Karlsbad
Die Eltern drängen, sie möchten uns sehen. Wir schicken unsere Pässe nach Bonn zur Botschaft der ČSSR, müssen 25 DM plus Rückporto bezahlen, bekommen nach zwei Wochen den Paß mit dem notwendigen Visum zurück.
Es sind drei Stunden mit dem Auto, erst die Berliner Autobahn A9, dann die B303 Richtung Osten. Ausgeschildert ist Eger (Cheb). In Schirnding die westdeutschen Grenzer winken uns ohne Kontrolle weiter, dann sind wir im Niemandsland, sehen den Stacheldraht, die Grenzanlagen, die Soldaten mit Maschinenpistolen, wie sie auf und nieder patrouillieren. An der Grenzstation schauen sie genau die Pässe an, nehmen sie mit. Ob sie wohl bemerkt haben, da steht ein Geburtsort in Ostdeutschland drin? Wir müssen aussteigen, das Auto wird genau untersucht, die eingepackten Geschenke ausgepackt, dann müssen wir an einem Kassenhäuschen Geld tauschen: pro Tag 30 DM in tschechische Kronen. Dann endlich dürfen wir weiter. Es sind noch 60 km bis Karlsbad. Die Landstraße ist wie in Ostdeutschland voller Schlaglöcher, der Randstreifen ausgefranst und abschüssig. Es riecht wieder nach Trabant und Wartburg. Jetzt, wo ich den Unterschied kenne, nehme ich die Tristesse, das Graue des Ostens noch deutlicher wahr.
Wir treffen uns am vereinbarten Hotel. Unser Vater hatte es aus Eisenach gebucht. Die Begrüßung ist überschwenglich. Bei Mutter fließen Tränen. Unsere Schwester ist leider nicht dabei, sie hatte während wir im Knast waren, geheiratet und mittlerweile eine Tochter, kann nicht weg. Damit wir uns erst einmal irgendwo setzen können und genügend Geld haben, geben wir unserem Vater Westgeld, damit er es bei einem „Spaziergang“ auf der Promenade zum guten Schwarzkurs in Kronen tauschen kann. Dann geben wir ihm auch die Pässe, damit er uns zusammen an der Hotelrezeption anmelden kann. Der Rezeptionist nimmt den Stapel mit unseren Pässen und den ostdeutschen Personalausweisen und legt sie erst einmal getrennt auf seinen Tresen. Wollte er so klarstellen: So ist es richtig, das muß getrennt sein? Dabei ist Karlsbad die Stadt, in der sich wegen der günstigen geographischen Lage Deutsche mit Deutschen treffen, die sich sonst nicht besuchen oder treffen dürfen. Er müßte das doch ständig erleben: Bei Familien, die einchecken, stammen ein paar aus West- und welche aus Ostdeutschland. Er kann nicht anders, er muß die Papiere trennen!
Wir treffen uns im größten der gebuchten Zimmer. Ich öffne die mitgebrachte Sektflasche und wir prosten uns zu und trinken aus Zahnputzbechern. Es gibt viel zu erzählen und uns ist dabei immer bewußt, das Zimmer wird abgehört.
Ich bekomme meine Querflöte, aber die Schreibmaschine, meine geliebte Schreibmaschine, ist nicht dabei. Die hatten sie an einen Studenten verschenkt, nicht wissend, wie sehr ich an ihr hänge. Ein Karton mit Kinderbildern, dazu ein paar meiner mir jetzt sehr fremd gewordenen Hemden.
Was mit meinen Büchern passieren soll?
„Nein, nein! Bitte alle verschenken!“
Sie gehören in den Osten und in mein altes Leben.
Dann gehen wir zusammen auf der großen breiten Kurpromenade spazieren. Vor vielen Jahren, bei meinem letzten Besuch hier in Karlsbad, sah ich eine fröhliche Stadt, die nicht ausgebombt und im Kern intakt war. Jetzt fallen mir die vielen ungepflegten Fassaden, die Löcher und die Baulücken zwischen den Häusern auf. Die Balkone vom Rost zerfressen und Sitzbänke an der Promenade beschädigt, eine Stimmung, als ob es ein nebeliger Herbsttag wäre, dabei ist heute ein sonniger Frühlingstag. Die Eltern sind sichtbar stolz, mit ihren Söhnen zu flanieren. Ich sehe es an der Art, wie sie uns von der Seite ansehen, wie wir Brüder mal zu dritt vorweggehen oder wir, begrenzt von ihnen, eine breite Phalanx bilden und die gesamte Breite der Uferpromenade einnehmen. Was mir auffällt: Sie wirken getrennt, gehen nie nebeneinander oder eingehakt, wie es Ehepaare doch tun.
Als wir eine Gaststätte betreten, werden wir Brüder sofort als Westdeutsche erkannt und zu einem guten Tisch geführt. Ich bin überrascht, so schnell hat sich meine Ausstrahlung geändert! Ich bestelle mir traditionelles böhmisches Essen: Kraut, Serviettenklöße und Braten mit dunkler Soße. Dazu das starke, leicht sämige Karlsbader Bier. Nach unseren zum Schwarzkurs getauschten Kronen bezahlen wir hier für die ganze Familie, was ich bei Sulla pro Person zahlen würde. Ich lege beim Bezahlen zu den Kronen dem Kellner ein Zwei-Mark-Stück dazu. Er bedankt sich bei mir mit einem extra Nicken, einem netten Lächeln, nimmt das Geldstück und steckt es nicht in seine Wechselgeldbörse, sondern läßt es in der Uhrtasche seiner Kellnerjacke verschwinden.
Für unsere Eltern ist eine Urlaubsreise immer mit Erholung und weniger mit Erlebnis verbunden. So verabreden wir für den nächsten Tag einen Ausflug ins berühmte Elisabethbad. Auch weil das warme Thermalwasser für unsere Mutter gut ist, die schon ihr ganzes Leben an Psoriasis leidet.
Für den Abend verabreden wir noch, schön auszugehen. Finden auch eine urige Bierkneipe mit einer gemütlichen Ecke zum Quatschen. Als aber eine kleine Blaskapelle auftaucht und, wenn auch dezent, Polkas spielt, verlassen wir fluchtartig die Kneipe und setzen uns an die ruhige Hotelbar.
Wir erfahren, die Eltern wohnen nicht mehr in Eisenach, sondern sind auf ein kleines Dorf bei Gotha umgezogen. Die Aufregung um unsere Flucht, da gab es so große Unruhe, es war besser, in eine kleine Dorfgemeinde zu wechseln. Wie die Stasi, als wir in U-Haft waren, das Haus durchsucht hat, wie sie es erst acht Wochen, nachdem wir schon verhaftet waren, erfuhren: Die Flucht war gescheitert, acht Wochen voller Angst und Ungewißheit über unseren Verbleib.
Unsere Mutter hat schon Tage, bevor sie uns in der Haftanstalt in Cottbus besuchen durften, geheult und auch noch Tage danach. Ich erinnere mich, ich habe nie darüber nachgedacht, wie es den Eltern damit geht, wenn wir eingesperrt sind. Mir wird ganz elend, als ich jetzt spüre, wie verzweifelt sie waren. Sie saßen uns im Besucherraum gegenüber. Wir sahen, wie traurig sie waren, aber wenn sie dann wieder weg waren, an den anderen Tagen, war für diese Gedanken kein Raum. Spät und mit gut Wein und Bier im Blut geht es ins Bett.
Wir treffen uns wieder am Morgen im Frühstücksraum des Hotels. Ein sehr hoher Raum, Stuck an der Decke, ein Kronleuchter, an den Fenstern lange samtene Vorhänge. Alles atmet den Charme einer längst vergangenen Zeit, bei der man sich bemüht, die in die Jahre gekommene Einrichtung durch Pflege und Reparaturen, zu erhalten. Es ist ein komisches Erlebnis, nach so langer Zeit wieder mit den Eltern am Frühstückstisch zu sitzen. Ich kann mich nicht erinnern, wann das in Eisenach je so gewesen ist. Vielleicht ganz früher sonntags, wenn Besuch da war?
Wir gehen später flanieren. Zu einem Café mit dieser schönen, plüschigen Atmosphäre. Bestellen Kuchen, Tee und dicke Sahnetorte. Es fühlt sich für mich komisch an, als „armer“ Student mehr Geld locker zu haben als der studierte, promovierte Vater. Ich wollte ihm die Kronenscheine vom Zwangsumtausch zustecken, aber er wollte es nicht annehmen. Er hat mit der Situation weniger Probleme als ich.
Nachmittags im Elisabethbad, an der Kasse dürfen wir uns eine Badehose ausleihen, genießen wir die wohlige Wärme der Thermalquelle. Meine Badehose schlottert mir um die Hüften. Zum Glück hat sie einen kleinen Gürtel, den ich festziehen kann. Im Wasser frage ich, als wir etwas abseits sitzen, meinen Vater, was Tante Ina in Murnau gemeint hat, als sie sagte:
„Wir wissen auch nicht, was sich Euer Vater dabei gedacht hat.“
„Was hat Tante Ina damit gemeint?“
Du weißt, die Monate, die Deine Mutter in der Psychiatrie zugebracht hat, waren wegen ihrer Anfälle. Sie ist manisch-depressiv. Ja, ich erinnere mich, sie saß oft tage- und manchmal wochenlang nicht ansprechbar auf dem Sofa, schaukelte leicht vor sich hin und zupfte an einem imaginären Bart. Dann irgendwann kam man aus der Schule nach Hause und alles war wieder normal.
„Da gibt es jetzt im Westen ein Medikament, das muß aber in der Klinik eingestellt werden. Dazu muß sie länger eingewiesen sein. Ich hatte mit den zuständigen Kirchenvertretern in Ost- und Westdeutschland geredet. Die westdeutsche Kirche war bereit, die anfallenden Behandlungskosten zu übernehmen. Es fehlte eine westdeutsche Meldeadresse für die Abwicklung. Darum bat ich die Schwestern deiner Mutter. Sie alle haben panisch abgelehnt, weil sie glaubten, sie müßten dann dafür gerade stehen, und auch hatte deine Mutter, als sie mal in den Westen reisen durfte, bei ihren Schwestern einen dieser Anfälle bekommen und sie alle angeschrien und beschimpft. Seitdem ist der Kontakt abgebrochen.“
Er holt tief Luft:
„Das ist es, was Deine Tante Ina meinte. Sie hat angenommen, wir wollten Deine Mutter für immer in den Westen abschieben und dann hätte sie sie auf dem Hals. Die Solidarität in dieser Familie ist eine ganz andere als bei uns.“
Ich erzähle ihm:
„Tante Ina hat uns zum Abschied zwanzig Mark für Benzin zugesteckt und eigentlich nicht gesagt, wir sollten mal wiederkommen … und wie sieht es jetzt aus mit den Anfällen?“
„Es ist schlimmer geworden, weil sie schwer gelitten hat unter der Situation. Das ist auch ein weiterer Grund, warum wir auf’s Dorf gezogen sind.“
„Können wir denn jetzt etwas tun?“
„Nein, der Zug ist abgefahren. Die Genehmigungen bekomme ich nicht wieder alle zusammen.“
Nach dem Baden fahren wir die Autos nebeneinander auf dem Parkplatz. Der alte Wartburg, den gibt es immer noch.
Wir laden alle Geschenke um. Ein paar Flaschen fränkischen Wein, eine Flasche Kognak, Schokolade, mildes Waschpulver, viel Kaffee und Earl-Grey-Tee. Wenn niemand in der Nähe ist, öffne ich die Sitzpolster der Rückbank und hole von der Unterseite den geschmuggelten „Spiegel“ und die „Süddeutsche Zeitung“ hervor. Auch das gewünschte Buch von Eric Berne über „Transaktionsanalyse“ habe ich bekommen und im Sitz versteckt. Die Freude darüber ist groß.
Wir haben noch den ganzen Abend zum Erzählen und sie wollen alles wissen, über die Wohnungen, die wir übereinander haben, über die Fahrten und Besuche, über die Kneipe Freiburg, das Deutsche Haus, eine griechische Gaststätte mit ganz tollem Essen und und und.
Maximilian erzählt, er beginnt bald mit dem Führerschein und hat sich entschlossen, in Fürth das Abitur zu machen, weil die eine besondere Übergangsklasse haben, bei der er sich auf das höhere Niveau an den westdeutschen Schulen vorbereiten kann. Da bin ich baff, das habe ich auch noch nicht gewußt. Vor dem Zu-Bett-Gehen zupft mich Mutter am Arm, damit ich mit ihr einen Schritt zur Seite komme, und sagt mir:
„Viele liebe Grüße von Renate und sie möchte nicht nur Ansichtskarten, sondern Dich wiedersehen, das soll ich Dir ausrichten.“
Am nächsten Tag nach dem Frühstück fahren wir gemeinsam ab. Wir fahren hintereinander her und haben gemeinsame Strecke bis Eger. Unterwegs: Die Landstraße ist stark befahren. Es sind wenige westdeutsche Autos zu sehen. In Eger trennen sich die Wege. Ins Erzgebirge, ins Vogtland, nach Ostdeutschland zweigt die Landstraße rechts ab. Wir fahren, nachdem wir uns noch lange aus dem fahrenden Auto zugewunken haben, geradeaus Richtung Schirnding in die Oberpfalz nach Westdeutschland. Auf der Landstraße bis zur Grenze nur ganz vereinzelt Autos und nur westdeutsche Kennzeichen.
Je näher wir der Grenze kommen, umso mulmiger wird es uns. Wir sitzen schweigend, geben den Grenzbeamten die Pässe, öffnen Kofferraum und Handschuhfach, bekommen einen Stempel in den Paß und dann öffnet sich der Schlagbaum, wir dürfen weiterfahren.
Die westdeutschen Grenzer wollen nur sehen, ob wir einen deutschen Paß haben, schauen ihn nicht an und winken uns durch.
An der nächsten Tankstelle halte ich an.
„Ich brauche jetzt einen Schnaps!“ Gehe in den Verkaufsraum und hole uns je einen kleinen Taschenrutscher klaren Schnaps.
„Prost, wir sind heil wieder raus!“
Erst im Nachhinein spüre ich, wie sehr es mich bedrückt hat, innerhalb des Eisernen Vorhangs gewesen zu sein, auch wenn ich in meiner Tasche den richtigen Paß habe, um da wieder herauszukommen.
Was ich ungefragt wieder mit zurückbringe, ist meine Frage an meinen Vater: Warum diese Rückreise in der Nacht im August 1961? Ich habe keinen geeigneten Augenblick gefunden und auch nicht gefragt, weil ich Angst hatte, die fröhliche Stimmung zu stören, weil ich mich nicht getraut habe und mich zu unwissend, zu wenig erwachsen, gegenüber der Größe des Themas fühlte. Ich spüre, ich muß mehr über mich wissen, bevor ich solche existentiellen Fragen an andere stelle.
Am Ortseingangsschild von Erlangen muß ich lachen. Es fällt mir ein Kalauer unseres bibelfesten Vaters ein:
„Suchet das Reich Gottes zu erlangen!“
„Geh’n wir noch in die Freiburg?“

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