3 Ankunft in Erlangen
Welch ein Aufwachen!
Verspüre ein ganz eigenartiges Gefühl.
Froh sein, aber das trifft es nicht richtig, ich bin glücklich, auch das ist ungenau, eher ist es ein seltsames, mächtiges Staunen. Ich bin verwundert, es ist nicht im Fernsehen oder irgendwie hinter Glas, ich erlebe tatsächlich, was ich gerade erlebe. Es ist sehr intensiv, als ob ich mich ununterbrochen kneifen müßte, um mir zu bestätigen: Es ist alles echt, es ist kein Traum!
Ich bin nicht nur raus aus dem Knast, bin sogar außerhalb des Eisernen Vorhangs, bin angekommen in der bisher verbotenen und jetzt erreichbaren Ferne. Erlebe ich gerade nur eine kurze Euphorie oder ist das ein gewonnenes Dauerglück?
Das äußerlich normale Leben hat uns wieder. Wir stehen auf, ohne Befehl, einfach von allein, und niemand schiebt an der Tür das Frühstück durch die Klappe. Wir gehen zusammen zum Speisesaal. Das Frühstück … mit echtem Bohnenkaffee und Rührei und frischen warmen Brötchen und Marmelade und Wurst und Joghurt …
„Eh, Du“, stoße ich meinen Bruder an, „s’ist wie im Westen! Der Kaffee!“ Mit geschlossenen Augen sauge ich den Duft ein!
„Wir sollen richtig futtern“, hat der Arzt gesagt. Stell dir vor, ich wiege nur 72 kg. Bei der Armee wog ich fast 87 kg.“
„Deine Muskeln sind weg und dann nur die ewige Kartoffelpampe …“
Er zeigt auf das Buffet:
„… bring uns doch noch ‘ne Apfelsine!“
Nach dem Frühstück mache ich mich auf und telefoniere mit Onkel Gerhard. Er hat Grüße von den Eltern und die Nachricht von Friedolin: Der holt euch heute ab.
Wir suchen eine Landkarte und schätzen dann, wie lange man von Erlangen nach Gießen braucht.
Wir wissen, er hat einen alten VW Käfer, da wird er vier Stunden brauchen und etwa um 14:00 Uhr hier sein.
Wir melden uns bei der Lagerverwaltung ab, geben Bescheid, wir werden nachmittags abgeholt und gehen nach Erlangen, zu unserem älteren Bruder. Zu packen haben wir nichts. Ich besitze nur das, was ich am Leib trage, und eine einfache Reisetasche, darin meine grüne Jeansjacke aus Cordstoff, die mir vor Jahren Großmutter aus München zu Weihnachten geschenkt hatte, die gestern gekaufte Seife und eine neue Zahnbürste.
Ach ja, und da habe ich noch, als ich meine Knastersparnisse ausgeben mußte und sie uns nur Westzigaretten oder Westschnaps angeboten haben, eine Stange HB für mich und, weil sie so edel aussah, eine Stange Peer für meinen älteren Bruder gekauft. Dann war das im Knast erarbeitete Geld auch schon ausgegeben. Und die liegen auch in meiner Tasche.
Zum Mittagessen gehen wir noch in den Speisesaal, schauen immer öfter auf die Uhr, werden immer unruhiger, wissen nicht, was wir noch tun könnten, und machen uns schon mal auf zum Ausgang. Gegenüber dem Pförtnerhäuschen steht im Schatten einer mächtigen Buche eine Bank. Ein guter Platz, es ist ruhig und wir können alle ankommenden Fahrzeuge sehen.
Die Herbstsonne, der leichte Wind, das erste Laub. Es ist eine friedliche Atmosphäre. Weit entfernt bellen Hunde, aber nicht aggressiv und böse, sie bellen regelrecht fröhlich.
Im Pförtnerhäuschen ein älterer Mann. Ich überlege: Wieso sitzt er da drin? Es kann doch jeder hinein und wieder heraus, alles steht offen. Er kontrolliert nichts, er nickt den Passanten immer nur freundlich zu. Auch wenn Autos kommen, macht er sofort die Schranke auf. Seltsam.
Wir gehen ein bißchen, setzen uns, stehen wieder auf, laufen und warten.
Der Pförtner sieht unsere Unruhe und winkt uns heran:
„Na, wo geht's denn hin?“
„Nach Erlangen, nach Bayern!“
„Nö“, sagt er lächelnd und schüttelt den Kopf, „Erlangen, das ist aber Franken.“
Wir setzen uns wieder.
Damit kann ich nichts anfangen, habe das noch nie gehört. Natürlich kenne ich Hessen und Baden und Bayern und alle diese Landschaften, weiß auch, unsere Tante fährt immer in den Taunus. Aber Franken, so wie ich es in Geschichte gelernt habe, war mal ein großes europäisches Reich, das Frankenreich.
„Sag mal“, frage ich meinen Bruder,
„Franken, ist das nicht Barbarossa?“
„Nein“, sagt er, „das Frankenreich ist Westeuropa und Barbarossa sitzt im Kyffhäuser und der ist im Osten, in Thüringen.“
Und lacht:
„Aufpassen in Heimatkunde.“
„Ja“, sage ich, „wir haben viel nachzuholen.“
„Da hast Du recht.“
„Vielleicht ist Franken auch so etwas wie Taunus und Odenwald.“
Ich sehe weit hinten auf der Straße einen VW-Käfer kommen.
„He, schau mal. Das könnte er sein!“
Wir stehen auf und stellen uns direkt neben dem Schlagbaum auf die Straße. Der Pförtner hat das auch gesehen und öffnet die Schranke, aber der VW wendet direkt vor der Einfahrt.
Erlanger Kennzeichen. Auf der Fahrerseite steigt eine junge Frau aus und winkt uns zu. Auf der anderen Seite steigt Friedolin aus. Braungebrannt, groß, kurze Haare, schlaksig, mit einer hellgrauen Tuchhose, einem weiten Sommerhemd, hochgekrempelte Ärmel. Ich habe ihn völlig anders in Erinnerung. Er hat einen mit einem Tuch zugedeckten Korb in der Hand. Beide kommen auf uns zu.
Friedolin stellt uns vor:
„Das sind meine Brüder.“
Und zu der jungen Frau gewandt:
„Das ist Adele, meine Freundin.“
Adele ist groß und schlank mit braunen Augen und mittellangen braunen und sehr dichten Locken. Sie trägt Jeans und eine hellblaue Bluse. Sie kommt auf uns zu und strahlt vor Freude. Als sie mich umarmt, spüre ich ihre Herzlichkeit. Es ist nicht so eine kalte Umarmung, bei der man sich beim Umarmen nicht mal berührt, ihre Berührung ist warm und innig.
Ich kann mich nicht erinnern, außer an Renate, als sie mich bei meiner Armeezeit am Oderhaff besuchte, daß mich jemand so umarmt hat.
Nicht mal die Umarmungen meiner Mutter, als ich Kind war, die waren kurz und hart und taten weh.
Ich bin verwirrt und weiß nicht, wo ich hinschauen soll.
Wir Brüder knuffen und schubsen uns zur Begrüßung gegenseitig.
„Laßt mich erst mal den Korb abstellen!“
Friedolin stellt den Korb auf die Bank und nimmt das Geschirrtuch weg. Frische Erdbeeren, eine Schale mit Weintrauben, tolle Knackwürste, Schokolade, eine Thermoskanne, Leinenservietten und sogar Porzellantassen.
„Eine Brotzeit für unterwegs.“
Brotzeit – noch nie gehört, es klingt aber vertraut und richtig.
Dann holt Friedolin aus dem Kofferraum einen kleinen Bastkoffer und öffnet ihn.
„Den habe ich schon seit langem für Eure Ankunft vorbereitet.“
Er nimmt zwei weiße Leinenhemden heraus, hält sie vor uns:
„Los anziehen, damit ihr aus den Ostklamotten herauskommt.“
Mitten an der Straße ziehe ich mein Hemd aus, ziehe das neue an. Einfach wunderbar, wie eine neue Haut. Es ist weit und luftig geschnitten, hat einen breiten Kragen und lange Ärmel mit Manschetten; Eine Szene mit Belmondo schießt mir durch den Kopf: Marseille!
In meinem fernen Dunstland war Marseille, neben vielen kleinen Traumnamen wie München oder Afrika, ein großes wichtiges Wort. Marseille, Hafen am Meer, wohlklingende, unerreichbare Ferne. Das Hemd läßt mich spüren: Na klar, Marseille ist so real wie Eisenach oder Weimar.
„Willst Du fahren?“, fragt mich Friedolin.
Ich knöpfe noch das Hemd zu und hätte mich nicht zu fragen getraut.
„Oh, gerne, meine Fahrerlaubnis ist hier gültig, haben sie gestern gesagt.“
Ein tolles Gefühl, wieder selbst zu fahren. Die kleinen Ausstell-Seitenfenster sind offen und der frische Luftzug tut mir gut. Der Käfer riecht nicht, wie ich gehofft und vermutet hatte, wie Großvaters Käfer damals in Kassel. Es riecht nach Apfelsinen und Erdbeeren. Der kleine Bruder sitzt neben mir und der große mit Adele hinten. Zwischen uns der Freßkorb. Wir bekommen von hinten ständig etwas in den Mund geschoben.
Bei den Schildern und Regeln gibt es keine Unterschiede; Aber die Autobahn ist viel moderner. Als wir am Seligenstädter Dreieck Richtung Würzburg abbiegen, wäre ich beinahe falsch gefahren. Hier gibt es eine extra Abbiege- und dann eine Einfädelspur. Ganz anders als das Hermsdorfer Kreuz mit seiner holperigen Kopfsteinpflaster-Abbiegespur und dem Halteschild.
Wir kommen in Erlangen an. Am Ortseingang, das Hochhaus ist der „Lange Johann“, erklärt Adele, und dann kommen wir über die Regnitzbrücke. Sie hat viele Bodenwellen:
„Die heißt Orgasmusbrücke.“
Es geht an niedrigen Häusern vorbei. Viele in hellem Sandstein.
„Hier das Bettenhaus der Uniklinik und da vorne unsere Philosophische Fakultät.“
Friedolin lotst mich durch die Straßen.
„Hier der Zollhausplatz. Gleich sind wir da.“
Wir stehen an der Ampel, ich lese am Straßenschild: Gebbertstraße.
Wir fahren an einer Metzgerei und einer Postfiliale vorbei.
„Da drüben wohne ich“, sagt Friedolin.
Ich muß wenden und wir parken vor einem roten großen Backsteinhaus.
„Willkommen in der Luitpoldstraße.“
Wir gehen durch eine Einfahrt in den Hinterhof. Ein kleiner Garten und ein schmales dreistöckiges Haus. Es hat zu jeder Seite nur eine kleine Wohnung, in der Mitte das Treppenhaus. Wir stehen unten vor dem Hauseingang.
„Dort, im oberen Stock, wohne ich“, sagt Friedolin und geht voraus. Über alte, ausgetretene Holzstufen steigen wir durch das Treppenhaus hinauf. Auf der ersten Etage am Fenster steht eine alte Kommode. Auf jeder Seite zwei dunkelgrüne Wohnungstüren. Dann noch ein Stockwerk höher, auf der linken Seite, steht er vor einer weiß gestrichenen Wohnungstür. Sie hat keine Türklinke, nur ein dicker brauner Schlüssel steckt im Schloß, und während er aufschließt, zeigt er auf die kleine schmale Tür direkt rechts daneben.
„Hier ist das Klo.“
Er öffnet die Tür und läßt uns den Vortritt.
„Kommt herein!“
Wir stehen in der Küche, ein Gasherd, daneben ein Kühlschrank und an der hinteren Wand auf geschwungenen Füßen eine große Badewanne mit Badeofen. Am schmalen Küchenfenster ein einfaches emailliertes Waschbecken. Die Küche ist schmal, es haben Wanne und Badeofen geradeso nebeneinander Platz. Als Stauraum sind weit oben rundherum Regalbretter angebracht mit Töpfen, Nudeln und Reis. In der Mitte, neben der Deckenlampe, quer zwischen den Regalen eine dicke Glasplatte, darauf Teller und Tassen.
„Das ist nichts für kleine Menschen“, sage ich, und alle lachen.
„Meine Studentenbude. Ich war erst im Studentenwohnheim und dann habe ich das gefunden.“
Wir gehen weiter in den nächsten Raum.
„Gehört zwei alten Damen, die wohnen im Vorderhaus und vermieten nur an Studenten.“
Er öffnet die Fenster.
„Hier mein Wohnzimmer.“
Zwei Fenster zum Innenhof. Westseite, helle Abendsonne scheint herein. Ein einfaches Sofa, vier Segmente breit, ein runder brauner Tisch, zwei Korbsessel, Holzfußboden und ein alter orientalischer Teppich. Links neben dem Fenster in der Ecke ein Kanonenofen und unter den Fenstern Bücherregale aus gestapelten Jaffa-Kisten.
„Ihr könnt hier erst mal wohnen, ich ziehe zu Adele.“
„Aber erst mal setzen.“
Adele holt aus dem Kühlschrank eine Pulle Sekt und ich muß ihr von oben, von der Glasplatte, die Gläser herunterreichen.
Wir sitzen zusammen und erzählen Knastgeschichten, ob es in der U-Haft auch das Klopfsystem gab, ob wir den Trick mit der Lissy gekannt haben.
Wir erzählen nur das Starke, den Schrecken lassen wir weg. Ich bin stolz, es geschafft zu haben, unauffällig Ausschuß zu produzieren, oder wie ich es geschafft habe: Das Fernsehen, statt als Belobigung für Normerfüllung, wurde umgewandelt in eine Bestrafung für alle.
Friedolin und Maximilian stellen fest, sie waren in der selben Abteilung, und unterhalten sich über die großen Pressen, an denen sie für VEB Pentacon Teile für Kameras stanzen mußten und wie kurios, trotz der langen Zeit, auf einmal tauchte noch die Kiste mit dem Ausschuß von Friedolin auf.
Ich erzähle, wie wir in meiner Abteilung bei der Arbeit hinter der Heizung heimlich Wein aus Brot und Marmelade gemacht haben und jeder zu Weihnachten eine Tasse davon bekam. War der lecker, und wir lachen.
Friedolin geht zur Küche:
„Ich mache uns mal etwas zum Essen, eine Quiche.“
„Was ist denn das?“
„Quiche Lorraine ist so eine Art Zwiebelkuchen, Du kennst doch den Weimarer Zwiebelkuchen, genau so, nur weniger Zwiebeln, dafür mehr Schinken, Ei und Crème fraîche, das ist eine besondere Art Sauerrahm. Stammt aus dem Elsaß.“
Ich erzähle, wie Maximilian im Tigerkäfig war und wir alle gesammelt und zusammengelegt haben, um den Kalfaktor zu bestechen, damit Maximilian ein Stück Butter bekam.
Friedolin bringt eine neue Flasche Sekt.
Adele fragt mich:
„Wie hast Du Dich denn gefühlt, als Ihr Euch vor zwei Jahren in Leipzig getroffen hattet? “
Friedolin war kurz nach seiner Entlassung nach Westdeutschland mit einer Studentengruppe aus Erlangen nach Leipzig gekommen. Die Grenzbeamten hatten ihn noch nicht auf ihrer Verbotsliste zur Wiedereinreise.
Ich erzähle ihr, ich sei gerade von der Armee entlassen worden. Sein Anruf kam völlig überraschend, er würde für zwei Tage in Leipzig sein. Ich fuhr natürlich hin, ich wollte mich erkundigen, was mir bevorsteht, wenn ich den Weg durch den Knast antrete, ob es vielleicht andere Wege der Flucht gäbe. Aber aus lauter Angst, wir würden abgehört und überwacht, haben wir nicht darüber gesprochen, er hätte sonst wegen Beihilfe zur Flucht verhaftet werden können. Es war ganz fremd, in einer Bar in einem Interhotel.
Ich habe euren netten Professor kennengelernt, Holger, der hat pausenlos Roth-Händle geraucht. Er saß neben mir, lud mich ein, als er hörte, ich hätte keine Zulassung zum Abitur bekommen, bei ihm als Gasthörer zu studieren. Ich könne alles mitmachen, bekäme nur keine Scheine.
Ich erzähle auch: Mir hat Friedolin sein Jackett gegeben, ich solle es anziehen, damit ich mich wie ein Wessi fühlen kann.
Ich schaue Adele an und spüre, wie langsam ein Kloß in meinem Hals aufsteigt.
„Das war nur einen Moment schön, dann wurde es mir unangenehm. Es war falsch, ich habe lieber wieder meinen alten Anorak angezogen.“
Das Erzählen strengt an, meine alten Gefühle kommen hoch. Ich nehme einen tiefen Schluck Sekt.
Ist es der Alkohol, die vielen neuen Eindrücke oder weil einfach zuviel Druck in mir war? Es explodiert aus mir heraus:
„Ich wollte mich nicht fühlen wie Friedolin, er hat mich sitzen gelassen.“
Der Kloß im Hals drückt stärker. Ich werde laut:
„Ich wollte ihm eine in die Fresse hauen, so richtig, aber in Leipzig war die Situation nicht gut.“
„Wieso sitzen gelassen?“, fragt Adele.
Ich erkläre ihr, Friedolin und ich hatten vereinbart, gemeinsam zu fliehen, weil für uns beide die Einberufung zur Armee unmittelbar bevorstand.
Mir steigen die Tränen auf, ich muß schlucken.
„Und er wolle nur noch mal in Ostberlin jemanden treffen und dann würde er anrufen. Ich habe tagelang gewartet, damit wir losgehen können.“
Adele setzt sich neben mich und gibt mir ein Taschentuch.
„Warum bist Du nicht allein losgegangen?“
„Das habe ich mich auch oft gefragt. Warum, warum bin ich nicht allein losgegangen? Ich weiß es nicht, ich glaubte fest daran, er ruft gleich an, wir waren doch Brüder.“
Nun bin ich völlig aufgelöst. Ich hatte mir doch vorgenommen, genau das sollte mir nicht passieren.
„Er hat nicht angerufen. Ich habe umsonst gewartet und gewartet, und dann kam meine Einberufung.“
Friedolin steht in der Tür und redet mir zu, wie zu einem Kranken:
„Laß es raus, das ist gut, laß es alles raus!“
Ich komme wieder zum Atmen.
Diese Aufforderung ernüchtert mich. Statt zu verstehen, was er verursacht hat, spielt er sich auf als gönnerhafter Therapeut. Ich trockne mein Gesicht ab.
„Und damals in Leipzig habe ich beschlossen, auf meinen kleinen Bruder und seinen 18. Geburtstag zu warten. Ihn dann mitzunehmen, ihm sollte nicht passieren, was mir passiert war.“
Ich sehe in Adeles Gesicht, sie ist erschrocken und sie hat das Ausmaß des Verrats verstanden.
Mir wird auch klar: Friedolins Reaktion bedeutet, er hat nichts verstanden oder er ist zu feige, sich zu der Feigheit zu bekennen.
Für mich war Friedolin immer mein großer Bruder, egal ob er mir meine Tanzstundenschuhe versaut hat, wertvolle Schallplatten achtlos offen stapelte oder unser gemeinsames Moped als sein eigenes betrachtete, weil er einfach vergessen hatte, daß wir dafür zusammen einen ganzen Sommer auf der Wartburg als Parkwächter gearbeitet hatten. Er blieb trotzdem mein großer Bruder.
Das war eben zerbrochen. Vielleicht, weil ich jetzt die Achtung verloren habe. Ich erinnere mich auf einmal an das ohnmächtige Gefühl, welches ich damals hatte, als meine Mutter mich in der Kaserne anrief und mir sagte: „Er ist im Westen angekommen!“
Damals erstarrte ich vor Zorn und Wut, aber auch aus Selbstmitleid und Verzweiflung, weil auch ich das hätte sein können, der da im Westen angekommen war, aber statt dessen war ich im Osten und mußte noch Monate in der Kaserne bleiben. Ich fühlte das zweite Mal in meinem Leben einen gewaltigen Schmerz. Es war wieder das ohnmächtige Gefühl: Es legt und schließt sich ein Ring, fest um meinen Brustkorb und schnürt mir die Luft ab. Als es irgendwann nachließ und ich wieder atmen konnte, blieb das Gefühl erhalten: Da ist ein Ring, ein weiterer Ring um meine Brust. Ich nehme Adeles Hand, wir schauen uns direkt an:
„Dieser Verrat hat die ganze Zeit geschmerzt, an mir gefressen und mich auch wegen der dadurch verlorenen Zeit manche Nacht in tiefe Traurigkeit versetzt“, sage ich. Sie drückt mir fest die Hand.
Maximilian kommt mit Tellern und deckt den Tisch. Friedolin bringt ein großes Blech mit der Quiche.‘
Ich ärgere mich über mich selbst, habe mir diese Blöße gegeben und schäme mich vor den anderen wegen meiner Tränen.‘
Wir essen schweigend.
Friedolin steht auf:
„Ich muß Euch noch zeigen, wie und wo Ihr schlaft.“
Wir schauen in das hintere Zimmer. Auch hier, wie bei der Küche, keine Tür. Links ist auf einem dreistufigen Podest ein großes Bett (mindestens zwei mal zwei Meter) und gegenüber am Fenster eine komplett in die Ecke und unters Fenster eingebaute geschwungene Schreibplatte.
„Einer schläft hier und der andere auf dem Sofa. Bettzeug ist alles hier auf dem Bett.“
Wir sitzen noch eine Weile zusammen. Adele will wissen, warum unsere Schwester nicht mit uns gekommen ist.
Maximilian erzählt, wie wir sie im Diakonissen-Mutterhaus, wo sie als Schwesternschülerin gewohnt hat, besucht haben, mit ihr über Flucht und Knast gesprochen haben und sie uns gesagt hat, sie hätte sich fürs Bleiben entschlossen und würde ihren Freund Robert heiraten.
Als auch die zweite Flasche leer ist, verabschieden sich Adele und Friedolin.
Ich mache mir das Sofa zurecht, wasche mich an der Badewanne.
Ach, vergessen. Ich habe noch die für Friedolin mitgebrachte Stange Zigaretten in meiner Reisetasche.
Dann morgen: unsere zweite Nacht in Freiheit.
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