Nachdem ich letzte Woche auf dem Weg nach Soest an Kassel vorbeifuhr, nehme ich jetzt das Wochenende und fahre wieder die gleiche Strecke, aber direkt nach Kassel, zu meinem Onkel, der auch mein Patenonkel ist. In Kassel habe ich auch Onkel Gerhard, mit dem ich schon aus dem Lager in Gießen telefoniert hatte. Die Brüder sind zerstritten. Genaueres weiß ich nicht.
Es ist Januar und früh dunkel. An der Raststätte Rhön mache ich Pause, hole mir einen Kaffee. An der Kasse haben sie einen großen Topf mit heißen Wiener Würstchen. Bei den anderen Raststätten hatten die an der Kasse auch Wiener Würstchen, die waren aber in einem Drahtgestell. Ich nehme gleich zwei Stück, bekomme es sogar auf einem kleinen Teller mit einer Scheibe Toast:
„Senf bitte selbst bedienen!“, und er zeigt auf einen extra Tisch, auf dem Senf und Tomatenketchup stehen.
Die Würstchen sind viel besser als die aus dem Drahtkorb. Im Wasser bekommen sie ein ganz anderes Aroma, da würzen sie sich gegenseitig. Einfach lecker! Weiter geht es; nach einer Stunde bin ich kurz vor Kassel. Ich bin durch die Kasseler Berge gekommen und habe plötzlich oben auf einer Bergkuppe eine phantastische Sicht auf das vor mir im Tal liegende Kassel. Wie aus dem Flugzeug, sehe ich es von oben. Tausende kleine Lichter ziehen sich durch die weite Senke bis an den Horizont, wunderschön. Ich fahre an der Ausfahrt Kassel Mitte ab und lande auf der Landstraße B7. Auf dem Straßenschild steht links „Kassel Zentrum“, rechts ab „Eisenach 70 km“. So dicht also waren wir immer zusammen. Ich muß ein paar Mal schlucken. Ich soll immer Richtung Zentrum fahren und dann einfach auf den Herkules zu. Ich habe an Kassel noch Erinnerungen. Kann mich genau an den Geruch erinnern, beim Großvater vor dem Grundstück, und auch an eine Straße, die in drei großen Bögen mit Straßenbahnschienen in der Mitte den Berg hinabging. Gleich werde ich konfrontiert sein mit diesen Erinnerungen. Tauchen da weitere Erinnerungen auf? Steigen sie in mir auf, wie so schwarze Raucher am Boden der Ozeane, bringen tief aus meinem Inneren Vergessenes zurück? Ob ich etwas sofort wiedererkennen werde? Ich muß zweimal auf meinem Stadtplan nachschauen und einmal einen Passanten nach dem Weg fragen, dann habe ich es gefunden, eine kleine Schotterstraße „Vor dem Forst“, ich erkenne es sofort wieder. Ich fahre ganz, ganz langsam. Hinten sehe ich das Waldstück mit dem Trampelpfad. Großvaters Haus auf der rechten Seite, ich kann es nicht finden. Da steht ein ganz anderes Haus und gegenüber, wo der große Garten mit dem Holzhaus war, steht eine Villa. Ich steige aus, laufe zum Waldrand, rieche, ob ich den Geruch wiederfinde – nein, nichts. Bei der Villa gegenüber steht an der Einfahrt am Briefkasten unser Familienname. Es brennt Licht, ich erkenne jemanden in der Küche, es ist mein Onkel. Er sieht meinem Vater sehr ähnlich. Ich gehe zurück zum Auto und fahre es in die Toreinfahrt.
Auf mein Klingeln öffnet sich sofort die Tür und ich werde herzlich und fest in die Arme genommen.
„Komm herein, wir warten schon.“
Auch Friedegunde, seine Frau, drückt mich fest an sich.
Ich stehe im Eingang und gleich nach links ist eine große Garderobe. Ich ziehe meine Jacke und auch die Schuhe aus, wir gehen hinein. Wohnzimmer und Küche gehen ineinander über und der Tisch ist schon gedeckt. Mehrere Würste, viel Käse, ganz kleine Gurken, Brot, Semmeln (… nein, ich bin ja wieder so weit nördlich, da heißen die Semmeln doch Brötchen …) und eine Flasche Bier für mich.
„Komm, greif zu, wir haben Hunger!“
Dann geht Henner noch mal an den Kühlschrank und kommt mit einer großen Knackwurst zurück.
„Das ist die berühmte ‚Ahlsche‘ Wurst, die Dein Vater so liebt. Die ist sehr lecker und wir haben hier in Kassel einen Metzger gefunden, der die nach thüringischem Rezept herstellt.
Wir reden und reden. Wir haben uns, auch wegen meiner Armeezeit, über zehn Jahre nicht gesehen. Ich habe so viele Fragen: Wo ist das Haus vom Großvater? Wann ist er und wann ist Großmutter gestorben? Warum der Streit mit Gerhard?
„Das Haus von gegenüber wurde nach dem Tod vom Großvater an ein Kinderheim verkauft, es wurde ein kleines Haus für Großmutter gekauft, in dem auch Gerhard wohnte und sich um Öhmchen, wie sie mit Kosenamen hieß, kümmern sollte. Den Rest der Geschichte erzähle ich dir ein andermal.
Ich erzähle, woran ich mich erinnern kann. Wie ich im Haus gegenüber oben aus dem Zimmer geschaut hatte, das war über und über mit Bierdeckeln ausgestattet. Und sah unten im Garten meine Eltern und die Großeltern um einen Tisch herum. An der Seite stand eine Tischlampe, die war ein erleuchteter Globus. Ich wurde ermahnt, endlich schlafen zu gehen. Ich erinnere mich an den Geruch der Sträucher an der Gartenpforte, an den intensiven Geruch nach Holz und Harz des dunklen Holzhauses im Grundstück gegenüber. An die Atmosphäre am Waldrand, die mir gefährlich erschien. Es führte ein Trampelpfad hinein, da traute ich mich nur drei Schritte hin und dann lieber wieder zurück aufs Grundstück vom Großvater. An den Schulranzen für mich, voll mit Apfelsinen, eine schnitt Großvater in der Mitte durch und wir bissen einfach hinein, wie in einen Apfel. An meine strenge, dünne, zierliche Großmutter, wie wir Kinder in der Küche sitzen mußten auf der Küchenbank, das war eine Eckbank, bei der man die Sitze hochklappen konnte. Wir mußten Haferbrei essen und dann gab es einen Eßlöffel voll Lebertran, der stank so entsetzlich und ich mußte lange danach noch aufstoßen und jedes Mal kam dieser Gestank wieder in mir hoch. Wie wir zum Silbersee fuhren und in dem Waldsee schwammen und ich, weil ich noch nicht schwimmen konnte, mich beim Vater am Hals festhielt. Großvater trug beim Baden Sandalen aus Plastik. Er war sehr gemütlich, hatte einen dicken Bauch, den er „mein Eisbeingrab“ nannte, und bei ihm konnte man sich, wenn er im Garten auf der Bank saß, ankuscheln. Ich erzählte das alles sehr schnell und durcheinander, wie es mir gerade in den Sinn kam.
Henner und Friedegunde bestätigten mir die Richtigkeit meiner Erinnerungen. Das Zimmer mit den Bierdeckeln war seines. An die Globuslampe kann er sich auch erinnern und den Silbersee gibt es, der ist aber nicht hier um die Ecke, sondern ein paar Kilometer gen Süden. Vielleicht war es ja der Twistesee. Ja, der Lebertran, der war wahrhaftig schrecklich. Öhmchen war wieselflink und immer fleißig. Sie war es, die die Bruderhilfe nach dem Krieg wieder mit gestartet hat, indem sie die Adressen, die auf Karteikarten in Schuhkartons lagerten, von Allstedt in Thüringen nach dem Westen schmuggelte und die Kunden wieder aktivierte. Auch Dein Vater fuhr in den Semesterferien mit einem Moped die Pfarrer an und akquirierte. Die Versicherung wuchs schnell und Großvater hatte damit viel Erfolg. Sie kauften das große Haus, das jetzt ein Kinderheim ist.
Henner erzählt, wie ich mit Friedolin im Käfer hinten, hinter der Rückbank, saß, nackt, weil wir auf dem Weg zum Baden waren und wir unsere Popos hinten an die Scheibe hielten und auf der Heckklappe war der Aufkleber der Bruderhilfe. Die Autos, die dann daran vorbeifuhren, hupten und die Insassen lachten.
Es ist schon sehr spät, aber ich möchte unbedingt noch wissen: Was war vor siebzehn Jahren in dieser Augustnacht 1961 passiert?
„Ich weiß nur noch, ich habe laut geweint und alle anderen haben ständig laut geschrien und gebrüllt.“
„Ja, das war eine schreckliche Nacht“, fängt Henner an.
„In den Nachrichten kam: Walter Ulbricht baut in Berlin eine Mauer und die Zonengrenze wird abgeriegelt. Niemand kann mehr aus Ostdeutschland heraus. Die Grenzen sind zu. Dein Vater war auf seiner ersten Pfarrstelle in Kieselbach, das liegt in der Rhön, aber im Osten. Wir haben ihn angefleht, doch nicht zurückzufahren. Wenn er unbedingt seiner Gemeinde in schweren Zeiten beistehen möchte, soll er doch die Familie hier lassen. Sie würden beim Großvater aufwachsen. Und er solle doch auch bleiben, in der Bruderhilfe mit einsteigen. Dein Vater bestand darauf, alle fahren noch in der Nacht zurück in den Osten, in der schweren Zeit würde seine Gemeinde ihn brauchen. Er dürfe sie nicht schutzlos den Kommunisten überlassen. Ein Pfarrer gehört zu seiner Gemeinde und die Familie bleibt zusammen.“
„Dann bin ich eigentlich von meinem Vater in den Osten verschleppt worden?“
„Ja, hart ausgedrückt ist das richtig.“
Ich helfe noch beim Tischabräumen, Friedegunde zeigt mir, wo ich schlafe, und dann muß ich raus. Die Unruhe in mir ist schwer, alles kribbelt. Ich nehme mir den Haustürschlüssel und sage beiden gute Nacht. Ich kann nicht sitzen, ich muß mich bewegen.
Als ich mir die Schuhe anziehe und meine Jacke nehme, kommt Henner, der in meinem Gesicht den Schmerz und meine Erregung sieht:
„Niemand wußte damals, was sein wird. Niemand ahnte, sie würde für immer dicht sein. Dein Vater wollte ein guter Pfarrer sein!“
Ich gehe die kleine Schotterstraße entlang, mein Kopf brummt, ich habe das alles schon gewußt, aber nie in solchen Details, und genau hier ist es passiert. Mir wird es jetzt erst klar: Ich hätte auch hier in Kassel aufwachsen können. Normal ins Gymnasium, man hätte mir das Abitur nicht verweigert. Bei meinem Traum vom Schreiben habe ich nie daran gedacht, es als Beruf zu tun. Als Beruf wollte ich Tierarzt werden. Ich wäre jetzt mitten im Studium. Nach zwei Runden um das Viertel gehe ich zurück. Im Kühlschrank hole ich mir eine Flasche Bier und setze mich an den Küchentisch. Siebzehn Jahre … . Die hätten ganz, ganz anders verlaufen können. Was wäre ich jetzt für ein Mensch?
Ich trinke aus und gehe ins Bett.
Meine Gedanken drehen sich weiter um das:
„Was wäre, wenn …?“ Das hatte ich auch manche Nacht in der Zelle, als ich an meinem Stand der Dinge, an meinem Schicksal herumgemäkelt, herumgetrauert habe und haderte: Warum bin ich nicht ein paar Kilometer weiter westlich geboren worden? Es ist mein Leben, es ist mein Schicksal und es kommt nur auf mich an, was ich daraus mache. Der eine wird früher erwachsen, der andere später. Ich hätte mir die Armeezeit ersparen können, aber jetzt bin ich hier, bin Herr über mein Schicksal und bin frei.
Darüber schlafe ich ein.
Es ist ein herrlicher Sonnentag, mein Onkel möchte seinen samstäglichen Ausflug zum Tennisplatz machen, eine Runde spielen und schauen, wer so da ist, ob ich Lust hätte, mitzukommen.
„Aber gerne, ich habe in Eisenach im Tennisclub Blau-Weiß in der Jugendliga gespielt, jaja, das ist lange her, spielen kann ich bestimmt noch.“
Er hat einen Schläger für mich und auf dem Weg zum Tennisplatz kaufen wir noch ein paar Tennisschuhe und eine weiße Turnhose. Mit meinem T-Shirt, das paßt dann. Ich freue mich sehr. Auf dem Platz sehe ich keinen Schnitt. Ein paar gute Bälle gelingen mir, auch der Aufschlag sitzt noch, aber mein Onkel ist um Klassen besser. Ich setze mich ermüdet auf die Bank und überlasse das Feld seinem Tennispartner. Auf dem Heimweg versuchen wir, die Straße mit den drei Kurven und den Straßenbahnschienen zu finden. So groß ist nun Kassel auch nicht, aber wir finden sie nicht, bzw. ich erkenne sie nicht wieder. Dann fahren wir in seiner Firma vorbei. Sein Büro, eine angesehene Steuerberaterfirma ,mit mehreren Angestellten. Sehr gediegene Einrichtung, Wände voller Aktenregale. Ich bin beeindruckt.
Das Tennisspielen hat mich ganz schön geschafft. Hoffentlich gibt das keinen Muskelkater. Ich muß dringend richtig Sport treiben, sonst werde ich den Muskelschwund aus dem Knast nicht wieder ausgleichen. Am Nachmittag machen wir einen Spaziergang zum Wald hin, aber es steigen keine Erinnerungen mehr in mir auf. Beim Laufen kommen wir wieder auf Familie. Mein Vater hat nie viel davon erzählt. Henner spricht mich unterwegs an:
„Du warst gestern Abend sehr aufgewühlt.“ Er macht eine Pause,
„vielleicht solltest Du mehr über unsere Familie erfahren, denn es ist wichtig, zu wissen, woher Du stammst, und Du solltest auch Deine Vorfahren kennen. Dann verstehst Du besser, wer Du bist.“
Und er erzählt, wir haben über mehrere Hundert Jahre einen Hof in Dankersen gehabt, der durch die Inflation nach dem schwarzen Freitag verloren ging. Danach ging Großvater Friedrich nach Insterburg und übernahm dort die Verwaltung eines Gestüts. In Insterburg lernte er die Tochter des Pfarrers von der Stadtkirche kennen und die beiden heirateten. Auch Namen wurden weitergegeben: Großvater Friedrich, nach ihm wurde Dein großer Bruder benannt, und Großvater hatte einen Bruder, nach dem wurdest Du benannt. Großvater war ein sehr anständiger, aufrichtiger und pflichtbewußter Mann. Er wurde im 1. Weltkrieg eingezogen und kämpfte zu Pferde als Husar für seinen Kaiser. Er wurde mehrfach verwundet, hatte nur noch eine halbe Lunge und einen Splitter im Rücken, den man nicht entfernen konnte. In der Weimarer Republik wählte er wahrscheinlich Zentrumspartei und als die NSDAP kam und viele gezwungen wurden, einzutreten, war er kein Mitläufer oder Opportunist. Er sagte deutlich:
„Da machen wir nicht mit!“ Im 2. Weltkrieg wurde er nicht mehr, wegen seiner schlechten Gesundheit, eingezogen. Während des Kriegs landeten wir erst in Reudnitz (Greiz), dann in Allstedt, das ist ein paar Kilometer nördlich von Erfurt. In Allstedt, als dann die Russen kamen, hat Deine Großmutter Anneliese darauf bestanden, in den Westen zu gehen. Sie ist mehrmals über die grüne Grenze, um die Adresskartons zu schmuggeln. Es war Öhmchen, die die Familie führte. Sie war sehr streng religiös und sie hat Deinen Vater in dieser Nacht gedrängt, zu seiner Gemeinde zu gehen.
Ich verstehe, mein Onkel möchte seinen Bruder in Schutz nehmen. In mir schmerzt aber das Gefühl, für ein Pflichtbewußtsein, mit dem ich nichts zu tun habe, in den Osten verschleppt worden zu sein. Mir ist in Erinnerung, mein Vater hat mir ein einziges Mal vom Krieg erzählt: Er sei nach dem Notabitur als Fähnrich eingezogen und in Norditalien als Vorposten eingesetzt worden, um die Artillerie zu lenken. Ob das „zurück zur Gemeinde gehen“ wohl eine gute Portion „Wiedergutmachung“ für etwas war, was er als Soldat getan oder erlebt hat? Für seinen und den Anstand in unserer Familie spricht: Er ist aus der Wehrmacht desertiert und hat sich zu Fuß auf den Heimweg nach Allstedt gemacht. Der Rang eines Fähnrichs war in der Wehrmacht zwar ein Offiziersrang, aber der unterste der Offiziersränge. Alle Abiturienten wurden so eingezogen. Er war 19 Jahre alt, als die Amerikaner ihn in der Oberpfalz aufgriffen und er drei Wochen in einem Lager bei Schwandorf, bei Schnee und Eis auf dem offenen Feld in einem Erdloch, kampieren mußte, bis sie ihn als unbedenklich eingestuft, ziehen ließen.
Henner, der sich meine Überlegung anhört, bestätigt: Auch er hatte versucht, mit seinem Bruder über den Krieg zu reden, aber über den Krieg schwieg er. Auch Großvater hat nie erzählt, wie es im Feld war.
Ich erzähle, ich kenne dieses ganz Betonte:
„Da machen wir nicht mit!“, gut. Genau das sagte auch mein Vater zu mir, als es in der Schule um die Jungen Pioniere ging. Vielleicht sagte er es so bestimmt, weil er es auch von seinem Vater im Ohr hatte?
„Ja, das könnte gut sein“, bestätigt Henner. Wir waren wieder daheim angekommen.
Beim Abendessen fällt Friedegunde ein, den speziellen Geruch vom Gartentor könnte ich nicht finden, weil es damals Sommer war und jetzt ist Winter. Das war ein Strauch, der blühte, und sie erzählt, der Zwist zwischen den Brüdern ging um Öhmchens kleines Haus, um die Pflege und das Wohnrecht. Gerhard wollte Öhmchen ins Heim geben und im Haus wohnen. Davon habt ihr in Eisenach nichts mitbekommen.
Wir sitzen noch lange zusammen, ich erzähle ein paar Anekdoten aus der U-Haft, dem Knast, von meiner Sabotage bei der Arbeit und die anderen Dinge wie Karzer, die Nächte, die Verzweiflung, wie man nachts ins Kissen beißt, weil man sonst explodiert, die erzähle ich alle nicht.
Heute kann ich gut schlafen. Ich fühle, wie groß und stark unsere Familie ist. Mein neues Familiengefühl in der Großfamilie, diese neue Geborgenheit, ist viel stärker als das Familiengefühl zu meinen Eltern.
Am nächsten Morgen müssen wir das Auto auffönen. Die Türen sind festgefroren, alles wie unter einer Eishaut. Erst Regen, dann Eisregen und im Norden schon Schnee und eisige Kälte. Eine riesige Schneekatastrophe kommt vom Norden her über Deutschland. In den Nachrichten sagen sie, es sind Schleswig-Holstein, Niedersachsen und vor allem Ostdeutschland betroffen. Es fahren keine Züge mehr, die Straßen sind unpassierbar. Die beiden Armeen in West und Ost sind helfend im Einsatz.
Zum Abschied sagt mir Henner noch:
„Bitte tanke an meiner Stammtankstelle, unterschreibe auf der Firmenliste und sage dem Tankwart, ich zahle das bei der Monatsabrechnung mit.“
Ich bin total überrascht darüber und es ist nicht der Geldbetrag, sondern die Geste, die mir ein warmes Familiengefühl gibt.
An der Tankstelle tanke ich und gehe zum Bezahlen. Dem Tankwart sage ich:
„Ich möchte bitte auf der Liste der Firma meines Onkels unterschreiben.“ Der schaut mich sehr verwundert an, fragt nach meinem Namen und ruft Henner an. Dann darf ich unterschreiben und weiterfahren.
Ich kann nicht aus Kassel abfahren, ohne nicht wenigstens bei Gerhard Guten Tag gesagt zu haben. Ich rufe ihn von einer Telefonzelle aus an. Er sei mitten im Hausbau in Zierenberg und lebe in einer Baustelle, aber er würde mich gerne zum Essen einladen. Er nennt mir einen Griechen und dort sehen wir uns.
Gerhard hat sich in den Jahren nicht verändert. Raucht immer noch seine Gold-Dollar, trägt immer noch die gemütlichen Jacken aus Loden. Er freut sich sehr über meinen Besuch. Ich erzähle, ich habe bei Henner übernachtet, da wechseln wir das Thema. Ich frage ihn:
„Ich habe vom Großvater ein Tenorhorn bekommen und mußte es fünf Jahre lang lernen, bin jede Woche quer durch Eisenach zur Musikschule. Das sei das Tenorhorn vom Großvater. Kannst Du mir sagen, wann und wie Großvater darauf gespielt hat?
„Nein“, sagt er, „er hätte es nie gesehen und kann darüber nichts sagen.“
Ich frage auch nach der Nacht im August 1961. Er war auch dabei und hatte auch gebrüllt, die Frau und die Kinder sollen hier bleiben, wenn er schon gehen muß. Er erzählte auch vom Öhmchen, sie hätte sie noch mit dem Rohrstock erzogen. Öhmchen hätte sie blitzeblau geschlagen und dabei geweint, weil sie glaubte, sie müsse es so tun, damit die Kinder anständige Kinder werden.
„Und immer, wenn ich an den Rohrstock denke, kommen mir auch heute noch die Tränen“, dabei füllen sich seine Augen.
Auch hier bekommen wir zum Abschied jeweils einen Schnaps. Ich schiebe meinen zu Gerhard hin, der ihn dankbar annimmt.
Ich will bei den Straßenverhältnissen nicht in die Nacht kommen und so breche ich bald auf. So herzlich wie bei Henner ist es bei Gerhard nicht. Die Umarmung ist eher so unterkühlt, wie bei meinen Eltern. Ich habe ihn nicht darauf angesprochen, wieso er seine Mutter ins Heim bringen wollte. Als ich vorhin seine aufsteigenden Tränen sah, dachte ich, er konnte seiner Mutter die vielen Demütigungen und das schwere Verprügeln mit dem Rohrstock nicht verzeihen.
Auf der Autobahn suche ich mir im Radio einen Sender mit klassischer Musik, finde einen Sender, höre Beethoven-Sonaten. Ich überlege, was genau es sein könnte, dieses wilde Durcheinander, als dann das Thema kommt: Aber logisch, es ist die Appassionata, und als sie ausklingt, erklingt die mir so vertraute Erkennungsmelodie von HR2, dem Sender, den Mutter immer im Radio eingestellt hatte. Das Radio mußte dabei auf der Fensterbank stehen, da dort der Empfang besser war. Sie hätte mir sofort sagen können, wer da spielt. Ihre Musikalität war phänomenal. Sie hatte beim Hören strenge Maßstäbe, Karajan wurde sofort abgedreht. Keine Nazis, nie wieder! Sie erzählte uns, Karajan sei schon als junger Mann zu den Nazis gegangen und habe ihre geheimen Erkennungszeichen, bestimmte Strümpfe, getragen. Wer einmal Nazi ist, der trägt es im Charakter, der ist immer Nazi, egal welches Mäntelchen er sich später umhängt.
Der Sender bleibt mir bis zur Raststätte Rhön. Ich mache wieder Pause, diesmal die Gegenrichtung. Ob die auch die leckeren Würstchen haben? Haben sie und auch wieder im richtigen Topf. Manchmal haben mich in der Freiburg die Leute beim Bier gefragt, ob ich denn meine Heimat nicht vermisse. Ich konnte das erst nicht richtig verstehen, aber wenn ich daran denke: Die Westdeutschen sehen ja Ostdeutschland nicht als Deutschland an, sondern als Randpolen oder Ostblock. Dann habe ich natürlich meine Heimat verlassen. Ich bin zwar nur von Thüringen nach Franken, aber dieser riesige Riß, der Europa und die Welt teilt und trennt, der geht mitten durch die Köpfe. Durch meinen Besuch bei meinen Onkels fühle ich eher, ich habe nicht meine Heimat verloren, sondern Heimat hinzugewonnen. Dieser Riß ist ein tiefer Graben und ich habe eine kleine Brücke bekommen, die mir eine Verbindung schafft. Die ferne Familie im Westen war für mich eine andere Familie, wie wir im Osten. Nun fühle ich die gesamte große Familie und bin ein Teil davon.
In den Nachrichten höre ich, die Front des Schneechaos bewege sich weiter nach Süden, und ich fahre nur circa 100 km vor ihr her. Am Biebelrieder Dreieck fahre ich auf die Abbiegespur von der A7 zur A3 gen Nürnberg und freue mich auf Daheim und auf eine Portion Spaghetti Bolognese bei Sulla.