4 Erste Schritte
Im Aufwachen begreife ich: Die gewohnten Geräusche fehlen, das Klappen der Zellentüren, der laute Ruf des Kalfaktors: „Essensausgabe!“.
Es ist vorbei!
Ich liege auf dem Sofa und langsam entsinne ich mich an den gestrigen Abend mit meinem peinlichen Auftritt. Wie konnte mir das nur passieren? Da habe ich geglaubt, ich sei durch die Armeezeit hart geworden, habe auch die schwersten Nächte im Knast überstanden und war mir absolut sicher, ich hätte meine Gefühle im Griff, und dann, ich konnte es nicht kontrollieren, dieser Auftritt, richtig mies.
Ich muß das tiefer vergraben, will nie wieder darüber sprechen.
Ich stehe auf.
Die Wohnungstür geht auf, Maximilian stürmt herein:
„Bin beim Bäcker, habe zu wenig Geld mitgenommen.“
Ich reiche ihm mein Portemonnaie und er rennt wieder los.
Da hat ihn wohl die Neugierde früh geweckt und er ist leise aufgestanden und losgegangen. Ich stehe auch auf und setze schon mal Wasser für Kaffee auf und decke den Tisch. Da kommt er mit zwei großen Einkaufsbeuteln zurück.
„Ich wollte beim Bäcker Brötchen kaufen, aber da hatten die auch so tollen Honig und Marmelade und Kakao und ganz tolle Nudeln und diesen Mohnkuchen und sogar Kaffee und Pfirsichsaft, ganz gesundes Müsli und sogar frische Milch. Da hatte ich zuwenig Geld mitgenommen. Die Verkäuferin war sehr nett, sie hat gesagt, ich könne meinen Einkauf bei ihr abstellen und Geld holen.“
Er stellt alles nebeneinander auf den Tisch und setzt sich, stolz über seinen Einkauf, in den Sessel.
„Stell dir vor, die hatten beim Bäcker sogar eine Zeitung.“
Er holt noch das „Erlanger Tageblatt“ aus dem Plastikbeutel.
Ich gehe in die Küche, um den Kaffee aufzubrühen.
„Ach ja, Butter steht im Kühlschrank … und Kaffee ist gleich fertig und sag mal, Du wolltest eigentlich nur Brötchen holen?“
Er überhört meine Ironie.
„Hör’ mal, heute müssen wir unbedingt in Eisenach anrufen!“
„Wie ruft man von hier aus in Eisenach an? Müssen wir das auch am Fernamt anmelden?“
„Wenn wir erst Großmutter in München anrufen, dann können wir sie das fragen, oder Friedolin, der müßte das auch wissen.“
„Ich möchte auch ins Rathaus, Personalausweis beantragen und Fahrerlaubnis umschreiben.“
„Da müssen wir vorher Paßfotos machen.“
„Jetzt gibt es erst mal Frühstück, dann gehen wir anrufen und dann schauen wir weiter.“
„Übrigens“, sagt Maximilian, „die Bäckerin hat gesagt, Brötchen heißen hier Semmeln.“
So gehen wir nach dem Frühstücken zur Telefonzelle und sprechen mit unserer Großmutter in München.
Unsere Großmutter mütterlicherseits, Oma Elsa, ist eine sehr elegante, feine Dame. Sie trägt Seidenblusen, darauf manchmal eine, einen griechischen Frauenkopf darstellende, Gemme oder eine Brosche mit zwölf, wie auf einer Uhr angeordneten Perlen. Sie trägt immer lange Röcke, wohl um ihre von Arthrose verformten Knie zu verbergen, und benutzt einen mit einem gedrechselten Kopf versehenen Spazierstock. Beim Essen am Tisch sitzt sie steif und aufrecht. Ihre Eltern hatten Spielzeugfabriken in Sonneberg. Sie ist mit einem Kindermädchen aufgewachsen und die Familie hatte einen Chauffeur. Ein großes Ölportrait ihres Vaters, unseres Urgroßvaters, hängt bei uns in Eisenach im Wohnzimmer in einer Ecke und ist etwas im Winkel aufgehängt, sodaß es sich nach vorne neigt. In einem verschnörkelten Goldrahmen steht ein großer eleganter Herr im Frack und stützt sich auf einen zierlichen Gehstock. Ich fühlte mich immer sehr klein unter diesem streng blickenden Urgroßvater. Es war auch sehr wertvoll und gehörte einer Schwester unserer Mutter, die es in den 50er Jahren auf ihrer Flucht in den Westen zurückgelassen hatte. Oma heiratete einen Arzt aus Orlamünde. Das ist ein Dorf südlich von Jena. Er starb kurz nach der Geburt unserer Mutter, auf dem Weg zu einem Patienten, an Herzversagen. Unsere Mutter hatte uns manchmal von Großmutter und vom Krieg erzählt. Sie waren sechs Schwestern und ihr Bruder Ernst. Ihre großen Schwestern waren bereits aus dem Haus und verheiratet. Sie lebte mit ihrer Schwester Jutta noch bei der Mutter. Ihr Bruder hatte sich als 17-Jähriger freiwillig zur Marine, zu den U-Booten, gemeldet und war nicht mehr heimgekehrt. Sie wurden während des Krieges nach Halberstadt verschickt. Dort erlebte sie den Bombenangriff der Amerikaner Anfang April 1945. Die ganze Stadt brannte lichterloh. Ein Inferno: Es flogen durch den Feuersog brennende Menschen durch die Luft. Wenn unsere Mutter davon sprach, wies sie mit der Hand auf eine Stelle irgendwo über ihr. Sie war mit ihrer Mutter und Schwester in einem Hinterhof eingeschlossen. Damit sie nicht qualvoll verbrennen würden, wollte Großmutter sie mit dem alten Armeerevolver ihres verstorbenen Mannes erschießen. In diesem Augenblick kam eine Nachbarin, zeigte ihnen die nassen Decken und die Eimer voll Sand, die der Brandschutz in jedem Haus und Hinterhof aufgestellt hatte. Damit haben sie es aus dem brennenden Hinterhaus geschafft.
Wenn sie das erzählte, schloß sie damit ab:
„Wenn ich mal tot bin, will ich auf keinen Fall eingeäschert werden!“
Weil wir dann alle sehr betretene Gesichter gemacht haben, wollte sie etwas Aufheiterndes erzählen und berichtete, wie sie nach dem Krieg nach Jena kamen und dort in einem kleinen Zimmer wohnten. Großmutter arbeitete in einer Bibliothek und brachte abends alte Bücher mit. Nazibücher kamen zum Heizen in den Ofen, die anderen wurden gelesen. Und wie sie mit der Straßenbahn Richtung Lobeda raus aufs Land sind, um Kartoffeln oder Ähren auf den abgeernteten Feldern nachzulesen. Bei den Bauern mußten sie erst fragen, aber die sagten immer ja. Schule gab es in jener Zeit nicht. Dann erwähnte sie diese besondere Stille nach der Stunde Null, als die Amerikaner abgezogen und die Russen noch nicht einmarschiert waren.
Großmutter hatte uns jedes Jahr einmal in Eisenach besucht und das war immer ein großes Fest. Ihr Koffer war voll mit Kaffee, Schokolade, Apfelsinen, den guten Haferflocken in der blauen Tüte, Kaugummi und einem Patronenfüller für die Schule. Und sie brachte auch immer eine Gans mit, die sie selbst zubereitete, und unsere Mutter machte die Thüringer Klöße dazu. Als Höhepunkt bekamen wir Anziehsachen. Ich hatte vor Jahren sogar eine echte Levis bekommen und ein Jahr später meine grüne Jeansjacke.
Großmutter legte großen Wert auf gutes Benehmen. Sie lehrte uns, wie wichtig es sei, diese zu haben. Auch wenn manches nicht mehr notwendig sei, so zeige man doch, man kenne und achte diese Regeln, man habe Anstand und gute Manieren!
Gut erinnere ich mich an ihre Ermahnungen, z. B. beim Essen: „Man schneidet Kartoffeln nicht mit dem Messer!“
Eine andere Ermahnung war, wenn sie bei uns an der Treppe stand, vielleicht auch, damit wir an ihr vorbeigehen, weil wir die Treppe hochrennen und sie bei jeder Stufe Mühe hat:
„Ein Mann läßt einer Frau immer den Vortritt, aber in einem Lokal oder einer Gaststätte geht der Mann zuerst, es könnte ja dort Gefahr sein, und auch auf einer Treppe geht der Mann zuerst, damit die Frau nicht das Gefühl hat, er starrt ihr auf Po und Beine.“
Ich bin gespannt, wie es ihr jetzt geht. Bedingt durch meine Armeezeit habe ich sie lange nicht mehr gesehen.
Als ich sie das letzte Mal sah, ging sie sehr gebeugt, hatte Schmerzen in den Knien und stützte sich auf ihren Gehstock. Hatte auch Gicht oder Arthrose in den Händen. Ihre vorderen Fingergelenke waren schief.
Für mich war Oma ihr ganz feiner Duft. Sie war immer parfümiert, hatte ein kleines Fläschchen 4711 in ihrer Handtasche und liebte besonders den Duft der Mignardise-Seife von Roger Gallet. Diese Seife brachte sie auch als Geschenk mit.
Sie hat an alle liebevoll gedacht und die Geschenke sorgsam ausgewählt. Zur Konfirmation bekam ich eine edle schwarze lederne Brieftasche. Sie wußte, was wir brauchten und was wir uns wünschten, aber sie war keine Großmutter zum Kuscheln.
So, wie in meiner Dunstwelt Marseille für Abenteuer stand, so wurde in meinem Kindergemüt München, zu meiner zukünftigen Heimatstadt.
Großmutter ist voller Freude, als sie von unserer Ankunft erfährt. Ihre Stimme ist unverändert. Sie erklärt uns, wie man in Eisenach anruft, das geht auch nur handvermittelt, wird aber sofort durchgestellt. Schwieriger sei es von Ost nach West, da gibt es Wartezeiten bis zu 10 Stunden. Und sie lud uns ein, doch bald zu kommen und sie zu besuchen. Mir ist, als ob ich beim Klang ihrer Stimme auch die Mignardise-Seife riechen würde.
Dann rufen wir in Eisenach unsere Eltern an und erzählen auch gleich, wir haben eben mit Großmutter gesprochen. Am anderen Ende der Leitung fließen Tränen der Freude. Wir erzählen von Friedolin, wie er uns aus Gießen abgeholt hat. Wir wohnen jetzt bei ihm. Uns geht es sehr gut und wir wollen nach München fahren. Nein, Friedolin hätte sie nicht angerufen, das war Gerhard. Der Kontakt zu Friedolin sei schwierig, er hätte kein Telefon und außerdem möchte er keinen Kontakt.
Aus einem tiefsitzenden Reflex: „Interzonengespräche sind sehr teuer“, haben wir sehr schnell gesprochen und auch gleich wieder aufgelegt.
„Ja, wir rufen bald wieder an!“, verabschieden wir uns.
So richtig begreife ich nicht, warum das eben so chaotisch abgelaufen ist. Bin aber erleichtert.
„Laß uns heimgehen, dort habe ich einen Stadtplan gesehen. Damit finden wir den Weg zum Rathaus.“
Auf dem Weg zurück am Zollhausplatz knufft mich Maximilian in die Seite:
„Schau mal, die waschen hier sogar das Geld. Dort ist ein Münzwaschsalon!“
Ich brauche lange, bis bei mir der Groschen fällt.
Daheim erwartet uns Friedolin:
„Na, wie war der Morgen?“
Er zeigt auf den Einkauf in der Küche und lacht:
„Da hat jemand einen Kaufrausch gehabt!“
„Wir wollen zum Rathaus, Papiere beantragen.“
„Das ist gut zu Fuß zu erreichen, heute Nachmittag ist geöffnet.“
Er schenkt sich einen Kaffee ein.
„Heute Abend lade ich euch ein, wir gehen zu Sulla essen.“
„Okay, gerne, wir machen uns jetzt auf zum Rathaus“, nehmen den Stadtplan und gehen los.
Wenn mich jetzt jemand fragen würde: „Was ist der Unterschied zwischen den beiden Teilen Deutschlands?“, ich würde antworten: „Der eine Teil ist grau in grau, trist, und der andere ist hell und in Farbe.“
Im Rathaus offene Büros, keine Sperren und Kontrollen, wir kommen zu einem Sachbearbeiter, der uns alles erklärt und uns die Antragsformulare mitgibt. Wir sollen das ausfüllen und dann mit den Paßphotos und der Geburtsurkunde wiederkommen. Dann wären der Paß, der Personalausweis und für mich der umgeschriebene Führerschein schnell gemacht.
Auf dem Heimweg gehen wir in einen Selbstbedienungsladen. Wir haben noch etwas vom Begrüßungsgeld und kaufen für die Eltern ein. Wir wollen ihnen ein Westpaket schicken, so wie wir es von unseren Onkels und Tanten auch bekommen haben.
Es gibt so viel, wir hätten am liebsten alles gekauft. Wir füllen zwei große Beutel.
Wir finden auch einen passenden Karton und packen daheim das Paket zusammen. Bei uns, zwei Häuser weiter, ist eine Poststelle.
Hinter dem Schalter sitzt ein junger Mann und nimmt uns das Paket ab.
„Das sind über 20 kg.“
Er berechnet das Porto fertig und sieht die Adresse: Eisenach/Thür.
„Dann seid ihr die Brüder von Friedolin. Er gibt auch immer diese Riesenpakete hier auf.“
Er greift unter seinen Schalter und stellt uns eine Flasche Sekt hin:
„Herzlich willkommen in der Freiheit!“
Er wuchtet das Paket nach hinten auf einen Transportwagen.
„Friedolin hat seit Wochen gesagt: ‚Meine Brüder kommen bald.‘
„Sag mal“, frage ich ihn, „kannst Du uns sagen, wo das Gasthaus Sulla ist?“
Er lacht.
„Na klar!“ Er kommt hinter seinem Schalter hervor und wir gehen hinaus auf das Trottoir:
„Das ist dort drüben, da auf dem Zollhausplatz. Das Haus mit der großen Toreinfahrt. Gasthaus ‚Deutsches Haus‘. Sulla ist die Wirtin, eine Griechin, sehr gutes, leckeres Essen.“
„Danke für die Pulle und Tschüß“, verabschieden wir uns. Er antwortet uns auf fränkisch:
„Pfiat di, paßt scho.“
Daheim, die Treppe hoch, merke ich, ich sollte Sport anfangen, Muskeln aktivieren und Kraft bekommen.
Mir geht wieder durch den Kopf, wenn man mich jetzt fragen würde: „Was ist der Unterschied?“ Ich würde sagen, im Osten sind die Menschen bedrückt und hier aufrecht, ohne Angst. Die Menschen hier, trotz ihrer Besuche im Osten, können nicht verstehen, wie sich Menschen in einer Diktatur unter Druck verändern. Sie können es nicht verstehen und nicht nachempfinden, weil sie nach den Besuchen wieder durch den Stacheldraht hindurch und hinaus fahren. Wie sollten sie verstehen, wie es ist, sich immer ein wenig verstecken zu müssen? Sie erleben den Stacheldraht nur als Hindernis, nicht als unüberwindbare Grenze.
Und ich? Habe ich störende Mechanismen aus der vergangenen Welt in mir aufgenommen. Kann und werde ich sie abstreifen? Habe ich eventuell eine Unterwürfigkeit entwickelt? Einen Charakterdefekt: einen nicht reparierbaren Makel: aufgewachsen in der Diktatur?
Auf dem Schreibtisch im Schlafzimmer steht ein Plattenspieler und daneben, es dreht mir das Herz um, hat Friedolin, wie früher in Eisenach, die guten Schallplatten ohne Hülle lose übereinander liegen.
Ich finde Robert Schumanns Cellokonzert a-moll op. 129, lege sie auf.
Das Orchester setzt ein und unmittelbar darauf das Cello mit seinem weichen melodischen Thema. Es ist, als ob es schwere Gedanken hätte, eine lange melancholische Geschichte erzählen würde, und es klingt, als ob es danach wieder und wieder sanft ruft: „Hört ihr mich?“ Und das Orchester jedes Mal kräftig antwortet: „Ja, wir hören dich.“
Maximilian hat in der Küche frischen Kaffee gemacht, stellt mir eine Tasse hin, geht zum Plattenspieler, hebt den Plattenarm ab, legt ihn noch einmal ganz auf den Anfang und setzt sich neben mich auf einen Sessel.
Schweigend hören wir zu.
Wenn man jetzt unsere Gedanken sichtbar machen würde, stünde in dicken Buchstaben quer durch den Raum: „Musik!, wir haben dich sooo vermißt.“
Friedolin und Adele kommen lautstark herein und als sie uns im Hören versunken sehen, setzen sie sich, um nicht zu stören, leise zu uns. In die Schlußakkorde hinein, das Cello jauchzt und jubiliert, als ob es sagen möchte: „Ach, wie schön, ach, wie schön“, klopft es an der Tür. Eine junge Frau, von der nur kurz ein brauner Lockenkopf zu sehen ist, steckt den Kopf durch die Tür und sagt:
„Hallo“, und verschwindet wieder.
Adele lacht:
„Das war Isa.“
„Hunger?“, fragt Friedolin.
„Auf geht’s.“
Es sind nur ein paar Schritte.
Sie gehen vor mir. Adele in der Mitte hat sich bei beiden eingehakt. Friedolin in seiner weiten hellen Leinenhose, Adele in einer Blue Jeans und Maximilian in einer ausgebeulten Stoffhose und besonders seine Schuhe sind ausgelatschte Treter, in denen Hannibal schon über die Alpen zog. Wir müssen uns Schuhe kaufen. Auch so etwas, wo man den Unterschied sieht: Wenn traditionell zu Ostern in vielen Familien der Westbesuch kam und alle zusammen zum Ostersonntagsgottesdienst gingen, konnte man an den Schuhen sehen, wer aus West- und wer aus Ostdeutschland kam.
Das „Deutsche Haus“ – wenn Namen Assoziationen auslösen, dann hatte ich eine typische einfache deutsche Gaststätte erwartet und war sehr überrascht. Der Eingang führt durch ein großes zweiteiliges Holztor in einen Torbogen, durch den bestimmt früher die Fuhrwerke in den Innenhof fuhren. Im Torbogen gleich rechts ist der Eingang zur Gaststätte. Der Innenraum ist an der Decke mit Fischernetzen geschmückt. An den Wänden Wandmalereien mit Motiven von Fischerbooten am blauen Meer. Als Raumteiler sind Säulenbögen aufgestellt. Die waren bestimmt nur aus Pappmaché oder Gips.
Eine kleine Frau mittleren Alters begrüßt uns:
„Hallo Friedolin, habt ihr Hunger?“
Friedolin zeigt auf uns:
„Hallo Sulla, das hier sind meine Brüder! Wir haben richtigen Hunger.“
Wir suchen uns einen freien Tisch. Mir fällt auf, auch hier, wie in Gießen, ist niemand, der uns platziert.
„Sulla ist die Chefin“, erklärt uns Friedolin.
Die Speisekarte ist riesig, die Speisen sind sogar mit Bildern abgebildet.
Da kommt die Wirtin auch schon an unseren Tisch und fragt:
„Was wollt ihr trinken?“
„Vier Helle bitte“, bestellt Friedolin kurz und knapp.
Richtig vornehm fällt mir auf: rot-weiß karierte Tischdecken, ein Brotkorb, die gediegene Einrichtung und Musik. Es sind viele junge Leute hier.
„Was wollt ihr essen?“, fragt Friedolin. Ich denke an unser schmales Budget und suche mir das billigste Essen heraus.
„Spaghetti Bolognese für mich.“
„Das ist mit Gehacktessoße“, kommt von Adele.
„Nudeln habe ich schon ewig keine mehr bekommen. Wir hatten doch immer nur Kartoffelmatsch.“
Maximilian bestellt sich Souvlaki, das sind Fleischstäbchen, die sehen aus wie Schaschlik, dazu Reis und Weißkraut, aber roh, als Salat.
Friedolin und Adele nehmen zusammen eine Griechenplatte für zwei Personen.
Und wie das hier gut duftet. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen.
Sulla bringt das Bier. Hier gibt es wieder normal große Biergläser.
Die beiden Teile Deutschlands haben sich in Sachen Essen auseinander entwickelt. So eine Gaststätte mit einer solch umfangreichen Speisekarte gibt es im ganzen Osten nicht.
Meine Spaghetti kommen in einem Suppenteller. Ein Berg Nudeln, richtig große Portion und obendrauf die Gehacktessoße.
Wie soll ich das essen? Ich kenne es nur, wenn die Spaghetti in kleine Stücke zerbrochen sind. So gab es die bei uns immer.
Adele zeigt mir, man nimmt mit der Gabel ein paar Spaghetti auf und dreht das in dem Löffel.
„In Italien essen sie Spaghetti sogar ohne Löffel.“
Maximilian bekommt die Fleischstücke nicht von seinem Spieß. Auch da hilft Adele:
„Du mußt den Spieß etwas drehen, der hat eine flache Seite, und das hält man gegen die Gabel, und so kannst du das Fleisch abschieben.“
Als Sulla uns eine zweite Runde Helles bringt, erzähle ich von meinem Griechenland, von Alexis Sorbas. Wie sehr ich dieses Buch geliebt habe. Mir war auch immer unverständlich geblieben, wie es ein solch wunderbares Buch von Liebe und Freiheit durch die Zensur in die Knastbibliothek schaffen konnte. Und so begehrt war, es gab sogar eine Warteliste, um es wieder für eine Woche haben zu können. Die Wandmalereien bei Sulla und meine Vorstellung von Alexis Sorbas fließen ineinander.
Als wir zahlen, stellt Sulla auch jedem von uns einen stark nach Anis riechenden Schnaps hin.
„Hast du denen hier auch gesagt, wir kommen aus dem Knast?“, frage ich Friedolin.
„Wieso? Nein.“
„Heute bei der Post, der hat uns zur Begrüßung eine Flasche Sekt geschenkt. Und in Gießen der Wirt hat auch Schnaps spendiert.“
„Nein, nein, das hier mit dem Schnaps, den bekommt jeder, das ist bei den griechischen Gaststätten so üblich.“
Auf dem Heimweg fühle ich wieder mein besonderes „Frohsein“.
Zwischen dem, was ich träumte, und dem, was jetzt möglich ist, gibt es kein „DU NICHT!“ mehr.
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