Mein Aufwachen wird von Tag zu Tag normaler. Die Vermutung, jetzt müßten die üblichen Knastgeräusche zu hören sein, verschwindet. Der Alltag hat uns: Ich gehe einkaufen und Maximilian kocht, so machen wir das. Abends gehen wir auf ein Bier in die als berüchtigt und verrufen geltende Kneipe „Freiburg“ in der Nähe des Lorlebergplatzes. Sie ist bis 3:00 Uhr geöffnet. Immer total voll und zugequalmt. Es gibt einen Musikautomaten, in dem fast ständig „Angie“ von den Stones läuft. Sollte man noch Hunger bekommen, dann gibt es nur ein Gericht: Currywurst mit Bratkartoffeln. Für einen Groschen kann man am Tresen aus einem Automaten gesalzene Erdnüsse bekommen. Weil der zu oft entwendet wurde, hat der Wirt ihn angekettet. Ich genieße es, unter den vielen Menschen zu sein. Es ist viele Jahre her, seit ich überhaupt abends ausgegangen bin – damals in Eisenach zu Trudchen ins Hospiz.
Ich lerne viel über meine neue Umgebung. Franken ist der obere Teil des Bundeslandes Bayern. Bayern ist eigentlich nur der südliche Teil und zwischen Bayern und Franken herrscht ein kleines, humorvolles Geplänkel. Sie sprechen hier kein Bayrisch, sondern Fränkisch, und wenn sie „Oh mein Gott“ sagen, dann ist das „Allmächd na“, und auf dem Dorf haben sie mal zu Kartoffeln Erdäpfel gesagt, das kannte ich auch aus Thüringen. Manche Tätigkeitswörter haben eine völlig andere Bedeutung, so bedeutet ‚schlichten‘, womit wir einen Streit beilegen, in Franken etwas stapeln.
Es ist viel wärmer und milder als in Thüringen. Die Häuser oft aus Sandstein. Fast jedes Dorf hat eine eigene Brauerei, die Klöße sind nicht grün, sondern weiß, werden fast genau wie in Thüringen gemacht und dann geschwefelt, damit sie nicht oxydieren und grün anlaufen. Dazu gibt es auch Schweinebraten. Die Bratensoße wird mit Bier gemacht, dazu Rot- bzw. Weißkraut, und besonders lecker ist eine fränkische Spezialität: ein Schulterstück, „Schäufele“.
Aus Eisenach kommen unsere Geburtsurkunden, die Schulzeugnisse und mein Facharbeiterbrief per Einschreiben an. Die Taufscheine und die Konfirmationsurkunden liegen auch dabei. Ich hefte alles in eine Mappe.
Damit waren wir im Rathaus. Erst zum Anmelden am Einwohneramt, dann zur Paßstelle und danach zum Verkehrsamt, die Fahrerlaubnis umschreiben. Wir bekamen eine Krankenversicherung bei der AOK und meldeten uns beim Arbeitsamt an. Sie fragten nach meiner Berufsausbildung, „Zerspanungsfacharbeiter“. Da mußten sie erst suchen, was das ist. Wir eröffneten bei der Sparkasse ein Girokonto. Vom Sozialamt bekamen wir Geld, damit wir uns eine Grundausstattung kaufen können. Hemd, Hose, Schuhe, Mantel usw. Sogar Geld für Kohlen für den Winter. Und auf jedem Amt fragten sie mich, wann ich denn nach Deutschland gekommen sei, und das machte mich jedes Mal sehr wütend. Einen Anfall habe ich im Großraumbüro im Rathaus bekommen, als ich den Paß und den Personalausweis abholte. Da war meine Fahrerlaubnis umgeschrieben und auf meinem Führerschein stand „geboren in Jena/DDR“. Es war der Tropfen, der mein Faß zum Überlaufen brachte. In plötzlicher Rage bin ich fast über den Tresen gesprungen und habe den Sachbearbeiter angefaucht, er möge das bitte umgehend neu machen und schreiben: „Geboren in Jena“ oder „Jena/Thür.
Nachdem alle erschrocken hergeschaut haben, nahm er meinen Führerschein zurück und bot mir an, ich solle ihn morgen wieder abholen, er werde das ändern.
Wir bekamen eine Aufforderung, uns bei einem Arzt vorzustellen. Der beantragte sofort für uns eine Kur und schrieb uns bis dahin krank. Seine Begründung: Mangelernährung, schlechter körperlicher Zustand und Untergewicht.
Ich fühle mich aber nicht so.
Die AOK antwortet umgehend: „Genehmigt.“
Ein Brief von der Bundeswehr kam, ich sei nicht wehrpflichtig, da ich meine Wehrpflicht bereits abgeleistet hätte.
Auch ein Schreiben vom BND kam, ob ich zu einem Gespräch nach Nürnberg kommen würde. Da erinnere ich mich, ich hatte im Lager Gießen dem BND-Beamten die Aussage verweigert.
Ich fahre mit dem VW-Käfer nach Nürnberg. Unterwegs, als ich die Schilder mit der Fernstraßennummer „B4“ sehe, begreife ich: Ich bin diese Landstraße „4“ schon oft entlanggefahren, damals in Erfurt, da hieß sie „F4“. Ich war mir nur nicht bewußt: Diese Fernstraße führt längs durch ganz Deutschland. Es gibt mir ein gutes Gefühl, ich kann es aber nicht genauer beschreiben, vielleicht weil es Erfurt und Nürnberg, das Damals und das Jetzt verbindet.
In Nürnberg, das Büro nett und hell, ein Gespräch mit Kaffee und Keksen auf dem Tisch. Sie fragen mich nach meiner Armeezeit, Standort, Gattung, Offiziere, Namen mit Dienstgraden. Ich gebe gerne und ausführlich Auskunft und biete an, da ich eine dicke Krankenakte aus meiner Armeezeit wegen meiner Nasennebenhöhlenoperationen hatte, diese dem Beamten zu überlassen. Ja, das würde ihn interessieren, das nimmt er gerne an. Es gibt zum Abschied einen Entschädigungsaufwand und Fahrgeld, ausgerechnet bis auf die Nachkommastellen.
Auf dem Heimweg von Nürnberg erinnere ich mich wieder an Gefühle aus meiner Armeezeit. Wie ich die Uniform gehaßt habe. Als ich endlich bei Wehrdienstende die Uniform wieder ausziehen konnte, habe ich mir geschworen: Nie wieder würde ich etwas anziehen, was nach Uniform aussieht. Schon der Anblick der Schulterstücke, das stammt direkt vom Imponiergehabe in der Tierwelt ab. So möchte ich nicht aussehen und mich nicht zeigen.
Die vielen Monate in der Zelle – mein Körper ist immer noch nicht wieder an Bewegung gewöhnt. Schon die Treppe in den zweiten Stock zu steigen, strengt mich an.
Aus der Wohnung höre ich Musik. Griegs ‚Morgenstimmung‘, das ist diese Art von Musik, bei der es sofort in meiner Nase kribbelt, als ob Tränen aufsteigen möchten. Erst die Flöten, dann die Oboe, dieses leicht singende Schweben. Warum berührt mich diese Musik jetzt so intensiv? Ich setze mich auf die Treppe, einfach nur zuhören. Unbedingt muß ich die Eltern in Eisenach anrufen, ob meine Querflöte noch existiert, und sie mögen sie mir bitte schnell schicken. Diese verfluchte Stasi, sie hatten mich nicht nur eingesperrt und mir die Bewegungsfreiheit genommen, sie hatten mir auch das Riechen, das Sehen und das Hören genommen. In der U-Haft meine fensterlose halbdunkle Zelle, der ewige Geruch nach Desinfektionsmitteln. Diese absolute Stille. Das Fehlen von Geräuschen, das Fehlen von Musik.
Dann höre ich unten die Haustür und es kommen Friedolin und Adele die Treppe herauf.
„Was machst Du hier draußen?“, fragt Adele.
„Ach, nur der Musik zuhören.“
Friedolin balanciert ein Kuchenblech in der Hand:
„Habe einen Zwetschgendatschi für Euch gebacken.“
„Was ist’n Datschi?“
„Das ist ein Zwetschgenkuchen, nur der süddeutsche Ausdruck.“
Ich schließe die Tür auf, wir gehen hinein.
Maximilian sitzt im Sessel und liest Zeitung.
Friedolin lautstark:
„Kaffee kochen, Sahne schlagen. Auf geht’s! Alle fertigmachen zur Zählung!“, und lacht.
An den Dingen, mit denen er sich umgibt, sieht man, er hat eine besondere Begabung, schöne Dinge zu erkennen. So findet er bei Trödel- und Gebrauchtwaren immer tolle Sachen. Seine Kuchenteller sind mit zart blau-weißen Ornamenten verziert und die Kuchengabeln aus Silber. Der Kuchenheber hat einen Griff aus Porzellan.
Ich suche mir eine Schüssel und den Schneebesen und schlage die Sahne.
„Vergiß nicht, 2 Teelöffel Zucker dazu zu tun“, erinnert mich Friedolin.
„… und ich habe gute Neuigkeiten für Euch. Ich habe eine neue Wohnung gefunden und Ihr könnt diese hier behalten, solange es Euch gefällt.“
„Tja …“, sagt Adele, „… und ich habe auch was Gutes zu berichten: Ich lade Euch heute Abend ein nach Nürnberg ins Plärrer-Kino. Es läuft im Kino 3 „Alexis Sorbas“.
„Das gibt es als Film?“
„Ja, mit Anthony Quinn.“
Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal im Kino war. Ich glaube, es war in Eisenach im Capitol: „Die Söhne der großen Bärin“, ein Indianerfilm der DEFA. Sehr lange her.
„Wann geht das los? Wann fahren wir ab?“
„Der Film geht um 20:00 Uhr los, vorher eine Viertelstunde Werbung. Es reicht, wenn wir nach der Werbung hineingehen.“
„Nein, laß uns lieber rechtzeitig da sein, sonst gibt es nur noch Plätze in der Rasierloge.“
Friedolin, der meinen besorgten Gesichtsausdruck sieht:
„Keine Panik, wir werden gute Plätze haben. Das Kino ist hier ganz anders, als Du es kennst.“
Mit dem Käfer fahren wir über die B4 nach Nürnberg. An der Kaiserburg über den Plärrer und am Opernhaus vorbei, kommen wir hinter dem Hauptbahnhof zum Casablanca Filmkunsttheater, in dem gleich mehrere Kinos sind. Das Foyer elegant, rote Teppiche, große Filmplakate an der Seite, mehrere Kassen und oben drüber eine Anzeige, welcher Film, wann in welchem Kino läuft.
Da steht: Kino 3, Alexis Sorbas, Anfang 20:00 Uhr!
Adele kauft Eintrittskarten und Friedolin an einem Kiosk neben den Kassen vier Flaschen Bier.
Im Kino dicke Polstersitze. Die sind etwas nach hinten geneigt, sodaß man entspannt sitzen kann, ohne sich den Hals zu verrenken. Vor den Sitzen, an der Rückseite der Sitzreihe davor, ist ein langes Brett, mit jeweils einer Vertiefung, passend für eine Flasche Bier, eingelassen.
Das ist Kino. Das gefällt mir!
Jeder sieht einen Film anders. Vielleicht sieht man ihn selbst anders, wenn man ihn erneut anschaut. Ich bekomme von der Handlung wenig mit, so sehr bin ich von den Landschaftsbildern gefesselt. Das Meer, das andere hellere Licht, der kleine Hafen. Einfach da sitzen und schauen. Ich atme mal um mal schwerer, es drückt etwas auf meinen Brustkorb. Ich bin für einen kurzen Moment wieder in der Zelle, halte das Buch in den Händen, erinnere mich an meine durch das Buch ausgelösten Träume. Und jetzt im Film ist alles noch viel, viel schöner. Ich atme tief durch, der Druck schwindet wieder. In meiner Vorstellung damals fehlten das Meer und die Sonne.
Auf dem Heimweg fragt mich Adele:
„Was hat Dir besonders gefallen?“
„Ach, der Film ist wunderbar. Es kam kurz eine Erinnerung an das Lesen des Buches in mir hoch. Das hat mich für einen Moment zurück in die Zelle geschickt. Aber dadurch ausgelöst fühlte ich Freude darüber: Es ist kein ferner Traum mehr, ich könnte mich morgen auf den Weg machen, um dorthin oder auch irgendwohin zu fahren. Ich bin begeistert. Alexis Sorbas heute mit Sonne, Meer und Musik.“
Darauf schweigen wir alle eine Weile vor uns hin.
Ich mache den Vorschlag:
„… kommt, wir gehen noch auf’n Bier in die Freiburg?“
Dort ist es voll. Wir finden an einem der großen Tische Platz und setzen uns dazu. Ich hole uns vier Helle.
In der Kneipe sitzen und reden, das ist einfach schön. Ich stelle jedem sein Bier vor die Nase. Und setze mich dazu.
„Dann mal Prost!“
Wir stoßen alle an.
„Und danke für die Einladung zu Alexis Sorbas!“
„Gern geschehen!“
Dann fange ich an, weil es mir auf dem Herzen liegt:
„Aber um noch etwas zum Film zu sagen …“
Alle schauen mich an, lächeln freundlich, als ob sie befürchten, ich würde jetzt gleich wieder so einen ernsten Spruch über Freiheit und Reisen sagen.
„ … Zorbas gehört zu den Mutigen. Man kann die Menschen unterteilen in Mutige und Feige. Es gehört Mut dazu, seine Freiheit zu erkämpfen. Die Feigen werden nie mutig – Kazantzakis hat das gewußt. Er hat uns zwei Mutige gezeigt und wie schön damit das Leben ist. Es gewinnt eine andere Tiefe.“
„Stimmt“, antwortet Adele und fährt fort:
„Übrigens, den Tanz ‚Sirtaki‘, den haben sie für den Film erfunden, und die Melodie hörst Du ständig in den griechischen Gaststätten.“
„Mir war auch so, als ob ich die Melodie schon bei Sulla gehört hätte.“, sagt Maximilian und antwortet mir:
„Aber die Unterteilung in Mutige und Feige, das siehst Du zu kraß. Jeder hat das Bedürfnis nach Freiheit, aber nicht jeder ist mutig genug, sich auf den Weg zu machen.“
Ich schaue ihn an und erwidere, vielleicht etwas zu laut, auch für eine laute Kneipe:
„Nein, nein! Denk doch mal zurück, die vielen Mitläufer, diese elenden Opportunisten, die sind einfach zu feige zum Leben, mit denen kannst Du nicht über Freiheit reden, weil sie Unfreiheit nicht wahrnehmen.“
Ich nehme einen tiefen Zug von meinem Bier.
„Und durch diese Opportunisten und Mitläufer kann sich das Böse und das Schlechte ausbreiten und wenn Du Mitstreiter brauchst, um gegen das Böse vorzugehen, dann stehst Du wieder allein da.“
Besänftigend legt mir Adele die Hand auf den Unterarm:
„Ja, für Euch hat Freiheit eine ganz andere Bedeutung, als wenn man sie schon immer hatte. Sag mal, warum habt ihr im Knast Alexis Sorbas und Thor Heyerdahl so geliebt?“
„Ganz einfach, das ist wie für Hungernde das Kochbuch!“, antworte ich ihr.
Nach so einem Abend ist es schön, heim ins Bett zu gehen.
Ich fühle mich wieder am Leben.