Die Flugzeugtür war schon zu. Ich wollte doch nur noch schnell eine Stange zollfreie Zigaretten kaufen. Als wir dann zum Flugzeug kommen, ist am Ende der Gangway die Flugzeugtür bereits geschlossen. Nur eine Stewardess steht noch da. Als sie uns sieht und sieht, wie Isa in Tränen ausbricht, öffnet sie die Tür wieder und wir dürfen noch zusteigen. Es ist ein langes Schweigen. Wir sitzen nebeneinander. Quer über unsere Beine, auf ihrem alten Pullover, liegt Mira. Wir kraulen sie und wenn sich dabei aus Versehen unsere Finger berühren, ziehen wir sie, wie vom elektrischen Schlag durchzuckt, zurück. Nach einiger Zeit nehme ich Isas Hand und entschuldige mich:
„Tut mir wirklich leid, ich wußte nicht, daß wir so spät dran sind.“ Aber es dauert noch eine ganze Weile. Erst als die Stewardess mit Kaffee kommt, können wir uns wieder berühren und versöhnen.
Die letzten Wochen vergingen wie im Flug. Wir waren nach der Transit-Berlin-Fahrt gleich wieder ein Wochenende nach Wien gefahren. Auf dem Heimweg, das Geld war komplett alle, haben wir an der letzten Raststätte noch die letzten drei Mark fünfzig getankt und gehofft, damit heimzukommen. Doch 500 Meter vor der Ausfahrt Erlangen-Tennenlohe war der Tank leer. Ich stieg aus und schob den Käfer, während Isa lenkte. Wir fuhren Isas Käfer, der hatte Arnsberger Kennzeichen. Und plötzlich hielt ein dicker Mercedes, auch mit Arnsberger Kennzeichen, schenkte uns aus seinem Reservekanister 5 Liter Benzin und fragte dreimal, ob wir auch wirklich aus Arnsberg kämen. Als er hörte, Isa ist aus dem Kreis Soest, deshalb das Arnsberger Kennzeichen, und wir Studenten aus Erlangen, war er zufrieden und fuhr weiter. Wir kamen glücklich damit nach Hause. Wir waren, wie sooft ins Blaue, ohne nachzudenken, losgefahren, hatten bei der Ankunft in Wien, weil es ein schöner Platz war, vor einem wunderschönen Schloß auf der Wiese eine Decke hingelegt und wollten frühstücken. Dann kam ein Parkwächter und vertrieb uns: Es sei das Schloß Schönbrunn, hier dürfe man nicht picknicken. Das zweite Mal, wie wir unwissend im Heiligtum landeten, war, als wir vor einer ganz tollen Terrasse einen günstigen Parkplatz fanden. Dort bestellten wir uns einen Kaffee und ein Stück Kuchen. Dann kam der Schreck: Kaffee und Kuchen kosteten unser Tagesbudget. Wir saßen auf der Terrasse vom Hotel Sacher. Vom Stephansdom sahen wir nur den Vorplatz. Gegen Abend sind wir einfach wieder heimgefahren. Die angepeilte Übernachtung in einer Jugendherberge war uns zu umständlich, wir hätten noch quer durch Wien die Adresse suchen müssen.
Drei Wochen später verstarb Isas Großvater. Sie fuhr wieder mit Mira und ihrem Käfer nach Bad Laasphe. Vier Tage später kam sie zurück und statt des Käfers hatte sie ihres Großvaters VW-Golf. Der Käfer wurde von ihrem Vater übernommen und landete beim VW-Händler. Im Reisebüro buchten wir, passend zu dem Flug der Nachbarn, die uns vom Flughafen bis zur Insel mitnehmen werden, den Flug von Frankfurt/Main nach Toronto. Jetzt sitzen wir, erfreuen uns am Kaffee und sind voller Vorfreude. Nach dem Essen läuft ein Film. Dabei wird das Licht abgedunkelt. Einige Passagiere fangen an, zu schlafen. Der Film, ein Hollywoodschinken. Ich erkenne keine sinnvolle Handlung. Hinter uns sitzt ein junges deutsch-kanadisches Ehepaar, zwischen sich ihre zwei kleinen Kinder. Die Kinder entdecken Mira und wollen mit ihr spielen. Mira freut sich und hüpft über die Lehne nach hinten. Die haben eine Weile richtig Spaß. Dann wird es ruhig. Als es auf einmal ganz ruhig wird, drehe ich mich um. Die beiden Kinder schlafen auf dem Schoß ihrer Eltern. Die Lehne zwischen den Sitzen der Kinder haben sie hochgeklappt, da liegt längelang schlafend Mira. Als der Vater sieht, wie ich Mira wiederholen will, macht er eine abwehrende Geste: Ich solle alles so lassen, damit die Kinder nicht aufwachen. Die Eltern sind froh, sie schlafen. Ich bin nicht müde. Isa hat sich Miras Pullover als Kopfkissen genommen und versucht, zu schlafen. Ich stehe auf, hole mir bei der Stewardess eine Büchse Bier und stelle mich ans Bullauge der Flugzeugtür und schaue hinab. Wir sind schon lange auf dem Atlantik. Unter uns ganz kleine weiße Punkte, wir sind hoch im Norden, das sind Eisberge. Wir Menschen sind vor allem in zentralen Dingen richtig dumm, geht es mir durch den Kopf. Als wir die Welt so verstanden: Die Erde steht im Mittelpunkt und die Sonne umkreist uns, da formulierten und glaubten wir das als eine ewige Wahrheit. Warum konnten und können wir nicht sagen: „Wir sehen das nur jetzt so, aber vielleicht ist es ja ganz anders“? Warum dieser Anspruch, wir hätten die Wahrheit gefunden? Hätte jemand im Mittelalter behauptet, man könne Nachrichten unsichtbar durch die Luft transportieren, man hätte ihn für verrückt erklärt. Das gäbe es nicht, das sei unmöglich! Wir müssen in unsere Denkvorstellung aufnehmen: Alles ist möglich, vielleicht sogar: Man kann schneller als das Licht reisen.
Als ich zurück auf meinen Platz komme, fragt Isa:
„Du siehst sehr nachdenklich aus, was ist los?“
„Ach…“, sage ich, „wir Menschen müssen endlich begreifen, wir sind arrogant. Immer glauben wir, wir hätten den Stein der Weisen gefunden, dabei ist vielleicht alles ganz anders, nur wir sehen es nicht.“ Isa muß lachen:
„Kommt jetzt wieder dein Vorschlag, wir müßten im Biologieunterricht lernen, unsere uralten Gene lenken uns zu archaischen, aber jetzt unsinnigen Handlungsweisen?“ Ich gebe ihr einen Kuß und sage:
„Das meine ich ganz im Ernst, das würde unserer Spezies helfen, sich von ihrer Arroganz im Denken zu befreien oder besser zu heilen.“ Der Monitor mit der Flugposition zeigt an, wir sind bereits über Montreal und bald beginnt der Landeanflug. Die Stewardeß bringt heiße Erfrischungstücher. Wir reiben uns damit Hände und Gesicht ab. Mira ist wieder auf unserem Schoß und die deutsch-kanadische Familie füttert die Kinder. Endlich landen wir und müssen lange Gänge entlang. Mira ist unruhig und möchte laufen. Ich behalte sie besser auf dem Arm. Paßkontrolle geht schnell, wir bekommen einen Einreisestempel. Etwas länger dauert es beim Veterinär, der untersucht genau Mira und ihren Impfpaß, dann können wir hinaus auf die Straße. Mira geht sofort direkt neben dem Ausgang an dem fast sieben Meter breiten Trottoir, auf dessen anderer Seite die Taxis stehen, in die Hocke und pieselt eine ganz lange, langsam zu den Taxis hinlaufende Pfütze. Zum Glück schenkt dem niemand Beachtung. Dann können wir hinter dem Taxistand zu einer kleinen Wiese und setzen uns dort auf eine Bank. Die Nachbarn kommen erst in einer Stunde und sitzen noch im Flugzeug aus Düsseldorf.
Dann endlich kommen auch sie heraus. Helga und Bernd. Die Begrüßung sehr herzlich und Verwunderung darüber: Wir sind mit einem Dackel unterwegs. Wir gehen gemeinsam den Mietwagen abholen, verstauen im riesigen Kofferraum unsere beiden Rucksäcke und fahren los. Bernd fährt, ich soll vorne sitzen und mit auf die Hinweisschilder aufpassen. Der Verkehr ist ruhig und gleichmäßig, es ist schon dunkel. Wir sind auf der legendären Autobahn ‚401‘, wir sind falsch, weil wir noch auf der inneren schnell Autobahn und raus müssen, zu den äußeren Spuren wechseln, um später auf die Autobahn ‚400‘ abbiegen zu können. Dann geht es immer geradeaus gen Norden. Die Straßenschilder zeigen nicht die nächsten Orte, sondern die Himmelsrichtung an. Wir fahren die ‚400‘ nach Nord. Nach etwa einer Stunde halten wir an einem großen Rastplatz mit einem Imbiß. Er steht etwas abseits auf einem Hügel. Ich gehe eine kleine Runde mit Mira und kann sie endlich in Ruhe füttern. Als ich zum Imbiß hereinkomme, sitzt Isa mit Bernd und Helga an einem Tisch direkt am Fenster. Sie haben Kaffee aus Pappbechern vor sich. Vielleicht hatte Isa gerade erzählt, wie ich über den Kaffee immer gelästert habe. Helga sagt, an mich gerichtet:
„Du kannst hier richtigen Kaffee bekommen, wenn Du dazu sagst: ‚please, European style‘.“ Wir fahren weiter durch die Nacht. Ab Perry Sound wird die ‚400‘ einspurig. Wir haben viel Gegenverkehr. Bernd ist müde. Er hat nur sich als Fahrer für den Mietwagen angegeben. Trotzdem bittet er mich, da ich die Strecke bereits kenne, ob ich fahren könne. So übernehme ich. In Sudbury sind wir 400 km gefahren und machen erneut eine Rast. Als ich mir einen „European Style Coffee“ bestelle, boxt mich Isa in die Seite: Das ginge bei dieser Raststätte nicht, das sei eine andere Firma. Bernd erzählt uns, in Sudbury sei ein riesiges Industriegebiet mit viel Nickel, der sei nach einem riesigen Asteroideneinschlag entstanden.
„Jetzt fangen sie an, aufzuräumen, was sie in den letzten Jahren an Umweltzerstörung beim Nickelabbau angerichtet haben. Besser spät als nie.“ Dabei lacht er, aber es klingt häßlich und böse. Helga fragt ihn:
„Warum bist Du darüber so böse?“
„Weil wir immer wieder gedankenlos kaputt machen, was wir später teuer reparieren müssen!“, erklärt er. Wir müssen abbiegen Richtung Manitoulin Island und an der Drehbrücke in Little Current haben wir Glück: Sie steht auf „Durchfahrt frei“. Auf der Insel sind es noch gute 100 km. Endlich biegen wir auf die lange Einfahrt zur Dominion Bay ein und kommen müde vor dem Haus von Isas Eltern an. Wir werden, trotz der späten Stunde, erwartet und es ist eine Brotzeit vorbereitet. Mira saust gleich mal los, um das Gelände zu erkunden. Später lade ich unsere Rucksäcke aus und fahre den Mietwagen durch den Wald hinüber zum Nachbargrundstück. Im Dunkeln suche ich deren Einfahrt. Endlich angekommen lasse ich den Schlüssel im Auto stecken, das machen hier alle so. Dann gehe ich am Strand entlang zurück. Auf halber Strecke treffe ich Bernd und Helga. Sie bedanken sich bei mir noch mal fürs Fahren und ich mich bei ihnen fürs Mitnehmen. Isa hat bereits unsere Rucksäcke oben im Gästezimmer verstaut und sich auf’s Bett gelegt. Ich sage Isas Eltern noch gute Nacht, klemme mir Mira unter den Arm und gehe die Treppe hoch zu Isa.
Tage, an denen ich besonders weite Strecken gekommen bin, prägen sich mir fest ein. Von Erlangen nach Manitoulin Island in nur 16 Stunden. 7000 Kilometer! Einfach toll! Hier ist es nachts frisch, Mira kriecht zu uns unter unsere Bettdecke. Isa schläft schon tief und fest, wir schlafen bei offenem Fenster. Das Moskitonetz ist eingehängt. Vom Huronsee höre ich leise die Brandung, sonst ist es absolut still. Aus dem Sägewerk unter uns, kommt intensiver, angenehmer Holzgeruch herauf. So ein Tag ist einfach toll!
Mit der Sonne zu fliegen, ist bei der Zeitverschiebung leichter als gegen die Sonne. Wir sind dadurch trotz der kurzen Nacht Frühaufsteher. Mira ist ganz aus dem Häuschen und freut sich über Stöckchenwerfen am Strand. Dann gibt es Frühstück: Eierkuchen mit Ahornsirup – ganz kanadisch – und dazu richtig guten Filterkaffee.
Daß wir quer durch Kanada trampen wollten, hatte sich auch zwischen Isa und mir langsam entwickelt. Wir wollten Kanada kennenlernen. Dachten dabei aber nur an Montreal und Toronto. Isa besaß durch ihre Eltern den Stempel für dauerhaften Aufenthalt. Deshalb dachten wir: „Warum nicht? Nutzen wir den Sommer und reisen bis zum Pazifik, um dann zu entscheiden, ob wir nach dem Studium nach Kanada auswandern.“
Isas Eltern finden das gut, aber der Gedanke an das Trampen nicht. Wir haben ein Tagesbudget von 7 kanadischen Dollar. Wir müssen sparsam sein, das können wir. Wir müssen versprechen, bei Problemen sofort anzurufen.
Nach zwei Tagen haben wir uns genug an die Zeitumstellung angepaßt und brechen auf. Hier darf man mit 17 den Führerschein machen. Isas kleiner Bruder hat den kanadischen Führerschein, darf mit ihm aber in Deutschland erst fahren, wenn er 18 ist. Darüber muß er immer lachen. Er bringt uns mit dem Auto zur Drehbrücke nach Little Current. Dort starten wir das Trampen Richtung Espanola. Finden auch unter den an der Drehbrücke wartenden Autos eines, was uns bis Espanola mitnimmt. Nördlich von Espanola kommen wir auf den Trans-Canada-Highway. Wir stehen an einer Tankstelle. Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man in der Nähe der Autobahn steht und direkt die vorbeifahrenden LKWs und ihren Fahrtwind spürt. Da kommen riesige MACK-LKWs, deren hohe Front mit dem Kühler schon mächtig aussieht, aber durch einen Sonnenschutz an der Oberseite der Windschutzscheibe etwas Bedrohliches bekommt. Die Auspuffrohre sind hinter dem Fahrerhaus nach oben geführt. Die Motoren klingen weicher, tiefer, es ist ein Brummen, wie ein gezähmtes Ungetüm. Gegen diese MACK-LKWs ist mein W50-Kipper ein Spielzeug. Wir stehen direkt am Ausgang. Offensichtlich wirken wir sympathisch, denn auch aus den Autos, die an uns vorbeifahren, schauen uns die Leute freundlich an. Ich, der große Lulatsch, dann die beiden Rucksäcke nebeneinander oben drauf, Mira und an der anderen Seite Isa. Wir haben uns ein Pappschild gemacht mit „WEST“ und halten es immer hin. Wir müssen nicht lange warten, ein Ehepaar nimmt uns mit bis nach Sault Saint Marie. Auch dort geht es unmittelbar weiter in einem kleinen Pickup Richtung Wawa. Dort machen wir im ‚Pancake Bay Provincial Park‘ unseren ersten Halt und lassen uns am Parkeingang absetzen. Für unser Zelt suche ich ein Stück Wiese direkt am Ufer des Oberen Sees, hier heißt er Lake Superior und ist der größte Süßwassersee der Welt. Wir halten uns abseits des offiziellen Parkgeländes und sparen uns so den Eintritt von 1,20 Can-Dollar. Ich suche noch Moos, polstere die Wiese damit auf, baue das Zelt darauf und mache direkt am Ufer eine Feuerstelle aus einem großen Ring runder Wackersteine. In das Feuer stelle ich unser Abendessen: eine Büchse mit weißen Bohnen. Dazu hat uns Isas Mutter selbstgebackenes Brot, Käse und Wurst eingepackt. Unser erster Tag unterwegs war ein Erfolg. Wir sind gut vorangekommen und haben einen tollen Platz zum Schlafen. Ich gehe noch schwimmen, bleibe aber nur kurz. Das Wasser ist kalt. Dann sitzen wir zusammen am Feuer. Mira ist mit ihrem Futter nicht zufrieden.
„Wir haben kein Hundefutter mitgenommen“, sage ich zu Isa. Ich mache Mira eine Stulle mit Wurst, worauf sie die Wurst frißt und das Brot im Wald vergraben will. Wir müssen beide lachen.
„Wir haben uns, wie sooft, schlecht auf die Reise vorbereitet. Wir sind mal wieder ins Blaue losgefahren“, sage ich. Ich meinte es eigentlich lustig und hoffe, wir können darüber lachen. Aber Isa verzieht keine Miene, legt sich ins Zelt und nimmt sich ein Buch aus dem Rucksack. Ich räume noch auf und wenn Ursula uns nicht mit dem Campinggeschirr aus ihren Anfangszeiten auf der Insel, als das Haus noch nicht stand und sie in einem Wohnwagen lebten, ausgeholfen hätte, dann hätten wir es uns kaufen müssen. Das spreche ich nicht aus, lege noch ein paar dicke Zweige ins Feuer, nehme mir auch ein Buch und lege mich zu Isa ins Zelt. Noch ist unser Rhythmus verschoben, wir schlafen früh ein und sind sehr früh wach. Ich hole vom See Wasser und koche es mit dem kleinen Topf für Kaffee. Ein wenig wie der griechische Kaffee, aber wir kochen ihn ohne Zucker auf. Etwas abseits sind die Toiletten, die können wir benutzen, aber weil wir uns den Eintritt zum Park erspart hatten, können wir nun auch nicht zu den Waschräumen. Die sind neben dem Verwaltungsgebäude. Ich suche einen in den See hineinragenden Ast eines Baumes, hänge daran ein Handtuch. Im Wasser baue ich mit den heißen Steinen von der Feuerstelle einen Ring und lade Isa ein, den größten Süßwassersee der Welt als Badewanne mit warmem Wasser zu genießen. Als ich ihr dann noch ein Stück unserer heiligen Mignardise-Seife auf einen Stein lege und ihre Zahnbürste auf ein Ahornblatt, dann … Endlich lächelt sie, zieht sich aus, stellt sich in die Mitte der Steine, macht eine kokette Bewegung mit dem Po und ruft:
„Ich bin Aphrodite, die Schaumgeborene.“
Das war eine lange Mißstimmung. Von dem Ärger, weil die Flugzeugtür geschlossen war, bis eben und keine Möglichkeit, darüber zu reden.
Am Eingang zum Park ein kleiner Laden. Wir kaufen irgendeine Büchse fürs Abendessen, Wasser für unterwegs und für Mira eine Dose Hundefutter. Am Ausgang liegen Handzettel von Geschäften der Gegend aus und daneben eine kleine Broschüre über Kanada mit Doppelseiten für jede Provinz. In der Mitte eine aufklappbare Straßenkarte. Hier habe ich die ganze Route des Trans-Canada Highways auf einen Blick. Das wird unsere Landkarte, alle großen Städte sind eingezeichnet – perfekt. Das Trampen funktioniert wie geschmiert. Wir müssen nie lange stehen. Ich vermute, es ist Miras Charme, die, auf den zusammengestellten Rucksäcken sitzend, mit etwas schräg gestelltem Kopf den Autos entgegen schaut. Bis Thunder Bay nimmt uns ein riesiger weißer Cadillac mit. Der Fahrer, extrem elegant gekleidet. Anzug, Krawatte, das haben wir hier bisher so noch nicht gesehen. Er hilft uns, die Rucksäcke im Kofferraum zu verstauen, dann sitzen wir alle zu dritt vorne. Mira auf unserem Schoß. Uns ist in den letzten Tagen auch aufgefallen, Mira leckt sich ständig am Bauch. Sie hat kleine rote Pickel und einige sind aufgeplatzt. Wir haben dem keine Bedeutung beigemessen. Als Mira wieder anfängt, sich zu lecken, nimmt der Mann Mira zu sich, dreht sie geschickt auf den Rücken und schaut sich ihren Bauch an. Er redet mit Isa. Ich verstehe nur wenig. Isa erklärt es mir. Mira sei von Sandflöhen am Strand gebissen worden. Die leben auf der Sandoberfläche, können nur 10cm hoch springen und haben Mira, weil sie so kurze Dackelbeine hat, in den Bauch gebissen. Kanadischen Hunden können sie nichts anhaben, die haben längere Beine. Mira sei hochallergisch gegen deren Spucke und würde sterben, wenn das nicht behandelt würde. Er sei Tierarzt und er würde uns jetzt zu seiner Praxis bringen. Isa antwortet ihm:
„Wir sind Studenten und haben wenig Geld.“
„Das sei kein Problem, es koste nichts. Ich mache das für Mira. Solch einen Dackel wollte ich auch haben, das geht aber in Kanada bei dem rauhen Klima nicht“, antwortet er. Wir sind erleichtert. Dann dreht er das Radio an und sucht ein paar Sender durch. Er bleibt bei einem Sender mit klassischer Musik. Ich denke mir, das hat er bestimmt gemacht, um uns einen Gefallen zu tun. Der denkt: „Das sind Studenten aus Europa, die hören bestimmt alle so eine Musik.“ Ich erkenne sofort: Es ist Bach, das Doppelkonzert für Violine. Das habe ich unendlich oft gehört, mit Vater und Sohn David und Igor Oistrach. Auch weil es Vater und Sohn waren, hat es mich berührt.
„Bach“, sagt unser Tierarzt. Ich habe ihn nicht richtig verstanden, auch weil er ‚Bach‘ so anders ausspricht.
„Johann Sebastian Bach, Doppelkonzert d-moll für zwei Violinen“, sage ich auf Deutsch. Er schaut mich entgeistert an, hat wohl trotz meines Deutschs verstanden, ich hatte exakt erkannt, was im Radio lief. „Europeans are different“, sagt er vor sich hin. Isa muß lachen, weil sie das Ping-Pong der Gedanken lustig findet. Ich will erläutern, nicht alle Europäer erkennen sofort Bach, und ergänze auf Englisch meine Erklärung:
„Ich aufgewachsen in Stadt, wo Bach geboren.“ Ich sehe an Isas Gesichtsausdruck, ihr ist mein mageres Englisch immer etwas peinlich. Die Stimmung ist gut. Bei einer Raststätte lädt er uns zum Essen ein. In Thunder Bay in seiner Praxis, es ist schon später Nachmittag, versorgt er Mira, gibt ihr eine Spritze und uns Tabletten, die sie eine Woche nehmen muß. Dann bringt er uns zurück zum Highway und sogar aus der Stadt heraus zu einer Tankstelle mit einem Motel. Wir verabschieden uns. Wir sind ihm sehr dankbar. Ich denke auch, er hat sich gefreut, uns helfen zu können.
Unser Geld reicht natürlich nicht fürs Motel, aber wir dürfen die Toilette mitbenutzen und unser Zelt hinter dem Motel aufschlagen. Nach einem Spaziergang mit Mira legen wir uns wieder früh ins Zelt und schlafen.
Neben dem Motel ist ein kleines Restaurant. Dort trinken wir unseren Morgenkaffee und essen ein Sandwich mit Spiegelei. „Ob ich das Spiegelei verkehrt herum haben möchte“, fragt die Bedienung. Ich verstehe nicht, was sie damit meint, und sage besser:
„No thanks!“ An dem Highway stehen wir erneut nicht lange. Erst nimmt uns ein kleiner Lieferwagen etwa 200 km mit. Isa sitzt vorne und ich mit Mira im Arm auf der Ladefläche, neben den Rucksäcken. Der Fahrtwind ist trocken und heiß. Wir kommen in die Prärie. Rechts und links unendliche Getreidefelder. Die grünen Wiesen und dazwischen diese glatt abgeschliffenen Felsen werden immer seltener. Mir erscheint der Himmel hier sehr niedrig. Die wenigen Wolken schleifen fast über die Felder. Dann nimmt uns ein Ehepaar mit. Sie erzählen von einer Uroma aus Linz und sie wollen irgendwann mal dahin fahren. Wir sind mit ihnen etwa 300 km unterwegs. Es ist später Nachmittag, sie laden uns ein, mit zu ihrer Farm zu kommen. Wir essen zusammen, Mira bekommt vom Futter des Hofhundes eine gute Portion ab. Wir können im Gästezimmer schlafen, in einem wunderbaren Badezimmer mit goldverschnörkelten Armaturen duschen und werden am nächsten Tag, nach einem Frühstück und vielen guten Wünschen, zum Highway zurückgebracht. Um die Mittagszeit werden wir an einer Ausfahrt vor Winnipeg herausgelassen. Sehr ungünstig. Wir überlegen, ob wir es versuchen sollen, auf dem Autobahnring um die Stadt herumzukommen oder in die Stadt zu trampen und dann weiterzusehen, als neben uns ein Polizeiauto stehen bleibt. Zwei Polizisten steigen aus. Mir rutscht das Herz in die Hose. Ein alter, tiefliegender Reflex aus Zeiten, als ich von den Volkspolizisten kontrolliert wurde. Isa spricht mit ihnen. Zeigt unsere Pässe. Dann sollen wir einsteigen, sitzen mit Mona auf dem Schoß auf der Rückbank. Isa sieht meinen Schrecken und übersetzt mir das Gespräch.
„Wir stünden hier total ungünstig und gefährlich. Hier nähme uns niemand mit Richtung ‚West‘. Sie fahren uns um die Stadt und setzen uns auf der anderen Seite an einer Tankstelle ab.“ Wir sitzen auf einer durchgesessenen Sitzbank aus brüchigem Leder. Die beiden Polizisten sitzen vorne, getrennt von uns durch das quer durch das Auto eingebaute Gitter, und rauchen, lässig an das Fenster gelehnt, eine Zigarette. Sie teilen sich die Zigarette und irgendwie riecht es nach mehr als nur nach Tabak.
Ein junges Paar nimmt uns weiter mit. Wir sitzen in ihrem kleinen Toyota hinten und haben noch einen Rucksack zwischen uns, weil der nicht mehr in den Kofferrum paßte. Mira ist nach vorn auf den Schoß der jungen Frau gesprungen und schaut aus dem Seitenfenster hinaus. Zum Unterhalten ist es zu laut, da wegen der großen Hitze die Fenster offenstehen. Ich wollte nicht fragen, warum sie denn nicht einfach die Klimaanlage einschalten, und lehne mich an den Seitenholm, halte mein Gesicht in den Wind. Im Radio läuft Countrymusik. Der Rhythmus erinnert mich an Pferdegetrappel. Vielleicht stammt sie von Cowboys ab, denen beim Reiten Lieder durch den Kopf gegangen sind, die sie abends am Lagerfeuer gesungen haben? Ich erinnere mich, ich habe erst in der Toskana verstanden, wieso Vivaldi so hell klingt, wie er klingt. Vielleicht muß man auf der Karlsbrücke stehen, um Smetanas Moldau nicht nur zu hören, sondern auch zu fühlen? Und Sibelius’ ‚Finlandia‘ gab den Finnen die Kraft, sich von russischer Fremdherrschaft zu befreien. Country ist auf dem Rücken der Pferde, in der Weite der Prärie entstanden und ich sehe dabei auch die endlosen Felder und den niedrigen Himmel. Musik! Ich muß mich auf die Suche machen. Was ist Musik? Notwendig wie Essen und Trinken, aber viel mehr als das: eine ganz eigene Energie. Als ich darüber nachdenke, wie absurd das ist, weil ich dann ja den ‚Tannhäuser‘ nur am Rhein … stupst mich Isa an. Ich bin wohl eingenickt.
„Unser junges Paar sagt, sie bleiben ein paar Tage am ‚Eichensee-Strand‘. Ein großer Campingplatz, etwa noch eine Stunde zu fahren. „Ob sie uns am Highway absetzen sollen oder ob wir mitkommen und dann morgen oder übermorgen weitersehen?“ Mit Mira waren wir schon zwei Tage nicht mehr richtig gelaufen und nur im Auto Kilometer schaffen … Ich würde vorschlagen, wir bleiben und schauen uns das an. Eine gute Entscheidung. An der Reception ist niemand mehr, als wir eintreffen. Die für die Zelte vorgesehenen Plätze sind mit kleinen Abgrenzungen und geharktem Boden gut zu erkennen. Direkt davor eine kleine Tafel mit einer Nummer. Wir suchen uns einen schönen, abseits gelegenen Platz aus und bauen unser Zelt auf. Zum Platz gehört auch eine Feuerstelle. Alles super sauber. Neben dem Verwaltungstrakt die Waschräume und daneben noch ein Raum mit Waschmaschine und Trockner. Zum Abend liegen wir im offenen Zelt und schauen in den irre kitschigen Sonnenuntergang. Wir beschließen, noch einen ganzen Tag zu bleiben. Am nächsten Tag um die Mittagszeit fällt mir eine Ansage auf, bei der ich nur die Nummer verstehe, die unser Zelt hat. Ich mache Isa darauf aufmerksam. Sie übersetzt: „Wir sollen uns bitte bei der Verwaltung melden, um unsere Campinggebühren zu entrichten.“ Wir hätten wohl allein hingehen sollen, um uns anzumelden. Isa meldet uns an, bezahlt auch gleich bis morgen. So können wir noch den Tag bleiben. Am nächsten Morgen nimmt uns ein Lieferfahrzeug mit zum Highway. An Regina vorbei stehen an einer großen Abzweigung riesige Straßenschilder mit dem Hinweis: „Alaska Highway, bitte rechts halten“. Wir sind aus der Provinz Manitoba schon bis Saskatchewan. Nach zwei Übernachtungen auf Rasthöfen, auf staubigen Parkplätzen im Dunstkreis der Tankstellen, sind wir in der Provinz Alberta angekommen. Ein Autofahrer ließ uns an einer sehr ungünstigen Stelle heraus. Er bog weitab einer Ortschaft oder Tankstelle rechts ab auf eine Schotterstraße, die schnurgerade zwischen den Feldern gen Norden verlief. Der Highway hat einen überbreiten, nur aus Schottersteinen bestehenden Standstreifen. Da stehen wir und die Autos fahren alle gleichmäßig 100 km/h. Wenn sie uns sehen, ist es zu spät zum Reagieren und Anhalten. Es ist heiß und die Luft sehr staubig. Wenn einer dieser großen Trucks an uns vorbeibraust, werden wir von seinem Luftsog erfaßt und gehen deshalb lieber ein Stück weiter weg von der Straße auf den Rand des Schotterstreifens. Plötzlich hält ein großer hellbrauner Ford-Pickup neben uns. Kurbelt auf der Beifahrerseite sein Fenster herunter und fragt uns, wohin wir wollen. Wir halten ihm unser Schild hin. Er deutet an, Rucksäcke hinten auf seine Ladefläche und mit Mira zu ihm vorne einzusteigen. Im gleichen Moment springt sein Hund bei ihm durchs halbgeöffnete Fenster auf der Fahrerseite und läuft auf den Highway. Ein gellender Schrei, er ruft seinen Hund. Ein Truck donnert heran, gellendes Hupen und die Fanfare, Staubwolke: Bremsen quietschen. Der Hund wird durch die Luft gewirbelt und bleibt leblos am Straßenrand liegen. Der Truck kommt weiter vorne zum Stehen. Der Fahrer steigt aus und kommt zu uns. Er hätte versucht, zu bremsen, es ging zu schnell. Versucht er, uns mit einer hilflosen Geste zu sagen. Dann hilft er unserem Fahrer, den leblosen Hund in den Straßengraben zu tragen. Dort bedecken sie ihn mit Reisig und Dornen. Der Truck fährt weiter. Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Der Mann macht eine Handbewegung, wir sollen einsteigen. Im Auto sitzen wir lange schweigend. Nach einiger Zeit schaut der Mann auf Mira, die in der Mitte auf Isas Schoß sitzt, krault sie etwas und schaut wieder starr auf die Straße. Dann erzählt er, er war lange auf Montage und fährt jetzt heim.
„Für meine Kinder habe ich den Hund gekauft.“ Dann schweigt er wieder und wir sehen, wie er still weint, wie die Trauer ihn schüttelt. Isa legt ihm die Hand auf den Arm. Er schaut uns nicht an. Isa zieht ihre Hand wieder vorsichtig weg. Mit dem Ellenbogen wischt er sich die Tränen ab. Etwa 100 km vor Calgary muß er abbiegen und läßt uns an einer Tankstelle heraus. Zum Abschied sagt er:
„Ihr seid nicht daran schuld. Ich hätte das Fenster schließen müssen. Er war noch so jung.“, und dabei laufen ihm wieder die Tränen. Wir schließen die Tür, er gibt Gas und verschwindet gen Norden. Wir sind froh, wieder allein zu sein. Seine Trauer und weil wir doch die Ursache waren, das hat uns schwer bedrückt. Wir überlegen, ob wir weiter trampen oder einen Schlafplatz suchen sollen. Es ist erst kurz nach Mittag. An der Stirnseite neben der Tankstelle ist eine kleine Bude, sieht aus wie ein Imbiß. „Diner“ steht oben in Leuchtbuchstaben auf dem Dach. Ob ich in der Bude dinieren möchte, weiß ich nicht. Wir entscheiden uns für eine Rast, etwas trinken und nachdenken. Isa geht voraus, ich laufe mit Mira in einem großen Bogen um den Rastplatz. Es ist auch hier alles trocken und staubig, es macht keinen Spaß, zu laufen. Ich versuche, mit Stöckchenwerfen Mira zum Rennen zu animieren, auch ihr ist es zu heiß, und so gehen wir zurück und schauen mal, was es so zum Dinieren gibt. Isa sitzt am Fenster und unterhält sich mit einer jungen Frau am Nebentisch. Als ich dazu komme, stellt sie sich vor:
„Carol, ich arbeite in Calgary am Theater als Maskenbildnerin.“ Isa, zu mir gewandt, auf Deutsch:
„Wir sind gerade ins Gespräch gekommen, weil ich in meinem Buch über Max Frischs Andorra geblättert habe“, und dabei nimmt sie es extra in die Hand. Isa hat ein Glas Tee vor sich. Ich sehe am Tresen eine große Glaskanne mit Kaffee unter einer Filtermaschine auf der Wärmeplatte stehen.
„Man muß nur die erste Tasse Kaffee bezahlen. Wenn man mehr möchte, kostet der nichts mehr“, erklärt Carol, die meinen Blick gesehen hat. Ich will nicht unhöflich sein und erkundige mich vorsichtig bei Isa, ob es hier den anderen, den „European Style“-Kaffee gibt.
„Nein?!“ und bestelle mir daraufhin einen großen Becher Cola. Ich kann dem Gespräch der beiden Frauen nicht folgen. Verstehe mal das Wort „Rehearsal“ und weiß, es bedeutet „Probe“. Deshalb nehme ich mir unsere kleine Landkarte vor und überlege, wie wir wohl am besten durch oder an Calgary vorbei kommen. Mira ist mir auf den Schoß geklettert, macht es sich bequem und legt ihren Kopf auf meinen Arm. Carol findet das „very lovely“. Dann fragt sie mich, wohin wir wollen? Ich antworte ihr:
„Wir trampen quer durch Kanada, um das Land kennenzulernen. Wir wollen an den Pazifik und dann zurück nach Ontario. Jetzt überlege ich, wie wir durch die Stadt kommen, denn in der Stadt funktioniert das Trampen nicht.“ Sie überlegt eine Weile, schaut auf ihre Uhr, blättert in einem Notizkalender und sagt dann zu uns:
„Ihr kommt weder gut um, noch gut durch die Stadt. Ich lade Euch ein, Ihr schlaft bei mir auf dem Sofa und morgen bringe ich Euch zum Busbahnhof, da könnt Ihr bis Banff fahren und ab dort wieder trampen. Wir Theaterleute müssen zusammenhalten.“ Isa sagt zu mir auf Deutsch:
„Ich habe erzählt, wir haben eine Theatergruppe gegründet und arbeiten an einer Inszenierung.“ Als wir später gemeinsam zu Carols Auto gehen, sehe ich: Sie ist mittelgroß und sehr schlank. Sie trägt eine helle, luftige Flatterhose bis zu den Waden und an den Füßen geflochtene braune Sandalen. Sie hat blonde lange Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat. Der sitzt bei ihr aber nicht am Hinterkopf, sondern weiter oben, sodaß er sie größer macht. Ein ganz anderer Stil als die Leute, die wir bisher getroffen haben. Sie fährt einen kleinen Volvo-Kombi. Sehr chic, die Heckklappe ist aus Glas. Wir bekommen kaum unsere Rucksäcke hinein. Ich sitze mit meinen langen Beinen auf dem Beifahrersitz. Auch Carol fährt mit offenen Fenstern und schaltet die Klimaanlage nicht ein. Wir haben noch eine Stunde bis Calgary. Der Highway ist wieder vierspurig. Je näher wir der Stadt kommen, umso öfter sehen wir etwas abseits von der Straße gelegene Campingplätze, darauf riesige Campinganhänger. Sie sehen aus wie Sattelschlepperauflieger, haben vorne sogar einen Königszapfen. Manchmal stehen zwei dieser riesigen Auflieger nebeneinander, sind verbunden zu einem großen Wohnraum. Carol sieht meine Blicke und erklärt:
„Das sind Wohnanhänger für Reiche oder für ganz arme Leute. Sie leben hier, haben Arbeit in der Gegend und ziehen irgendwann einfach weiter, indem sie eine Zugmaschine kommen lassen, anhängen und los geht’s zu neuer Arbeit oder neuen Abenteuern. Manche bleiben ganz hier. Die haben sich um den Auflieger einen Garten angelegt.“
„Ein großes Land, da ist einfach alles viel größer“, sagt Isa. In der Ferne taucht die Silhouette von Calgary auf. Ein Haufen Hochhäuser in der Mitte und zu den Rändern immer niedriger. Wir kommen schon durch die ersten Vororte. Die Autobahn ist wieder aufgeteilt in die innere Schnellautobahn und die äußere, für die, die irgendwann abbiegen wollen. Die Stadt wirkt trotz der hochsommerlichen, staubigen, flimmernden Hitze kalt und abweisend. Ich sehe nichts, wo ich anhalten würde, um zu verweilen. Mir kommt es vor, als hätte ich nie eine häßlichere Stadt gesehen. Stumpfsinn in Beton. Keine Menschen auf den Trottoirs – Schluchten leer. Als wir durchs Zentrum durch sind und die Häuser weniger Stockwerke haben und um die Fenster wieder ein Sims zu erkennen ist, biegt Carol in eine Seitenstraße ein. Neben einem Supermarkt parkt sie und wir steigen aus. Hier wohne ich. Und sie zeigt dabei auf das Nachbarhaus, ganz nach oben. Etwa 200 Meter entfernt an einer Gabelung ist ein kleines grünes Dreieck mit einem Baum zu sehen. Ich zeige darauf und sage:
„Ich gehe mit Mira einen kleinen Spaziergang!“
„Wir gehen noch einkaufen“, sagt Carol zu Isa und „bis gleich“ zu mir.
Carol will uns einladen und freut sich über Kollegen aus dem Theater. Wir fahren mit dem Lift ganz nach oben. Carol hat eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit einem kleinen Balkon. Viele Pflanzen, zwischen ihrem Schlafzimmer und dem Wohnzimmer nur ein großer Vorhang. Die Küche ist winzig, fast nur wie eine Besenkammer, im Bad hat sie eine Dusche, Waschbecken, Klo und einen schmalen Schrank. Das Wohnzimmer besteht aus Bücherregalen, an den Wänden Theaterplakate, vor dem Sofa ein niedriger Glastisch und daneben ein Plattenspieler mit drei großen Kisten voll Schallplatten. Ich gebe Mira Futter und stelle Wasser dazu, dann suche ich in der Küche Teller und Besteck und stelle alles auf den Glastisch. Mira liegt in der Sofaecke auf ihrem Reisepullover und schaut mir zu. Isa kocht, durfte im Supermarkt nicht bezahlen. Spaghetti mit bunter Soße: Pilze, Paprika, Tomaten, alles zusammen mit angebräunten Zwiebeln. Da es keine Sahne gab, hat sie etwas Milch und Butter zusammengerührt und damit die Soße angedickt. Isas bunte Soßen sind immer sehr lecker. Carol hat dazu einen Tomatensalat gemacht und als Nachspeise ein paar sehr süße Kekse. Nach dem Essen unterhalten sich Isa und Carol über Theater. Isa erzählt von unserer Uni, an der wir eine Studiobühne haben, von unserer gerade gegründeten freien Theatergruppe, von unserem Wunsch, Max Frischs „Andorra“ zu inszenieren, weil es darin um Feigheit, Mitläufer und Opportunisten geht. Carol ist begeistert und sagt uns:
„Bei mir an der Uni mußten wir schon als Studenten an die Zuschauer denken und ob es sich gut verkaufen ließe. Etwas auszuprobieren, Neues zu entwickeln, das ging auf keinen Fall. Eine freie Theatergruppe gab es auch nicht.“ Während die Beiden sich weiter unterhielten, habe ich die Plattenkisten durchgeschaut. Beatles, Stones, Leonard Cohen, Janis Joplin. Kaum Klassik, ein LvB-Klavierkonzert, Gershwin „Aus der neuen Welt“, dann eine Platte, da muß ich nachdenken, den Namen hatte ich mal gehört. „Big Bill Broonzy“ – das ist Mississippi Blues. Irgendwo tief vergraben in meinen Erinnerungen. Da hatte ich eine Platte, eine Lizenzausgabe von Amiga herausgebracht. Ich habe sie immer und immer wieder gehört. Auf der Rückseite der Plattenhülle stand die deutsche Übersetzung und eine Passage hat mich nachdenken lassen: „Als ich geboren wurde, als mir das geschah.“ Über die eigene Geburt in der dritten Person als Außenstehender zu reden. Aber es ist so wahr: Man wird geboren, dafür kann man nichts. Das passiert einem. Jede Musik gehört in eine Landschaft oder sie stammt aus einer. Die Countrymusik aus der Prärie, der Blues vom Mississippi. Ich sehe Chopin, Klavierkonzert Nr. 2, halte es in der Hand und werfe Carol einen fragenden Blick zu. Sie nickt und ich lege die Platte auf. Sanft steigen die Streicher ein, als ob sie sich erst finden müßten, dann steigern sie sich, das restliche Orchester steigt mit zu einem gemeinsamen Crescendo ein, bis erst leise, dann bestimmt die Klarinette zweimal mahnt:
„Achtung, da fehlt doch etwas“, und nun beginnt das Klavier mit einem einzigen hellen hohen Ton:
„Ping, hallo, darf ich mitmachen?“ Vielleicht war Chopin in den Masuren unterwegs, als in ihm diese Melodie entstanden ist. Carol und Isa sind beim Thema „die Wirkung weißer Masken als Stilmittel“. Ich nehme mir Mira unter den Arm und den Haustürschlüssel und gehe eine Abendrunde, damit Mira noch mal pieseln kann. Auf der Straße geht mir durch den Kopf: Wenn ich in ‚Andorra‘ die Bürger alle mit einer identischen weißen Maske ausstatte, dann sind sie erkennbar als Mitläufer, als feige Opportunisten. Wie übersetzt man „Mitläufer“? Gibt es im Englischen einen Ausdruck dafür, der mitschwingen läßt: Es sind feige, bequeme Menschen, die nicht auffallen wollen und ohne Nachzudenken bei Gut und bei Böse immer in der Menge mitschwimmen? Mira braucht an dem einzigen kleinen Stück Wiese weit und breit Zeit zum Schnuppern. Ich setze mich an einem Hauseingang auf eine Balustrade und mir fällt ein, ich könnte das Problem nicht auf Englisch erklären. Ich weiß auf einmal, der Moment, in dem sich der Charakter zum Mitläufer oder zum Nichtmitläufer entwickelt, liegt ganz früh in der Kindheit. Wenn die Eltern erklären oder vorleben, was gut und was böse ist und was man tut und besonders, was man nicht tut. Das, was wir als „gute Kinderstube“ bezeichnen und damit mehr meinen als die Manieren, sondern zusätzlich die ethische Basis für Anstand! Das ist dieser besondere Moment. Damit im Kopf gehe ich wieder hoch und setze mich wieder neben die Plattenkiste. In der zweiten Kiste finde ich ein „Woodstock“-Album. Puuh Puuh Puuh, wenn ich nur immer im Voraus wüßte, wann es passiert, mir die Luft wegbleibt und der Korken im Hals feststeckt. Ich halte die Platte in der Hand und muß mich abwenden, damit die beiden mein jetzt bestimmt sehr komisch aussehendes Gesicht nicht sehen können. Da war damals, ich war 14 Jahre alt, dieses elende hilflose Gefühl, abgehängt zu sein. Das Leben ist woanders, ich kann nicht daran teilnehmen. Erst war in Prag der Aufstand und alle demonstrierten auf dem Wenzelsplatz. Wir hatten die Erwartung: Endlich bricht das System zusammen, aber es kamen die russischen Panzer. Es war, als ob alle einen Schlag auf den Kopf bekommen hätten. Auf einmal herrschte Hoffnungslosigkeit. Dann ein Jahr später dieses Konzert in Woodstock. Ich spürte, es ist ein ganz besonderes. Es markierte die Zeit, in der der Aufbruch zu einer neuen Welt begann. Ich saß am Radio und hörte die Berichte und konnte doch nicht dort sein und würde diesen Hauch des Neuen nicht erleben. Dort, wo die Welt sich ändert, das ist für mich unerreichbar, ich bin ausgeschlossen.
Und jetzt halte ich eine Platte davon in der Hand. Ich versuche, Carol zu fragen, ob es das legendäre Konzert ist, und meine Stimme will erst nach mehrmaligem Räuspern wieder:
„Woodstock, das Konzert damals?“ Carol sieht, es bewegt mich sehr, und sagt:
„Ja, das ist ein Mitschnitt.“ Ich verstehe: An ihrer Stimme ist nichts Enthusiastisches. Für sie ist es ein Konzert unter vielen, nicht der Startpunkt einer sich ändernden Welt.
„Was hast Du mit diesem Konzert?“ fragt sie zurück.
„Ich wäre damals sehr gerne dabei gewesen, ich sah darin ein ganz besonderes Konzert, aber ich war noch im Osten und da war die Grenze.“
„Aber Du bist doch aus Deutschland, oder bist Du aus der ‚GDR‘?“ „Aber die ‚GDR‘ ist doch auch Deutschland“, sage ich und stecke die Platte resigniert wieder zurück in die Kiste. Wie soll ich das nur erklären? Auch für sie ist Deutschland nur Westdeutschland. Carol sieht, irgendetwas ist nicht gut gelaufen, kommt zu mir herüber, nimmt die Woodstock-Platte wieder aus der Kiste, drückt sie mir in die Hand:
„Für Dich, weil sie Dir so viel bedeutet“, und nimmt mich auf einmal sehr herzlich in den Arm. Dann bringt sie uns Bettzeug und wir machen es uns auf dem Sofa zurecht.
Beim Frühstück reden wir über die Busfahrt. Wir müssen Mira irgendwie schmuggeln, Hunde sind in den öffentlichen Verkehrsmitteln generell untersagt. Wir sollten bis Banff fahren, dort geht es in die Rockies und die trockene, staubige Luft der Prärie ist vorbei. Am Busbahnhof bedanke ich mich noch einmal für die Platte, sie ist mir ein besonderes Geschenk. Ich ziehe mir trotz der Hitze eine große Jacke an und nehme Mira und klemme sie mir unter der Jacke unter den Arm. Sie hat wohl verstanden, ruhig zu sein. Isa kauft die Fahrkarten, ich bleibe im Hintergrund. Beim Einsteigen stehe ich immer direkt hinter Isa und im Bus setzen wir uns weit nach hinten. Es ist eine ruhige Fahrt, dann tauchen die Berge vor uns auf. Es wird grüner. Isa fragt mich, was das gestern war mit dem Woodstock. Ich erkläre: „Beim Anblick dieser Platte ist mir eine Gefühlswallung aufgestiegen und hat mir meine damalige Hilflosigkeit in Eisenach in Erinnerung gebracht, als ich spürte: Die Welt ist im Aufbruch, aber in der anderen Welt, der jenseits des Stacheldrahts.
Und die Erinnerung an diese Ohnmacht kam auf einmal hochgeschossen. Es hat ein paar Momente gedauert, bis ich wieder atmen konnte. Als Carol mich in den Arm genommen hat, war es wieder gut.“ Isa schaut mich verständnisvoll von der Seite an, nimmt unsere Wasserflasche und hält sie mir hin. Ich erkläre Isa:
„Starke Gefühle, wenn ich mich an sie erinnere oder sie plötzlich in mir aufsteigen, dann ist es wie ein Überfall, der mich von innen überwältigt. Wenn ich mich aber an Gedanken oder Erlebtes erinnere, so ist das gesteuert und für mich nicht beängstigend.“ Als wir beim Aussteigen an dem Fahrer vorbeigehen, spricht er uns an:
„Na, wie geht’s dem Hündchen?“, und lacht freundlich. Dann hilft er uns, die Rucksäcke aus dem Gepäckfach zu heben:
„Gute Reise!“ Wir sind überrascht. Hat er wohl die ganze Zeit gewußt, wir schmuggeln Mira?
Banff ist ein kleiner Ort. Eine sehr breite Hauptstraße, niedrige Blockhäuser. Viele Restaurants, eine Bank, Hotels. Alles ausgerichtet auf Touristen. Wir sehen einen Waschsalon und schmeißen erst mal eine Maschine an. Einfach alles rein und Waschpulver dazu. In einer Stunde ist es fertig. Dann laufen wir die Hauptstraße entlang, schauen, orientieren uns. An einer Seitenstraße ein kleines Amphitheater. Es ist umgeben mit Hinweistafeln über die Regeln in den Nationalparks und im freien Gelände. Es findet gerade eine Informationsstunde statt. Wir setzen uns dazu und hören, es ist beim Zelten sehr wichtig, die Lebensmittel weit weg vom Zelt hoch in einen Baum zu hängen. Daraufhin kaufen wir uns in einem Campingausrüsterladen ein langes Seil und einen extra festen Sack. Als wir die Hauptstraße auf der Suche nach einer Tasse Kaffee wieder zurückschlendern, laufen vor uns zwei Damen. Grell hochtoupierte silberfarbige Haare, Stöckelschuhe, quietschbunte Hosen und ein Westernjackett. Sie wirken, als ob Captain James T. Kirk sie von einem anderen Planeten mitgebracht hätte. Als wir direkt neben ihnen laufen, höre ich, wie die eine Dame die andere auf Deutsch fragt, wo die Waschautomaten sind. Da wir vorhin dort waren, kann ich Auskunft geben und sage im Vorbeigehen auf Deutsch:
„Dort drüben in der Seitenstraße“, und ich gehe weiter, als ob so etwas das Normalste auf der Welt ist, jemanden eine Auskunft zu geben. Als ich mich umdrehe, welche Reaktion ich wohl ausgelöst habe, sehe ich: gar keine. Sie folgen meinem Hinweis, zeigen aber kein Erstaunen. Dann muß ich an den spottenden Spruch meiner Mutter denken, wenn sie solche aufgetakelten Damen sah:
„Von hinten Lyzeum, von vorne Mausoleum!“
Wir gehen in einen kleinen Supermarkt, um unsere Vorräte aufzufüllen, dann die Wäsche abzuholen, und verlassen Banff, gehen weiter den Fluß entlang einen Platz für die Nacht zu finden. Wir müssen weit laufen, bis wir endlich außerhalb einen ruhigen Platz im Fluß auf einer Kiesbank finden. Ich baue unser Zelt auf, mache eine Feuerstelle und gehe mit Mira Holz sammeln. Den Nachmittag verbringen wir mit Baden im Fluß und liegen eng nebeneinander in der Sonne. Es ist ein wundervolles Gefühl, die frische, nicht mehr staubige Luft, die Nähe, unsere Vertrautheit. Wir liegen auf dem Rücken, Isa an meiner Schulter. Der Wald um uns herum atmet eine besondere Ruhe.
„Wir müssen lernen …“, sagt Isa, „… die Stille zu hören!“, und redet dann nach einer langen Pause weiter:
„Ich überlege seit einiger Zeit, welche Musik wir in Andorra einsetzen. Vielleicht einen bestimmten Erkennungsklang, wenn die Bürger auftreten.“
„Ja, das sollten wir machen!“, sage ich, und „Musik, darüber möchte ich mehr wissen. Wie sind wir dazu gekommen?“ Isa lacht:
„So mit Forschen über Geräusche wie Schnattern, Piepsen und Bellen bei Tieren, über den melodischen Gesang der Wale, das erste menschliche Instrument, die Panflöte, bis zum heutigen Sinfonieorchester?“
„Da ist was dran!“, sage ich. „In einem Seminar über ‚Musik in einer Inszenierung‘ hat der Dozent von Hoimar von Ditfurth erzählt. Der hat ein Buch geschrieben: „Am Anfang war der Wasserstoff“. Darin erklärt er, unser gesamtes Sonnensystem, wenn man die Maße und Bahnen genau betrachtet, schwingt in Dur.“ Ich setze mich auf:
„Da gibt es eine Urterz, auch Mamaruf genannt. Der Kuckucksruf ist so einer. Damit rufen schon Tiere nach ihren Kindern. Wir empfinden also die Energie des Weltalls als angenehm.“ Isa steht auf, nimmt ein Handtuch und hält es sich, als ob hier irgendwo jemand sein könnte, vor ihren nackten Körper. Das ist so komisch, da muß ich grinsen. „Was lachst Du da?“, fragt sie mich. Ich mußte über ihr völlig überflüssiges Schamgefühl schmunzeln, traue mich nicht, es auszusprechen, sage stattdessen:
„Mitläufer sind auch aus Urzeiten, vielleicht ein Rudelreflex, der aber heutzutage negativ ist. Wir brauchen für sie deshalb einen Klang, der stört, eine Dissonanz, einen schrägen Mißklang!“, und kann so gut ablenken.
Ich mache uns etwas abseits ein Feuer, wärme die Büchse und gebe Mira von der Hundefutterdose. Mir ist aufgefallen, seitdem wir Mira das Futter aus der Dose geben, springt sie danach an mein Bein und will mich rammeln. Was wohl in dem Hundefutter drin ist? Als die Sonne untergegangen ist und es zu dunkel zum Lesen ist, lege ich noch ein paar dicke Zweige ins Feuer, verstaue unsere Lebensmittel in dem stabilen Sack und hänge den 50 Meter weit oben in einen Baum, indem ich über einen hervorragenden Ast das Seil werfe und den Sack da hochziehe. Als wir gerade in den Schlafsack hineinkriechen, spüre ich ein leichtes Beben, ein Vibrieren des Bodens, das mit einem aus weiter Ferne herannahenden Grollen verbunden ist. Immer wieder ertönen durchdringend laute Signalhörner und warnen immer und immer wieder. Vorhin sah ich einen Bahnhof und Hinweisschilder mit „Canadian Pacific Railway“. „Das muß einer dieser kilometerlangen Güterzüge sein“, sage ich zu Isa.
„Ja, da waren hinter dem Highway Gleise zu sehen“, antwortet sie. Das Grollen nimmt stetig weiter zu und dann spüren wir an der Vibration des Bodens: Jetzt fährt er an Banff vorbei. Es dauert endlos lange, bis das Grollen, bis das Beben und Vibrieren wieder schwächer werden und dann ganz entschwindet.
„Das hier sind andere Dimensionen als bei uns“, fügt Isa an. Noch einmal wiederholt sich in der Nacht dieses Spektakel. Wir werden dabei wach und sehen: Mira steht mit gesträubtem Fell in Angriffsstellung an der Zelttür und knurrt drohend. Draußen hören wir tiefes Brummen und Rascheln. Ich nehme Mira auf den Arm und halte ihr die Schnauze zu, damit sie nicht weiter knurren kann.
„Da draußen ist ein Bär“, flüstert Isa. Ich krieche ganz aus dem Schlafsack heraus, nehme das lange Küchenmesser in die Hand und öffne ein kleines Stück das Zelt. Ich sehe nichts, draußen ist es stockdunkel, das Rascheln und Brummen ist nicht mehr zu hören.
„Wahrscheinlich ein Tier, das unsere Lebensmittel gerochen hat“, sage ich. Als längere Zeit nichts mehr zu hören ist und auch Mira sich beruhigt hat, kriechen wir wieder in den Schlafsack und nehmen auch Mira zu uns mit hinein. Am nächsten Morgen, als ich, um Kaffee zu kochen, das Feuer wieder anmache, kann ich nichts finden, was auf einen Bär hindeuten würde. Auch unsere Lebensmittel hängen unversehrt oben im Baum. Vom Frühstück über Zeltabbauen und Rucksackpacken ist es bereits Routine. Wir sind ein eingespieltes Team. Wir müssen nichts mehr einkaufen und gehen nicht mehr in den Ort zurück, sondern gleich Richtung Highway. Über einen Feldweg kommen wir direkt zur Zubringerstraße Richtung Highway. Wir müssen ca. zwei km laufen, gehen am rechten Straßenrand hintereinander und haben Mira an der Leine. Hinter uns hupt es. Ein kleiner Lieferwagen hält direkt hinter uns. Ein junger Mann winkt und ruft:
„Wo wollt Ihr hin?“ Ich halte das Pappschild „West“ hoch und er macht uns Zeichen, zu ihm zu kommen.
„Lake Luise“, sagt er, kommt herein. „Hier ist nicht gut trampen, wegen der Einfädelspuren, auf denen niemand halten kann.“ Dann sehen wir es auch: Der Zubringer teilt sich auf in „West“ und „Ost“ und keine Möglichkeit, anzuhalten.
„Ich habe Euch gestern im Ort gesehen“, fängt der junge Mann das Gespräch an. „Wo wollt Ihr hin?“
„Nach Vancouver“, sagt Isa.
„Oben in den Bergen ist es nachts zu kalt, um im Zelt zu schlafen.“
sagt er und zeigt auf unsere Rucksäcke. „Was wollt Ihr da machen?“ Wieder durchzuckt es mich kurz, weil er recht hat. Meine Blauäugigkeit, planlos, gedankenlos einfach loszustürmen.
„Daran haben wir nicht gedacht, das haben wir nicht gewußt“, antwortet ihm Isa.
„Ich fahre bis Lake Luise, das ist etwa eine Stunde von hier“, fügt der junge Mann an. Ich kann ihn gut verstehen. Er spricht das Englisch mehr vorne im Mund. Ich sollte mal in mich gehen, Nabelschau halten: Warum stürme ich los? Wir kommen höher in die Berge. Der Highway ist wieder einspurig, sehr kurvige Strecke. Nach einer Stunde läßt er uns an einer Tankstelle heraus.
„Wenn wir gut wegkommen“, sage ich zu Isa, „dann kommen wir bis Kamloops, das ist die Hälfte bis Vancouver. Dort nehmen wir uns ein Motel und am nächsten Tag schaffen wir es bis Vancouver.“
„Das ist eine gute Idee, mal wieder mit heißem Wasser zu duschen“, freut sich Isa. Ein älteres Ehepaar, wieder weil Mira so lieb geschaut hat, nimmt uns mit. Beide in Jeans und beide im gleichen großen Holzfällerhemd, das fast wie eine Jacke über der Hose getragen wird. Er hat einen kurzen militärischen Igelschnitt und sie hat ihr langes braunes Haar zu einem Zopf geflochten. Isa muß die ganze Zeit Konversation machen und berichten, woher und wohin unser Weg führt und was wir mal im Leben machen wollen. Dann erzählt der Mann, er ist in der Verwaltung:
„Wir arbeiten an Verträgen, um das Land an die Indianer zurückzugeben.“ Isa fragt zurück:
„Sie meinen die First Nation?“
„Ja“, antwortet er, „die sollen so eine Art eigene Provinzverwaltung bekommen, quasi einen Staat im Staat.“ Auf uns macht er einen sehr selbstherrlichen Eindruck.
„Auf Manitoulin Island“, sage ich zu ihm, „haben die First Nations schon eine eigene Verwaltung, eine eigene Polizei und eine Schule.“
„Vor 150 Jahren waren es noch Wilde, die haben viel gelernt.“, erwidert er. Mir fällt ein: Vor 500 Jahren hat Columbus Amerika wiederentdeckt und da gab es in Amerika mehrere Hochkulturen.
„Der hat die Inkas und die Majas völlig vergessen“, sage ich auf Deutsch zu Isa neben mir.
„Laß es gut sein, er hat verstanden, sie haben ihnen Land weggenommen“, und dabei legt sie mir beschwichtigend die Hand auf den Arm, „und sie müssen das nun zurückgeben. Das ist ein guter Anfang.“ Am späten Nachmittag lassen uns die beiden vor einem Motel heraus. Wir bedanken uns sehr herzlich und fragen noch, wie weit sie es denn noch haben?
„Wir fahren noch 2 Stunden gen Norden, Richtung Jasper-Nationalpark. Dort wollen wir die Ferien verbringen.“ Wir winken ihnen nach und gehen zur Rezeption. Das Zimmer kostet neun Dollar, aber besser so, als im Zelt zu frieren. Ich mache mich mit Mira auf zu einem Spaziergang. Laufe durch den hinter dem Motel beginnenden Wald. Mir geht durch den Kopf: Wenn Dinge sich ändern, dann entsteht dabei Energie. Vielleicht ist diese Energie wie eine Welle und rollt westwärts? Wie damals 1968 von Prag nach 1969 Woodstock und weiter gen West und hat jetzt Britisch-Kolumbien erreicht, umrundet so die Erde und kommt in ein paar Jahren wieder nach Europa? Als ich ins Motel komme, füttere ich Mira und gehe auch heiß duschen. Isa schlägt vor:
„Laß uns heute essen gehen. Wir kommen mit dem Geld schon irgendwie hin. Dann sparen wir die nächsten Tage.“ Wir lassen Mira im Zimmer zurück, zeigen ihr extra ihren Platz auf dem Reisepullover, stellen die Rucksäcke dazu. Sie versteht sofort: Sie muß bleiben und aufpassen. Dann gehen wir zum Restaurant. Es ist gut, normal an einem Tisch und nicht auf der Erde zu sitzen und aus einer Büchse zu löffeln. Die Speisekarte besteht aus Bildern, die oben am Tresen auf einer Leuchttafel zu sehen sind. Isa nimmt einen Fisch mit Fritten und ich bestelle mir Nudeln mit Gehacktessoße. Als die Kellnerin das Essen bringt muß ich unwillkürlich lachen. Isa schaut mich fragend an:
„Was ist los?“
„Erinnerst Du Dich“, sage ich zu ihr, „an die Kellnerin in unserer Trattoria in Florenz? Da habe ich von der Kellnerin auch eine Portion bekommen, bei der die Nudeln fast über den Tellerrand hingen – schau mal auf meinen Teller“, und die Kellnerin stellt mit einem Lächeln einen übervollen Teller vor mich hin:
„Enjoy your meal!“
Mira liegt brav mitten auf dem Bett, auf ihrem Reisepullover. Die Kellnerin hatte uns wohl bei der Ankunft im Motel mit Mira gesehen und gab uns beim Bezahlen einen extra sauber eingepackten Kotelettknochen mit vielen Grüßen aus der Küche mit. Große Freude, aber erst gehe ich mit Mira noch eine kleine Pieselrunde und dann bekommt sie ihren leckeren Knochen.
„Ist doch bequemer“, sagt schmunzelnd Isa und räkelt sich auf dem Bett. Wir liegen müde und satt nebeneinander.
„Ob Revolutionen wie Wellen um den Globus laufen?“, sage ich laut vor mich hin:
„Alles ist in Wellenbewegungen, ob Revolutionen oder einfach nur Gefühle, sogar die Liebe“, antwortet Isa und dreht sich um, um zu schlafen. Vielleicht aus dem Nebenappartement, vielleicht aus weiter Ferne, es dringt leise ein wunderschöner, einfach überirdischer Gesang an mein Ohr. Es ist aus einer italienischen Oper, ich kann nicht sagen welche. Es weht mal leise, mal etwas deutlicher zu mir herein und nimmt mich auf und läßt mich tief atmen und wieder tief, tief atmen. Wenn ich mal die drei Ringe wieder loswerden will und auch diesen Korken aus meinem Hals, dann kann das nur die Musik. Nach einer kurzen Unterbrechung beginnt dieser Gesang erneut. Eine Schallplatte? Mira stupst mich an, will ihren Knochen unter der Bettdecke verstecken. Ich rücke etwas zur Seite, liege nun Rücken an Rücken mit Isa und spüre: Ich habe nasse Augen, aber ich habe doch gar nicht geweint.
Am Morgen gehe ich gleich mit Mira hinaus und suche, woher der Gesang gekommen sein könnte. Ich habe Glück: Aus dem Nebenappartement kommt ein untersetzter Mann, circa 50 Jahre alt, heraus. Ich spreche ihn auf die Musik an. Er lacht:
„Du kannst Deutsch mit mir reden. Ich bin Italiener, habe lange in Deutschland gekocht. Habe hier in der Küche einen Saisonjob und für Deinen Dackel gestern den Knochen spendiert.“
„Und die Musik“, frage ich erneut?
„Das ist eine Schallplatte.“
„Ja, und was wird gesungen?“
„Das ist Maria Callas mit der berühmten Arie ‚Casta Diva‘ aus ‚Norma‘ von Bellini.“ Er beugt sich zu Mira herunter und streichelt sie.
„Das ist meine Lieblingsplatte und hilft gegen Heimweh“, und dann kommt er nah zu mir und flüstert fast in mein Ohr:
„Und wer dabei keine Tränen in die Augen bekommt, der hat ein Herz aus Stein.“ Dabei geht er, sich mit einer lässigen Handbewegung verabschiedend, Richtung Restaurant.
Bevor wir zum Highway gehen, gönnen wir uns im Restaurant noch einen Kaffee. Neben dem Tresen gibt es eine Durchreiche für die Speisen aus der Küche. Da stelle ich mich daneben und rufe hinein:
„Buon giorno, un caffè, per favore!“ Sofort kommt unser Appartementsnachbar heran, lächelt und sagt:
„Ciao, vieni subito!“ Er bringt ihn persönlich und er schmeckt köstlich, richtig nach Kaffee.
Hier reihen sich viele kleine Gemeinden zu einer Großgemeinde zusammen. Erst nach drei Autos haben wir wieder jemanden, der weiter als bis zum nächsten kleinen Ort fährt. Wir haben einen schlechten Tag. Auch ist es bergig mit vielen Kurven. Es ist schon später Nachmittag. Wir überlegen, wie und wo wir unser Zelt aufschlagen, als neben uns ein VW-Bulli hält. Junger Mann mit riesigem Lockenkopf steigt extra aus, fragt nicht mal, wohin wir wollen, öffnet die seitliche Schiebetür und stellt unsere Rucksäcke in den Bulli. Wahrscheinlich gibt es auf dem Trans-Canada-Highway auch nur ein Ziel.
„Kommt erst mal mit zu uns, da könnt Ihr das Zelt aufbauen“, lädt er uns ein. Und als wir einsteigen und alle zusammen vorne sitzen:
„Wir haben eine Ranch, etwa 20 Minuten abseits vom Highway.“ Es sind noch 28 km bis Vancouver, als er vom Highway rechts abbiegt und durch mehrere kleine Ortschaften zu einer abseits gelegenen Ranch kommt. Viele junge Leute sitzen um ein großes Lagerfeuer.
„Macht es Euch bequem, sucht Euch einen Platz für die Nacht“, und zu den anderen am Lagerfeuer:
„Die habe ich auf dem Highway eingesammelt – trampen gen West.“ Es sind zu viele, um alle persönlich zu begrüßen. Wir stellen uns zu ihnen ans Feuer und sagen:
„Hello!“ in die Runde.
„Wir sind Studenten aus Deutschland und wollen Kanada kennenlernen. Wir trampen auf dem Trans-Canada-Highway zum Pazifik und zurück nach Toronto.“ Isa setzt sich zu ihnen in die Runde, ich kümmere mich um das Zelt. Mira hat sich mit den beiden hier freilaufenden Hunden beschnüffelt und jetzt rennen sie spielend herum. Ich finde einen guten flachen Platz und stelle das Zelt so auf, damit wir Abendsonne auf den Eingang bekommen. Dann setze ich mich auch ans Feuer. Eine bunte Runde. So stelle ich mir vor, waren die Besucher des Woodstock-Konzerts. Bunte Gewänder, lange Haare, Latzhosen bei Männern wie auch bei Frauen und wegen der hier fast am Fuße der Rockies wieder wärmeren Temperaturen trugen sie weder BH noch T-Shirt. Etwas abseits war ein Pool. Ich war überrascht, hier im prüden Amerika nackte Zustände wie am bayerischen Baggersee. Ich erinnerte mich an die Aussage: „Wenn der Busen nackt ist, verliert er seinen erotischen Aspekt und wird zu einem normalen Körperteil." Ich will erst mal mit Mira einen Spaziergang machen und dann auch in den Pool springen. Am Ende der großen Wiese geht ein Trampelpfad in den Wald hinein. Auf dem Schild steht: „Trail“. Da lasse ich mich überraschen, was das für ein Ort ist, und folge dem Schild. Ich komme durch den Wald, an Wiesen vorbei, an einer Scheune und bin nach circa einer Stunde wieder an der anderen Seite der Wiese angekommen. Auch hier steht ein Schild „Trail“ und zeigt zurück in den Wald. Am Zelt steht Isa:
„Kannst Du mir sagen, was ‚Trail‘ für ein Ort sein könnte? Ich habe es nicht gefunden.“ Sie lacht laut auf:
„Du mit Deinem Küchenenglisch. Trail heißt einfach Pfad und das war bestimmt ein Rundweg zum Wandern.“
„Kommst Du mit in den Pool?“, frage ich sie. Isa sieht skeptisch auf die Nackten und sagt:
„Lieber nicht.“ Ich mache mir nichts daraus. Da einer der Hunde auch mit im Pool schwimmt, nehme ich mir Mira auf den Arm und gehe mit ihr zusammen hinein. Offensichtlich gefällt es Mira sehr gut. Erst schwimmt sie zweimal um mich herum und dann schwimmt sie auf die Treppe zu und geht hinaus. Aber sie bleibt am Rand stehen und als ich sie erneut hineinhebe, setzt sie sich halb auf meine Schulter. Ein junger Mann spricht mich an:
„Wir haben einen Brunnen, in dem haben wir frische Hummer. Heute Abend gibt es die beim gemeinsamen Essen. Du und Deine Freundin, Ihr seid eingeladen. Ach, und übrigens: Wir töten die Hummer vor dem Kochen. Keine Tierquälerei mehr.“ Es ist ein toller Abend. Alle sitzen um einen großen Tisch. Es gibt viele Schüsseln mit unterschiedlichen Salaten, Reis, Kartoffeln und dann immer wieder frischen roten Hummer. Sie zeigen uns, wie wir sie essen müssen, und sogar Mira bekommt eine gute Portion ab. Ich frage meine Tischnachbarn nach dem Woodstock-Konzert. Ob sie dort waren. Aber kein Enthusiasmus, nur: „Ja, gehört“, „Nein, wir waren nicht dort“, „zu weit weg“. Da bin ich ganz allein mit meiner Ansicht: Woodstock war etwas Besonderes. Ich wäre, hätte es den Stacheldraht nicht gegeben, um die halbe Welt gereist, um dabei zu sein. Spät liegen wir im Zelt. Es ist nicht mehr kalt nachts, vielleicht der Einfluß des Pazifiks. Wir haben am Zelt nur den Moskitovorhang zugemacht.
„Mach bitte ganz zu“, bittet mich Isa.
„Aber das ist zu warm“, erwidere ich.
„Die können doch hereinschauen“, bittet sie erneut. Was ist dabei?, wollte ich schon zurückfragen. Laß es lieber.
„Ich lasse unten eine Ecke offen, damit Luft durchziehen kann.“ Für Mira lege ich an den Eingang ihren Reisepullover. Sie legt sich sofort, nachdem sie sich dreimal im Kreis gedreht hat, darauf. Es ist sehr warm und wir lassen unseren Schlafsack halb offen. Isas Nacktheit im Halbdunkel, sie ist wie ein Zauber anzuschauen.
„Schamgefühl“, sage ich, „ist abhängig von der Kleidung und Gewohnheit.“
„Ja“, sagt Isa, „denk mal an den Minirock. Erst war er ein Skandal, dann hat es niemanden mehr aufgeregt.“
„Ich meine noch einen weiteren Aspekt“, sage ich. „Denk an die Badenden in München an der Isar oder an die Baggerseen. Dort sind die Nackten die Normalen.“ Im Einschlafen geht mir Ingos Hinweis durch den Kopf, den man aber nicht mit Frauen diskutieren könnte, da die darin immer nur männlichen Sexismus sehen würden. So wie es im Western eine zusätzliche Kameraposition zu der Abstufung Totale, Halbtotale bis zur Nahen, die ‚Amerikanische‘ gibt. Sie bedeutet, die Nahe wird erweitert, damit man auch sehen kann, ob der Akteur einen Colt trägt, also immer bis zu den Oberschenkeln. So sollte auch die Nahe bei Frauen in bestimmten Situationen den Bildausschnitt erweitern und den Busen mit einbeziehen. Es sind tiefere Ursachen, vielleicht auch aus unserer Herkunft aus der Steppe. Wir müssen den Busen mit in unser Sehen einbeziehen. Ist der zu sehen, dann können wir der Person in die Augen schauen. Ist er nicht zu sehen, verwenden wir Energie, um ihn zu ermitteln. Es ist viel tiefer als der ständig unterstellte Sexismus. Vielleicht sehe ich hier einen Anfang, eine Rückbesinnung auf die Freiheit – wie sie bei Naturvölkern in Afrika oder bei Paul Gauguins Südseebildern war. Am nächsten Morgen erzähle ich bei Kaffee Isa von meinen Gedanken. „Da hast Du einen wichtigen Punkt übersehen“, ergänzt sie, „der Busen ist das Erste, was wir nach der Geburt wahrnehmen. Beim Stillen bekommt der Säugling Geborgenheit, Wärme, es riecht gut und er wird satt. Das Bild prägt sich tief ein“, und nach einem Schluck Kaffee:
„Hier gibt es ein Telefon. Ich werde mal meine Eltern anrufen.“ Ich gehe mit Mira noch mal die Runde entlang des ‚Trails‘. Hier gefällt es mir, ich würde gerne bleiben. Die Unbeschwertheit, mit der hier die Prüderie abgeschafft wurde, wie sie ihre Latzhosen tragen, egal ob da mal rechts oder nach links ein nackter Busen hervorschaut, das könnte der Anfang sein, es besser zu machen, den unterschwelligen Krieg zwischen den Geschlechtern zu beenden. Die Art, wie sie auch miteinander zärtlich sind, ist so ganz anders – ich kann nicht sagen, wieso, aber es wirkt harmonischer. Isa kommt zurück mit einem Zettel in der Hand:
„Bei meinen Eltern alles gut. Sie haben sich gewundert, wie weit wir schon sind, sogar bis kurz vor Vancouver. Meine Mutter hat mir eine Adresse von Freunden mitgegeben. Ein Ehepaar aus dem Elsaß: Chantal und Raymond. Sie haben ein Haus auf Vancouver Island in der Nähe von Viktoria. Da habe ich auch gleich angerufen, wir sind herzlich willkommen.“ Schwenkt den Zettel und nimmt sich einen Kaffee und redet weiter:
„Der Blonde, der uns in seinem Bulli mitgenommen hat, fährt morgen nach Vancouver zur Uni. Wir können gerne bleiben und mit ihm mitfahren.“ Das finde ich gut, wir können bleiben. Da nehme ich mir ein Handtuch und setze mich mit Mira an den Pool. Irgendjemand spielt auf seiner Gitarre. Es ist ganz ein wenig wie bei Woodstock, rede ich mir ein, schließe die Augen, halte mein Gesicht in die Sonne und träume mich ins Gedränge des Konzerts hinein. Mein Kopf will keine Ruhe geben. Auch wenn eine neue Zeit kommt. Bei all den Problemen bleibt ja doch das ständige Mißverständnis um Sehen und gesehen werden, um das immerwährende Suchen. Das Gockel-Gen ist in den Männern. Die darin enthaltene Funktion ist durch gesellschaftlichen Rollentausch jetzt bei den Frauen aktiv. Schaue ich auf andere Säugetiere und deren Balzgehabe, dann herrscht da ständig Gewalt. Das haben wir auch in uns, unser oft romantisch genannter ethischer Zuckerguß wird ständig durchbrochen. Unsere Balz- und Brunftzeit ist ja nicht nur zeitlich begrenzt, sondern ganzjährig, immerwährend. Frauen, die sich einerseits schmücken und andererseits das ständige, oft übergriffige Werben als Gewalt empfinden, und unendlich oft ist es Gewalt. Daher ist es nur logisch, wenn Personen wie die schwarze Alice es als Kampf darstellen, der aber den Konflikt nicht löst, sondern nur verstärkt, weil er die Ursachen nicht angeht, sondern nur die Symptome. Vielleicht ist das Leben hier eine Anregung. Sie lassen all diese überkandidelten Dinge weg, wie eine affektierte Selbstdarstellung mit Kleidung, Auto, Schmuck und Schminke. Sie wollen einfach Mensch sein und beobachten, was passiert. Ist das der Geist von Woodstock? Der Gitarrenspieler verstummt. Alle richten plötzlich ihre Aufmerksamkeit auf etwas hinter mir. Ich schaue mich um – Musik in meinem Kopf? – wie eine Zeitlupe, im Rhythmus eines langsamen Walzers. Hinter mir kommt Isa aufrecht, ruhig, lächelnd, sie schreitet in diesem Rhythmus, nur mit ihrer Bikinihose bekleidet, auf uns zu. Es hat Magisches, als sie aus dem Schatten in die Sonne kommt. Es ist ihre Schönheit, ihre Grazie, die wie eine leuchtende universelle Schönheit strahlt. Alle müssen aufschauen, müssen hinschauen und sind gebannt. Als sie sich neben mich setzt, verstehe ich: Alle meine Gedanken darüber sind oberflächlich. Alle Gedanken führen zu nichts, gehen auf Null. Das Wesen der Schönheit kann man nicht erklären. Vielleicht ist Schönheit auch so eine Energie wie die Musik?
Nach einer Weile setzt sich ein junges Mädchen neben Isa. Sie streicht ihr mit der Hand an der Schulter, als ob sie prüfen wolle, ob das auch echt sei:
„Du bist sehr schön“, dabei zeigt sie auf Isas zarten, festen Busen. Ich hatte ganz kurz den Eindruck, sie wolle Isa mehr als nur an der Schulter berühren. Dann zog sie sich aber zurück, nicht ohne noch einmal über die Schulter zu streicheln.
„Schönheit ist Magie“, sage ich zu Isa und gebe ihr einen Kuß. Aber Isa reagiert nicht, sie ist in sich versunken.
Es ist wieder ein gemeinsames Abendessen, dann Lagerfeuer. Ich bleibe etwas am Rande für mich, Es strengt an, immer Englisch zu reden. Vieles verstehe ich nicht, obwohl ich es eigentlich verstehen müßte. Nuscheln, Dialekte, Slang und wenn sie wieder nur mit dem Kehlkopf artikulieren – ich setze mich abseits und schaue ins Feuer. Isa hat sich zu dem Blonden gesetzt, der uns auf dem Highway mitgenommen hatte. An Isas heftigen Gesten sehe ich, es muß ein für sie wichtiges Thema sein. Da setzt sich das junge Mädchen, das sich nachmittags neben Isa gesetzt hatte, neben mich und berührt auch mich streichelnd mit der Hand an der Schulter. Ob das vielleicht gar keine besondere, sondern für sie eine normale Berührung ist, wie bei uns ein Handschlag?
„Wo kommt Ihr her?“, beginnt sie die Unterhaltung.
„Wir sind Studenten aus Europa, Deutschland.“
„Das habe ich mir fast gedacht“, antwortet sie, „solche komischen Hunde gibt es nur dort“, und nach einer Pause fragt sie mich:
„Wie gefällt es Dir hier in unserem Camp?“
„Ja, sehr gut. Ich denke, die Hippiebewegung wird das Leben vollständig umkrempeln. Vielleicht so etwas wie die Renaissance, die in Florenz begann.“
„Ja“, antwortet sie, „es sind viele kleine Bausteine, aus denen sich eine neue Welt zusammensetzt.“ Ich überlege, was ich ihr darauf erwidern kann. Vielleicht indem ich ihr erkläre, wir wollen das „Jetzt“ analysieren, um herauszubekommen, wie Mitläufer daran beteiligt sind, die Veränderung zum Guten zu behindern und zusätzlich die Veränderungen zum Schlechten nicht zu verhindern. Aber ich finde immer noch keine englischen Worte für Mitläufer, die auch den negativen, feigen Aspekt des Charakters eines Mitläufers anzeigen. Ich lege meine Hand auch so auf ihre Schulter und sage:
„Wir inszenieren nach den Semesterferien ein Theaterstück, indem wir darstellen wollen, wie Menschen, die nicht helfen, das Böse mit verursachen. Die Zuschauer sollen sich erkennen und geläutert werden.“ Indem ich das ausspreche, wird mir urplötzlich klar: Das geht nicht, weil niemand sich selbst als einen feigen, charakterlosen Mitläufer ansieht. In diesem Moment kommt Isa und setzt sich zu uns. Ich bin dankbar, das Gespräch abgeben zu können, und gehe mit Mira eine Abendrunde den ‚Trail‘ entlang.
Am nächsten Morgen kommt schon sehr früh der Blonde an unser Zelt:
„Ich fahre in einer Stunde ab“, teilt er uns mit. Also Kaffee und packen und eine schnelle Runde mit Mira. Dann sitzen wir zusammen wieder in dem bunten VW-Bulli. Isa sitzt vorne, ich habe mich mit Mira nach hinten gesetzt. Die beiden sind wie gestern wieder in ein intensives Gespräch vertieft. Ich verstehe wieder nur ein paar Satzbrocken, es geht um Franz Kafka. Der Highway wird mit jedem größeren Ort, an dem wir vorbei kommen, um eine Spur breiter. Als wir auf die Wolkenkratzersilhouette zufahren, sind wir bereits auf einer sechsspurigen Autobahn.
„Ich habe noch ein Zimmer bei meinen Eltern, dort stelle ich auch den Bulli ab. Ich fahre mit der Bahn zur Uni. Am besten lasse ich Euch in einem der alten Viertel heraus. Da findet Ihr bestimmt einen Platz fürs Zelt.“, sagt uns der Blonde. Wir steigen an einem kleinen Park aus. Es ist weit außerhalb des Wolkenkratzer-Stadtzentrums. Ein paar Wohnhäuser, viele Balkone, alles etwa 6 bis 8 Stockwerke hoch. Viel Grün. Ein Reiterdenkmal mit Hund. Der Reiter trägt eine Bibermütze und sein großer Hund schaut zu ihm auf. Wir bedanken uns herzlich und schultern die Rucksäcke. Da Isas Rucksack viel zu schwer für sie ist, nehme ich ihn immer mit vorne auf meinen Bauch und habe so auch ein Gegengewicht zu meinem Rucksack. Wir sind schon ein komisches Paar, denke ich. Was denken wohl die Menschen, wenn wir so unterwegs sind, mit diesem komischen kleinen Hund und seinen kurzen krummen Beinen? Schräg gegenüber sehe ich ein Café. „Mozart Café“ steht in geschwungener Schrift über dem großen Schaufenster. Einige kleine Stühle und Tischchen stehen davor. Es ist leer.
„Laß uns einen Kaffee trinken“, sage ich zu Isa. „Wir müssen uns orientieren, wie wir weiterkommen.“ Ich stelle beide Rucksäcke neben einen der Tische und gehe ins Café hinein. Der Innenraum hat eine kleine Ecke mit drei verschnörkelten Tischen. An der Stirnseite ein quer durch den ganzen Raum gehender gläserner Tresen. Hinter ihm steht die Verkäuferin, eine ältere Dame wieder, wie in Banff die beiden älteren Damen, mit so einer unmäßig hochtoupierten blonden Frisur. Sie schaut mich fragend an, ich sage:
„Hello.“ Dann sehe ich an der Wand ein breites, sehr großes Photo. Es zeigt ein Café mit Terrasse und einer halb herausgekurbelten Marquise. Irgendwie kommt es mir bekannt vor. Ich gehe darauf zu, um es mir genauer anzuschauen, dann erkenne ich es wieder. Es ist ein älteres Photo vom Hotel Sacher in Wien.
„Da war ich vor ein paar Wochen!“, rutschte es mir auf Deutsch heraus, und ich zeigte mit dem Finger auf das Bild. Die Verkäuferin lächelt, als ob sie mich verstanden hätte. Irgendwie bin ich verwirrt. Ich gehe auf den Tresen zu und schaue mir die verschiedenen Kuchen und Torten an. Ganz am Rand sehe ich einen Kuchen mit einer Decke aus dichten Sträuseln. Ich zeige darauf und obwohl ich weiß, es ist kein Bienenstich, sage ich, weil mir einfach kein anderes Wort einfällt und weil ich das Gefühl habe, sie versteht mich, wieder auf Deutsch:
„Bitte von dem Bienenstich zwei Stück und zwei Tassen Kaffee.“ Ihr Lächeln wird freundlicher, sie strahlt regelrecht und antwortet mir auch auf Deutsch mit deutlich wienerischem Einschlag:
„Das ist kein Bienenstich, das ist Zwetschgenkuchen mit Streuseln.“ Sie nimmt zwei Teller und legt je ein Stück Zwetschgenkuchen drauf, schaut mich fragend an:
„Mit Schlagobers?“
„Ja bitte“, sage ich. „Darf ich das mit hinausnehmen?“, frage ich sie.
„Aber kommt doch herein, da können wir uns unterhalten.“ Ich zeige auf Mira:
„Aber wir haben einen Hund.“ Sie winkt Isa zu, hereinzukommen, und sagt:
„Hunde sind verboten, aber für Zamperl gilt das nicht.“ Sie nimmt die Teller und stellt sie auf einen Tisch nahe am Tresen. Dann geht sie zu der großen, chromblitzenden Kaffeemaschine und macht uns zwei Kaffee.
„Richtiger Kaffee!“, entfährt es mir freudig.
„Ja, das sind wir unserem Namen als Wiener Café schuldig.“, antwortet sie mir. Ich helfe Isa mit den Rucksäcken, wir setzen uns an den Tisch, die Kellnerin bringt uns den Kaffee und bleibt bei uns am Tisch stehen.
„Wo kommt Ihr her?“
„Wir sind in Toronto gestartet und wollen einmal quer durch Kanada.“
„Nein, nein, das sehe ich. Woher in Deutschland kommt Ihr?“
„Wir sind Studenten aus Erlangen.“, antworten wir fast gleichzeitig. „Wollt Ihr hoch bis Alaska?“
„Nein“, antworte ich, „wir haben eine Adresse auf Vancouver Island bei Bekannten und das ist der Endpunkt, dann trampen wir zurück. Semesterferien sind auch nicht ewig.“ Isa genießt ihren Kaffee und fragt zwischen zwei Schlucken:
„Kannst Du uns sagen, wo wir hier unser Zelt aufschlagen können?“
„Hier, in der Stadt, das ist schlecht. Aber es ist günstig, um zur Fähre zu kommen. Dort drüben geht der Bus zum Hafen, dort weiter mit der Fähre auf die Insel. Da gibt es gleich viele günstige Plätze zum Campen“, antwortet sie Isa. Wir unterhalten uns noch eine Weile über die Stadt, die Uni und wo sie herkommt. Aus Wien ist sie dann mit einem GI in die USA, nach der Scheidung allein weiter nach Kanada und lebt jetzt hier. Als ich bezahlen will, lädt sie uns ein und wünscht uns gutes Weiterkommen. Gegenüber an der Bushaltestelle sage ich zu Isa:
„Die Kellnerin hatte etwas Mütterliches.“ Isa antwortet:
„Ich denke, es ist Heimweh!“
„Wollen wir uns die Stadt ansehen, zur Uni oder zu irgendwelchen Sehenswürdigkeiten?“, frage ich. Wir schauen uns an, schauen zu Mira, die uns anwedelt, und entscheiden wortlos, indem wir auf die Abfahrtszeiten des Busses schauen: Wir wollen weiter, raus aus der Stadt.
Wir nehmen den nächsten Bus. Im Bus bezahlen wir zusammen zwei Dollar. Mira ist wieder unter meiner Jacke. Der Bus fährt am Zentrum entlang zum Hafen. Amerikanische Städte sind einfach deshalb ganz anders, weil im Gegensatz zu europäischen im Zentrum die neuen Gebäude und in Europa im Zentrum die Altstädte sind. Am Hafen finden wir die Fähre und eine Telefonzelle. Wir rufen auf der Insel an. Das Elsäßisch ist gut zu verstehen. Die grammatikalischen Endungen und manche Satzstellung sind anders. Es klingt sympathisch. Wir sollen sagen, wann die Fähre ankommt. Sie holen uns ab, weil es zu schwierig sei, zu ihnen zu kommen.
„Ich denke“, sage ich zu Isa, „Deine Eltern haben uns angekündigt und gesagt, die Kinder kommen. Nun sind wir in deren Augen Kinder, die behütet werden, und das tut man unter Freunden so.“
„Damit hast Du bestimmt recht“, antwortet Isa. Am Fährschalter kaufe ich Fahrkarten zur Insel.
„Wir haben zusammen mit dem Busticket unser Tagesbudget ausgegeben“, sage ich zu Isa, „und wir liegen aber gut in der Planung, nur etwas über die Hälfte ist weg.“
„Wenn es alle ist“, antwortet Isa, „können wir uns Geld an die nächstgelegene Post senden lassen. Western Union heißen die Büros.“ Sie lächelt dabei das Lächeln: „Mach dir keine Sorgen“ … Ich mache mir keine, habe trotzdem ein ‚aber‘ auf der Zunge – schlucke es herunter. Die Fähre ist wieder eine kleine. Nur acht Autos können mit. Wir sind auch nicht nach Victoria unterwegs, sondern nur direkt gegenüber nach Nanaimo. Wir können auf das Oberdeck und dort bei den Bänken auf das Ablegen warten. Die frische Salzluft des Pazifiks, die Atmosphäre auf dem Schiff, der Hafen und Isa neben mir lassen mich tief und glücklich durchatmen. Thor Heyerdahl, will ich gerade sagen, habe plötzlich einen Kloß im Hals. Wollte sagen: „Der ist von diesem Meer aus, unten in Peru, aufgebrochen in die Südsee.“ Ich sage nichts, lege fest meinen Arm um Isa. Sitzen, genießen und einfach ruhig atmen. Dabei erinnere ich mich: Die Abenteuer mit der Kon-Tiki, das war eine meiner Startrampen, wenn ich nachts aus der Zelle ausgebrochen bin. Ich schloß meine Augen und stieg mit ein auf das Papyrusfloß. Dann war ich unterwegs mit der Mannschaft. Oft gelang es mir, bis zum lautstarken Riegelklappen an der Zellentür, wenn das Frühstück kam, mit Thor auf der Kon-Tiki mitzusegeln.
„Was schaust Du so abwesend?“, fragt Isa. Ich räuspere mich, meine Stimme ist wieder da:
„Ich muß unbedingt in diesem Meer schwimmen“, antworte ich ihr.
„Warum mußt Du?“
„Ach, weil ein guter Freund aus dem Knast …“, ich hole wieder tief Luft, „… ich war mit ihm ein paar Mal segeln. Da habe ich mir das vorgenommen.“ Isa schaut mich skeptisch, schief von der Seite an, sagt aber nichts mehr dazu.
Endlich regt sich etwas. Es fahren noch zwei PKWs auf die Fähre, dann legen wir ab. Etwa eine Stunde dauert die Überfahrt. Auf der anderen Seite werden wir schon erwartet. Chantal und Raymond winken uns von weitem zu. Sie stehen neben einem dieser riesengroßen amerikanischen Kombis. Er hat rundherum alles im Holzdesign. Chantal und Raymond sind ein älteres Ehepaar. Beide haben schon graue Haare. Sie tragen die gleichen Latzhosen wie die jungen Leute in den Bergen, nur trägt er ein Holzfällerhemd und sie eine feine weiße Bluse darunter. In dem Kombi wirken unsere großen Rucksäcke klein. Alles hier hat eben andere Dimensionen. Wir fahren eine halbe Stunde auf der Landstraße 19. Straßenschilder weisen uns auf einen Delphinstrand hin. Die Landschaft wirkt mild und friedlich. Sie strahlt Ruhe aus. Dann kommen wir zu einem kleinen Ort. Weit hinten sehe ich wieder das Meer. Wir fahren durch eine Waldschneise und stehen dann vor ihrem Haus. Ein L-förmiger Bungalow. Eine große Schiebetür verbindet eine breite Terrasse mit dem Wohnzimmer. Auf der Terrasse stehen Gartenmöbel. Es sind aber nicht die in Kanada oft verwendeten, aus rohen Brettern und Balken gezimmerten Tisch-Sitzbank-Kombinationen, sondern Rattansessel, ein Rattantisch mit Glasplatte und auf der Wiese eine bunte Hollywoodschaukel. Mira saust im Zickzack durch den Garten. Raymond, der meinen erstaunten Blick beim Anblick der Rattanmöbel gesehen hat, sagt:
„Die haben wir von daheim mitgebracht.“ Isa hat sich in einen der Sessel gesetzt, Chantal ist ins Haus gegangen und ich mache mit Raymond einen Rundgang durch den sehr großen Garten. Der Garten ist umgeben von Kiefernbäumen und zwei weit ausladenden Ahornbäumen. An einer Seite des Gartens sind Sträucher. Ich vermute mal, es sind Stachel- und Johannisbeeren, weil noch ein paar Beeren dran geblieben sind. Bei einer schattigen, moosigen Stelle unter dem Ahornbaum zeigt Raymond auf eine ebene Stelle und sagt:
„Hier könnt Ihr für drei Tage euer Zelt aufschlagen.“ Auf der Terrasse sehe ich Chantal mit einem großen Blech in der Hand aus dem Haus herauskommen. Sie hat Raymonds Satz gehört und weil das mit den drei Tagen etwas unhöflich klang, ergänzt sie:
„Wir fahren in drei Tagen zu Freunden in die Stadt nach Victoria.“ Auf dem Blech hat sie einen bereits in Stücke zurechtgeschnittenen Flammkuchen. Sehr lecker, er ist über und über mit kleinen Schinkenstücken belegt, dazwischen einige Zwiebelringe und alles mit einer dicken Soße aus Schmand gebacken. Chantal drückt uns eine Papierserviette in die Hand und gibt uns jedem ein Stück des Flammkuchens darauf. Mit:
„Flàmmeküeche, a Güeter!“, wünscht sie uns auf elsäßisch einen guten Appetit.
Manchmal bin ich ganz unsicher, ob wirklich alle Zufälle auch Zufälle sind. Als ich hinter Chantal zur Küche gehe, um zu fragen, ob ich etwas helfen könne, sehe ich neben ihrem Plattenspieler die mir bekannte Plattenhülle von „Figaros Hochzeit“ in der Einspielung der Staatskapelle Dresden unter Ottmar Suitner liegen. Auf der Hülle groß das Portrait von Anneliese Rothenberger und Hermann Prey. Ach, wie sehr habe ich es geliebt und kann auch heute noch alles mitsingen. Ottmar Suitner hatte an einigen Stellen das ‚da Ponte-Libretto‘ anders übersetzt. Es hieß deshalb auch das ostdeutsche Libretto. Das war in Weimar oft Gegenstand der Unterhaltung, wenn es um Mozarts Opern ging. Chantal schickt mich gleich zurück auf die Terrasse. Sie bereite einen Lachs zu und ich könne nicht helfen. Sie gibt mir Teller mit, die ich im Wohnzimmer auf den Tisch stellen soll. Ich setze mich wieder zu Isa und Raymond. Er berichtet aus ihrem Leben in Colmar. Seine Eltern und Großeltern seien deutschstämmige Elsäßer und Chantals französische Elsäßer. Es gab in den Nachkriegsjahren viele Anfeindungen im Ort, weil in der Familie deutsch gesprochen wurde. Chantal, jetzt nicht mehr in einer Latzhose, sondern in einem halblangen Rock, darüber eine hellbeige Bluse, und als sie an mir vorbeikommt, rieche ich: Sie hat sich sogar parfümiert, mit einem frischen, angenehm blumigen Parfüm. Sie kommt zu uns und ergänzt:
„Das hat sich später gelegt.“ Raymond fährt fort:
„Ich war Lehrer für Geschichte und Biologie am Lycée technique und habe meinen Schülern die elsäßische Geschichte unter dem Aspekt der ständig wechselnden Sprache beigebracht.“
„Du hast gelitten, weil sie Dich hinter Deinem Rücken als zum Feind gehörend gesehen haben“, unterbricht Chantal ihren Mann.
„Naja“, antwortet er, „ganz so schlimm war es nun auch wieder nicht, aber einer der Gründe, warum wir ausgewandert sind.“
„Darf ich bitten, das Essen ist fertig!“, fordert uns Chantal auf, ins Wohnzimmer zu kommen. Der Tisch ist festlich gedeckt. Mira darf nicht mit in die Wohnung. Ich lege ihr den Reisepullover an die Terrassentür, stelle ihren Wassernapf daneben und befehle ihr: „Sitz!“. Was sie auch macht, aber unter leisen, fiepsenden Protest. Dabei schaut sie uns von unten mit ihrem leidenden Dackelblick zum Herz-Erweichen an. Chantal hat sich eine Schürze umgebunden und bringt auf einer großen länglichen Schale einen fast 40 cm langen Lachs herein. Er ist noch in einem Stück und sie hat ihn mit Kräutern und Zitrone garniert. Raymond, neben ihr, trägt eine Schüssel Reis in der einen und in der anderen Hand eine Sauciere, in der eine cremige Sahnesauce zu sehen ist. Es ist mir unangenehm, mit solch einer Herzlichkeit und so einem Festessen bewirtet zu werden. Raymond bemerkt meine Unsicherheit und bittet uns doch, uns zu setzen. „Wir waren ein langes Wochenende bei euren Eltern auf der Insel zu Gast und freuen uns, uns an den Kindern revanchieren zu können!“ Damit öffnet er eine Flasche Weißwein und schenkt den Frauen ein. Für sich und für mich hat er eine Büchse Bier hingestellt. Chantal filetiert den Lachs und erklärt:
„Der stammt hier aus der Gegend, aus dem Salmon River im Norden der Insel. Wir bekommen den vom Nachbarn, wenn er vom Angeln zurückkommt.“ Mir fehlen die Worte, es schmeckt so überirdisch gut, so etwas habe ich noch nie gegessen. Unser Gespräch bei Tisch dreht sich um Uni und Theater. Isa erzählt von ‚Kirschgarten‘ und ‚Drei Schwestern‘ und erwähnt, dabei blickt sie mich an und sagt:
„Wir wollen ‚Andorra‘ inszenieren, weil wir auf feige Gesellschaftsgruppen, mangelnde Zivilcourage und die ewigen Mitläufer aufmerksam machen wollen.“ Besonders Raymond hört intensiv zu. Nach dem Hauptgang helfe ich beim Tisch abräumen. Chantal macht in einer kleinen Schale etwas Lachs mit Reis zurecht und drückt es mir in die Hand:
„Für Mira!“ Ich bringe es zur Terrasse und stelle es Mira hin. Sie schmatzt regelrecht vor Wonne, es ist sichtbar, es ist ihr ein Leckerbissen. Dann kann sie nicht davon lassen, die leere Schale immer und immer wieder auszulecken. Chantal beobachtet das und nimmt Mira die Schale weg und gibt ihr eine weitere gute Portion. Das Dackelglück ist vollständig, als Chantal Mira doch gestattet, zu uns herein zu kommen. Sie bekommt ihren Platz neben meinem Stuhl. Als Nachspeise serviert Chantal in kleinen Porzellanschälchen, tassenähnlichen, nur ohne Henkel, einen Vanillepudding mit obendrauf einer gebrannten Karamelschicht. Chantal verbietet uns ausdrücklich, ihr bei der Küchenarbeit zu helfen. Wir setzen uns mit Raymond auf die Sesselgarnitur. Miras Pullover wandert mit zu uns. Auf die Frage, was wir denn gerne für Musik hören möchten, antworte ich spontan:
„Le Nozze di Figaro“, weil ich an die Plattenhülle gedacht habe. Es könnte als Angeberei empfunden werden, weil ich den italienischen Originaltitel gesagt habe, ist mir nicht bewußt. Das war der mir gewohnte gute Ton aus Weimar. Raymond schaut mich erstaunt an und ich zeige in Richtung des Plattenspielers:
„Dort liegt die wunderbare Einspielung aus Dresden!“
„Aber gerne“, antwortet Raymond und geht zum Plattenspieler, um die Platte aufzulegen. Mir liegt auf der Zunge, ihm die Hintergründe der verschiedenen Libretto-Übersetzungen zu sagen. Aber ich denke an Raymonds erstaunten Blick, als ich den italienischen Titel nannte, und will nicht erneut mit Wissen aufschneiden. Während der Ouvertüre fühle ich kurz die Eisenringe um meine Brust, ich sehe Weimar, bin am Anfang meiner Armeezeit, spüre Ohnmacht und meine Verzweiflung, nicht zu ihr zu können, weil sie in Erfurt ins Bezirkskrankenhaus eingeliefert wurde.
Nach einer Weile kommt Chantal aus der Küche, setzt sich nur kurz zu uns und möchte ins Bett. Wir verabschieden uns umgehend, ich baue das Zelt auf dem von Raymond empfohlenen Platz auf und gehe mit Mira noch eine kleine Runde hinaus. Aber im Dunklen komme ich nicht weit und als ich zurückkomme, liegt Isa bereits im Schlafsack. Ich suche meine Zahnbürste, gehe ins Bad und krieche auch mit in den Schlafsack. Das Zelt lassen wir einen Spalt offen. Es ist eine besonders friedliche, ruhige Stimmung. Im Einschlafen geht mir durch den Kopf: Wieso steigt oft in den schönsten Momenten im Hinterkopf etwas Bitteres auf – warum?
Zum Frühstück erwartet uns auf der Terrasse Kaffee mit Croissant und Raymond mit der Frage, was wir denn gerne heute unternehmen würden. Isa würde gerne mit Chantal nach Nanaimo fahren, bummeln gehen, und ich sage zu Raymond:
„Ich möchte an den Strand, im Meer schwimmen.“
„OK“, sagt Raymond, nimmt das Geschirr, stellt es auf ein Tablett und geht damit hinein. Dabei schaut er zu mir und fordert mich auf:
„Dann mach Dich fertig zum Schwimmen!“ Nach etwa 10 Minuten kommt er wieder heraus. Er hatte zum Frühstück einen abgewetzten graubraunen Morgenmantel an. Nun kommt er in einem hellbeigen Cordanzug, trägt in der Hand einen bunten Beutel, aus dem eine Decke herausschaut, wieder auf die Terrasse heraus. Mehr typischer Gymnasiallehrer geht nicht, denke ich. Wir gehen unten im Garten durch eine kleine Pforte auf einem Trampelpfad, auf dem man nur hintereinander gehen kann, Richtung Meer. Mira rennt immer ein paar Meter voraus, bleibt dann stehen, schaut sich nach uns um, um dann wieder weiterzurennen. Zwischen einer Kiefernschonung tut sich eine weite sandige Bucht auf. Etwas am Rande steht eine Bank. Dahin setzen wir uns. Raymond, der schweigend vor mir hergegangen war, sagt plötzlich mit ruhiger, fast getragener Stimme:
„Wenn man an einem Ort, einer Landschaft Schlimmes und Unrecht erfahren hat, dann wird einem dieser Ort vergällt, obwohl er doch nichts dafür kann.“ Ich überlege, was er damit meinen könnte, ziehe mich aus und sprinte über den Sand mit einem Hechtsprung ins Meer. Pazifik, kalt, nur flache kurze Wellen – ach ja, wir sind an der Binnenseite der Insel. Ich schwimme los, das Gefühl für die Kälte läßt nach. Es wird angenehm, ein Hochgefühl erfaßt mich. Ich drehe mich auf den Rücken und lasse mich treiben. Am Ufer steht Mira und traut sich wegen der Wellen nicht ins Wasser. Sie läuft hinein und wenn dann eine Welle kommt, springt sie zurück. Raymond sitzt auf der Bank und winkt mir zu. Ich schließe die Augen. Die Sonne erzeugt auf meinem Gesicht ein wohliges Glücksgefühl. Wie schön das Leben ist!!! Ich danke Thor Heyerdahl für die Energie, die er mir durch sein Buch gegeben hat.
Als ich wieder aus dem Wasser zur Bank komme, hält Raymond mir ein Handtuch entgegen. Als ich wieder angezogen bin, fordert er mich auf:
„Komm, laß uns eine Runde laufen. Hier gibt es am Ufer entlang einen schönen Wanderweg.“ Während wir nun nebeneinander gehen können, Mira um uns herumtollt, mal voraus, mal einem Eichhörnchen hinterher, aber immer in unserer Nähe, kommen wir in ein ernsteres Gespräch. Ich spüre das schon am Tonfall, als Raymond mich fragt:
„Woher kanntest Du diese Version von ‚Figaros Hochzeit‘?“ Darüber habe ich noch nicht mit anderen gesprochen, nur Andeutungen, und das soll so bleiben.
„Ich war mal bei einer Musikerfamilie in Weimar …“ atmen „… lange zu Gast.“ fange ich an und dann in Gedanken zu mir selbst „Gudrun!“ und weiter zu Raymond:
„Sie war eine Künstlerin, malte Kollagen und war Opernregisseurin. Ich habe miterlebt, mitgearbeitet, wie sie die ‚Hochzeit des Figaro‘ für eine Aufführung am Nationaltheater Weimar vorbereitete“, und dann kam meine Armeezeit und sie in das Bezirkskrankenhaus … aber das spreche ich nicht aus.
„Was ist passiert?“, fragt Raymond, der sieht, wie es mir schwerfällt, zu reden. „Warum wolltest Du unbedingt im Pazifik schwimmen gehen?“ Wie soll ich ihm das erklären? Ich war im Gefängnis, bin aber kein Krimineller?
„Ich bin auf der Innenseite des Eisernen Vorhangs aufgewachsen“, fange ich an, „und mußte erst durchs Gefängnis, um auf die andere Seite zu kommen“, sage ich ganz schnell und bin froh, passende Worte gefunden zu haben, und überlege, ob ich von meinen Fluchten auf der Kon-Tiki erzählen soll. Aber Raymond sagt:
„Aha“, schaut mich dabei an, „deswegen Deine intensive Beschäftigung mit Freiheit, Mitläufern und Opportunisten.“ Wir laufen eine Weile schweigend am Ufer entlang. Plötzlich legt mir Raymond die Hand auf die Schulter und fragt:
„Wie hast Du die Freiheit empfunden?“
„Es war für mich wie ein ständiger Rausch“, antworte ich ihm, „jeden Morgen war ich beim Aufwachen froh, ohne es genau artikulieren zu können.“
„Hat Dich etwas in der neuen Umgebung gestört?“, fragt er mich weiter. Ich muß eine Weile nachdenken, doch dann fällt mir ein, wie ich mich über eine Unterstellung geärgert habe:
„Die Westdeutschen“, erkläre ich Raymond, „haben immer gesagt: ‚Im Westen ist auch nicht alles Gold, was glänzt‘, weil es den Spruch vom ‚Goldenen Westen‘ gab. Aber das hat mich beleidigt. Ich war doch nicht durchs Gefängnis gegangen, um in den ‚Goldenen Westen‘ zu kommen, sondern um aus dem SED-Regime wegzukommen.“ Wir laufen schweigend und ganz langsam: „Das haben die einfach nicht verstanden“, füge ich hinzu. Raymond bleibt stehen und wendet sich mir zu:
„Das ist völlig logisch. Dir in Deiner Welt hinter dem Stacheldraht war Freiheit, den Stacheldraht zu überwinden. Im Westen, jenseits des Stacheldrahts, den die Westdeutschen ja auch nicht als Grenze, sondern nur als ärgerliches Hindernis auf dem Weg nach Berlin wahrgenommen haben, war Freiheit vom Geld bestimmt. Mit Geld konnte man sich was leisten, konnte Freiheit kaufen. Die Westdeutschen haben Unfreiheit so direkt nicht kennengelernt, deshalb haben sie auch nicht so intensiv über die Facetten von Freiheit nachgedacht. Und sie haben es mit Dir gut gemeint und wollten Dir einen Ratschlag geben mit dem Hinweis: „In Westdeutschland ist auch nicht alles gut.“ So hattet ihr einfach verschiedene Ansichten darüber, was Freiheit ist.“ Plötzlich lacht er laut auf und sagt:
„Einmal Lehrer, immer Lehrer. Das ist so mit dem Unterrichten, man hört nie damit auf. Es gibt nicht nur die äußere Freiheit, auch eine innere.“
„Ja, ich weiß“, antworte ich, „ich hatte in der langen Einzelhaft eine heftige Erkenntnis. Aus dem mich umgebenden Dreck eine Katharsis und erwachte mitten in der Nacht, spürte bzw. wußte, die Freiheit ist in mir. Und weil ich das jetzt weiß, bin ich freier als der Wächter vor der Zellentür.“ Raymond schaut mich ungläubig an und sagt:
„So wie Du das beschreibst, ist Dir diese Erkenntnis gekommen, wie eine Erleuchtung.“ Ich antworte ihm:
„Sie hat mir viel Kraft gegeben, weil ich mich tatsächlich frei gefühlt habe, denn ich bin doch ich, egal ob in halbdunkler Einzelhaft oder am Strand des Pazifiks.“ Raymond hält mich wieder am Arm und spricht weiter:
„Ich meine noch einen weiteren Aspekt von Freiheit. Ich glaube, im Deutschen gibt es den Ausdruck dafür: ‚innerer Schweinehund‘. Wieviel Freiheit kannst Du Dir selbst erkämpfen, indem Du gegen Dich angehst? Mut, Überwindung, Fleiß und Ausdauer sind Eigenschaften, mit denen Du Freiheit durch Dich selbst erlangst. Das habe ich versucht zu lehren.“ Typisch pädagogischer Gymnasiallehrer, denke ich.
„Wir verstehen Schwerkraft“, doziert Raymond weiter, „im Allgemeinen als Erdanziehung. Aber erweitern wir das und sprechen von Gravitation, dann bekommt die Schwerkraft eine andere Genauigkeit. So ist es mit der Freiheit. Wenn Du das Wort „Freiheit“ durch das Wort „Macht“ ersetzt, dann erkennst Du die Probleme besser. Es wird deutlicher. Du hast die Freiheit, ein Land zu verlassen, also hast Du soviel Macht, es zu tun. Du hast Freiheiten, etwas zu tun, ergo hast du auch die Macht dazu. „Wieviel Macht hat man dir gelassen? So würde es von der anderen Seite aussehen.“
Das ergibt für mich Sinn. Darüber werde ich in Ruhe nachdenken. Zu Raymond sage ich:
„Freiheit ist manchmal ein Gefühl und Macht ist etwas Konkretes – aber ich werde darüber nachdenken.“
Wir sind an einem schönen flachen Strand angekommen.
„Ich werde noch mal schwimmen“, sage ich zu Raymond, ziehe mich aus und springe hinein. Im Wasser erinnere ich mich wieder an Thor Heyerdahl und denke: „So wie er leben, das ist Freiheit.“ Dann schwimme ich, bis mir kalt wird. Kant sagt:
„Freiheit ist Mut zum Denken und das ist Aufklärung“, aber wieweit kann ich überhaupt selbständig denken? Mein freier Wille ist nur Illusion, alles an und in mir ist gesteuert durch Systeme, erworben von der Amöbe bis zu mir. Aber diesen Gedanken will ich ruhen lassen und nicht mehr darüber reden. Ich trockne mich ab, ziehe mich an, wir gehen zurück und reden nur noch über das Leben auf Vancouver Island.
Zum Kaffee erwartet uns ein duftender Streuselkuchen und zum Abendessen, wieder draußen auf der Terrasse, Spaghetti mit Gehacktessoße, als Nachtisch noch einmal dieser leckere kleine Vanillepudding mit Karamell oben drauf. Dann ziehen wir uns zurück.
„Morgen sehr früh bringen wir Euch zur Fähre“, sagt Raymond, „damit Ihr einen guten Start bei Eurer Heimfahrt habt.“ Raymond leiht uns eine batteriebetriebene Lampe fürs Zelt, damit wir noch lesen können. Isa erzählt von ihrem Ausflug in die nahegelegene Kleinstadt. Das ist alles sehr ruhig, entspannt, freundlich und immer viel Platz zwischen den Häusern, auf der Straße. Alles einfach gestreckt oder wie gedehnt.
„Ich hatte den Eindruck, die haben eine Siedlung in den Wald gebaut“, schließt sie ihren Bericht ab. Dann nimmt sie eine mitgebrachte Werbebroschüre und blättert darin. Ich rappel mich noch mal auf und gehe mit Mira eine kleine Abendrunde. Dabei geht mir durch den Kopf: Wir Menschen werden als von den Tieren Gesonderte gesehen. Wir unterstellen uns dabei, wir seien gut. Dabei sind wir nur Tiere und gehören in die Rubrik Raubtiere. Laut Kant ist die Vernunft die höchste Instanz. Aber dazu müßten wir ja im Grunde gut sein. Wir sind aber im Grunde Raubtiere. Da kann das mit der Vernunft nur ein frommer Wunsch bleiben. Es gibt „gute Menschen“, aber sie sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Was sagt Gregor Mendel, was wird dominant vererbt? Das Gute oder das Böse? Humanismus ist einfach ein irreführender Begriff, wir meinen damit das Gute. Aber wir sind Raubtiere, deswegen müßte Humanismus unser ‚Menschlichsein‘: Kampf, Raub, Mord bedeuten. Ich krieche zu Isa in den Schlafsack:
„Wie sollen wir Vernunft walten lassen, wenn wir doch Raubtiere sind?“, frage ich Isa. Sie öffnet noch einmal die Augen, lächelt und antwortet mir:
„Aber deswegen machen wir doch Theater. Gute Nacht.“ Als ich die Lampe ausmache, sehe ich Raymond noch auf der Terrasse sitzen. Entfernt höre ich ein Chopin-Nocturne und im Einschlafen denke ich: „Auch das sind wir: Raubtiere, die überirdische Musik komponieren.“
Chantal weckt uns. Es gibt Kaffee und Croissants, ich gehe auf eine kleine Hunderunde und packe das Zelt zusammen. Isa packt die Rucksäcke und wir stellen alles in den riesigen Kombi. Als wir einsteigen, gibt uns Chantal noch eine reichliche Brotzeit mit auf den Weg. Zwei lange, mehrfach belegte Baguettes. Sie drückt mich herzlich und dann besonders Isa, die sie fast nicht mehr loslassen kann. Ich hätte fast Miras Napf auf der Terrasse vergessen. Und dann geht es los. Raymond fährt uns zum Hafen.
Auf der Fähre sind vier Autos. Ich frage bei jedem Auto, ob sie uns ein Stück mitnehmen könnten. Leider nur Absagen, aber den Hinweis, mit welchem Bus wir durch die Stadt zu einem guten Startplatz kommen. Wir finden den Bus, verstecken Mira unter der Jacke und kommen nach einer halben Stunde durch die Stadt in einem der Vororte an einer großen Tankstelle an. Es sieht trostlos aus. Staubig, eine Reihe Trucks steht am Rand nebeneinander. Wieder an der Stirnseite eine kleine Bude mit der Leuchtschrift auf dem Dach: „Diner“. Auf der anderen Seite des Platzes einige PKW und zwei sehr große Camper. Unser Pappschild hatten wir umgedreht und auf die Rückseite ‚EAST‘ in großen fetten Druckbuchstaben draufgeschrieben. Mir fällt mein Trick ein, den ich im Hafen von Volos hatte, und schreibe unter das EAST ‚Truckdriver‘. Wir stehen eine sehr lange Weile an der Ausfahrt, nur wenig Verkehr, und auch Mira bringt kein Auto zum Anhalten. Wir gehen zu der Bude, um einen Kaffee zu trinken. Unsere Rucksäcke stellen wir neben unseren Tisch. Obendrauf liegt die Pappe. Dann kommt die Kellnerin und bringt uns Pappbecher und schenkt Kaffee ein. Vielleicht schmeckt er ja mit Sahne besser? Am Tresen finde ich eine kleine Flasche mit Sahne. Sie steht direkt neben einem LKW-Fahrer. Ich frage ihn:
„Darf ich sie mitnehmen?“, er nickt nur, ohne von seinen Spiegeleiern mit Speck aufzuschauen. Mit Isa überlege ich, was zu tun wäre, wenn wir heute nicht weiterkommen? Sollte ich mal nach einem Platz zum Zelten suchen? Isa möchte in Ruhe den Kaffee trinken und es erst später wieder probieren. Ich nehme mir unsere kleine Mappe mit der aufklappbaren Karte und versuche, zu finden, wo wir gerade sind. Als ich aufschau, sehe ich, wie der Mann vom Tresen aufgestanden ist und auf uns zukommt. Er ist circa Ende vierzig, mittelgroß und hat das typische Aussehen eines langjährigen LKW-Fahrers. Dünne Beine, dünne Arme und unübersehbar eine fortgeschrittene Schwangerschaft. Neben unserem Tisch bleibt er stehen, nimmt die Pappe von den Rucksäcken in die Hand und fragt mich etwas. Da er ein Kehlkopfsprecher ist, verstehe ich leider nichts und schaue fragend Isa an. Sie schaut den Mann an. Dann mich und sagt:
„Er will wissen, ob Du ein Trucker bist?“
„Sag ihm“, antworte ich ihr, „ich habe einen LKW-Führerschein und bin viel gefahren, sogar bis Damaskus.“ Isa wendet sich wieder dem Mann zu, sie reden länger miteinander. Dann, ganz überrascht, legt der Mann mir kurz herzlich die Hand auf die Schulter und geht zum Ausgang. Isa informiert mich:
„Er fährt noch tanken und dann können wir mitfahren. Er sucht keinen zweiten Fahrer, das geht sowieso nicht, weil wir keine Arbeitserlaubnis haben. Er nimmt uns mit aus Solidarität unter LKW-Fahrern.“ Wir trinken aus, zahlen, nehmen die Rucksäcke und Mira und gehen hinaus. Ich sehe ihn neben einem silbernen Mack stehen und tanken. Sein Mack hat auch die hinter dem Fahrerhaus hochgezogenen Auspuffrohre und oben auf dem Dach zwei lange Funkantennen für CB-Funk. Er hilft uns beim Einsteigen, verstaut die Rucksäcke in einem Seitenfach und versucht, Mira zu streicheln, die aber knurrt ihn an. Ich steige zuerst ein, ziehe meine Schuhe aus und krieche nach hinten auf seine Koje. Isa legt Miras Pullover auf den Beifahrersitz, hieft dann Mira darauf und klettert an den drei, in den Kotflügel eingelassenen Stufen hoch. Oben nimmt sie Mira mitsamt dem Pullover auf ihren Schoß. Der Fahrer lacht, wie er uns so sitzen sieht, und schließt die Tür. Er geht herum, steigt ein und ordnet noch einige Dinge hinter dem Lenkrad, schaltet den CB-Funk ein, meldet sich mit … klingt: knack – knack – wie: „ … on the road again …“, startet den Motor und los geht’s! Unter uns entsteht ein tiefes, dumpfes, kräftiges Brummen. Obwohl der Motor gut abgeschirmt ist, ist der Motorenlärm in der Kabine so laut, wir können uns schlecht unterhalten. Trotzdem bemüht sich Isa, beugt sich dabei immer etwas zum Fahrer hin. Ich liege auf der Koje und schaue nach vorne durch die Frontscheibe auf die Straße. Da ich nicht nach rechts und links hinausschauen kann, sehe ich die Straße nur als eingeengtes, gleichförmiges Band unter uns hinwegrollen. Da verstehe ich: Die Freiheit des Lkw-Fahrers ist eine Illusion. In unserer hunderttausendjährigen Entwicklung haben wir das Nomadengen als eine wichtige Funktion entwickelt und im Belohnungssystem mit dem Glücksgefühl verknüpft. Jetzt empfinden wir dadurch unterwegs auf Tour Freude. Dabei liegt vor uns nur das Band der Straße, diese trostlose Eintönigkeit. Tja, das gekoppelte Glücksgefühl bewirkt: Der Fahrer muß Tour um Tour, immer wieder der Straße folgen. Wir fahren die Nacht durch. Hoch oben in den Bergen ist es kalt. Wir machen eine Pause. Ich hole aus den Rucksäcken die belegten Baguettes und füttere auch Mira. Der Fahrer, er hat verstanden, mit mir muß er sehr langsam sprechen, erklärt mir:
„Ich fahre bis Calgary. Dort auf der anderen Stadtseite hat meine Firma einen großen Verteilerhof. Ich muß bis 9:00 Uhr ankommen. Ich stelle den Auflieger ab, bekomme einen anderen und mit dem fahre ich nach einer Pause zurück Richtung Vancouver. Meinen Auflieger bekommt ein anderer Fahrer und fährt weiter. Wenn wir durch Calgary fahren, rufe ich mal mit dem CB-Funk, ob ich was für Euch finde.“ Dann macht er einige gymnastische Übungen und wir fahren weiter. Als es dämmert, fahren wir an Banff vorbei. Weniger Kurven und dann sind es wieder vier Spuren, je näher wir Calgary kommen. Im Stadtgebiet funkt er. Ich verstehe nur „Studenten“, „Toronto“ und „Wiener Wurst“. Dann halten wir an einer großen Tankstelle an.
„Hier muß ich Euch herauslassen, ich fahre zu meiner Ladestelle. Hier könnt Ihr gut weiterkommen. Ich habe leider niemanden gefunden.“ Damit verabschiedet er sich, stellt uns unsere Rucksäcke hin und betätigt zum Abschied seine laute Fanfare oben auf dem Dach. Wir winken ihm noch zu, gehen zum Diner und bestellen uns Kaffee. Durch die Gastfreundschaft der Hippies und der Elsäßer wurde unsere Reisekasse geschont. Wir überprüfen unsere Finanzen und gönnen uns ein Frühstück mit Spiegelei und Toast. Isa bleibt noch eine Weile sitzen, ich gehe mit Mira einen Spaziergang, finde aber keine Wiese, keinen Baum, nichts: Eine staubige Hecke, die den Parkplatz nach außen hin abgrenzt, tut es dann auch. Es ist wieder Sommer, hellblauer Himmel, keine Wolken, trockene Luft. Wir stehen an der Ausfahrt und halten unser Schild den Autofahrern entgegen. Die Autobahn ist hier noch unterteilt in die schnellen inneren Spuren und die zur Ausfahrt hinführenden langsameren Spuren. Lautes Hupen auf der inneren Spur. Wir sehen den Pickup, der uns vor Tagen mitgenommen hatte und dessen Hund überfahren wurde. Wir sehen den Fahrer winken, aber er kann nicht mehr auf die äußeren Spuren wechseln – dann ist er auch schon nicht mehr zu sehen. Erst gegen Nachmittag nimmt uns ein Lieferfahrzeug mit bis zu einem Campingplatz. Der Fahrer muß hier die ‚Highway One‘ verlassen und für uns ist es besser, hier zu übernachten. Nach der Nacht im LKW ist es gut, wieder ausgestreckt zu schlafen. Es ist ein kleiner See, wir können in der Nähe des Ufers das Zelt aufbauen. Die Gebühr bezahlen wir bei Anmeldung. In einem kleinen Laden kaufe ich eine Büchse Goulasch und Nudeln. Das kann ich am Lagerfeuer zubereiten. Auch Mira bekommt davon. Wir haben kein Büchsenfutter mehr gekauft, nachdem Mira sich danach so komisch benommen hat. Isa legt sich gleich nach dem Essen ins Zelt; Mira auch. Ich wasche das Geschirr und setze mich ans Ufer. Weit ab von einer Siedlung gibt es kein störendes Licht und so sehe ich die Sterne in überwältigender Dichte. Ach … und wir sind Raubtiere, sind die einzige Spezies, die sich gegenseitig tötet … geht es mir durch den Kopf. Wir können nicht in Frieden leben, als ob Krieg ein notwendiges Ventil ist. Wenn das kriegerische Gen erfolgreich ist (die Auslese steuert das), wird es sich verstärken. Wir als Menschheit werden immer aggressiver! Gibt es dafür einen Ausweg oder enden wir in der Selbstzerstörung, das Gesetz der Populationen? Ob Gregor Mendel darüber auch mal eine Meßreihe gemacht hat? Oder war das Charles Darwin mit seinen Finken? Nach einem Krieg werden mehr Jungen geboren. Mira ist wieder aufgestanden, steht neben mir und will auf meinen Schoß. So sitzen wir zusammen. Mira stellt ab und zu ihre Ohren auf, wenn sich irgendwo etwas bewegt. Ich überlege: Wie könnte man messen, wie kriegerisch gerade eine Gruppe Menschen ist? Vielleicht mit einer simplen Frage, die die Bereitschaft zur Gewalt mit einer ethischen Komponente verbindet: Wie wäre die Antwort auf die Frage:
„Ist Robin Hood im Recht oder nicht? Ist er ein guter oder ein schlechter Mensch?“
Ich lege noch ein dickes Scheit ins Feuer und krieche zu Isa in den Schlafsack.
Sonne auf der Zelttür. Ich lasse Mira hinaus. Sie geht eine Runde stromern. Ich zünde das Feuer wieder an und setze Kaffeewasser auf. Dann laufe ich hoch an den Eingang zu dem kleinen Laden und hole uns Eier und Brot. Das Brot – wieder nur dieses gummiartige Weißbrot. Es wird bereits geschnitten in der Plastiktüte angeboten. Ich kaufe auch eine kleine Tüte Milch. Als ich wieder aus dem Laden herauskomme, steht Mira vor der Tür. Sie ist mir gefolgt und hat auf mich gewartet. Auf dem Weg zurück zum Zelt kommen wir an einem super Camper vorbei. So einen großen, sieht man sehr selten. Ich gehe nah heran und schon der Fahrersitz ist beeindruckend. Ein riesiger, dick gepolsterter, drehbarer Sessel, auch der Beifahrersitz. Und im hinteren Bereich zwei Doppelbetten. Gigantisch! Isa ist zu den Waschräumen und ich koche uns Kaffee und versuche, mit dem Topf als Pfanne und aus den Eiern, Milch und Brot so etwas Ähnliches wie „Arme Ritter“ zuzubereiten. Später, während Isa alles zusammenräumt, gehe ich auch zu den Waschräumen. Mira kommt wieder mit und bleibt aber brav vor der Tür sitzen. Als ich wieder herauskomme, steht eine Frau neben Mira und will sie streicheln. Mira knurrt nur ganz leise und zieht die Lefzen etwas hoch. Schaut weiterhin nur auf den Eingang und sieht mich kommen und wedelt sofort los. Die Frau schaut auf und fragt mich, ob das mein Hund sei. Ich lächle:
„Aber das sieht man doch!“, und gehe mit Mira, nachdem ich ihr freundlich zugenickt habe, zurück zum Zelt. Später stehen wir wie gewohnt, die Rucksäcke zwischen uns und oben drauf sitzt Mira, an der Ausfahrt. Ich halte den Daumen am ausgestreckten Arm den Autos entgegen und Isa hält unsere Pappe hoch. Da sehe ich den riesigen Camper auf uns zukommen und neben uns anhalten. Die Seitentür öffnet sich und die Frau, die vor dem Waschraum Mira streicheln wollte, kommt heraus. Und schaut uns fragend an:
„Richtung Osten, Richtung Ontario“, sage ich.
„Dann kommt herein“, sagt sie und hilft uns bei den Rucksäcken. Im hinteren Bereich sehe ich noch das Doppelbett, aber das zweite wurde umgebaut und ist nun in der Mitte eine Sitzgruppe. Wir setzen uns und so einen Camper haben wir noch nie gesehen. Hinterm Lenkrad sitzt ein Mann, etwa unser Alter, kurze Haare, Jeans, T-Shirt, Turnschuhe. Im Camper alles chromblitzend, eine Klimaanlage, der Motor kaum zu hören, das ist auch kein Diesel, so leise sind nur Benziner. Die Frau setzt sich zu uns und wir können uns gegenseitig vorstellen. Wir haben sagenhaftes Glück. Die beiden sind Geschwister, kommen aus Australien und waren mit ihren Eltern auf großer Tour durch Kanada. Die Eltern sind von Calgary heimgeflogen. Sie bringen den Camper zurück nach Toronto und fliegen von dort aus heim. Für uns heißt das: Wir können bis Espanola mitfahren. Das ist purer Genuß. Wir reden viel – jedenfalls Isa. Dann spielen wir Karten, wechseln uns beim Fahren ab. Auch ich fahre den Camper. Mit eingeschaltetem Tempomat ist es wie einen Film schauen. Mira liegt ab und zu auf dem überbreiten, dick gepolsterten Armaturenbrett in der Sonne längelang ausgestreckt und schläft. Abends wieder Halt auf einem Campingplatz. Da wir zusammen im Camper ankommen, müssen wir auf den Campingplätzen keine extra Gebühren entrichten und schlagen unser Zelt immer neben dem Camper auf. So sind wir gemeinsam vier Tage unterwegs. Um uns ein wenig zu revanchieren, kaufe ich in einem Liquor-Store eine Flasche Wein für das Abendessen und Isa zaubert auf dem Lagerfeuer Nudeln mit Gehacktessoße für uns zusammen. Bei Winnipeg fahren wir extra durch die Stadt und nicht, wie wir auf dem Hinweg, um die Stadt herum. Dann erreichen wir Ontario. Ab hier hat der Trans-Canada-Highway nicht mehr die Nummer 1, sondern ist jetzt Nummer 17. Als wir eine Tagesreise vor Espanola sind, rufen wir Isas Eltern an und kündigen unsere Ankunft an. Wir sollen an der großen Tankstelle am Abzweig nach Espanola bleiben. Isas kleiner Bruder kommt und holt uns dort ab.
Durch die nun sichere Ankunft bin ich entspannter. Wir haben die Prärie verlassen. Die Landschaft ist wieder grüner geworden. Wollte ich auf dem Hinweg weiterkommen und bin die Landschaft durchfahren, so ist es jetzt ein aktiveres Schauen, etwa wie Photos anschauen. Die Weite, die beginnende Ernte, die riesigen Erntemaschinen, Tankstellen, Campingplätze, Motels und alle Autos wie LKWs fahren gleichmäßig mit 100 km/h – deshalb kaum Überholen, Drängeln, Schneiden. Ich komme gut ins Nachdenken. Raymonds Hinweis auf die äußere und die innere Freiheit läßt mich nicht los. Was ist mit denen, die keinen Antrieb haben, die einfach gedankenlos dahinleben? Erst die Schule, dann die Lehre, dann ein Leben lang am Band oder an einer Maschine oder in der Kabine eines LKWs. Diese Menschen suchen nicht nach Freiheit, oder tue ich denen damit Unrecht?
Auf der Insel: Die Begrüßung ist überschwänglich. Auch Mira tobt herum, als ob es ihr Zuhause wäre. Als wir bei Espanola an der Tankstelle ankamen, wartete Isas Bruder bereits auf uns. Vieles erzählten wir ihm auf der Fahrt, um es dann erneut vor der großen Runde noch mal zu berichten. Die Herzlichkeit, mit der wir unterwegs aufgenommen wurden, freut Isas Eltern besonders. Sie sehen sich bestätigt in ihrer Sicht auf Kanada. Wir überbringen Grüße der Elsäßer und lassen in unserem Bericht Chantals bombastisches Essen aufleben. Dabei läuft mir sofort das Wasser im Munde zusammen.
Jetzt, wo wir wieder da sind, können wir den Heimflug planen. Die Nachbarn sind schon lange wieder zurück nach Deutschland. Wir werden am Ferienende mit allen zusammen im großen Straßenkreuzer zum Flughafen fahren. Oskar bucht die Flüge und ermahnt mich, ich solle nicht wieder das Geld für das Flugticket mit der Post schicken und auch nicht Isas Ticket mitbezahlen. In den nächsten Tagen bis zur Abreise versuche ich, mich nützlich zu machen. Um das Sägewerk, das halb in den Wald hinein gebaut ist, nehme ich mir einen Rechen und reche das ganze Unterholz zusammen. Es entsteht rundherum eine saubere Fläche. Oskar lobt mich, aber Isas Geschwister lästern, ich würde den Wald staubsaugen. Zum Ferienende gibt es wieder ein großes Grillfest, dann packen und Haus winterfest machen.
Im Auto sitze ich hinten, direkt an der Tür, habe Mira auf dem Schoß und lehne meinen Kopf an den Holm. Als ob ich eine schwierige Arbeit erledigt hätte, mit der ich jetzt fertig bin und die nun die Heimfahrt zum Feierabend ist, fühle ich mich erleichtert. War es die Anspannung wegen der Verantwortung für das Abenteuer, mit Isa 8000 km per Anhalter zu fahren und wieder heil anzukommen? Ach, denke ich, es ist alles gut, dabei fallen mir die Augen zu!
Im Flugzeug, weit von oben, denke ich wieder an uns als Raubtiere. Es muß aber noch eine genauso große Gegenenergie geben, denn wir streben auch nach dem Guten?! Liebe ist es nicht, wie oft behauptet, sie ist ein süßer, romantischer Schmus. Unerklärbar zwar, heftig und wunderschön, aber sie besteht aus Genen, Chemie und Hormonen.
Was also könnte diese andere, diese gute Gegenenergie sein?
In Frankfurt steht Maximilian am Flughafen. Hat Führerschein und hat sich einen gebrauchten knallroten Käfer mit Faltschiebedach gekauft. Als wir auf der Autobahn sind, sage ich:
„Es ist gut, wieder daheim zu sein. Ich meine damit nicht nur Deutschland, ich meine, ich bin froh, wieder in Europa zu sein. Ich bin Europäer und könnte überall in Europa leben, es muß nicht Deutschland sein, aber es muß Europa sein.“
Dabei nehme ich Isas Hand und frage sie:
„Und Du?“