Im Taxi
Im Winter, ohne laufenden Motor am Standplatz, da wird es schnell kalt im Wagen. Ich fahre zum Bahnhof, reihe mich in die Schlange der wartenden Taxis hinten ein. Weiter vorne sehe ich Ingo mit laufendem Motor in der Eins-neun. Ich stelle ab und gehe zu ihm vor. Weil ich das vorhin mit Isas Bruder und Westberlin nicht verstanden habe, frage ich, ob er denn bei der Armee war und was das mit Westberlin auf sich hat. Ingo erklärt mir, der Grundwehrdienst heißt hier „zum Bund“ gehen bzw. müssen. Direkt in der Nachkriegszeit wollte man bei der Wiederbewaffnung Westdeutschlands die Bezeichnung „Armee“ vermeiden, das klingt zu sehr nach Krieg, und da es die Bundeswehr ist, hat man es „zum Bund“ genannt und nein, er war nicht beim Bund, sondern hat Zivildienst als Krankenpfleger geleistet. Und zu Westberlin bzw. Berlin: Laut alliiertem Recht gibt es in Berlin keine Wehrpflicht und in Westberlin hält man sich daran.
„Die SED in Ostberlin“, kläre ich ihn auf, „schert sich nicht darum, die Ostberliner müssen zur Armee.“
Ich erzähle: Isa und ich haben gerade, ohne lange darüber nachzudenken, beschlossen, uns einen Dackel zuzulegen. Ingo kurbelt das Fenster etwas auf und zündet sich eine seiner blauen Gauloises an:
„Ein gemeinsamer Hund ist die Vorstufe zu einem gemeinsamen Kind“, sagt er und muß dabei laut lachen.
„Ihr paßt überhaupt nicht zusammen“, begründet er sein Lachen. Wir müssen unser Gespräch unterbrechen, in die Taxis vor uns sind ein paar Fahrgäste eingestiegen, wir müssen aufziehen. Als ich wieder da bin, erzählt Ingo, er hat von seinem Chef Fernando und wiederum dessen Freund Ahmed gehört, in Nürnberg gibt es einen Autohändler, der sucht immer wieder Fahrer, um LKWs nach Damaskus zu fahren.
„Du hast doch einen LKW-Schein, macht bestimmt viel Spaß.“ Da hüpft mein Nomadengen vor Freude, deshalb bitte ich:
„Frag unbedingt nach der Adresse. Das würde ich sehr gerne machen.“ Dann kommt ein Zug und ein Haufen Fahrgäste strömt auf die Taxis zu. Ich bekomme eine Fahrt nach Alterlangen und bin fast bis Mitternacht ständig unterwegs. Erst gegen halb eins treffe ich Ingo wieder. Ich stehe am Standplatz Lutherplatz. Hier ist um diese Uhrzeit viel Laufkundschaft, Gäste aus den Gaststätten und ab drei Besucher der Diskotheken. Da kommt auch Ingo. Er fährt direkt hinter mir ein und setzt sich zu mir ins Taxi. Ich erzähle ihm: „Ich denke oft darüber nach, warum ich so gerne reise und warum ich beim Reisen so glücklich bin. Ob das nur deshalb ist, weil ich so lange eingesperrt war, oder bin ich tief in mir ein Rastloser, einer mit einem besonderen Nomadengen?“ Ingo antwortet:
„Die Unrast, die Neugier, der Drang zum Weiterziehen, das ist ein Urtrieb, sonst hätten wir uns nicht über den ganzen Erdball ausgebreitet. Es gibt bestimmt auch Seßhafte, aber das Nomadengen, wie Du es nennst, das hat jeder. Mal wandern viele, wie zur Zeit der Völkerwanderung, mal wenige, aber es ist immer Bewegung. Neugier und Nomade sein ist ein menschliches Grundbedürfnis bzw. ein Grundcharakterzug.“ Ein Fahrgast steigt bei mir ein, Ingo geht zu seiner Eins-neun.
„Nach Tennenlohe zum Rastplatz“, bittet mich mein Fahrgast.
Unterwegs kommt mir Isas Familie in den Sinn: Wenn ihre Eltern nach Kanada auswandern, sind sie innerhalb von drei Generationen um die halbe Erde gezogen. Mit meinem Gespür für gute Standplätze habe ich auch diesmal wieder Glück. Ich fahre nicht leer zurück in die Innenstadt, sondern stelle mich an den Standplatz Gebbertstraße und bekomme eine Fahrt von Bruck in die Innenstadt. Dann tröpfelt es nur noch. Eine schwache Nacht. Die Studenten alle in den Ferien und viele Nachtschwärmer sind zwischen den Jahren auch nicht unterwegs. Über Funk höre ich, die Eins-neun meldet sich ab. Ich vermute, er geht bestimmt noch in den Xaver. Da stelle ich die Zwo-sieben am Lutherplatz ab, schalte das Taxilicht aus und gehe die paar Schritte hinüber zum Xaver. Ingo sitzt am Tresen und unterhält sich mit dem Schankkellner Rudi. Kaum Gäste da. Ich setze mich mit an den Tresen.
„Auch ein Bier?“, fragt Rudi.
„Gerne!“, und dann bestelle ich mir, was ich vor einiger Zeit hier mal ausprobiert hatte: eine Portion Schnecken. Die servieren sie auf einem kleinen Spezialteller mit sechs Vertiefungen. In jeder liegt in Butter gedünstet eine Schnecke. Dazu einen passenden kleinen Löffel, eine kleine Gabel und zwei kleine Scheiben geröstetes Toastbrot. Superlecker. Direkt neben dem Xaver sind die Glockenlichtspiele. Man kommt zwangsläufig an den Kinoplakaten vorbei, wenn man in den Xaver möchte. Wohl durch einen Film angeregt doziert Ingo und Rudi hinter seinem Tresen hört artig zu:
„Du mußt als Kameramann lernen, Dein Leben nicht nur zu erleben, sondern es zugleich auch zu beobachten. Im Film ist es die vierte Wand, weshalb ein Schauspieler nie in die Kamera schauen darf, weil er sonst die Imagination zerstört. Du mußt also durch die vierte Wand zurücktreten und in Deinem Leben auch Deinen Platz hinter der Kamera einnehmen.“ Rudi nickt zustimmend. Aus der Küche kommen meine Schnecken. Rudi stellt sie vor mich hin:
„N' Guten“, und wendet sich wieder Ingo zu. Ob er ihm wirklich zuhört, glaube ich nicht. Ingo war in seinem Element und bestellte sich ein weiteres Bier. Ich esse meine Schnecken, tunke dann mit dem Rest vom Toastbrot die Butter aus den Vertiefungen, trinke mein Bier aus, zahle, freue mich aufs Bett und auf Isa. Daheim lege ich noch ein Brikett im Ofen nach, kuschele mich zu Isa und im Einschlafen denke ich an Ingos vierte Wand und begreife: Das muß ich als Schriftsteller auch, heraustreten und beobachten.
Zum Kapitel 22: Besuch