27 Eltern

Wie wohl meine Träume zustande kommen? Manchmal kann ich selbst einen Zusammenhang erkennen. Ich habe einmal ein Seminar besucht, indem es um Erasmus von Rotterdam ging, danach träumte ich von einer Landschaft, in der Leuchttürme der Weisheit stehen. Thomas von Aquin und Erasmus von Rotterdam ragten als riesige Gestalten aus einer hügeligen Landschaft auf und ich träumte, ich würde die beiden berühmten Alberts zu einer Person als Leuchtturm vereinigen. Der eine, der Physiker, der uns Raum und Zeit neu erklärte, und der andere, der Philosoph, der uns vielleicht vor dem Untergang gerettet hat mit seinem Hinweis auf die Ehrfurcht vor dem Leben. Der philosophische Albert hat uns unser Fundament zurückgegeben, indem er uns wieder mit den Tieren vereinte. Man sollte den beiden Alberts ein gemeinsames Denkmal erschaffen, auf dem sie verschmolzen zu einer Person, Rücken an Rücken stehen. Nicht nebeneinander, wie Goethe und Schiller auf dem Weimarer Theaterplatz.
Mit diesem Bild bin ich aufgewacht und habe daran gedacht, man sollte statt dessen René Descartes endlich vom Sockel holen. Dieser arrogante Höfling, dem normalen Leben nie wirklich nahgekommen und löste mit seiner Aussage, Tiere empfinden keinen Schmerz, unsägliches Leid aus. Und weil wir an einen Gott denken, muß es einen geben? So ein Quatsch: Unser Denken ist bestimmt von den Launen der Natur und oft genug einfach nur von dem, was wir gerade gegessen haben. Damit stehe ich auf, gehe zur Küche und koche Kaffee.
Auf dem Plattenspieler sehe ich die von Isa gestern aufgelegte Platte liegen: Tannhäuser Ouvertüre. Seit wann hört sie Wagner? Ich schaue über ihren Schreibtisch, was sie gerade an Büchern liest, und kann keinen Hinweis finden. Ich lege die Platte auf und beim Hören kommt mir ein Ratschlag meiner Mutter in den Sinn:
„Wagner muß man mit dem ganzen Körper hören. Du mußt deine Atmung mit der Musik synchronisieren.“ Die ruhigen Anfangspassagen dieser im ‚französischen‘ Stil komponierten Ouvertüre laden regelrecht dazu ein. Vielleicht von Wagner eine bewußte Manipulation der Zuhörer?
Auf der Treppe höre ich das Getrappel von Mira. Kurz darauf öffnet Isa die Tür, Mira stürmt herein und begrüßt mich mit einem wilden Tanz, um dann sofort wieder in die Küche zu rennen und nach ihrem Napf zu schauen. Isa nimmt sich einen Kaffee und setzt sich zu mir aufs Sofa.
„Heute Morgen kam ein Brief von meinen Eltern. Meinem Opa in Bad Laasphe geht es nicht gut. Ich habe deshalb eben mit ihnen telefoniert. Es geht ihm täglich schlechter. Ich bin seine Lieblingsenkelin, er möchte mich noch einmal sehen. Ich nehme meine Unterlagen für die Magisterarbeit mit, auch Mira, und fahre nachher los. Meine Oma hat schon das Gästezimmer vorbereitet.“
Sie schaut sehr traurig aus, lehnt sich an mich, atmet tief durch und sagt fast flüsternd:
„Es ist wie ein kalter Hauch, wenn der Tod sich zeigt.“
Ich nehme sie fest in meine Arme und fordere sie auf:
„Pack Du Deine Sachen, ich gehe noch die Hunderunde, kaufe Dir eine Brotzeit für unterwegs und für Mira Futter für die nächsten Tage.“ Zur Bestätigung geht Isa zu ihrem Schreibtisch und beginnt ihre Unterlagen zusammenzusuchen. Ich nehme mir die Hundeleine, eine Einkaufstasche und mache mich auf den Weg. Als ich zurückkomme, steht Isa bereits an ihrem Käfer und wartet auf mich. Wir verstauen den Proviant, den Hundenapf, und ich mache für Mira ein kuscheliges Körbchen auf der Rückbank, dann brausen sie los. Kurz nachdem ich wieder oben bin, klopft es und Angela kommt herein.
„Ist Isa da?“
„Nein“, antworte ich ihr, „sie mußte heimfahren, ihrem Großvater geht es nicht gut.“ Angela ist sonst immer fröhlich, jetzt sieht sie sorgenvoll aus.
„Ich wollte mit Isa was besprechen.“
„Was ist los, setz Dich doch erst mal, willst’e `nen Kaffee?“
„Ja gerne, oder nein, besser nicht. Ich muß ab jetzt aufpassen, bin schwanger.“
„Na, das ist ja eine tolle Überraschung!“ antworte ich, gehe zum Plattenspieler, lege die Tannhäuser-Ouvertüre wieder auf und sage lachend:
„Musik während der Schwangerschaft ist gut für’s Kind, fördert die Entwicklung. Mit Tannhäuser im Ohr, vielleicht wird es ja ein Minnesänger?“ Jetzt muß Angela auch lachen, wird aber sofort wieder ernst:
„Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht, Kind, Studium, ob ich mit dem Vater zusammen bin bzw. bleibe…?“, und fügt ganz fränkisch an, „Allmächd na!“ Vorsichtig frage ich zurück:
„Hast Du mit deinem Freund darüber gesprochen?“
„Nein, ich weiß nicht mal, ob er mein Freund ist. Ich muß mir selber darüber klar werden.“
„Er hat ja seinen Anteil und vielleicht ist es besser, wenn ihr zusammen darüber nachdenkt?“, gebe ich zu bedenken. Angela steht auf:
„Ich sehe ihn morgen, bis dahin sehe ich klarer. Tschüß!“, und geht hinaus.
Ich überlege, ob ich in mein Notizbüchlein schreiben soll: „Ein Tag, ein Mensch geht, einer kommt …“, aber das ist mir zu kitschig. Ich suche mir ein Buch für die Nacht und gehe ins Brazil. Auf dem Sofa sitzt schon Ingo. Ich bestelle am Tresen im Vorbeigehen Kaffee, dazu Quarkkuchen mit Sahne und setze mich zu Ingo an den Tisch. Im Radio spielen sie gerade „A Horse With No Name“. Ich habe mir, um mein Englisch zu verbessern, angewöhnt, die Titel zu übersetzen und dabei auch Witze zu machen.
„Ach das namenlose Pferd“, sage ich zu Ingo, und er antwortet: „Irgendwann wird dich der Blitz treffen und dann ist Schluß mit ‚Es regnet wieder‘ und ‚Klopf an die Himmelstür‘. Wer ‚desert‘ mit ‚Nachspeise‘ statt mit Wüste übersetzt, schmort in der Hölle und muß Schlager hören.“ Ingo ist absolut textsicher in all diesen Songs, er kennt das ‚namenlose Pferd‘ auswendig.
„Du weißt“, antworte ich ihm, es dient meinen Englischkenntnissen“, und gehe nicht weiter darauf ein, sondern erzähle ihm: „Ich kann in der Wohnung in der Elisabethstraße nicht schreiben. Die Umgebung, keine Atmosphäre, ich werde die Wohnung wieder kündigen.“
„Und wo willst Du dann wohnen?“, fragt er mich.
„Mal sehen, bis ich was finde, kann ich ja wieder bei Isa schlafen, das tue ich sowieso ständig.“ Er lacht:
„Wenn es mal zu eng wird, kannst Du bei mir einziehen, ich habe eine Kammer, da können wir ein Bett aufstellen.“
„Danke, gut zu wissen!“ Ich habe gerade einen ersten Bissen von meinem Kuchen gegessen, als vor der Tür lautes Hupen ertönt. Die Zwo-sieben hält in zweiter Reihe, der Fahrer steht in der Fahrertür und winkt mir zu, ich soll herauskommen, es scheint eilig zu sein. Ich lege Geld auf den Tisch, nehme den Kuchen auf die Hand, nicke Ingo zu und gehe zur Zwo-sieben. Er sitzt wieder im Auto, hält mir die Beifahrertür offen. Ich steige ein und er fährt sofort los:
„Meine Mutter steht am Standplatz Bettenhaus und wartet. Ich möchte sie heimbringen, Alterlangen und dann kannst Du dort gleich übernehmen, ich helfe meiner Mutter.“
„Alles klar, kein Problem.“ Ich stopfe mir den Rest meines Quarkkuchens in den Mund und frage mit vollem Mund:
„Was ist los? Ist sie krank?“
„Nein, nur gestürzt und jetzt humpelt sie für ein paar Tage.“ Der Tagfahrer, ein großer schlaksiger Kerl, ich muß den Sitz nie verstellen, wenn ich die Zwo-sieben übernehme, wir sind fast gleich groß, aber er ist viel nervöser. Wenn er am Standplatz steht, beugt er sich immer etwas über das Lenkrad vor und schaut heraus. Dabei knibbelt er mit den Fingern am Lenkrad. Mittlerweile ist an der Seite der blanke Stahl zu sehen. Wir bringen ihn und seine Mutter nach Hause. Ich übernehme, schalte seinen BR3-Verkehrsfunk um auf BR4-Klassik. 18:00 Uhr Nachrichten. Ich überlege: Soll ich zum Bahnhof fahren?Entscheide mich aber hier um die Ecke am Standplatz Alterlangen stehen zu bleiben. Da ruft mich die Zentrale:
„Zwo-sieben, ihr Bruder ist am Telefon, morgen um 16:00 Uhr Treffen im Brazil, es sei sehr wichtig.“
„Zentrale, sagen Sie ihm bitte: „Alles klar, ich werde da sein danke.“
Das kann nur Maximilian gewesen sein, Friedolin wäre in die Wohnung gekommen. Im Radio senden sie Schuberts unvollendete h-moll und als das Thema kommt, bei dem unsere Mutter immer mitsang: „Frieda, wo kommst du her, wo gehst du hin, wann kommst du wieda?.“ muß ich lächeln. Es ist bereits heute das zweite Mal, daß ich an meine Mutter denken muß. Ein gutes, ein schlechtes Omen oder Telepathie? Ich sollte mal wieder in Eisenach anrufen.
BR4 hat offensichtlich heute einen Schubertabend. Es folgt das Trio Opus 100 in Es-Dur. Ich empfinde es als Duo, da es eine Unterhaltung zwischen Klavier und Streichern ist. Es klingt wie eine Diskussion, wie ein Gespräch, wie die Unterhaltung eines Paares. Ähnlich den Rufen und den Antworten wie im Dvořáks Cellokonzert, aber da ist es ein Werben, ein musikalischer Balztanz. Hier hingegen ist es Miteinander-Reden, so wie ich mir miteinander reden immer als ruhigen Austausch vorgestellt habe. „Hörst du mich?“ fragt das Klavier, „aber ja“ antworten mal die Geige, mal das Cello, „verstehst du es auch?“ fragen die Streicher gemeinsam, „Aber ja!“ antwortet das Klavier. Ob das nur meine Assoziationen sind oder ob Schubert genau so etwas ausdrücken wollte?
Nach den 19:00-Uhr-Nachrichten, ich stehe mittlerweile nach zwei Fahrten am Standplatz Anger, senden sie die Serenade „Leise flehen meine Lieder“. Das ist so traurig, so unendlich wehmütig. Ich drehe den Funk aus, um nur noch zuhören zu können, bin irgendwie aufgeweicht, Gefühle springen mich an und meine Schutzmechanismen scheinen nicht mehr zu funktionieren! In mir steigt wieder dieses Klopfen auf. Ich spüre, wie es von unten an meinen Kehlkopf rüttelt, aber es schafft es nicht herauf zu kommen, ist von einem Deckel verschlossen, zwischen innen und außen, zwischen unten und oben. Das ist nicht gut, das will ich nicht! Will nicht, daß mich solche Wallungen, solche trockenen Tränen, so ein Würgen, ergreift. Ich steige aus, laufe um die Zwo-sieben und das hilft immer - tief und ruhig: Atmen, Atmen, Atmen - ! Puuuhh vorbei. Ich steige ein, schalte den Funk wieder an und bekomme auch gleich eine Fahrt. Manchmal bin ich mir selber nicht ganz geheuer. Ich muß diesen schwarzen Raucher in mir in den Griff bekommen. Mit diesen Gedanken stelle ich morgens die Zwo-sieben vors Brazil, gehe müde ins Bett und vermisse Isa und Mira.
Nachmittags bin ich wie versprochen am Brazil. Maximilian sitzt schon vor einem Bier. Am Tresen steht die Bedienung und kassiert gerade, ich zeige im Vorbeigehen mit dem Finger Richtung Quarkkuchen, sie versteht, lächelt und nickt zustimmend. Ich setze mich zu Maximilian. Er sieht sorgenvoll aus.
„Gestern kam ein Brief aus Eisenach …“, und er atmet dabei tief durch, „unsere Eltern kommen in einer Woche hier an.“
„Wie das?“, frage ich erschrocken zurück.
„Vater hat geschrieben, er kann nicht mehr da leben, wo alle seine Söhne im Gefängnis waren.“ Das ist dunkel und schwer. Wir schauen uns an und schweigen. Die Grenze trennt Ost und West und für uns zugleich das alte vom neuen Leben. Wir konnten so alte Konflikte einfach abschneiden, vergraben und vergessen. Jetzt ist mir, als ob eine dunkle Wolke heranweht. Wie Aufstoßen mit Sodbrennen kommt mir die Erinnerung an meinen nächtlichen Spaziergang in Kassel hoch. Ich fühle noch einmal die Bitterkeit, die damals in mir war, als ich verstand, wie anders mein Leben mit einer westdeutschen Kindheit und Jugend verlaufen wäre.
„Er hat uns doch erst in den Osten gebracht, um seine Gemeinde nicht im Stich zu lassen. Die war ihm wichtiger als wir.“, sage ich und schlage böse und laut auf den Tisch.
„Komm, laß uns zu Friedolin gehen, wir müssen das auch mit ihm besprechen.“ Maximilian reicht mir den Brief und ich lese, Vater hatte vor zwei Wochen einen Ausreiseantrag gestellt und der wurde vom Rat des Kreises sofort genehmigt. Maximilian sagt:
„Ich denke, die waren froh, ihn losgeworden zu sein. Seine gut besuchten Gottesdienste waren ihnen ein Dorn im Auge.“ Ich lese weiter, sie bekämen von der Spedition ‚Deutrans‘ einen LKW gestellt, um alle Möbel mitnehmen zu können. Der Termin sei Ende nächster Woche. Die Gedanken heute an meine Mutter waren also vielleicht nicht zufällig, vielleicht war das Telepathie. Wir machen uns auf zu Friedolin. Wir finden keine Lösung was zu tun sei und verbleiben, wir treffen uns hier morgen wieder. Am nächsten Tag, bei diesem Treffen, kapieren wir: Da kommen unsere Eltern und ein LKW voll Möbel. Wir müssen eine Wohnung und einen Lagerplatz für die Möbel finden. Als ich später die Zwo-sieben ablöse und am Standplatz Zollhaus neben der Telefonzelle stehe, geht mir durch den Kopf: Ich sollte in Eisenach anrufen; aber ich kann das nicht, will das nicht, schaffe es nicht. Da ist plötzlich eine Sperre und vor dieser Sperre sitzt ein tiefer Groll, für den ich noch keinen Namen habe.
„Ein namenloser Groll reitet durch die Nachspeise“, es ins Lächerliche zu ziehen, hilft.
Die nächsten Tage laufen so dahin. Adele kommt zu Besuch und lädt mich ein, sie mal in ihrer Wohnung zu besuchen. Mit ihr kommt ihr kleiner Bruder, der weit größer ist, eine Bohnenstange und als Spitznamen Hungerturm heißt. Sein Verhalten ist etwas eigenwillig, fast verschroben. Adele sagt, seine Illustrationen seien wunderschön, er rede nicht viel. In der Folgezeit fällt er mir immer wieder in der Stadt auf. Wenn ich ihn heimlaufen sehe, halte ich an und nehme ihn einfach mit. Er hat sein Zimmer in der Nähe der US-Kasernen am Tor-Zwo. Wenn er einsteigt, knufft er mich zur Begrüßung am Oberarm und knufft wieder, wenn er aussteigen möchte.
Einmal hatte er eine Mappe mit seinen Bildern unterm Arm, zog ein Blatt heraus und reichte es mir. Es zeigte ein halbnacktes Paar, wie es am Abendbrottisch sitzt. Um ihre Köpfe hatten sie durchsichtige, vollständig geschlossene Raumfahrerhelme.
Maximilian ist ein Genie im Organisieren. Er war im Rathaus und hat bei der Behörde eine Ferienwohnung in Marloffstein zugewiesen bekommen, in der die Eltern erst einmal unterkommen können. Für die Möbel gibt es einen Platz in einer alten Lagerhalle.
Isa kann ich endlich erreichen und bei ihren Großeltern anrufen. Sie sagt, sie gehe viel mit Mira über die umliegenden Felder spazieren. Ihre Großeltern leben direkt am Wald in einem Forsthaus. Leider gehe es ihm täglich schlechter. Sie will bleiben. Ihrer Stimme fehlt jede Fröhlichkeit, sie wirkt sehr bedrückt.
Der Deutrans-LKW kommt einen Tag vorher. Wir sind zu dritt und laden aus. All die alten abgewohnten Möbel, Dresdner Hellerau, nur wenige wirkliche Möbel, wie den Barocksekretär von Mutter und die Brautpaarstühle aus Vaters Amtszimmer, sogar vier Säcke Briketts! Die haben sogar die Kohlen aus dem Keller eingeladen? Wir sind fassungslos und erlauben uns, die alten zerschlissenen Sessel aus dem Wintergarten sofort auf den Sperrmüll zu bringen. Dann ein Telegramm an Friedolin:
„+++ Ankommen morgen Interzonenzug 15:30 Uhr Erlangen +++“.
Uns ist mulmig. Was wird sein, wie werden sie drauf sein?
Wir fahren zur Ferienwohnung, füllen den Kühlschrank auf und bereiten alles für einen guten Empfang vor. Friedolin hat sich ein paar Tage vorher einen alten Citroën DS Pallas gekauft. Mit ihm fahren wir gemeinsam zum Bahnhof und laufen unter der Unterführung durch zum Bahnsteig. Genau dieses Zu-dritt-miteinander-Laufen erinnert mich an das letzte Mal, wie wir so gemeinsam nebeneinander gelaufen sind – Karlsbad auf der Promenade. Es fühlt sich sehr gut an, so zu dritt, drei Brüder. So stehen wir auch auf dem Bahnsteig nebeneinander. Nach den Umarmungen, auf dem Rückweg, wieder in der Unterführung, gibt es plötzlich Tränen. Mutter weint, weint Tränen, weint alte Tränen, ganz leise und sie klingen anders als Tränen der Freude. Sie wirkt ganz klein, versteckt sich hinter einem großen Taschentuch. Erst in der Ferienwohnung, bei einer Flasche Schampus, kann sie ihr Gesicht wieder zeigen. Friedolin kocht uns das Abendessen. Wir sitzen lange und reden irgendwie und irgendwas. Es ist sehr spät, als ich für den Rest der Nacht die Zwo-sieben am Brazil abhole. Im BR4-Nachtprogramm spielen sie gregorianische Gesänge. Ich drehe ab, das ist mir zuviel Erinnerung an Sommerferien in Freiberg in Sachsen. Wir waren zusammen mit anderen Pfarrersfamilien. Täglich sechs Mal beten und singen. Wir Kinder mußten an drei Gebeten teilnehmen und ansonsten durften wir spielen. Die Kommunisten haben ihre Kinder zur Wehrerziehung geschickt, die Pfaffen zum Beten.
Boah, was für elende Scheißerinnerungen!
Bei meinem nächsten Besuch in der Ferienwohnung, nimmt mich erst meine Mutter zur Seite, um mir im Vertrauen zu sagen, sie würden sich jetzt scheiden lassen. Bei einem Spaziergang eine Stunde später erfahre ich das auch von meinem Vater. Sie würden nach getrennten Wohnungen suchen. Ich kenne meine Eltern nur als Eltern. Habe nie darüber nachgedacht, ob sie sich lieben. All das Brüllen, Schreien, Türknallen war doch normal – oder? Erstaunt schaue ich fragend meinen Vater an. Er greift in die Innentasche seines Jacketts und gibt mir ein Schächtelchen, darin die Uhr, die mir Großvater zur Konfirmation geschenkt hatte. Ich hatte sie total vergessen. Ich ließ sie in seiner Obhut zurück, damit sie auf der Flucht nicht verloren oder beschädigt werden könnte. Nun habe ich sie wieder und lege sie mir sofort ums Handgelenk. Dann holt mein Vater ein weiteres kleines Schächtelchen aus der Hosentasche und gibt es mir:
„Das ist deines Großvaters Uhr. Ich habe sie nach seinem Tod bekommen. Du warst da noch in Deiner Armeezeit. Ich denke, sie ist besser bei Dir als bei mir in der Schublade, aufgehoben.“ Ich bin gerührt. Diese Geste entschädigt mich für den Verlust der Schreibmaschine. Als wir zusammen am Tisch sitzen, lege ich Autoschlüssel und KFZ-Papiere vom Käfer auf den Tisch und überlasse den Käfer meinen Eltern. Sie brauchen einen fahrbaren Untersatz und wollen bestimmt auch ihre Geschwister besuchen. Als wir uns zum Abschied umarmen wollen, geht es nicht. Ich schiebe meine Eltern weg, sodaß nur ein Klopfen auf die Schultern und eine angedeutete Umarmung bleibt. Es ist nicht der namenlose Groll, der durch die Nachspeise reitet, es ist eine zugige, bittere Kälte – ist sein Name Hippocampus?
In der nächsten Zeit wechseln wir uns ab: Elterndienst, Behördengänge. Isa kommt zurück. Wir gehen zusammen meine Eltern besuchen. Als meine Mutter Mira sieht, erzählt sie die Geschichte von Dackel Axel, den sie von Albert Sixtus, der in Jena eine Etage unter uns wohnte, übernommen hatte und mit dem ich in meinem Ställchen gespielt habe. Isa ist noch immer bedrückt, ihr Lachen klingt nicht fröhlich und frei. Wir verabschieden uns bald und machen zusammen einen langen Hundespaziergang zum Wasserturm. Erst spricht Isa über unsere Sommerpläne, wenn wir wirklich in den Sommer Semesterferien nach Kanada wollten, könnten wir bei Freunden aus Allagen, die jetzt in Kanada das Nachbargrundstück gekauft haben, vom Flughafen Toronto bis Manitoulin Island im Auto mitfahren. Wir müßten nur den gleichen Flug buchen. Dann schweigt sie eine Weile, nimmt meine Hand und fängt schließlich langsam an, zu erzählen:
„Er hat es im Wald gesehen, hat zugeschaut, weil es in seinem Forstrevier geschehen ist. Da ...“, und dabei hat sie dieses kleine Stottern, bei dem sie nur die erste Silbe nicht herausbekommt:
„Da … da war die SS und ein paar Lastwagen mit Menschen drauf, alles Juden. Die mußten absteigen, zu vorbereiteten Gräben gehen und wurden erschossen – alle!“
„Wer ist er?“, frage ich zurück.
„Mein Großvater war das. Er hat mir alles erzählt.“
„Warum hat er nichts unternommen, warum hat er es noch nie erzählt?“, frage ich erregt. Isa schweigt einen Moment und antwortet dann:
„Er sagt, er hätte Angst um seine Familie gehabt, ihr könnte etwas Schlimmes passieren.“ Wir bleiben stehen und Isa spricht weiter:
„Er mußte es mir erzählen, weil er sonst nicht sterben kann.“ Eine ungeheure Wut steigt in mir auf. Hätte das alte Arschloch, wenn er schon, als es stattfand, zu feige war, etwas dagegen zu unternehmen, wenigstens nach dem Krieg in irgendeiner Form für sein Wegschauen und Nichts-tun, eine Wiedergutmachung geleistet! Aber statt dessen hat er seine Lebensjauche auf seine kleine zarte Enkelin abgeladen! Ich sehe es an Isa, an ihrer verlorenen Fröhlichkeit. Sie hat ihres Großvaters Schuld auf sich genommen.