran, wie ich sie berühre und streichele. Ich vermutete, es sei der generelle Unterschied des Begehrens der Männer zu den Frauen. Frauen würden mehr die Kraft und Ausstrahlung begehren, weniger den realen Körper, um im Unterschwelligen den Versorger der Nachkommen zu haben. Deshalb sähe Isa mich nur als den großen Mann, der kräftig und stark sei, weil ich meine Freiheit erkämpft und sogar dafür Stasi-Knast in Kauf genommen hätte. Isa antwortet darauf, wenn sie dabei nicht erstarrte und ihr weißes Dreieck unter der Nase bekam:
„Du spürst die Berührungen nur nicht, weil Du verhärtet bist durch Armee und Knast.“ Ich hatte und habe meine Sensoren aktiviert, die sensibel wie ein Seismograph jede Berührung von ihr zu mir und sei sie noch so zart, wahrnehmen würden. Da gab es keine! Wirklich keine! Diese Auseinandersetzung hatten wir in letzter Zeit öfter. Es war deutlich: Isa hatte keine Sehnsucht, mich zu berühren, tat es nicht und behauptete trotzdem immer wieder, ich würde es nur nicht spüren.
Ich will trotzdem nicht aufgeben, möchte herausfinden, woran das liegen kann. Warum sind wir nur auf unterster hormoneller Ebene zusammen? Warum sind wir nur ein enges Nebeneinander, aber kein Team, kein Paar?
Die ersten Proben zu Andorra liefen an. Ich freute mich riesig, spürte ich doch eine Verbindung zu dem Moment in Florenz auf der Piazzale Michelangelo und meiner geäußerten Vorstellung von einem gemeinsamen Leben, wie Molière. In unserer ersten richtigen Zusammenkunft als Theatertruppe, bei der Projektbesprechung, waren wir circa zehn Personen. Alle folgen meinem Vorschlag, Max Frisch mit ‚Andorra‘ aufzuführen. Mein Argument war, ein bekanntes Stück zu nehmen, was auch zu den Schulen paßt, um gezielt dort Zuschauer zu suchen. Damit eine Basis, einen Namen aufzubauen und dann weiterzusehen. Als wir die Aufgaben aufteilen, wird, weil wir die eigentlichen Initiatoren und Organisatoren sind, Isa als Regisseurin und ich als Dramaturg akzeptiert. In einer Vorbesprechung mit Isa hatte ich noch versucht, auch mit Regie führen zu können, aber Isa hatte das kategorisch abgelehnt. Ich blieb weiterhin der Dramaturg, da ich eigentlich derjenige bin, der das Stück ausgesucht und die Grundidee „Andri ist nur als Puppe präsent“ entwickelt hat. Zusätzlich werde ich Sprechproben mit den Schauspielern machen. Wir vereinbaren, uns nächste Woche wiederzutreffen, und jeder soll sich Gedanken machen, welche Rolle er gerne übernehmen würde. Wie gesagt: Hauptperson Andri wird nicht vergeben, den gibt es nur als Puppe, immer präsent mitten auf der Bühne. Eine gute Besetzung ist bestimmt unser Kommilitone Bernd van B. mit seinem sicheren Ansatz, den Soldaten zu geben. Er hat etwas Soldatisches. Vielleicht gelingt ihm nach seinem Studium eine Karriere im Fernsehen als Soldat oder Polizist?
Nach so einem Tag fühle ich Sicherheit: Alles wird werden! Ist mir dieses warme Gefühl besonders bewußt, weil früher in meiner Zeit hinter dem eisernen Vorhang alle Zukunftsvorstellungen am Stacheldraht endeten?
In der Nacht, ist es ruhig, nur wenig Nachtschwärmer sind unterwegs. So eine windige, kalte Nacht mit Nieselregen, bei der man lieber daheim bleibt. Wir kamen aus dem ‚Indian summer‘, der zwar übersetzt auch Altweibersommer bedeutet, aber in Ontario etwas früher ist, in den fränkischen warmen milden Altweibersommer. Nun ist es Herbst. Ich stelle die Zwo-sieben schon gegen drei Uhr ab, gehe schlafen. Morgen will ich Adele besuchen.
Isa ist schon früh unterwegs. Ich mache mich auf, im Brazil einen Kaffee zu trinken und dann zu Adele zu laufen. Ich nehme Mira mit, es ist nicht weit zu ihr in die „Grausmichstraße“. Sie öffnet und ist sehr überrascht:
„Komm rein, magst’ einen Kaffee?“
„Gerne!“, und setze mich bei ihr auf das Sofa.
„Du siehst bedrückt aus!“, sagt Adele und setzt sich neben mich.
Ich war vor ein paar Monaten auch hier gewesen. Adele hatte mich eingeladen und offensichtlich nur ein Ziel: mit mir ins Bett. Das wurde nicht schön und nicht erotisch, wir hatten Blitzsex und ich bin sofort auf und davon. Ich hatte das nicht gewollt, es war trotzdem passiert. Erst später wurde mir klar, warum ich so weggelaufen bin. In meinem Kopf war sie immer noch Friedolins Freundin. Wie konnte ich nur?
„Liebe Adele!“, fange ich an und nehme dabei ganz kitschig ihre Hand, „es ist ein Gefühl von tiefer Traurigkeit, wenn ich an Dich denke.“ Adele dreht sich mir direkt zu. Vielleicht, geht es mir durch den Kopf, hätten wir unsere damalige Begegnung auch besser begonnen, uns auf das Sofa zu setzen und uns in die Augen zu schauen.
„Es könnte dir passieren, der Gedanke an das Kind wird Dich immer wieder, ein Leben lang, wie ein Blitz durchzucken.“ Und als sich Adele wegdreht, erzähle ich ihr von meiner Mutter und unserem nie gekannten Bruder. Dann sage ich noch ganz fest:
„Wenn es zur Welt kommt, wird bei Dir ein Schalter aktiviert, Du wirst Dich freuen!“
Adele dreht sich wieder mir zu, nimmt meine Hand, schaut mich fest an:
„Ich will es nicht, das habe ich gründlich überlegt. Es wird mich nicht jeden Morgen beim Zähneputzen aus dem Spiegel heraus anschauen. Auch wenn der Vater einen Anteil daran hat, so doch keinen an meiner Entscheidung. „Auch Euer Angebot, mir immer zu helfen, würde nichts ändern.“ Sie steht auf. Ich bin erschrocken über die Härte dieser Antwort. Sie geht zum Fenster, wendet mir den Rücken zu und bewegt sich nicht mehr. Ich verstehe, lasse meinen Kaffee stehen und gehe:
„Ich kann das nicht verstehen. Tschüß!“, nehme Mira auf den Arm, schließe die Tür hinter mir.
Von Adeles Wohnung ist es nicht weit zu meiner Stammrunde durch den Meilwald hoch zum Atzelsberg. Ich bin wie vor den Kopf gestoßen, hatte ich doch gehofft, sie umstimmen zu können. Die Vorstellung, ich wäre in dieser Lage als Vater, es wäre mein Kind, das abgetrieben würde, bedrückt mich sehr. Ich muß stehen bleiben und atmen – atmen – atmen. Eine Abtreibung, ohne den Vater wenigstens anzuhören, ist auf lange Sicht keine gute Lösung, weder für den Vater noch für die Mutter.
Nach dem Spaziergang kaufe ich ein und koche uns Gehacktessoße mit Nudeln und Tomatensalat. Isa sitzt über ihren Papieren und ist dankbar, als ich ihr einfach einen Teller mit Nudeln hinstelle. Mira habe ich auch etwas Gehacktes mit Nudeln gegeben. Das Gehackte aber, bevor ich es für uns gewürzt habe, aus der Pfanne genommen. Sie schiebt den sauber leer geleckten Napf vor sich her durch die Küche. Ich habe Mitleid und hole aus dem Kühlschrank Leberwurst, die ich ihr auf eine halbe Stulle schmiere. Aber da hört ihr Hunger auf. Sie leckt die Wurst ab und das Brot bleibt liegen. Isa bringt ihren Teller in die Küche. Ich nutze ihre Pause und frage:
„Wann mußt Du fertig sein mit Palladio?“
„In zwei Wochen, das schaffe ich gut, und dann geht es direkt zur Magisterarbeit. Dazu muß ich etwas Polnisch lernen.“
„Was hältst Du davon, wenn wir über Weihnachten und zwischen den Jahren nicht zu Deinen Eltern fahren oder meine besuchen?“, frage ich.
Hast Du einen anderen Vorschlag?“, fragt sie zurück.
„Ich würde gerne mit Dir in den Süden fahren, ganz weit bis Gibraltar!“ Sie ist einen Moment überrascht und sagt lächelnd:
„Aber Polnisch lernen kann ich auch in Spanien!“ Ich halte sie fest in meinen Armen, hebe sie hoch und wir drehen uns im Kreis. Mit einem Kuß verabschiede ich mich, um die Zwo-sieben zu übernehmen.
Mein Kontostand ist wieder ausgeglichen und gut im Haben. Das Geld fürs Heimflugticket habe ich nicht im Briefumschlag, sondern per Banküberweisung zurückgezahlt. Zusätzlich zum Taxi fahre ich ab und zu für einen Bauernmöbelhändler in Tennenlohe. Der wohnt in einem Reihenhaus und fährt ein Mercedes-SLC-Coupé. Mit diesem und einem Anhänger schickt er mich in Süddeutschland auf Bauernhöfe und dort hole ich seine gekauften Bauernschränke, Kommoden, Leiterwagen, Heugabeln etc. ab. Gekommen bin ich zu diesem Job durch Friedolin, der bei Herrn Sitzmann diese Möbel restauriert, durch Abbeizen, Abschleifen, dann zum Abschluß mit Xyladecor oder Bienenwachs einlassen muß. Das alles fand in einer Doppelgarage als Werkstatt statt. Wenn ich dazukam und gerade das Xyladecor eingelassen wurde, habe ich fast nicht atmen können. Friedolin hatte sich ein Tuch vor den Mund gebunden und ihm machte das nichts aus. Es gab abends den Lohn bar auf die Hand. Bei einem Stundenlohn von 10 DM pro Stunde bekamen wir abends nach 10 Stunden Arbeit jeder einen Einhundertmarkschein. Dazu sagte er immer:
„Ihr kostet mich ein Vermögen!“ Worauf wir später als feste Redewendung sagten, wenn etwas einhundert Mark kostete:
„Das kostet ja ein Vermögen!“ Das Aushändigen des Lohns am Abend war wie eine Zeremonie. Herr Sitzmann saß auf seinem Sofa, wir mußten bei ihm Platz nehmen. Dann holt er sein Geld heraus, eine großspurige, gönnerhafte Geste, zählt es auf den Tisch und überreicht es uns. Dabei kommt oft auch seine Frau dazu. Eine große blonde, schlanke Frau, viel jünger als er, und setzt sich hinter ihm auf die Sofalehne. Ob es Absicht ist oder ob nur ich das als bewußte Inszenierung empfinde: Sie trägt immer einen sehr (sehr!) grobmaschigen Pullover mit nichts drunter und setzt sich regelrecht in Szene, um bewundert zu werden.
„Meine Frau stammt aus Jugoslawien und ist ‚Bianca the Queen of Elastic‘ und tritt damit auf!“, erzählt er jedes Mal voller Stolz.
Ein Fahrgast holt mich aus meinen Gedanken zurück:
„Alterlangen, ‚Haus Simone‘ bitte.“ Ich schalte das Taxameter ein und fahre los. Am ‚Haus Simone‘ steige ich aus und gehe mit hinein. Wir Taxifahrer bekommen ein fettes Trinkgeld, was uns unauffällig von den Damen zugesteckt wird. Dem Fahrgast gegenüber sage ich:
„Ich bekomme immer eine Cola spendiert“, und komme deshalb mit. Frühmorgens nach der Abrechnung, wenn ich das Geld für den Unternehmer im Taxi im Versteck hinterlegt habe, bleibt mein Anteil und das Trinkgeld in meiner Wechselgeldtasche. Ab und zu nehme ich dann große Scheine heraus und lege sie in meine kleine Kassette. Wenn ich die in der Hand habe, freue ich mich jedes Mal. Wenn es wieder ein guter Betrag geworden ist, träume ich von der nächsten Reise. In den Weihnachtssemesterferien also nach Gibraltar. Die Nacht läuft gut. Ich vermute, die GIs haben Sold bekommen, und wir fahren fast im Kreis vom ‚Hubertus‘ am Bohlenplatz ihrer Stammkneipe, weil oft an den anderen Gaststätten draußen am Fenster ein Schild war: ‚Off Limits‘, was bedeutet: keine GIs, zum Tor-eins oder Tor-zwei der amerikanischen Kasernen. Unsere Zentrale rief die Standplätze als Tor-eins und Tor-zwo aber bei den Soldaten und den Fahrern wurde es nur Gate-one und Gate-two genannt. Wenn neue Soldaten aus USA kamen, waren sie immer baff erstaunt:
„Oh man a Mercedes as a cab“. Wir hatten durch die GIs noch einen guten Zusatzverdienst. Sie bezahlen mit Dollar und wir tauschen die zu einem nicht so guten Kurs und holen uns bei der Bank dann einen besseren. Eigentlich will ich über einen Zusammenhang der Gottesproblematik und der miesen Charaktere in Andorra nachdenken, aber die Nacht ist zu turbulent. Irgendwann mitten unterwegs, mit lärmenden GIs im Auto, kam mir die Idee, es müsse eine Gemeinsamkeit als Ursprung haben. Könnte das Angst und Feigheit sein? Darüber will ich nicht gezielt nachdenken, sondern den Gedanken im Hirn ruhen lassen und sehen, was daraus entsteht. Ich darf den Gedanken aber nicht verlieren! Ich halte mit meinen GIs im Auto an, reiße aus dem Quittungsblock ein Blatt heraus und notiere auf der Rückseite:
„Schon im Urschleim entstanden: Angst und Feigheit!“
Falte es zusammen und lege es in meine Wechselgeldtasche.
Am Morgen, ich lese das Taxameter ab und mache meine Abrechnung, da sehe ich meinen Zettel. Ob Denken auch in Wellen stattfindet? Hatte ich doch im Knast Zeit, aber keine Gedanken, und hier, im größten Trubel, arbeitet mein Gehirn auf Hochtouren und ich versuche, zum Urschleim vorzustoßen.
Mira erwartet mich, wir drehen noch eine kleine Runde. Das tut einfach gut!
Am Nachmittag Proben. Isa hat es organisiert: Wir dürfen übergangsweise einen Raum in der Uni nutzen. Es sieht schon nach Theater aus. Jeder hat sich etwas als Accessoire mitgebracht, um besser in die Rolle zu kommen. Der Lehrer in einer Anzughose mit scharfer Bügelfalte. Ich mußte ihm zeigen, wie man sich beim Setzen das Hosenbein oben etwas hochzieht, damit die Bügelfalte entspannt und nicht die Knie ausgebeult werden. Insgeheim mußte ich an meine Mutter denken, die darauf hinwies: an diesen kleinen Dingen, wie: Man schneidet Kartoffeln nicht mit dem Messer, man läßt einer Dame den Vortritt, aber nicht in einer Gaststätte, oder wie man sich mit einer Anzughose hinsetzt, an der die Herkunft, die Kinderstube zu erkennen ist.
Der Tagfahrer der Zwo-sieben fährt wieder länger und ab und zu auch der Unternehmer. Isas Palladio ist abgegeben; Bücher, Schlafsack, Badesachen, Hundefutter und Miras Reisepullover sind eingepackt; auch an Landjäger und Semmeln gedacht, ein paar Kassetten bei Freunden (Isa mit einer Kassette Edith Piaf) ausgeliehen und den Käfer getankt mit 0,85 DM pro Liter Normalbenzin. So hatte ich den Verbrauch bis Gibraltar errechnet und das Benzingeld separat in ein extra Portemonnaie gesteckt. Mit dem Shell-Atlas die Tour festgelegt. Maut ist in Frankreich und Spanien. Über Stuttgart, dort meine Mutter besuchen, übernachten und ganz früh weiter bis Basel, dort in die Schweiz und auf der Autobahn mautfrei quer durch bis Lausanne, weiter an Genf vorbei nach Frankreich. Soweit der Plan und alles reisefertig.
Es ist ein heller, sonniger Tag. Es sollte Schnee geben, hat es aber nicht. Ich gehe gleich früh vor der langen Autofahrt eine große Hunderunde. Danach wollen wir noch im Brazil frühstücken. Vor ein paar Tagen hatte ich am Käfer extra die Heizungsrohre und den Bowdenzug repariert, der die ständig klemmende Heizungsklappe öffnet, damit wir wenigstens warme Luft an den Füßen haben. Mira liegt auf dem Rücksitz, eingewickelt in den Schlafsack. Unsere erste Station ist Stuttgart. Kurz vor Stuttgart fahren wir in eine Raststätte und suchen auf dem Stadtplan den Weg zu meiner Mutter. Eine überschwängliche Begrüßung. Es ist eine sparsam möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung mit einer modernen Einbauküche. Der Tisch ist gedeckt und auch ein Wasser- und Freßnapf für Mira steht schon bereit. So fröhlich und ausgeglichen habe ich meine Mutter noch nie erlebt. Keine Spur von verkrampften Händen oder bösen, unsinnigen Bemerkungen im Gespräch. Ob das die neuen westdeutschen Medikamente sind? Oh, das Essen!!! Rouladen dazu Kartoffelbrei und extra zweimal aufgewärmtes Rotkraut. Als Nachspeise einen Erdbeerkuchen. Woher die Erdbeeren mitten im Winter, habe ich nicht gefragt, sind bestimmt sehr teuer gewesen.
„Ich konnte keine Klöße machen, es fehlt mir eine Reibe und eine Kartoffelpresse“, entschuldigt sich meine Mutter mehrfach für den Kartoffelbrei. Es schmeckt wie Kindheit, wie eine Erinnerung an den großen Familientisch. Als ob sie das im Hinterkopf hatte, erklingt, während ich die Sahne für den Erdbeerkuchen schlage, das Doppelkonzert a-moll für zwei Violinen. Ich schaue unauffällig auf die Plattenhülle, ob es die Vater und Sohn Einspielung ist, aber es sind andere, mir unbekannte Künstler.
Den Abend sitzen wir zusammen und erfahren, sie hat wieder losen Kontakt zu ihrer Jugendliebe und ist am Krankenhaus als Stationsschwester angestellt. Wir berichten von der Uni, vom Taxifahren, wie es Friedolin und Maximilian geht und ausführlich von unserem Theaterstück.
„Ich bekomme bald ein Telephon, dann können wir uns öfter sprechen, vorbei das Warten, bis das Fernamt eine Leitung herstellt.“, kündet meine Mutter an. Diese Bemerkung brachte uns dazu, auf unsere Freiheit anzustoßen. Wir können jetzt einfach bis Gibraltar fahren und kein Stacheldraht und Schießbefehl behindert oder gefährdet uns. In der Stille nach dem Zuprosten beginnt auf einmal meine Mutter, ganz in Ruhe zu reden:
„Es waren alle Nazis, alle haben gejubelt. Deine Großmutter Elsa und Dein Großvater in Kassel waren absolute Ausnahmen. Wir Deutschen sind die Größten, der Wahn hatte alle angesteckt. Heute reden sie von: „Es gab auch Dietrich Bonhoeffer und Graf von Stauffenberg und das war damals Nazi-Deutschland, damit haben wir heute nichts mehr zu tun, das waren andere. Als ob unsere Eltern und Großeltern andere Deutsche gewesen wären? Es wird sich immer und immer wiederholen, wenn wir nicht sagen: „Das waren wir alle!“ Das war Deutschland, das war das Deutschland von Barbarossa bis heute. Die Nazizeit war kein Ausrutscher. Das waren und sind wir. Wenn Ihr durch die Pyrenäen kommt, da waren in den Bergen die Fluchtwege, um vor den Nazis nach Portugal zu entkommen. Man durfte auch in Frankreich nicht gefaßt werden. Das Vichy-Regime hat mit Hitler zusammengearbeitet, Juden gesammelt und nach Deutschland ins Gas geschickt. Der Faschismus hatte ganz Europa erfaßt.“
Wir sind ganz still geworden und ich erstaunt. So hatte meine Mutter noch nie geredet und ich bin verwundert: Woher weiß sie das alles?
Es bleibt nicht viel zu sagen. Ein Hinweis, wir inszenieren auch aus diesem Grund Andorra, klingt mir zu banal. Ob es das erste Mal ist, daß sie das in so deutlichen Worten sagt, frage ich nicht und nehme Mira mit auf eine Abendrunde.
Als ich zurückkomme, ist auf dem Sofa ein Bett für uns gemacht.
Am Morgen gibt es sehr früh Frühstück und für uns eine große Brotzeit für unterwegs. Dann bekommen wir noch ein Geschenk: Sie hat einen kleinen silbernen Photopparat, in den man keine Rollfilme, sondern kleine Kassetten einlegt und auch nicht weiterdrehen muß, sondern nur einfach zusammenschieben und loslassen, und er zieht das nächste Bild ein. Scharfstellen, Belichtung, alles automatisch. Dazu zwei Kassetten mit je 24 Bildern. Ich bedanke mich herzlich und verspreche, viele Bilder zu machen. Isa packt unsere Sachen, ich gehe schnell eine kurze Hunderunde und dann verabschieden wir uns. Meine Mutter ist eine ganz andere Person, als ich sie aus Eisenach in Erinnerung habe. Eine warme Umarmung zum Abschied ist trotzdem nicht möglich, es bleibt bei einer steifen kurzen Umarmung, bei der sich nur eine Schulter berührt. Mit Stadtverkehr aus Stuttgart hinaus sind wir nach drei Stunden via Karlsruhe auf der A5 in Basel. Die Grenze ist auf deutscher Seite unbesetzt, wir fahren durch; auf Schweizer Seite müssen wir langsam an einem Kontrollhäuschen vorbei, auch hier ist nur ein Posten, der mit einer lässigen Handbewegung zum Weiterfahren auffordert. Wie alt muß ich wohl werden, bis ich eine Fahrt durch einen Schlagbaum als selbstverständlich und ohne dabei eine besondere innere Freude zu erleben, durchfahre? Es ist einfach ein heller Glücksmoment, an dem Posten vorbeizufahren und keine Beklemmung zu bekommen. Es ist wunderbar, zu fahren. Wir wechseln uns ab, halten mittags an einer großen Raststätte, führen Mira aus und strecken uns auf einer Bank in der Sonne aus. Die Ausreise aus der Schweiz ist auch: einfach durchfahren! Nach der Grenze gehen wir Geld wechseln in Francs und damit tanken. Der Spritpreis in der Schweiz, hatten wir gehört, ist sehr hoch und wir hatten auch keine D-Mark in Schweizer Franken getauscht. Wir halten uns Richtung Grenoble und fahren wieder Nationalstraße statt Autobahn. Jedenfalls bis Grenoble. Dort wollen wir die Bergstrecke umfahren und auf der Autobahn bleiben bis Valence und dann dem Rhonetal folgen weiter nach Montpellier bis Perpignan. Irgendwo vor Grenoble und noch lange bevor wir auf die Autobahn wollten, fängt es an, dicht zu schneien. Wir fahren langsam weiter. Wir kommen durch mehrere Dörfer, der Schnee nimmt zu, auf der Straße bereits eine durchgehende Schneedecke. Zwischendurch hört es mal wieder auf zu schneien. Wunderbare schneebedeckte französische Bergwelt. Nach einer kurvigen Dorfdurchfahrt sehen wir vor uns eine lange Gerade, die eine große Steigung hat. Mehrere Autos stehen am Straßenrand und ziehen Schneeketten auf. Auf der Steigung stehen auch PKWs. Die Insassen sind ausgestiegen und versuchen, durch gemeinsames Schieben voranzukommen. Etwa in der Mitte steht ein LKW halb quer und versperrt die rechte Spur. Ganz oben sehen wir einen LKW stehen, der sich nicht traut, herabzufahren. Wir überlegen, was wir machen können. Ich sage:
„Unser Käfer hat Heckmotor und Heckantrieb, das ist bei Schnee von Vorteil. Das Gewicht liegt auf der Hinterachse und sorgt für guten Halt.“ Ich hole tief Luft und rede betont:
„Um es noch zu verstärken und falls wir hängen bleiben sollten, auch gleich schieben zu können“, schlage ich vor: „Du fährst, immer schön gleichmäßig im ersten Gang, und ich stehe hinten auf der Stoßstange, erhöhe mit meinem Gewicht den Druck auf die Hinterreifen, halte mich am Dach, an der Regenrinne fest.“
Wir fahren in den Süden, wer denkt da daran, Handschuhe einzupacken? Also ohne! Ich, nur einen extra Schal um den Hals. So fahren wir im Slalom um die liegen gebliebenen Autos und dann rüber auf die Gegen­spur, auch um den LKW herum. Unterwegs winken uns die Menschen zu und lachen, wie wir mühsam aber stetig den Berg hochfahren. Oben angekommen geht es langsam weiter, es beginnt wieder zu schneien. Plötzlich fällt der Scheibenwischer aus. Ich höre den Scheibenwischermotor arbeiten, dazu ein gleichmäßiges Klacken. Das Gestänge finde ich schnell heraus, ist auseinander. Wie das mit eiskalten Fingern reparieren? Stehenbleiben ist keine Lösung. Ich habe eine Idee: Wir nehmen Miras Hundeleine, führen sie durch die kleinen Dreiecksfenster hinaus und befestigen jeweils eine Seite am linken, die andere am rechten Scheibenwischerarm. Durch Ziehen an der linken Seite wird der Scheibenwischer nach links betätigt und mit Ziehen an der rechten Seite kommt er wieder zurück. Einer fährt, der andere betätigt den Scheibenwischer. Es ist schon dunkel, als wir in einem Dorf in der Mitte Rast machen. Unsere Brotzeit aus Erlangen und auch die aus Stuttgart ist fast aufgegessen. Wir überlegen, ob wir uns in dem kleinen Gasthof auf der anderen Seite des Platzes aufwärmen, die Toilette benutzen und ein warmes Essen gönnen sollten? Vielleicht eine Übernachtung? Wir schauen uns nur kurz an, nicken und steigen aus. Isa geht voran, ich gehe noch mal mit Mira Gassi und nehme dann ihren Reisepullover als Lagerplatz mit in das Gasthaus. Eine gemütliche, voll in Holzausstattung gehaltene Gaststube. Isa sitzt auf einer Eckbank, ich setze mich zu ihr, lege den Reisepullover hinter uns, halb verdeckt in die Ecke, und Mira darauf, damit sie nicht am kalten Boden liegen muß. Die Wirtin, eine Oma in Kittelschürze, kommt zu uns. Als Isa mit den paar Brocken Schulfranzösisch nicht weiterkommt, wechselt die Wirtin zu einem fast unverständlichen Schweizerdeutsch. Wir bestellen uns je einen Teller Suppe mit Brot. Ob wir wieder den Mutterinstinkt ausgelöst haben, wie in Florenz und oben in den Rockies? Es kommt statt eines Tellers je eine kleine Terrine, dazu ein großer Brotkorb. Nach einer Minute kommt sie erneut und hat einen Hundenapf mit leckeren Fleischstückchen aus Haut und Knorpel für Mira dabei. Wir fragen nach einem Zimmer und sind, obwohl wir in einem kleinen Dorf sind, überrascht über den hohen Preis. Das geht weit über unser geplantes Budget hinaus. Wir beschließen, die Nacht durchzufahren. Ich bestelle mir einen Kaffee, wir bezahlen und ziehen weiter. Isa liegt zusammengerollt mit Mira im Schlafsack auf dem Rücksitz und streckt die Beine auf den, wie von mir in Marina di Pisa erprobten, umgedrehten Beifahrersitz aus. Es ist ein schönes Fahren. Nach einer Stunde sind wir auf der Autobahn. Der Schnee hat aufgehört, die Autobahn ist trocken. Die Hundeleine ist ab, die kleinen dreieckigen Seitenfenster sind wieder geschlossen. Um Isa nicht zu stören, höre ich leise eine Cat-Stevens-Kassette. Nach zwei Stunden fahre ich in Valence von der Autobahn ab. Die Berge liegen hinter uns, vor uns das Rhonetal. Die Nationalstraße ist gut ausgebaut, für unseren Käfer fast kein Unterschied zur Autobahn. An Montpellier vorbei mache ich eine Pause. Mira will mit raus, Isa wacht nicht auf. Schnee gibt es schon seit Valence keinen mehr. Die Luft riecht bereits nach Meer, nach Süden und nach ganz anderen Pflanzen. Von Perpignan ist es nicht mehr weit bis Spanien. Vor uns die Pyrenäen. Kurz nach Perpignan parke ich vor einer Bäckerei, die auch zwei kleine Tische auf dem Trottoir aufgestellt hat. Isa bestellt uns Kaffee und Croissants. Ich schaue auf dem Shell-Atlas nach dem Weg nach Barcelona. Der Hinweis meiner Mutter auf den Fluchtweg vor den Nazis. Das war die Küstenstrecke und das bringt mich auf die Idee, diesen Weg zu wählen. Auf dem Atlas sieht er bei dem großen Maßstab auch recht einfach aus. Erst bis Argelès-sur-Mer, Banyuls-sur-Mer und Cerbère ist alles flach, wenn auch sehr kurvig. Aber dann, als wir die Straße entlangfahren:
„Oh weh!! So hatte ich mir das nicht vorgestellt, auf dem Atlas sah das nicht so aus“, sage ich zu Isa. Es geht auf einer schmalen Serpentinenstraße zwanzig Kilometer, immer scharf am Rand des Abgrunds, bergauf, richtig bergauf und zum Schluß etwa fünf Kilometer weiter sogar gefährlich steil bergauf. Dazu weht ein heftiger Wind, ein Sturm, der unseren Käfer kräftig durchschüttelt, sodaß sich Isa oft erschrocken krampfhaft festhält.“ Ich kann sie beruhigen:
„So schnell weht es einen Käfer nicht von der Straße.“ Oben am Grenzübergang ein kleines Dorf, mitten drin der Schlagbaum. Zwei junge Grenzbeamte schauen sich unseren Käfer genau an und prüfen unsere Papiere ganz genau. Irgendetwas fehlt ihnen. Wir verstehen nicht, was sie meinen. Dann geht ein Beamter in sein Wachhäuschen und kommt mit einem Muster der Grünen Versicherungskarte wieder heraus. Ah, die möchte er sehen. Die haben wir nicht. Er macht uns in Zeichensprache klar, er darf uns nicht durchlassen. Dann kommt der andere Grenzbeamte, sehr nah an unseren Käfer, Mira fühlt sich angegriffen und bellt heftig. Jetzt kommt der Beamte noch näher, um sich das genau anzuschauen, und fängt an, laut zu lachen, prustet los:
„Perro salchicha!“, dann kommt er zu mir auf die Fahrerseite, bittet mich mit einer Handbewegung, auszusteigen, und zeigt mir mit großen Bewegungen in die Luft die Richtung. Ich verstehe: zurück und dann nach links im Bogen wieder gen Spanien. Dazu sagt er mehrfach was, was irgendwie klingt:
„Autopista, no controles fronteras!” Dann lächelt er freundlich, tippt kurz mit der Hand an seine Schirmmütze und zeigt uns, wir sollen drehen und abfahren.
Ich fahre erst mal den letzten und gefährlichsten Abschnitt zurück bis Cerbère. Wir gönnen uns Kaffee und Croissants und ich suche im Shell-Atlas nach einer Möglichkeit, zur Autobahn zu kommen, ohne bis Perpignan zurück zu müssen. Ich finde, in Argelès-sur-Mer gibt es eine Verbindung zur Autobahn gen Barcelona. Ich schlage vor, ich fahre bis dahin, das liegt direkt am Meer. Dort suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen, vielleicht am Strand, und ich schlafe ein paar Stunden. Nachts fahren wir weiter, da sind wenig Grenzkontrollen auf der Autobahn und die suchen nicht nach einer grünen Versicherungskarte. Die zwanzig Kilometer bis zu unserem Rastplatz fahre ich besonders langsam, damit sich Isa von Durchschütteln und gefährlicher Nähe zum Abgrund erholen kann. Ich schiebe die Edith-Piaf-Kassette ein, dann, als ich eine kleine Bucht sehe und einen Sandweg dahin, biege ich ab und stelle den Käfer unter einen Baum in den Schatten. Das Meer: immer wieder wunderbar! Irgendwann möchte ich direkt am Meer leben. Ich stelle Mira ihren Wassernapf hin, nehme den Schlafsack und die Handtücher und mache uns ein Lager im Sand. Die Sonne brennt noch nicht, wir müssen noch keinen Schatten suchen. Wir freuen uns über ihre Wärme. Mira geht stromern und erkundet unsere Umgebung. Ich freue mich: ausstrecken, Augen zu und schlafen. Als ich erwache, ist es Mittag. Mira liegt neben mir, Isa hat es sich neben dem Käfer am Baumstamm gemütlich gemacht und liest im Schatten. Mir hat sie gegen die Sonne mit zwei Stöcken und einem Handtuch für den Kopf einen Schattenspender gebastelt. Ich ziehe meine Hose aus und gehe zum Ufer. Mehr als bis zu meinen Knien geht es nicht. Es ist deutlich zu kalt. Ich setze mich neben Isa an den Baumstamm. Sie nimmt aus dem Sand eine kleine flache Muschel, legt sie sich als Lesezeichen ins Buch und klappt es zu. Nach einer langen Pause, ich spüre, sie möchte etwas sagen, schaue ich sie an:
„Du hast Kummer?“, frage ich.
„Mein Großvater ist mit daran schuld. Hier auf dieser steilen Route mußten die Menschen um ihr Leben laufen.“ Dabei malt sie kleine Kreise neben sich in den Sand.
„Er hat mir auf seinem Sterbebett gesagt, er hätte nichts tun können, als diese Erschießungen damals in seinem Revier gewesen sind, und er wollte seine Familie schützen, sie nicht in Gefahr bringen.“
Ich kann nichts erwidern und schaue sie nur von der Seite an, als sie weiterredet:
„Da gibt es das Urgefühl Angst und daraus erwächst Vorsicht.“
Sie steht auf:
„Laß uns etwas laufen“, und nach ein paar Schritten: „Aber wo ist der Übergang von Vorsicht zu Feigheit?“ Sie macht eine heftige Handbewegung und ich spüre ihre Wut:
„Mein Großvater war feige, das sieht man daran: Er hat nicht das Geringste gegen das Regime unternommen und auch später nichts zur Aufklärung der Verbrechen beigetragen. Er war feige, ein schwacher Mensch, ein übler Feigling!“
Vorhin, bei der Fahrt hierher, hatten wir die Edith-Piaf-Kassette zweimal durchlaufen lassen. Das bringt mir die von allen immer wieder zitierte Passage „Ich bereue nichts“ in Erinnerung.
„Non, je ne regrette rien“, sage ich zu Isa, „können nur Menschen sagen, die aufrichtig, die wahrhaftig leben“, und dabei denke ich an mich, an meine Offenbarung, die sich mir eröffnet hat, damals in der langen halbdunklen U-Haft:
‚Der Glanz des Lebens ist die Aufrichtigkeit!‘
„Die anderen“, sage ich weiter, „wissen nicht mal, verstehen nicht mal, was damit gemeint ist.“ Ich nehme Isas Hand:
„Es ist richtig, Dein Großvater war feige, das ist geschehen, vielleicht tragen wir das sogar als genetische Information in uns, aber wir können es beenden. Wir wissen das und wir können unsere Kinder davor beschützen, Mitläufer, Opportunisten und feige Menschen zu werden. Wenn unsere Gene die Angst vor der grünen Mamba weitergeben können, vielleicht können sie auch weitergeben, den Glanz des Lebens zu leben?“ Jetzt lacht Isas wieder:
„Du bist und bleibst Pfarrerssohn, immer pathetisch, mußt immer predigen.“ Aber sie ist froh, es ausgesprochen zu haben. Die Feigheit ihres Großvaters hat sie bedrückt.
Es ist noch viel zu früh, um loszufahren. Wir genießen unseren ersten Strandtag. Ich stecke im Käfer in den Kassettenrekorder Beethoven, Klavierkonzert Nr. 5, ein, lasse die Türen offen und lege mich neben lsa auf unseren Schlafsack in den Sand.
„Das ist meines Vaters Lieblingskonzert“, sage ich zu Isa.
„Ich weiß, das sagst Du jedes Mal, wenn wir es hören.“ Es ist gut, einfach nur zu liegen. Mira rennt den Möwen hinterher. Musik hören und nichts denken bringt die Ganglien dazu, mit den Synapsen Ping-Pong zu spielen. Ich denke ja schon wieder. Besser ist, Augen zu! Als ich die Augen wieder aufmache, ist es bereits dunkel. Isa hält mir ein belegtes Baguette entgegen. „Na, ausgeschlafen?“
„Ja, vollkommen! Vielleicht unterwegs an einer Tankstelle einen Kaffee. Mein Tag-Nacht-Rhythmus ist durch Taxifahren sowieso auf Nacht umgestellt. Wir packen ein, Isa fährt. Bald sind wir auf der Autobahn. Ich vermutete, es geht immer weiter bergauf, aber es bleibt völlig flach. Als wir an der letzten Mautstelle vor der Grenze durch sind, beginnt der Aufstieg zu den Pyrenäen. Es ist eine über 10 km lange Steigung. Wenige Autos unterwegs, wir überholen zwei LKWs, die dicke schwarze Qualmwolken ausstoßen. Ich bitte Isa, weniger Gas zu geben, lieber herunterschalten. Wir haben nur 34 PS und der Motor ist luftgekühlt. Am Geruch der Heizungsluft kann man gut einschätzen, wie heiß der Motor ist. Ich habe mir unnötig Sorgen gemacht. Unser Käfer schnurrt den Berg hoch und oben an der Grenzstation ist, wie wir erhofften, niemand da. Wir fahren einfach durch! ‚Autopista del Mediterráneo‘ steht auf einem großen Schild neben der Autobahn und darunter ‚Willkommen‘ in mehreren Sprachen. Wir biegen gleich ab von der mautpflichtigen Autopista auf die Nationalstraße und machen eine Rast. Es ist eine ganz andere Luft, hier oben. Abseits der Straßenlampen sehen wir das volle Firmament. Ich sehe mein kleines privates Stiersternbild mit seinen drei markanten waagerechten nebeneinander liegenden Sternen. Ein Fixpunkt in all den Veränderungen. Sie da oben sind wirklich ewig und ich hier unten, mein Leben nur ein Wimpernschlag.
Wir packen und ich baue den Beifahrersitz wieder verkehrt herum ein, Isa richtet sich einen Schlafplatz ein. Mira hat verstanden, es geht weiter, und sitzt bereits auf dem Fahrersitz. Auf einem Trödelmarkt hatte ich eine Kassette von Bachs ‚Wohltemperiertem Klavier‘ gefunden und sofort gekauft. Im Ohr hatte ich Gudruns Aussage, als ich mal das wohltemperierte Klavier in Weimar hören wollte: Das sei nichts für junge Menschen. Es hatte sich in mir eine besondere Ehrfurcht vor dieser Musik aufgebaut, es nicht verstehen zu können. Ich hatte die Kassette deshalb noch nicht gehört und wollte sie mir für einen wirklich außergewöhnlichen Moment aufsparen. Den sehe ich jetzt. Wir sind reisefertig. Auch Mira hat den Platz freigemacht und ist mit in den Schlafsack gekrochen. Ich setze mich hinters Lenkrad, starte und wie ich auf die Nationalstraße einbiege, drücke ich die Kassette hinein. Das Perlen der Klänge und Läufe fügt sich wundersam ein in das stetig leichte Bergabfahren. Ab und zu kommen wir durch kleine, mit wenigen Straßenlaternen beleuchtete Straßendörfer und weiter mit leichten Kurven geht es durch viel Wald. Als wir Girona erreichen, will ich tanken. Geht nicht, alle Tankstellen sind geschlossen. Auch habe ich kein Geld getauscht. Das Benzin reicht aber, ich kann ruhig weiterfahren. Die Kassette lege ich ins Handschuhfach. Es ist eine wunderbare Musik, sie hat mich aber nicht erreicht. Vielleicht bin ich doch noch zu jung? Gegen drei oder vier Uhr erreichen wir Barcelona, riesig breite Straßen. Paläste und jugendstilartige große Wohnhäuser. Viel Grün in Parks. Unsere Straße geht schnurgerade quer durch die Stadt. Nach einem riesigen Kreisverkehr am Plaza de España sehe ich in einer Seitenstraße ein offenes Café. Es sieht aus, als ob es wie der Xaver ein Café für die Nachtmenschen ist. Die Straße hat schwarz leuchtendes Kopfsteinpflaster. Gerade waren zwei Straßenfeger, unterstützt von einem Wagen, der ihnen mit einem Schlauch die Straße naß machte und den groben Müll vor sich herspritzte, vorbeigekommen. Es ist nicht besonders kalt. Es reicht, eine einfache Jacke überzuziehen. Wir bestellen Kaffee mit Croissants. Der Kellner bringt nach kurzer Zeit den Kaffee und die Croissants auf einem Teller und dazu Messer und Gabel. Die Croissants sind gefüllt mit Vanillepudding und haben einen dicken Zuckerüberguß. Da habe ich mich bei der Bestellung falsch ausgedrückt. Aber es schmeckt wundersam gut. Ich kenne Erlangen bei Nacht, wenn alles ganz ruhig und fast niemand unterwegs ist. Es ist eine eigene, besondere Stimmung. Hier ist es genauso und doch anders. Als ob man nachts beim Vorbeigehen in eine fremde Wohnung schaut. Mir wird plötzlich siedendheiß, weil mir einfällt, wir haben keine Pesos, nur Franc. Der Kellner nimmt die Franc und gibt Pesos heraus. Er hat bestimmt auch einen guten Schnitt gemacht, wie ich mit den Dollars der GIs. Also weiter geht es Richtung Tarragona. Die Bergstrecke, um aus Barcelona herauszukommen, umgehen wir, gönnen uns die Autopista bis Tarragona und dort tanken wir mit den noch verbliebenen Pesos. Dann übernimmt Isa und ich lege mich hinten flach. Es geht immer am Meer entlang. Es ist ein schönes Fahren. Sonne, Meer und eine friedliche Stimmung über dem Land. In Valencia machen wir wieder eine lange Nachmittagsrast am Strand, um dann die letzte Etappe zu fahren. Es ist bergig, via Murcia nach Almería. Es ist frühmorgens, als wir in Almería ankommen. Wir kaufen uns etwas im Supermercado und gehen zum Strand. Ich schaue mir ganz genau die restliche Strecke bis Gibraltar an. Es wäre immer am Meer entlang mit vielen Kurven und Steilküsten noch mal eine Tagesreise. Dann gehe ich zur Bank, Geld wechseln, und mache einen Kassensturz. Dazu setze ich mich vor einem Supermercado auf eine Bank. Durch unseren Abstecher in die Pyrenäen und die nicht einkalkulierten Mautgebühren sind wir etwas über der Planung. Ich gehe gleich noch einkaufen, wir brauchen dringend Wasser und frisches Obst. Im Supermercado höre ich eine Regalreihe weiter vertraute deutsche Klänge. Ich schaue nach und sehe ein junges Paar mit einem Kleinkind. In ihrem Einkaufskorb liegen Nudeln und Tomatenketchup. Offensichtlich wollen sie selbst kochen und sind keine Gäste aus einem Hotel. Ich gehe auf sie zu und frage:
„Könnt ihr mir sagen, wo es hier eine günstige Unterkunft, eine Pension oder Herberge gibt?“ Wir kommen ins Gespräch, ich erzähle, wir sind Studenten und mit dem Auto unterwegs. Sie erzählen, sie leben hier, mal da, und ziehen immer weiter auf der Suche nach kleinen Jobs. Sie wohnen etwas außerhalb in einer Urbanisation und wenn wir wollen, können wir ein, zwei Tage bei ihnen schlafen. Die junge Frau zupft mich unauffällig am Ärmel:
„Wenn Du etwas Gehacktes kaufst, kann ich uns heute eine gute Soße machen.“
„Klar!“, sage ich und kaufe auch noch Zwiebeln dazu ein. Wir verabreden, uns in einer Stunde genau hier vor dem Supermercado wiederzutreffen. Ich laufe fröhlich zurück zum Strand und finde Isa lesend im Schatten sitzen.
„Eigentlich“, sage ich zu ihr, „sind wir im Süden, es ist sonnig und warm. Bis Gibraltar sind es noch 400 km Uferstraße mit bergauf, bergab und vielen Ortsdurchfahrten, fast eine Tagesreise und eine Tankfüllung hin und eine zurück. Wollen wir hier bleiben?“. Dann füge ich schmunzelnd hinzu:
Eine Unterkunft habe ich auch. Wir sind von einem jungen Paar eingeladen, bei ihnen zu übernachten. Wir treffen sie in einer Stunde vor dem Supermercado.“
„Das ist gut, ich wollte schon vorschlagen, wir sollten uns nach einer Unterkunft umschauen.“ Die beiden sind pünktlich da. Da sie zu Fuß sind, fahren wir zusammen im Käfer. Er ist mittelgroß, schlank, blond und wirkt unordentlich. Sie ist zierlich, auch sehr schlank, trägt Rock und Bluse und hat die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Wir fahren durch den Ort an einer Feriensiedlung mit einer Reihe völlig identischer gelb-brauner Häuser vorbei, müssen an einem Feld mit Blumenkohl kurz halten. Er steigt aus und erntet einen Kohlkopf direkt vom Feld. Dann fahren wir weiter, bis wir in eine kleine Siedlung kommen. Alles sieht unbewohnt und verlassen aus. Wir halten vor einem kleinen Häuschen. Was mich verwundert: Wir betreten das Haus durch die Hintertür. Auf meine Frage, wieso, sagt sie mir:
„Wir wohnen immer in leer stehenden Häusern und wechseln ab und zu. Isa und ich, wir schauen uns vielsagend an. Es gibt für uns ein extra Zimmer mit großem Bett. Bettwäsche liegt im Schrank. Unwohl ist uns und wir planen, morgen suchen wir eine andere Bleibe. Aus der Küche hören wir lautes Streiten. Er poltert und sie macht auf uns einen eingeschüchterten Eindruck. Später, als Isa sich unter vier Augen mit ihr unterhält, erfährt sie:
„Ja, er hat mich auch schon mal geschlagen, aber was soll ich tun, wohin soll ich gehen?“
„Du kannst nächste Woche mit uns nach Deutschland zurückfahren!“ „Nein, das möchte ich nicht. Wir lieben uns doch. Wir finden schon was für auf Dauer.“
„Spätestens, wenn das Kind aus den Windeln ist, müssen sie das Vagabundieren aufgeben“, sage ich zu Isa, als sie mir davon erzählt. Ob ich auf andere, auch so einen unsteten Eindruck erwecke? Frage ich mich insgeheim. Für uns gibt es wenig Gesprächsstoff. Ich habe an dem Hinweis, ich solle Gehacktes kaufen, verstanden: Sie erwartet als Gegenleistung für die Unterkunft, wir besorgen das Essen. Das werde ich morgen auch tun. Nachmittags machen wir einen Spaziergang durch die umliegenden Felder. Wir sind sehr müde und kehren bald um. Das Abendessen in der Sonne auf der Terrasse ist lecker. Die Nudeln im Bauch machen mich todmüde. Ich möchte nur noch schlafen. Weil ich sehe, wie die beiden sich mit dem Kind abmühen, erinnere ich mich an Ingos Aussage:
„Früher haben wir die Kinder in einer Gemeinschaft großgezogen.“ Und an einen Radiobeitrag nachts im Taxi:
„Die Bedeutung der Großeltern bei der Urgemeinschaft“: Da die Eltern mit der Nahrungsbeschaffung beschäftigt waren, kümmerten sich die Großeltern um den Nachwuchs. Das erscheint mir völlig logisch. Vielleicht bekamen die Enkel von den Großeltern die ethische Impfung, um Gut und Böse unterscheiden zu lernen. Da heute Eltern beides, die Nahrungsbeschaffung und die Nachwuchsbetreuung, erledigen müssen, haben sie nicht so viel Zeit, aus ihren Kindern ethisch gebildete Menschen zu machen. Haben wir deshalb jetzt so viele Mitläufer und Opportunisten? Mit diesen Gedanken im Kopf schlafe ich ein und habe heftige Träume. Erst erscheint mir Platon in einem weißen Gewand und schimpft mich aus:
„Was, Du hast das Höhlengleichnis nicht verstanden und willst ein Philosoph sein!“, dann wird es noch schlimmer: Kant steht auf einen Spazierstock gestützt, wie mein Urgroßvater im Ölgemälde, erhebt ihn dann drohend gegen mich und doziert:
„Der Verstand ist frei und die Vernunft der höchste Richter! Und nur Du, Du tumber Tor, Du einfältiger Narr, bist Untertan Deiner Hormone.“ Dann lacht er hämisch und verschwindet.
Bin früh wieder wach, mache mich leise auf in den Ort und kaufe uns frisches Baguette, Käse, Butter, Milch und ein Viertelpfund Kaffee, ach ja, und eine kleine Dose Hundefutter. Als ich zurückkomme, ist Isa schon auf. Ich gebe ihr den Kaffee, sie findet Kanne und Filter. Da kommen auch unsere Gastgeber und freuen sich über Kaffee und Baguette.
Später machen wir uns auf nach Almería, stellen das Auto auf den Parkplatz vom Supermercado und laufen die Haupt- und ein paar Seitenstraßen ab, um eine Unterkunft zu finden. Hinter einer kleinen Bootswerkstatt finden wir ein Hinweisschild an der Tür:
„Habitación disponible primer piso.“ Mit ein bißchen Raten, Englisch und Italienisch dazu vermuten wir, das heißt: „Zimmer frei, erster Stock", weil da auch ein Pfeil die Treppe hoch zeigt. Ich klemme mir Mira unter den Arm und wir gehen hoch. Oben brennt nur ein kleines Flurlicht und auf einem Seitentisch liegt ein dickes Buch, wahrscheinlich die Buchungen. Ich rufe halblaut:
„Hallo!“, da kommt eine Frau aus einem der Zimmer, mustert uns regelrecht böse, zeigt auf Mira und schüttelt abwehrend die Hand:
„¡Nunca perros!“, und zeigt erneut auf Mira. Wir drehen um und gehen die Treppe wieder hinab, da kommt uns ein Mann entgegen und nimmt mich am Arm und zieht mich wieder die Treppe hoch. Oben sieht er Mira auf meinem Arm, lächelt und versucht, sie zu streicheln. Mira verzieht die Lefzen und knurrt, da lacht er trotzdem freundlich weiter. Er zeigt uns ein ganz einfaches Zimmer: ein Doppelbett, eine Kommode, darauf wie früher eine Porzellanschüssel mit einer großen Kanne Wasser drin, Fenster hinten zum Hof. Dann nimmt er einen Zettel und schreibt seinen Preis drauf. Wir rechnen um und kommen auf 5 DM pro Nacht und er macht die Zeichen für etwas zu essen und schreibt wieder seinen Preis dazu. Das sind dann 7 DM. Wir zeigen auf seinen Preis ohne Frühstück und zeigen mit der Hand fünf Tage an und auf dem Kalender an der Wand auf morgen. Darauf geben wir uns die Hand. Die Frau, die die ganze Zeit im Hintergrund stand, geht leise vor sich hin brummelnd in ihr Zimmer zurück.
Fünf Tage und das paßt ins Budget, dann sind es 6 Tage bis zur Rückreise. Im Café um die Ecke setzen wir uns außen an einen Tisch, bestellen Kaffee, genießen es, in der Sonne zu sitzen und alles geregelt zu haben. Später kaufen wir Baguette, ein Stück festen Käse und dazu eine große Flasche Wasser, fahren ein Stück aus dem Ort und suchen eine ruhige Stelle am Strand. Genau so und nicht anders war meine Vorstellung von Meer, Strand, Sonne und diesem Glück, es mit Isa genießen zu können. Wir sind völlig allein am Strand. Vorhin im Café ist mir aufgefallen: Spanier trugen alle eine dicke Jacke, obwohl es so warm ist. Für sie ist es bestimmt zu kalt. Ich mache mit dem kleinen Photoapparat viele Bilder, spiele Stöckchenwerfen mit Mira und versuche, ins Wasser zu gehen. Aber aber aber, da braucht es Überwindung, lieber später. Ich lege mich zu Isa, die ihre ‚Theater heute‘ mitgenommen hat. Beim ruhigen Liegen geht das Ping-Pong der Synapsen mit den Ganglien wieder los. Einfach nichts denken ist ja auch wieder denken. Es muß doch eine Ursache geben, warum immer wieder brachiale Gewalt zwischen den Menschen ausbricht? Und das nur bei unserer Spezies? Was machen wir falsch? Es sind nicht einzelne Kämpfe um eine Rangposition, die beste Fortpflanzung oder eine Nahrungsquelle. Wir töten nicht, wir schlachten, wir schlachten uns gegenseitig, wir schlachten ganze Völker ab! Ein millionenfacher Blutrausch. Dabei kann ich nicht mehr liegen bleiben. Ich muß mich bewegen. Wir machen grundlegende Fehler. Nur welche? Wir sind arrogant, fällt mir ein. Wir sind irre hochnäsig und haben ein falsches Bild von uns. Deswegen ziehen wir die falschen Schlüsse.
„Du erinnerst Dich?“, sage ich zu Isa. „Wir sollten in der Schule ein Unterrichtsfach wie Biologie haben, in dem wir lernen, was an uns alles vom Säugetier abstammt, die Reflexe, die Hormone und das alles?“
„Ja, davon hast Du öfter gesprochen.“
„Ich denke, unser ganzes Denkschema über uns ist falsch. Wenn man auf einer falschen Basis aufbaut, kommt man immer zu falschen Ergebnissen. Es gibt keine Trennung zwischen Menschen und Tieren. Wir sind alle zusammen Tiere. Eine neue richtige Sortierung unter dem Oberbegriff „Tiere“ wäre:
Vögel, Reptilien, Amphibien, Fische und Säugetiere. In die Gruppe der Säugetiere gehören wir Menschen. Als gleich und nicht als etwas Besonderes. Weiterhin gehören wir in die Klasse der Raubtiere und dort sind wir das gefährlichste Raubtier überhaupt. Wenn wir das akzeptieren, dann können wir neu anfangen, über uns nachzudenken!“
„Das wird vielen nicht gefallen“, sagt Isa nach einer langen Pause und fährt dann fort:
„Meinst Du, Chamberlain hätte 1938 das Beschwichtigungsabkommen in München nicht abgeschlossen, wenn er sich der Raubtierhaftigkeit des Menschen bewußt gewesen wäre?“
„So ein Abkommen“, antworte ich, „schließt man nur ab, wenn man an einen Restverstand glaubt und nicht das Raubtier in Aktion sehen möchte. Hätte er das Raubtier gesehen, hätte er sofort andere Gegenmaßnahmen ergriffen.“ Plötzlich habe ich eine lustige Idee und muß auflachen:
„Was lachst Du?“, fragt Isa.
„Chamberlain hatte bestimmt seine Berater dabei. Vielleicht auch Psychiater und Psychologen. Ich mußte bei dem Gedanken lachen, die haben ein Grundstudium Humanmedizin. Es wäre besser, sie hätten ein Grundstudium Veterinärmedizin. Damit kämen sie dem menschlichen Verhalten näher.“
Isa ist aufgestanden, wir gehen zum Ufer.
„Was meinst du, woher kommt diese Arroganz, die uns den Blick auf uns selbst vernebelt?“
„Ich kann nicht sagen, woher, aber in etwa wann. Es war René Descartes, der behauptet hat, Tiere seien ohne Seele und würden keine Schmerzen empfinden. Das war der Anfang der rücksichtslosen Tierquälerei. Später nutzte man das Argument, indem man Feinde entmenschlichte, um sie leichter zu vernichten. Ich fuchtle wieder mit meinen Armen in der Luft:
„Ego cogito, ergo sum“ sagt: „Ich bin existent!“ Es unterstellt, mein Denken würde sich frei entfalten und mir gehorchen. Ich denke, was ich will! Das ist der Fehler. Mein Denken entsteht in mir. Ich nenne es spöttisch das Ping-Pong der Ganglien mit den Synapsen. Es ist abhängig von meiner Umwelt, bis hin zu dem, was ich gerade gegessen habe! Mein Denken ist nur das Ergebnis der chemischen Prozesse in meinem Körper. Aber ja, weil ich denke, existiere ich. Wenn er mich als gesamtes Wesen meinen würde, dann richtig, aber er trennt meine Säugetierexistenz von meinem Gehirn und damit wird die Aussage schief.”
„Puuh!”, sagt Isa und schaut mich schelmisch an. „Das hast Du aber nicht an der Polytechnischen Oberschule gelernt?!”
„Nein!”, sage ich lachend und bin überrascht, wieso auf einmal dieser Gedanke so vollständig fertig in meinem Kopf abrufbar war. Dann gebe ich mir einen Stoß, denke an mein Schwimmen in Marina di Pisa und renne los ins Wasser. Weiter! Weiter! Nicht nachdenken! Dann umdrehen, fallen lassen, schwimmen und atmen; schwimmen und atmen – auf einmal verliert die Kälte ihre Bedrohung. Es ist nicht mehr unangenehm, bewege mich frei, kann schwimmen, leicht und tief atmen; angenehme Glücksgefühle durchfluten mich. Ein Gedanke durchzuckt mich wie ein Blitz: Verstehe, die Annahme, wir seien gut, ist der Fehler! Von Anbeginn an haben alle angenommen, wir seien im Kern gut, nur ein paar Ausnahmen seien böse. Deshalb suchen wir nach dem Wesen des Bösen, um es zu verstehen und zu verhindern. Wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen: Wir sind böse und es gibt das Gute. Wir müssen das Gute verstehen lernen, um es zu fördern. Nur so herum verhindern wir das Böse.
Als ich wieder aus dem Wasser komme, hat Isa das Baguette ausgepackt, den Käse aufgeschnitten und aus dem Kassettenrekorder höre ich Brahms' 4. Sinfonie. Das ist dieser leicht romantische Stil, als ob es in der Musik auch das leichte Schweben des Jugendstils gäbe. Ich lege mich in die Sonne und möchte erst allein über meine Gedanken von Böse und Gut nachdenken.
„Wir belobigen die Guten, stellen sie als Denkmal auf Sockel und geben ihnen Preise und Ehrungen.“, sage ich nach einer Weile zu Isa, um meinen Gedanken vom Schwimmen wieder aufzunehmen.
„Nein!“, antwortet sie, „wir ehren auch Massenmörder wie Lothar von Trotha, der 15000 Hereros in der Wüste verdursten ließ!“
„Ja, damit hast Du Recht, es stimmt!“, antworte ich ihr. „Vielleicht als Einzelner können wir Gut und Böse unterscheiden, in der Gruppe aber entsteht ein Sog und wie in einer anderen Welt werden wir zu blutrünstigen Schlächtern. Wir sind Raubtiere, aber anders als normale Raubtiere verfallen wir in kollektiven Blutrausch. Wieso?“
Isa widmet sich wieder ihrer Zeitschrift. Ich mache mich mit Mira zu einer Strandwanderung auf.
Vielleicht bin ich zu schnell mit meinen Rückschlüssen? Wenn schon Pflanzen sich gegenseitig helfen können, über ihre Wurzeln Nährstoffe austauschen und sich gegenseitig mit Duftstoffen vor Freßfeinden warnen, dann ist Altruismus tief in uns angelegt. Vielleicht sind wir doch normale Raubtiere und diese Blutrausch-Exzesse sind ein gesellschaftlicher Virus, der Gehirne aufweicht? Ich nehme mir vor, mit meiner mangelhaften Allgemeinbildung und meinem nur rudimentären Wissen über Philosophien und Kulturen erst mehr zu lernen und später Schlüsse zu ziehen.
Nachmittags schauen wir uns in der Stadt um, gönnen uns wieder so ein leckeres Croissant mit Vanillefüllung, kaufen für das Abendessen ein und fahren zurück zum Haus.
Das junge Paar freut sich über den Einkauf.
„Wir haben ab morgen eine Pension in der Stadt gefunden.“, sage ich ihnen, als wir zusammen auf der Terrasse sitzen. Wir reden über das Leben hier und eine eventuelle Rückkehr ihrerseits nach Deutschland. Aus ihren Reaktionen wird mir klar, da gibt es verborgene Gründe, es nicht zu tun, über die sie nicht sprechen.
Am nächsten Tag bekommen wir in der Pension einen großen alten Schlüssel, an dem ein Suppenknochen als Anhänger befestigt ist, ausgehändigt. Das Bett ist durchgelegen und quietscht. Wir sehen das nicht. Wir sehen: Sonne, Strand, Wärme, und riechen den Duft des Südens. Als wir bei einer Ausfahrt in die Umgebung an einem Feld voller Mandarinenbäumchen stehen bleiben und uns einige abpflücken, hupen vorbeikommende Autos böse laut. Am Strand vergesse ich, den Photoapparat mitzunehmen, lasse ihn auf dem Autodach liegen. Als wir zurückkommen, ist er weg. Nun haben wir keine Bilder zum Herumzeigen, aber in mir sind sie fest gespeichert. Sie zeigen und sagen mir: „Hier will ich mal leben!“
Zu Silvester wollen wir uns eine Flasche Wein gönnen und kaufen im Supermercado im Regal ganz unten einen billigen Wein. Vinagre steht drauf. Das warnende Gefuchtel zweier Frauen können wir nicht deuten. Erst abends, als wir am Hafen sitzen und die Flasche öffnen, wird uns im Nachhinein klar, was sie gemeint haben:
„Vinagre bedeutet nicht Wein!“, wir lachen, schütten ihn weg, lassen uns die Laune nicht verderben und genießen die Stimmung, als um Mitternacht im Hafen alle Schiffe ihre Sirenen heulen lassen.
„Willkommen 1983!!“
Die Tage sind eine reine Wonne. Wir liegen im Sand, sind allein, genießen das Miteinander. Wir fühlen uns wie Urlaub im Werbeprospekt. Bei einem erneuten Kassensturz planen wir die Heimreise und entscheiden, weniger Nationalstraße, mehr entspannte Mautstrecke zu fahren, keine Nachtfahrten, schlafen in Gasthöfen unterwegs.
„Wir müssen am 3. Januar aufbrechen, um drei heilige Könige wieder daheim zu sein“, sage ich.
„Nicht drei heilige Könige, das heißt Heilige Drei Könige“, verbessert mich Isa. Vor der Abfahrt repariere ich mit einem feinen Draht notdürftig das Scheibenwischergestänge.
Im Kassettenrecorder: Cat Stevens, Edith Piaf, Brahms, Leonard Cohens Suzanne. Damit fahren wir heim, es wird wieder kälter, irgendwann beginnt Schneematsch, später Schnee und dann in Erlangen: dicker glitzernder Schnee.
Ich kann es nicht benennen, aber spüren. Auf dieser Reise habe ich in meinem Denken ein Fenster, vielleicht sogar eine Tür, geöffnet.
Es gibt noch keine Erkenntnisse, aber eine Richtung.

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