Freiheit
Wieder freue ich mich, das Ortseingangsschild von Erlangen zu sehen, einfach das gute Gefühl, daheim zu sein. Ich fahre zu Isas WG. Vielleicht ist sie noch wach? Sie sitzt am Schreibtisch bei Rotwein und Chopin. Als ob sie dankbar für die Unterbrechung ist, schiebt sie sofort ihre Papiere zusammen:
„Das wird meine erste Inszenierung als Regisseurin: ‚Antigone‘ von Jean Anouilh.“
„Kommst Du mit zu Sulla, etwas essen?“, frage ich.
Sie bläst die Kerze aus, schaltet die Musik ab, nimmt ihre helle, leichte Lederjacke und wir gehen zu Fuß zu Sulla hinüber ins Deutsche Haus.
Sulla ist eine sehr gute Wirtin, kennt ihre Gäste und deren Wünsche. Schon beim Hereinkommen, als wir uns an einen Tisch setzen, fragt sie uns:
„Bier, Rotwein?“
Wir nicken und setzen uns. Umgehend bringt sie uns die Getränke. Während ich auf meine Spaghetti warte, erzählt Isa mir von Antigone, wie das Original bei Sophokles ist und wie es Anouilh sieht. Sie darf am Theatre Scaramouche in Schwabing inszenieren. Das ist ein 99-Platz-Theater. Sie müßte in drei Wochen ein Konzept vorlegen.
Ich höre ihr gerne zu. Sie redet voller Euphorie und Enthusiasmus. Die Augen blitzen und immer diese eine schnelle Bewegung, mit der sie die Haare nach hinten streicht. Sie erzählt mir den Plot, den Konflikt zwischen Kreon und Antigone. Sie möchte Antigone als starke Frau zeigen, wie sie sich durchsetzt. So, wie sie mir das Drama schildert, sehe ich es eher als einen Konflikt, jeder mit sich selbst. Beide sind gefangen von der Vorstellung, das, von dem sie glauben, es sei notwendig, auch tun zu müssen. Beide können sich nicht aus ihrer, sich selbst auferlegten Verantwortung lösen, beide sind sie gefangen im falsch verstandenen Pflichtbewußtsein.
Freiheit ist doch, das zu erkennen, worin man unfrei ist. Mehr Freiheit gibt es nicht. Das ist unser Leben, das viele nicht sehen, viele, die es sehen, nicht um diese Freiheit kämpfen und deshalb die wenigen, die es tun, im Scheitern unsere Helden werden.
Isa wischt das vom Tisch, wie eine unnötige Einlassung. Sie vertieft sich in die Darlegung, warum der Widerstand der Weg ist und man darin Kraft findet. Im Widerstand bekommt man seine verlorene Freiheit zurück. Darum geht es ihr.
Die andere Sicht auf Kreon, der doch das Gute möchte, sogar Antigone vor sich selbst zu beschützen versucht, das sieht Isa nicht. Sie sieht den Widerstand als Leitmotiv Antigones.
Ich habe in meinen endlos langen, einsamen Stunden in meiner Zelle über Gut und Böse nachgedacht, habe mich gefragt: Wie entsteht das Böse? … und dabei eine Erkenntnis gewonnen. Ist das Ziel das Gute, dann darf man, um es zu erreichen, nichts Böses tun, denn wenn man etwas Böses tut, wird sich das erhoffte Gute in etwas Böses wandeln.
Ich fasse Isa am Arm:
„Wenn Kreon Antigone tötet, um das Funktionieren des Königreichs zu retten, wird er Böses bewirken.“
Sie schweigt einen Augenblick:
„Am Ende sind eh’ alle tot!“
Auf dem Heimweg denke ich, es könnte die Sicht auf die Dinge auch von der eigenen Körpergröße abhängen. Ein kleiner Mensch sieht die Welt anders als ich mit meinen fast zwei Metern. Wenn ich durch eine dichte große Menschenmenge laufe, dann laufe ich einfach, es tut sich automatisch der Weg auf. Wäre ich eine kleine zierliche Frau, empfände ich Gewalt bedrohlicher als ein Mann, der um seine Stärke weiß.
Im Bett liegend nimmt sich Isa meinen Arm, so als ob sie sich die Bettdecke heranziehen würde, kuschelt sich an und schläft sofort ein.
Es ist ein urmächtiges Gefühl, was dieser Körper, diese zarte Person, durch ihre Wärme und ihren Duft, wie sie sich an mich anschmiegt, meinen Arm als Schutz und Stütze nimmt, in mir auslöst.
Unser Zusammensein ist Harmonie auf der untersten Stufe des Körperlichen.
Gibt es die Berührung der Seele im ersten Moment?
Liebe, das hat schon bei den Amöben angefangen und ist bis zu uns gewachsen. Wir tragen alle Facetten und alle Varianten in uns.
Werden wir gesteuert? Sind wir unfrei? Steuert uns eine Urkraft? Bei Kreon und Antigone steuerte der Mantel, den die Kultur genäht und ihnen übergezogen hat. Ist das mit uns das, was unter dem Mantel gärt? Brennt in uns das Feuer der Hormone? Welcher Mantel wird für uns daraus entstehen? Was, wenn das Feuer der Hormone nicht richtig lodert? Werden sich unsere Seelen öffnen und zusammenwachsen? Wird uns die Glut der Hormone zusammenschweißen? Wird dieses Feuer uns durchs ganze Leben tragen?
Auf diese Fragen werde ich, wenn überhaupt, nur als alter Mann eine Antwort finden. Vielleicht sind meine Fragen nur Angst, Angst vor der Macht der Gefühle.
Welchen Einfluß habe ich über mich? Kreons Entscheidung war eine intellektuelle, Antigones dagegen emotional. Ich bin hier gefangen, wie paralysiert. Was ist mein bewußter Anteil an diesem Zustand? Habe ich eine Wahl, kann ich etwas entscheiden?
Ich liege ganz still und versuche, zu schlafen. In mir ist ein großes, gutes, tiefes und warmes Gefühl.
Zum Kapitel 13 Eine Reise nach Karlsbad